Der Handschuh

Friedrich von Schiller

 

Vor seinem Löwengarten,
Das Kampfspiel zu erwarten,
Saß König Franz
Und um ihn die Großen der Krone                                   
Und rings auf hohem Balkone
Die Damen in schönem Kranz

(König Fraz 1 von Frankreich 1515 - 47)

 

Und wie er winkt mit dem Finger,
Auf thut sich der weite Zwinger,
Und hinein mit bedächtigem Schritt
Ein Löwe tritt;
Und sieht sich stumm
Rings um
Mit langem Gähnen
Und schüttet die Mähnen
Und streckt die Glieder
Und legt sich nieder

 

Und der König winkt wieder,
Da öffnet sich behend’
Ein zweites Thor,
Daraus rennt
mit wildem Sprang
Ein Tiger hervor

 

Wie der den Löwen erschaut,
Brüllt er laut,
Schlägt mit dem Schweif
Einem furchtbaren Reif
Und rechet die Zunge,
Und im Kreis scheu
Umgeht er den Leu,
Grimmig schnurrend;
Draus streckt er sich murrend
Zur Seite nieder,

 

Und der König winkt wieder,
Da speit das dobbelt geöffnete Haus
Zwei Leoparden auf einmal aus,
Die stürzen mit mutiger Kampfbegier
Auf das Tigertier;
Das packt sie mit seinen grimmigen Taßen,

 

Und der Leu mit Gebrüll
Richtet sich auf - da wird’s still,
Und herum im Kreis,
Von Mordsucht heiß,
Lagen die greulichen Katzen.

 

Da fällt von des Althaus Rand
Ein Handschuh von schöner Hand
Zwischen den Tiger und den Leun
Mitten hinein.



Und zu Ritter Delorges spottender Weis’
Wendet sich Fräulein Kunigund’;
“Herr Ritter, ist Eure Lieb’ so heiß,
Wie Ihr mir’s schwört zu jeder Stund’,
Si, so hebt mir den Handschuh auf!”



Und der Ritter in schnellem Lauf
Steigt hinab in den fuchtbar’n Zwinger
Mit festem Schritte,
Und aus der Ungeheuer Mitte
Nimmt er der Handschuh mit leckem Finger.



Und mit Erstaunen und mit Grauen
Erheben’s die Ritter und Edelfrauen,
Und gelassen bringt er den Handschuh zurück.
Da schallt ihm sein Lob aus jedem Munde,
Aber mit zärtlichem Liebesblick -
Er verheißt ihm sein nahes Glück -
Empfängt ihn Fräulein Kunigunde,
Und er wirft ihr den Handschuh ins Gesicht;
“Den dank, Dame, begehr’ ich nicht!”
Und verläßt sie zur selben Stunde.