Erster BandEINE ABRECHNUNG
1. Kapitel Im Elternhaus
Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, daß das Schicksal mir zum
Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies. Liegt doch dieses Städtchen an der
Grenze jener zwei deutschen Staaten, deren Wiedervereinigung mindestens uns
Jüngeren als eine mit allen Mitteln durchzuführende Lebensaufgabe erscheint!
Deutschösterreich muß wieder zurück zum großen deutschen Mutterlande, und zwar
nicht aus Gründen irgendwelcher wirtschaftlichen Erwägungen heraus. Nein, nein:
Auch wenn diese Vereinigung, wirtschaftlich gedacht, gleichgültig, ja selbst
wenn sie schädlich wäre, sie müßte dennoch stattfinden. Gleiches Blut gehört
in ein gemeinsames Reich. Das deutsche Volk besitzt solange kein moralisches
Recht zu kolonialpolitischer Tätigkeit, solange es nicht einmal seine eigenen
Söhne in einem gemeinsamen Staat zu fassen vermag. Erst wenn des Reiches
Grenze auch den letzten Deutschen umschließt, ohne mehr die Sicherheit seiner
Ernährung bieten zu können, ersteht aus der Not des eigenen Volkes das
moralische Recht zur Erwerbung fremden Grund und Bodens. Der Pflug ist dann
das Schwert, und aus den Tränen des Krieges erwächst für die Nach welt das
tägliche Brot. So scheint mir dieses kleine Grenzstädtchen das Symbol einer
großen Aufgabe zu sein. Allein auch noch in einer anderen Hinsicht ragt es
mahnend in unsere heutige Zeit. Vor mehr als hundert Jahren hatte dieses
unscheinbare Nest, als Schauplatz eines die ganze deutsche Nation ergreifenden
tragischen Unglücks, den Vorzug, für immer in den Annalen wenigstens der
deutschen Geschichte verewigt zu werden. In der Zeit der tiefsten Erniedrigung
unseres Vaterlandes fiel dort für sein auch im Unglück heißgeliebtes
Deutschland der Nürnberger Johannes Palm, bürgerlicher Buchhändler,
verstockter „Nationalist" und Franzosenfeind. Hartnäckig hatte er sich
geweigert, seine Mit, besser Hauptschuldigen anzugeben. Also wie Leo
Schlageter. Er wurde allerdings auch, genau wie dieser, durch einen
Regierungsvertreter an Frankreich denunziert. Ein Augsburger Polizeidirektor
erwarb sich diesen traurigen Ruhm und gab so das Vorbild neudeutscher Behörden
im Reiche des Herrn Severing.
In diesem von den Strahlen deutschen Märtyrertums vergoldeten Innstädtchen,
bayerisch dem Blute, österreichisch dem Staate nach, wohnten am Ende der
achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts meine Eltern; der Vater als
pflichtgetreuer Staatsbeamter, die Mutter im Haus halt aufgehend und vor allem
uns Kindern in ewig gleicher liebevoller Sorge zugetan. Nur wenig haftet aus
dieser Zeit noch in meiner Erinnerung, denn schon nach wenigen Jahren mußte
der Vater das liebgewonnene Grenzstädtchen wieder verlassen, um innabwärts zu
gehen und in Passau eine neue Stelle zu beziehen; also in Deutschland selber.
Allein das Los eines österreichischen Zollbeamten hieß damals häufig „wandern".
Schon kurze Zeit später kam der Vater nach Linz und ging endlich dort auch in
Pension. Freilich „Ruhe" sollte dies für den alten Herrn nicht bedeuten. Als
Sohn eines armen, kleinen Häuslers hatte es ihn schon einst nicht zu Hause
gelitten. Mit noch nicht einmal dreizehn Jahren schnürte der damalige kleine
Junge sein Ränzlein und lief aus der Heimat, dem Waldviertel, fort. Trotz des
Abratens „erfahrener" Dorfinsassen war er nach Wien gewandert, um dort ein
Handwerk zu lernen. Das war in den fünfziger Jahren des vergangenen
Jahrhunderts. Ein bitterer Entschluß, sich mit drei Gulden Wegzehrung so auf
die Straße zu machen ins Ungewisse hinein. Als der Dreizehnjährige aber
siebzehn alt geworden war, hatte er seine Gesellenprüfung abgelegt, jedoch
nicht die Zufriedenheit gewonnen. Eher das Gegenteil. Die lange Zeit der
damaligen Not, des ewigen Elends und Jammers
Der kleine Rädelsführer festigte den Entschluß, das Handwerk nun doch wieder
aufzugeben, um etwas „Höheres" zu werden. Wenn einst dem armen Jungen im Dorfe
der Herr Pfarrer als Inbegriff aller menschlich erreichbaren Höhe erschien, so
nun in der den Gesichtskreis mächtig erweiternden Großstadt die Würde eines
Staatsbeamten. Mit der ganzen Zähigkeit eines durch Not und Harm schon in
halber Kindheit „alt" Gewordenen verbohrte sich der Siebzehnjährige in seinen
neuen Entschluß – und wurde Beamter. Nach fast dreiundzwanzig Jahren, glaube
ich, war das Ziel erreicht. Nun schien auch die Voraussetzung zu einem Gelübde
erfüllt, das sich der arme Junge einst gelobt hatte, nämlich nicht eher in das
liebe väterliche Dorf zurückzukehren, als bis er etwas geworden wäre.
Jetzt war das Ziel erreicht, allein aus dem Dorfe konnte sich niemand mehr des
einstigen kleinen Knaben erinnern, und ihm selber war das Dorf fremd geworden.
Da er endlich als Sechsundfünfzigjähriger in den Ruhestand ging, hätte er doch
diese Ruhe keinen Tag als „Nichtstuer" zu ertragen vermocht. Er kaufte in der
Nähe des oberösterreichischen Marktfleckens Lambach ein Gut, bewirtschaftete
es und kehrte so im Kreislauf eines langen, arbeitsreichen Lebens wieder zum
Ursprung seiner Väter zurück.
In dieser Zeit bildeten sich mir wohl die ersten Ideale. Das viele Herumtollen
im Freien, der weite Weg zur Schule, sowie ein besonders die Mutter manchmal
mit bitterer Sorge erfüllender Umgang mit äußerst robusten Jungen, ließ mich
zu allem anderen eher werden als zu einem Stubenhocker. Wenn ich mir also auch
damals kaum ernstliche Gedanken über meinen einstigen Lebensberuf machte, so
lag doch von vornherein meine Sympathie auf keinen Fall in der Linie des
Lebenslaufes meines Vaters. Ich glaube, daß schon damals mein rednerisches
Talent sich in Form mehr oder minder eindringlicher Auseinandersetzungen mit
meinen Kameraden schulte. Ich war ein kleiner Rädelsführer geworden, der in
der Schule leicht und da mals auch sehr gut lernte, sonst aber ziemlich
schwierig zu behandeln war. Da ich in meiner freien Zeit im Chor
Kriegsbegeisterung herrenstift zu Lambach Gesangsunterricht erhielt, hatte ich
beste Gelegenheit, mich oft und oft am feierlichen Prunke der äußerst
glanzvollen kirchlichen Feste zu berauschen. Was war natürlicher, als daß,
genau so wie einst dem Vater der kleine Herr Dorfpfarrer nun mir der Herr Abt
als höchst erstrebenswertes Ideal erschien. Wenigstens zeitweise war dies der
Fall Nachdem aber der Herr Vater bei sei nem streitsüchtigen Jungen die
rednerischen Talente aus begreiflichen Gründen nicht so zu schätzen vermochte,
um aus ihnen etwas günstige Schlüsse für die Zukunft seines Sprößlings zu
ziehen, konnte er natürlich auch ein Verständnis für solche Jugendgedanken
nicht gewinnen. Besorgt beobachtete er wohl diesen Zwiespalt der Natur.
Tatsächlich verlor sich denn auch die zeitweilige Sehnsucht nach diesem Berufe
sehr bald, um nun meinem Temperamente besser entsprechenden Hoffnungen Platz
zu machen. Beim Durchstöbern der väterlichen Bibliothek war ich über
verschiedene Bücher militärischen Inhalts gekommen, darunter eine Volksausgabe
des DeutschFranzösischen Krieges 1870/71. Es waren zwei Bände einer
illustrierten Zeit schrift aus diesen Jahren, die nun meine Lieblingslektüre
wurden. Nicht lange dauerte es, und der große Helden kampf war mir zum größten
inneren Erlebnis geworden. Von nun an schwärmte ich mehr und mehr für alles,
was irgendwie mit Krieg oder doch mit Soldatentum zusammenhing.
Aber auch in anderer Hinsicht sollte dies von Bedeutung für mich werden. Zum
ersten Male wurde mir, wenn auch in noch so unklarer Vorstellung, die Frage
aufgedrängt, ob und welch ein Unterschied denn zwischen den diese Schlachten
schlagenden Deutschen und den anderen sei? Warum hat denn nicht auch
Österreich mitgekämpft in diesem Kriege, warum nicht der Vater und nicht all
die anderen auch?
Sind wir denn nicht auch dasselbe wie eben alle anderen Deutschen?
Gehören wir denn nicht alle zusammen? Dieses Problem begann zum ersten Male in
meinem kleinen Gehirn zu Berufs„Wahl" wühlen. Mit innerem Neide mußte ich auf
vorsichtige Fragen die Antwort vernehmen, daß nicht jeder Deutsche das Glück
besitze, dem Reich Bismarcks anzugehören.
Ich konnte dies nicht begreifen.
Ich sollte studieren.
Aus meinem ganzen Wesen und noch mehr aus meinem Temperament glaubte der Vater
den Schluß ziehen zu können, daß das humanistische Gymnasium einen Widerspruch
zu meiner Veranlagung darstellen würde. Besser schien ihm eine Realschule zu
entsprechen. Besonders wurde er in dieser Meinung noch bestärkt durch eine
ersichtliche Fähigkeit zum Zeichnen; ein Gegenstand, der in den
österreichischen Gymnasien seiner Überzeugung nach vernachlässigt wurde.
Vielleicht war aber auch seine eigene schwere Lebensarbeit noch mitbestimmend,
die ihn das humanistische Studium, als in seinen Augen unpraktisch, weniger
schätzen ließ. Grundsätzlich war er aber der Willensmeinung, daß, so wie er,
natürlich auch sein Sohn Staatsbeamter werden würde, ja müßte. Seine bittere
Jugend ließ ihm ganz natürlich das später Erreichte um so größer erscheinen,
als dieses doch nur ausschließliches Ergebnis seines eisernen Fleißes und
eigener Tatkraft war. Es war der Stolz des Selbstgewordenen, der ihn bewog,
auch seinen Sohn in die gleiche, wenn möglich natürlich höhere Lebensstellung
bringen zu wollen, um so mehr, als er doch durch den Fleiß des eigenen Lebens
seinem Kinde das Werden um so viel zu erleichtern vermochte.
Der Gedanke einer Ablehnung dessen, was ihm einst zum Inhalt eines ganzen
Lebens wurde, erschien ihm doch als unfaßbar. So war der Entschluß des Vaters
einfach, bestimmt und klar, in seinen eigenen Augen selbstverständlich.
Endlich wäre es seiner in dem bitteren Existenzkampfe eines ganzen Lebens
herrisch gewordenen Natur aber auch ganz unerträglich vorgekommen, in solchen
Dingen etwa die letzte Entscheidung dem in seinen Augen unerfahrenen und damit
eben noch nicht verantwortlichen Jungen selber zu Niemals Staatsbeamter
überlassen. Es würde dies auch als schlecht und verwerfliche Schwäche in der
Ausübung der ihm zukommenden väterlichen Autorität und Verantwortung für das
spätere Leben seines Kindes unmöglich zu seiner sonstigen Auffassung von
Pflichterfüllung gepaßt haben.
Und dennoch sollte es anders kommen.
Zum ersten Male in meinem Leben wurde ich, als da mals noch kaum Elfjähriger,
in Opposition gedrängt. So hart und entschlossen auch der Vater sein mochte in
der Durchsetzung einmal ins Auge gefaßter Pläne und Absichten, so verbohrt und
widerspenstig war aber auch sein Junge in der Ablehnung eines ihm nicht oder
nur wenig zusagenden Gedankens.
Ich wollte nicht Beamter werden.
Weder Zureden noch „ernste" Vorstellungen vermochten an diesem Widerstande
etwas zu ändern. Ich wollte nicht Beamter werden, nein und nochmals nein. Alle
Versuche, mir durch Schilderungen aus des Vaters eigenem Leben Liebe oder Lust
zu diesem Berufe erwecken zu wollen, schlugen in das Gegenteil um. Mir wurde
gähnend übel bei dem Gedanken, als unfreier Mann einst in einem Bureau sitzen
zu dürfen; nicht Herr sein zu können der eigenen Zeit, sondern in
auszufüllende Formulare den Inhalt eines ganzen Leben zwängen zu müssen.
Welche Gedanken konnte dies auch erwecken bei einem Jungen, der wirklich alles
andere war, aber nur nicht „brav" im landläufigen Sinne! Das lächerliche
leichte Lernen in der Schule gab mir so viel freie Zeit, daß mich mehr die
Sonne als das Zimmer sah. Wenn mir heute durch meine politischen Gegner in
liebevoller Aufmerksamkeit mein Leben durchgeprüft wird bis in die Zeit meiner
damaligen Jugend, um endlich mit Erleichterung feststellen zu können, welch
unerträgliche Streiche dieser „Hitler" schon in seiner Jugend verübt hatte, so
danke ich dem Himmel, daß er mir so auch jetzt noch etwas abgibt aus den
Erinnerungen dieser glückseligen Zeit. Wiese und Wald waren damals der
Fechtboden, auf dem die immer vorhandenen „Gegensätze" zur Austragung kamen.
Sondern Kunstmaler
Auch der nun erfolgende Besuch der Realschule konnte dem wenig Einhalt tun.
Freilich mußte nun aber auch ein anderer Gegensatz ausgefochten werden.
Solange der Absicht des Vaters, mich Staatsbeamter werden zu lassen, nur meine
prinzipielle Abneigung zum Beamtenberuf an sich gegenüber stand, war der
Konflikt leicht erträglich. Ich konnte solange auch mit meinen inneren
Anschauungen etwas zurückhalten, brauchte ja nicht immer gleich zu
widersprechen. Es genügte mein eigener fester Entschluß, später einmal nicht
Beamter zu werden, um mich innerlich vollständig zu beruhigen. Diesen
Entschluß besaß ich aber unabänderlich. Schwerer wurde die Frage, wenn dem
Plane des Vaters ein eigener gegenübertrat. Schon mit zwölf Jahren traf dies
ein. Wie es nun kam, weiß ich heute selber nicht, aber eines Tages war mir
klar, daß ich Maler werden würde, Kunstmaler. Mein Talent zum Zeichnen stand
allerdings fest, war es doch sogar mit ein Grund für den Vater, mich auf die
Realschule zu schicken, allein nie und niemals hätte dieser daran gedacht,
mich etwa beruflich in einer solchen Richtung ausbilden zu lassen. Im
Gegenteil. Als ich zum ersten Male, nach erneuter Ablehnung des väterlichen
Lieblingsgedankens, die Frage gestellt bekam, was ich denn nun eigentlich
selber werden wollte und ziemlich unvermittelt mit meinem unterdessen fest
gefaßten Entschluß herausplatzte, war der Vater zunächst sprachlos.
„Maler? Kunstmaler?"
Er zweifelte an meiner Vernunft, glaubte vielleicht auch nicht recht gehört
oder verstanden zu haben. Nachdem er allerdings darüber aufgeklärt war und
besonders die Ernsthaftigkeit meiner Absicht fühlte, warf er sich denn auch
mit der ganzen Entschlossenheit seines Wesens dagegen. Seine Entscheidung war
hier nur sehr einfach, wobei irgendein Abwägen meiner etwa wirklich
vorhandenen Fähigkeiten gar nicht in Frage kommen konnte.
„Kunstmaler, nein, solange ich lebe, niemals." Da nun aber sein Sohn eben mit
verschiedenen sonstigen Eigen
Der junge Nationalist schaften wohl auch die einer ähnlichen Starrheit geerbt
haben mochte, so kam auch eine ähnliche Antwort zurück. Nur natürlich
umgekehrt den Sinne nach.
Auf beiden Seiten blieb es dabei bestehen. Der Vater verließ nicht sein "Niemals"
und ich verstärkte mein „Trotzdem".
Freilich hatte dies nun nicht sehr erfreuliche Folgen. Der alte Herr ward
verbittert und, so sehr ich ihn auch liebte, ich auch. Der Vater verbat sich
jede Hoffnung, daß ich jemals zum Maler ausgebildet werden würde. Ich ging
einen Schritt weiter und erklärte, daß ich dann überhaupt nicht mehr lernen
wollte. Da ich nun natürlich mit solchen „Erklärungen" doch den Kürzeren zog,
insofern der alte Herr jetzt seine Autorität rücksichtslos durchzusetzen sich
anschickte, schwieg ich künftig, setzte meine Drohung aber in die Wirklichkeit
um. Ich glaubte, daß, wenn der Vater erst den mangelnden Fortschritt in der
Realschule sähe, er gut oder übel eben doch mich meinem erträumten Glück würde
zugehen lassen.
Ich weiß nicht, ob diese Rechnung gestimmt hätte. Sicher war zunächst nur mein
ersichtlicher Mißerfolg in der Schule. Was mich freute, lernte ich, vor allem
auch alles, was ich meiner Meinung nach später als Maler brauchen würde. Was
mir in dieser Hinsicht bedeutungslos erschien, oder mich auch sonst nicht so
anzog, sabotierte ich vollkommen. Meine Zeugnisse dieser Zeit stellten, je
nach dem Gegenstande und seiner Einschätzung, immer Extreme dar. Neben „lobenswert"
und „vorzüglich" „genügend" oder auch „nicht genügend". Am weitaus besten
waren meine Leistungen in Geographie und mehr noch in Weltgeschichte. Die
beiden Lieblingsfächer, in denen ich der Klasse vorschoß.
Wenn ich nun nach so viel Jahren mir das Ergebnis dieser Zeit prüfend vor
Augen halte, so sehe ich zwei hervorstechende Tatsachen als besonders
bedeutungsvoll an:
Erstens: ich wurde Nationalist.
Zweitens: ich lernte Geschichte ihrem Sinne nach verstehen und begreifen.
Das alte Österreich war ein „Nationalitätenstaat".
Der Angehörige des Deutschen Reiches konnte im Grunde genommen, wenigstens
damals, gar nicht erfassen, welche Bedeutung dies Tatsache für das alltägliche
Leben des einzelnen in einem solchen Staate besitzt. Man hatte sich nach dem
wundervollen Siegeszuge der Heldenheere im DeutschFranzösischen Kriege
allmählich immer mehr dem Deutschtum des Auslandes entfremdet, zum Teil dieses
auch gar nicht mehr zu würdigen vermocht oder wohl auch nicht mehr gekonnt.
Man verwechselte besonders in bezug auf den Deutschösterreicher nur zu leicht
die verkommene Dynastie mit dem im Kerne urgesunden Volke.
Man begriff nicht, daß, wäre nicht der Deutsche in Österreich wirklich noch
von bestem Blute, er niemand die Kraft hätte besitzen können, einem
52MillionenStaate so sehr seinen Stempel aufzuprägen, daß ja gerade in
Deutschland sogar die irrige Meinung entstehen konnte, Österreich wäre ein
deutscher Staat. Ein Unsinn von schwersten Folgen, aber ein doch glänzendes
Zeugnis für die zehn Millionen Deutschen der Ostmark. Von dem ewigen
unerbittlichen Kampfe um die deutsche Sprache, um deutsche Schule und
deutsches Wesen hatten nur ganz wenige Deutsche aus dem Reiche eine Ahnung.
Erst heut, da diese traurige Not vielen Millionen unseres Volkes aus dem
Reiche selber aufgezwungen ist, die unter fremder Herrschaft vom gemeinsamen
Vaterlande träumen und, sich sehnend nach ihm, wenigstens das heilige
Anspruchsrecht der Muttersprache zu erhalten versuchen, versteht man in
größerem Kreise, was es heißt, für sein Volkstum kämpfen zu müssen. Nun vermag
auch vielleicht der eine oder andere die Größe des Deutschtums aus der alten
Ostmark des Reiches zu messen, das, nur auf sich selbst gestellt, Jahrhunderte
lang das Reich erst nach Osten beschirmte, um endlich in zermürbendem
Kleinkrieg die deutsche Sprachgrenze zu halten, in einer Zeit, da das Reich
sich wohl für Kolonien interessierte, aber nicht für das eigene Fleisch und
Blut vor seinen Toren.
Wie überall und immer, in jeglichem Kampf, gab es
Der Kampf ums Deutschtum auch im Sprachenkampf des alten Österreich drei
Schichten: die Kämpfer, die Lauen und die Verräter.
Schon in der Schule begann diese Siebung einzutreten. Denn es ist das
Bemerkenswerte des Sprachenkampfes wohl überhaupt, daß seine Wellen vielleicht
am schwersten gerade die Schule, als Pflanzstätte der kommenden Generation,
umspülen. Um das Kind wird dieser Kampf geführt, und an das Kind richtet sich
der erste Appell dieses Streites:
„Deutscher Knabe, vergiß nicht, daß du ein Deutscher bist", und „Mädchen,
gedenke, daß du eine deutsche Mutter werden sollst!"
Wer der Jugend Seele kennt, der wird verstehen können, daß gerade sie am
freudigsten die Ohren für einen solchen Kampfruf öffnet. In hunderterlei
Formen pflegt sie diesen Kampf dann zu führen, auf ihre Art und mit ihren
Waffen. Sie lehnt es ab, undeutsche Lieder zu singen, schwärmt um so mehr für
deutsche Heldengröße, je mehr man versucht, sie dieser zu entfremden; sammelt
an vom Munde abgesparten Hellern zu Kampfschatz der Großen; sie ist
unglaublich hellhörig dem undeutschen Lehrer gegenüber und widerhaarig
zugleich; trägt die verbotenen Abzeichen des eigenen Volkstums und ist
glücklich, dafür bestraft oder gar geschlagen zu werden. Sie ist also im
kleinen ein getreues Spiegelbild der Großen, nur oft in besserer und
aufrichtigerer Gesinnung.
Auch ich hatte so einst die Möglichkeit, schon in verhältnismäßig früher
Jugend am Nationalitätenkampf des alten Österreich teilzunehmen. Für Südmark
und Schulverein wurde da gesammelt, durch Kornblumen und schwarzrotgoldne
Farben die Gesinnung betont, mit „Heil" begrüßt, und statt des Kaiserliedes
lieber „Deutschland über alles" gesungen, trotz Verwarnung und Strafen. Der
Junge ward dabei politisch geschult in einer Zeit, da der Angehörige seines
sogenannten Nationalstaates meist noch von seinem Volkstum wenig mehr als die
Sprache kennt. Daß ich damals schon nicht zu den Lauen gehört habe, versteht
sich von selbst. In kurzer Zeit war ich zum fanatischen „Deutsch"
Der Kampf ums Deutschtum nationalen" geworden, wobei dies allerdings nicht
identisch ist mit unserem heutigen Parteibegriff.
Diese Entwicklung machte bei mir sehr schnelle Fortschritte, so daß ich schon
mit fünfzehn Jahren zum Verständnis des Unterschiedes von dynastischem „Patriotismus"
und völkischem „Nationalismus" gelangte; und ich kannte damals schon nur mehr
den letzteren.
Für den, der sich niemals die Mühe nahm, die inneren Verhältnisse der
Habsburgermonarchie zu studieren, mag ein solcher Vorgang vielleicht nicht
ganz erklärlich sein. Nur der Unterricht in der Schule über die Weltgeschichte
mußte in diesem Staate schon den Keim zu dieser Entwicklung legen, gibt es
doch eine spezifisch österreichische Geschichte nur in kleinsten Maße. Das
Schicksal dieses Staates ist so sehr mit dem Leben und Wachsen des ganzen
Deutschtums verbunden, daß eine Scheidung der Geschichte etwa in eine deutsche
und österreichische gar nicht denkbar erscheint. Ja, als endlich Deutschland
sich in zwei Machtbereiche zu trennen begann, wurde eben diese Trennung zur
deutschen Geschichte.
Die zu Wien bewahrten Kaiserinsignien einstiger Reichsherrlichkeit scheinen
als wundervoller Zauber weiter zu wirken als Unterpfand einer ewigen
Gemeinschaft.
Der elementare Aufschrei des deutschösterreichischen Volkes in den Tagen des
Zusammenbruches des Habsburgerstaates nach Vereinigung mit dem deutschen
Mutterland war ja nur das Ergebnis eines tief im Herzen des ge samten Volkes
schlummernden Gefühls der Sehnsucht nach dieser Rückkehr in das nie vergessene
Vaterhaus. Niemals aber würde dies erklärlich sein, wenn nicht die
geschichtliche Erziehung des einzelnen Deutschösterreichers Ursache einer
solchen allgemeinen Sehnsucht gewesen wäre. In ihr liegt ein Brunnen, der nie
versiegt; der besonders in Zeiten des Vergessens als stiller Mahner, über
augenblickliches Wohlleben hinweg, immer wieder durch die Erinnerung an die
Vergangenheit von neuer Zukunft raunen wird.
Der Unterricht über Weltgeschichte in den sogenannten Mittelschulen liegt nun
freilich auch heute noch sehr im Geschichtsunterricht argen. Wenige Lehrer
begreifen, daß das Ziel gerade des geschichtlichen Unterrichtes nie und nimmer
im Auswendiglernen und Herunterhaspeln geschichtlicher Daten und Ereignisse
liegen kann; daß es nicht darauf ankommt, ob der Junge nun genau weiß, wann
dies oder jene Schlacht geschlagen, ein Feldherr geboren wurde, oder gar ein (meistens
sehr unbedeutender) Monarch die Krone seiner Ahnen auf das Haupt gesetzt
erhielt. Nein, wahrhaftiger Gott, darauf kommt es wenig an.
Geschichte „lernen" heißt die Kräfte suchen und finden, die als Ursachen zu
jenen Wirkungen führen, die wir dann als geschichtliche Ereignisse vor unseren
Augen sehen.
Die Kunst des Lesens wie des Lernens ist auch hier: Wesentliches behalten,
Unwesentliches vergessen.
Es wurde vielleicht bestimmend für mein ganzes späteres Leben, daß mir das
Glück einst gerade für Geschichte einen Lehrer gab, der es als einer der ganz
wenigen verstand, für Unterricht und Prüfung diesen Gesichtspunkt zum
beherrschenden zu machen. In meinem damaligen Professor Dr. Leopold Pötsch, an
der Realschule zu Linz, war diese Forderung in wahrhaft idealer Weise
verkörpert. Ein alter Herr, von ebenso gütigem als aber auch bestimmten
Auftreten, vermocht er besonders durch eine blendende Beredsamkeit uns nicht
nur zu fesseln, sondern wahrhaft mitzureißen. Noch heute erinnere ich mich mit
leiser Rührung an den grauen Mann, der uns im Feuer seiner Darstellung
manchmal die Gegenwart vergessen ließ, uns zurückzauberte in vergangene Zeiten
und aus dem Nebelschleier der Jahrtausende die trockene geschichtliche
Erinnerung zur lebendigen Wirklichkeit formte. Wir saßen dann da, oft zu
heller Glut begeistert, mitunter sogar zu Tränen gerührt.
Das Glück ward um so größer, als dieser Lehrer es verstand, aus Gegenwart
Vergangenes zu erleuchten, aus Vergangenheit aber die Konsequenzen für die
Gegenwart zu ziehen. So brachte er denn auch, mehr als sonst einer,
Verständnis für all die Tagesprobleme, die uns damals in Atem hielten. Unser
kleiner nationaler Fanatismus Geschichte Lieblingsfach ward ihm ein Mittel zu
unserer Erziehung, indem er, öfter als einmal an das nationale Ehrgefühl
appellierend, da durch allein uns Rangen schneller in Ordnung brachte, als
dies durch andere Mittel je möglich gewesen wäre.
Mir hat dieser Lehrer Geschichte zum Lieblingsfach gemacht.
Freilich wurde ich, wohl ungewollt von ihm, auch damals schon zum jungen
Revolutionär.
Wer konnte auch unter einem solchen Lehrer deutsche Geschichte studieren, ohne
zum Feinde des Staates zu werden, der durch sein Herrscherhaus in so
unheilvoller Weise die Schicksale der Nation beeinflußte?
Wer endlich konnte noch Kaisertreue bewahren einer Dynastie gegenüber, die in
Vergangenheit und Gegenwart die Belange des deutschen Volkes immer und immer
wieder um schmählicher eigener Vorteile wegen verriet?
Wußten wir nicht als Jungen schon, daß dieser österreichische Staat keine
Liebe zu uns Deutschen besaß, ja überhaupt gar nicht besitzen konnte?
Die geschichtliche Erkenntnis des Wirkens des Habsburgerhauses wurde noch
unterstützt durch die tägliche Erfahrung. Im Norden und im Süden fraß das
fremde Völker gift am Körper unseres Volkstums, und selbst Wien wurde
zusehends mehr und mehr zur undeutschen Stadt. Das „Erzhaus" tschechisierte,
wo immer nur möglich, und es war die Faust der Göttin ewigen Rechtes und
unerbittlicher Vergeltung, die den tödlichsten Feind des österreichischen
Deutschtums, Erzherzog Franz Ferdinand, gerade durch die Kugeln fallen ließ,
die er selber mithalf zu gießen. War er doch der Patronatsherr der von oben
herunter betätigten Slawisierung Österreichs.
Ungeheuer waren die Lasten, die man dem deutschen Volke zumutete, unerhört
seine Opfer an Steuern und an Blut, und dennoch mußte jeder nicht gänzlich
Blinde erkennen, daß dieses alles umsonst sein würde. Was uns dabei am meisten
schmerzte, war noch die Tatsache, daß dieses ganze System moralisch gedeckt
wurde durch das Bündnis mit Deutschland, womit der langsamen Ausrottung des
Deutschtums in der alten Monarchie auch noch gewissermaßen von Deutschland aus
selber die Sanktion erteilt wurde. Die habsburgische Heuchelei, mit der man es
verstand, nach außen den Anschein zu erwecken, als ob Österreich noch immer
ein deutscher Staat wäre, steigerte den Haß gegen dieses Haus zur hellen
Empörung und Verachtung zugleich.
Nur im Reiche selber sahen die auch damals schon allein „Berufenen" von all
dem nichts. Wie mit Blindheit geschlagen wandelten sie an der Seite eines
Leichnams und glaubten in den Anzeichen der Verwesung gar noch Merkmale
„neuen" Lebens zu entdecken.
In der unseligen Verbindung des jungen Reiches mit dem österreichischen
Scheinstaat lag der Keim zum späteren Weltkrieg, aber auch zum Zusammenbruch.
Ich werde im Verlaufe dieses Buches mich noch gründlich mit diesem Problem zu
beschäftigen haben. Es genügt hier, nur festzustellen, daß ich im Grunde
genommen schon in der frühesten Jugend zu einer Einsicht kam, die mich niemals
mehr verließ, sondern sich nur noch vertiefte:
Daß nämlich die Sicherung des Deutschtums die Vernichtung Österreichs
voraussetzte, und daß weiter Nationalgefühl in nicht identisch ist mit
dynastischem Patriotismus; daß vor allem das habsburgische Erzhaus zum Unglück
der deutschen Nation bestimmt war.
Ich hatte schon damals die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis gezogen: heiße
Liebe zu meiner deutschösterreichischen Heimat, tiefen Haß gegen den
österreichischen Staat.
Die Art des geschichtlichen Denkens, die mir so in der Schule beigebracht
wurde, hat mich in der Folgezeit nicht mehr verlassen. Weltgeschichte ward mir
immer mehr zu einem unerschöpflichen Quell des Verständnisses für das
geschichtliche Handeln der Gegenwart, also für Politik. Ich will sie dabei
nicht „lernen", sondern sie soll mich lehren.
War ich so frühzeitig zum politischen „Revolutionär" geworden, so nicht minder
früh auch zum künstlerischen.
Die österreichische Landeshauptstadt besaß damals ein verhältnismäßig nicht
schlechtes Theater. Gespielt wurde so ziemlich alles. Mit zwölf Jahren sah ich
da zum ersten Male „Wilhelm Tell", wenige Monate darauf als erste Oper meines
Lebens „Lohengrin". Mit einem Schlage war ich gefesselt. Die jugendliche
Begeisterung für den Bayreuther Meister kannte keine Grenzen. Immer wieder zog
es mich zu seinen Werken, und ich empfinde es heute als besonderes Glück, daß
mir durch die Bescheidenheit der provinzialen Aufführung die Möglichkeit einer
späteren Steigerung erhalten blieb.
Dies alles festigte, besonders nach Überwindung der Flegeljahre (was bei mir
sich nur sehr schmerzlich vollzog), meine tiefinnere Abneigung gegen einen
Beruf, wie ihn der Vater für mich erwählt hatte. Immer mehr kam ich zur
Überzeugung, daß ich als Beamter niemals glücklich werden würde. Seit nun auch
in der Realschule meine zeichnerische Begabung anerkannt wurde, stand mein
Entschluß nur noch fester.
Daran konnte weder Bitten noch Drohungen mehr etwas ändern.
Ich wollte Maler werden und um keine Macht der Welt Beamter.
Eigentümlich war es nur, daß mit steigenden Jahren sich immer mehr Interesse
für Baukunst einstellte.
Ich hielt dies damals für die selbstverständliche Ergänzung meiner malerischen
Befähigung und freute mich nur innerlich über die Erweiterung meines
künstlerischen Rahmens.
Daß es einmal anders kommen sollte, ahnte ich nicht.
Die Frage meines Berufes sollte nun doch schneller entschieden werden, als ich
vorher erwarten durfte.
Mit dem dreizehnten Lebensjahr verlor ich urplötzlich den Vater. Ein
Schlaganfall traf den sonst noch so rüstigen Herrn und beendete auf
schmerzloseste Weise seine irdische Wanderung, uns alle in tiefstes Leid
versenken. Was er am meisten ersehnte, seinem Kinde die Existenz
mitzuschaffen, um es so vor dem eigenen bitteren Werdegang zu bewahren, schien
ihm damals wohl nicht gelungen zu sein. Allein er legte, wenn auch gänzlich
unbewußt, die Keime für eine Zukunft, die damals weder er noch ich begriffen
hätte.
.
Die Mutter fühlte sich wohl verpflichtet, gemäß dem Wunsche des Vaters meine
Erziehung weiter zu leiten, d.h. also mich für die Beamtenlaufbahn studieren
zu lassen. Ich selber war mehr als je zuvor entschlossen, unter keinen
Umständen Beamter zu werden. In eben dem Maße nun, in dem die Mittelschule
sich in Lehrstoff und Ausbildung von meinem Ideal entfernte, wurde ich
innerlich gleichgültiger. Da kam mir plötzlich eine Krankheit zu Hilfe und
entschied die Streitfrage des väterlichen Hauses. Mein schweres Lungenleiden
ließ einen Arzt der Mutter auf das dringendste anraten, mich später einmal
unter keinen Umständen in ein Bureau zu geben. Der Besuch der Realschule mußte
ebenfalls auf mindestens ein Jahr eingestellt werden. Was ich so lange im
stillen ersehnt, für was ich immer gestritten hatte, war nun durch dieses
Ereignis mit einem Male fast von selber zur Wirklichkeit geworden.
Unter dem Eindruck meiner Erkrankung willigte die Mutter endlich ein, mich
später aus der Realschule nehmen zu wollen und die Akademie besuchen zu
lassen.
Es waren die glücklichsten Tage, die mir nahezu als ein schöner Traum
erschienen; und ein Traum sollte es ja auch nur sein. Zwei Jahre später machte
der Tod der Mutter all den schönen Plänen ein jähes Ende.
Es war der Abschluß einer langen, schmerzhaften Krankheit, die von Anfang an
wenig Aussicht auf Genesung ließ. Dennoch traf besonders mich der Schlag
entsetzlich. Ich hatte den Vater verehrt, die Mutter jedoch geliebt.
Not und harte Wirklichkeit zwangen mich nun, einen schnellen Entschluß zu
fassen. Die geringen väterlichen Mittel waren durch die schwere Krankheit der
Mutter zum großen Teile verbraucht worden; die mir zukommende Waisenpension
genügte nicht, um auch nur leben zu können, als war ich nun angewiesen, mir
irgendwie mein Brot selber zu verdienen.
Einen Koffer mit Kleidern und Wäsche in
den Händen, mit einem unerschütterlichen
Willen im Herzen, fuhr ich so nach Wien. Was dem Vater 50 Jahre vorher
gelungen, hoffte auch ich dem Schicksal abzujagen; auch ich wollte „etwas"
werden, allerdings – auf keinen Fall Beamter.