Als die Mutter starb, hatte das Schicksal in einer Hin sicht bereits
seine Entscheidung getroffen.
In deren letzten Leidensmonaten war ich nach Wien gefahren, um die
Aufnahmeprüfung in die Akademie zu machen. Ausgerüstet mit einem dicken Pack
von Zeichnungen, hatte ich mich damals auf den Weg gemacht, überzeugt, die
Prüfung spielend leicht bestehen zu können. In der Realschule war ich schon
weitaus der beste Zeichner meiner Klasse gewesen; seitdem war meine Fähigkeit
noch ganz außerordentlich weiter entwickelt worden, so daß meine eigene
Zufriedenheit mich stolz und glücklich das Beste hoffen ließ.
Eine einzige Trübung trat manchmal ein: mein malerisches Talent schien
übertroffen zu werden von meinem zeichnerischen, besonders auf fast allen
Gebieten der Architektur. Ebenso aber wuchs auch mein Interesse für die
Baukunst an und für sich immer mehr. Beschleunigt wurde dies noch, seit ich,
noch nicht 16 Jahre alt, zum ersten Male zu einem Besuche auf zwei Wochen nach
Wien fahren durfte. Ich fuhr hin, um die Gemäldegalerie des Hofmuseums zu
studieren, hatte aber fast nur Augen für das Museum selber. Ich lief die Tage
vom frühen Morgen bis in die späte Nacht von einer Sehenswürdigkeit zu anderen,
allein es waren immer nur Bauten, die mich in erster Linie fesselten.
Stundenlang konnte ich so vor der Oper stehen, stundenlang das Parlament
bewundern; die ganze Ringstraße wirkte auf mich wie ein Zauber aus
Tausendundeiner Nacht.
Nun also war ich zum zweiten Male in der schönen Stadt und wartete mit
brennender Ungeduld, aber auch stolzer
Zuversicht auf das Ergebnis meiner Aufnahmeprüfung. Ich war vom Erfolge so
überzeugt, daß die mir verkündete Ablehnung mich wie ein jäher Schlag aus
heiterem Himmel traf. Und doch war es so. Als ich mich dem Rektor vorstellen
ließ und die Bitte um Erklärung der Gründe wegen meiner Nichtaufnahme in die
allgemeine Malerschule der Akademie vorbrachte, versicherte mir der Herr, daß
aus meinen mitgebrachten Zeichnungen einwandfrei meine Nichteignung zum Maler
hervorgehe, sondern meine Fähigkeit doch ersichtlich auf dem Gebiete der
Architektur liege; für mich käme niemals die Malerschule, sondern nur die
Architekturschule der Akademie in Frage. Daß ich bisher weder eine Bauschule
besucht noch sonst einen Unterricht in Architektur erhalten hatte, konnte man
zunächst gar nicht verstehen.
Geschlagen verließ ich den Hansenschen Prachtbau am Schillerplatz, zum ersten
Male in meinem jungen Leben uneins mit mir selber. Denn was ich über meine
Fähigkeit gehört hatte, schien mir nun auf einmal wie ein greller Blitz einen
Zwiespalt aufzudecken, unter dem ich schon längst gelitten hatte, ohne bisher
mir eine klare Rechenschaft über das Warum und Weshalb geben zu können.
In wenigen Tagen wußte ich nun auch selber, daß ich einst Baumeister werden
würde.
Freilich war der Weg unerhört schwer; denn was ich bisher aus Trotz in der
Realschule versäumt hatte, sollte sich nun bitter rächen. Der Besuch der
Architekturschule der Akademie war abhängig vom Besuch der Bauschule der
Technik, und den Eintritt in diese bedingte eine vorher abgelegte Matura an
einer Mittelschule. Dieses alles fehlte mir vollständig. Nach menschlichem
Ermessen also war eine Erfüllung meines Künstlertraumes nicht mehr möglich.
Als ich nun nach dem Tode der Mutter zum dritten Male nach Wien und dieses Mal
für viele Jahre zog, war bei mir mit der unterdessen verstrichenen Zeit Ruhe
und Entschlossenheit zurückgekehrt. Der frühere Trotz war wieder gekommen, und
mein Ziel endgültig ins Auge gefaßt. Ich wollte Baumeister werden, und
Widerstände sind nicht da, daß man vor ihnen kapituliert, sondern daß man sie
bricht. Und brechen wollte ich diese Widerstände, immer das Bild des Vaters
vor Augen, der sich einst vom armen Dorf und Schusterjungen zum Staatsbeamten
emporgerungen hatte. Da war mein Boden doch schon besser, die Möglichkeit des
Kampfes um so viel leichter; und was damals mir als Härte des Schicksals
erschien, preise ich heute als Weisheit der Vorsehung. Indem mich die Göttin
der Not in ihre Arme nahm und mich oft zu zerbrechen drohte, wuchs der Wille
zum Widerstand, und endlich blieb der Wille Sieger.
Das danke ich der damaligen Zeit, daß ich hart geworden bin und hart sein kann.
Und mehr noch als dieses preise ich sie dafür, daß sie mich losriß von der
Hohlheit des gemächlichen Lebens, daß sie das Muttersöhnchen aus den weichen
Daunen zog und ihm Frau Sorge zur neuen Mut ter gab, daß sie den
Widerstrebenden hineinwarf in die Welt des Elends und der Armut und ihn so die
kennen lernen ließ, für die er später kämpfen sollte.
In dieser Zeit sollte mir auch da Auge geöffnet werden für zwei Gefahren, die
ich beide vordem kaum dem Namen nach kannte, auf keinen Fall aber in ihrer
entsetzlichen Bedeutung für die Existenz des deutschen Volkes begriff:
Marxismus und Judentum.
Wien, die Stadt, die so vielen als Inbegriff harmloser Fröhlichkeit gilt, als
festlicher Raum vergnügter Menschen, ist für mich leider nur die lebendige
Erinnerung an die traurigste Zeit meines Lebens.
Auch heute noch kann diese Stadt nur trübe Gedanken in mir erwecken. Fünf
Jahre Elend und Jammer sind im Namen dieser Phäakenstadt für mich enthalten.
Fünf Jahre, in denen ich erst als Hilfsarbeiter, dann als kleiner Maler mir
mein Brot verdienen mußte; mein wahrhaft kärglich Brot, das doch nie langte,
um auch nur den gewöhnlichen Hunger zu stillen. Er war damals mein getreuer
Wächter, der mich als einziger fast nie verließ, der in allem redlich mit mir
teilte. Jedes Buch, das ich mir erwarb, erregte seine Teilnahme; ein Besuch
der Oper ließ ihn mir dann wieder Gesellschaft leisten auf Tage hinaus; es war
ein dauernder Kampf mit meinem mitleidslosen Freunde. Und doch habe ich in
dieser Zeit gelernt, wie nie zuvor. Außer meiner Baukunst, dem seltenen, vom
Munde abgesparten Besuch der Oper, hatte ich als einzige Freude nur mehr
Bücher.
Ich las damals unendlich viel, und zwar gründlich. Was mir so an freier Zeit
von meiner Arbeit übrig blieb, ging restlos für mein Studium auf. In wenigen
Jahren schuf ich mir damit die Grundlagen meines Wissens, von denen ich auch
heute noch zehre.
Aber mehr noch als dieses.
In dieser Zeit bildete sich mir ein Weltbild und eine Weltanschauung, die zum
granitenen Fundament meines derzeitigen Handelns wurden. Ich habe zu dem, was
ich mir so einst schuf, nur weniges hinzulernen müssen, zu ändern brauchte ich
nichts.
Im Gegenteil.
Ich glaube heute fest daran, daß im allgemeinen sämt liche schöpferischen
Gedanken schon in der Jugend grundsätzlich erscheinen, soferne solche
überhaupt vorhanden sind. Ich unterscheide zwischen der Weisheit des Alters,
die nur in einer größeren Gründlichkeit und Vorsicht als Ergebnis der
Erfahrungen eines langen Lebens gelten kann, und der Genialität der Jugend,
die in unerschöpflicher Fruchtbarkeit Gedanken und Ideen ausschüttet, ohne sie
zunächst auch nur verarbeiten zu könne, infolge der Fülle ihrer Zahl. Sie
liefert die Baustoffe und Zukunftspläne, aus denen das weisere Alter die
Steine nimmt, behaut und den Bau aufführt, soweit nicht die sogenannte
Weisheit des Alters die Genialität der Jugend erstickt hat.
Das Leben, das ich bis dorthin im väterlichen Hause geführt hatte, unterschied
sich eben wenig oder in nichts von dem all der anderen. Sorgenlos konnte ich
den neuen Tag erwarten, und ein soziales Problem gab es für mich nicht.
Die Umgebung meiner Jugend setzte sich zusammen aus den Kreisen kleinen
Bürgertums, also aus einer Welt, die zu dem reinen Handarbeiter nur sehr wenig
Beziehungen besitzt. Denn so sonderbar es auch auf den ersten Blick scheinen
mag, so ist doch die Kluft gerade zwischen diesen durchaus wirtschaftlich
nicht glänzend gestellten Schichten und dem Arbeiter der Faust oft tiefer, als
man denkt. Der Grund dieser, sagen wir fast Feindschaft, liegt in der Furcht
einer Gesellschaftsgruppe, die sich erst ganz kurze Zeit aus dem Niveau der
Handarbeiter herausgehoben hat, wieder zurückzusinken in den alten, wenig
geachteten Stand, oder wenigstens noch zu ihm gerechnet zu werden. Dazu kommt
noch bei vielen die widerliche Erinnerung an das kulturelle Elend dieser
unteren Klasse, die häufige Roheit des Umgangs unter einander, wobei die
eigene, auch noch so geringe Stellung im gesellschaftlichen Leben jede
Berührung mit dieser überwundenen Kultur und Lebensstufe zu einer
unerträglichen Belastung werden läßt.
So kommt es, daß häufig der Höherstehende unbefangener zu seinem letzten
Mitmenschen herabsteigt, als es dem „Emporkömmling" auch nur möglich
erscheint.
Denn Emporkömmling ist nun einmal jeder, der sich durch eigene Tatkraft aus
einer bisherigen Lebensstellung in eine höhere emporringt.
Endlich aber läßt dieser häufig sehr herbe Kampf das Mitleid absterben. Das
eigene schmerzliche Ringen um das Dasein tötet die Empfindung für das Elend
der Zurückgebliebenen.
Mit mir besaß das Schicksal in dieser Hinsicht Erbarmen. Indem es mich zwang,
wieder in diese Welt der Armut und der Unsicherheit zurückzukehren, die einst
der Vater im Laufe seines Lebens schon verlassen hatte, zog es mir die
Scheuklappen einer beschränkten kleinbürgerlichen Erziehung von den Augen. Nun
erst lernte ich die Menschen kennen; lernte unterscheiden zwischen hohlem
Scheine oder brutalem Äußeren und ihrem inneren Wesen.
Wien gehörte nach der Jahrhundertwende schon zu den sozial ungünstigsten
Städtchen.
Strahlender Reichtum und abstoßende Armut lösten einander in schroffem Wechsel
ab. Im Zentrum und in den inneren Bezirken fühlte man so recht den Pulsschlag
des 52MillionenReiches, mit all dem bedenklichen Zauber des
Nationalitätenstaates. Der Hof in seiner blendenden Pracht wirkte ähnlich
einem Magneten auf Reichtum und Intelligenz des übrigen Staates. Dazu kam noch
die starke Zentralisierung der Habsburgermonarchie an und für sich.
In ihr bot sich die einzige Möglichkeit, diesen Völkerbrei in fester Form
zusammenzuhalten. Die Folge davon aber war eine außerordentliche Konzentration
von hohen und höchsten Behörden in der Haupt und Residenzstadt.
Doch Wien war nicht nur politisch und geistig die Zentrale der alten
Donaumonarchie, sondern auch wirtschaftlich. Dem Heer von hohen Offizieren,
Staatsbeamten, Künstlern und Gelehrten stand eine noch größere Armee von
Arbeitern gegenüber, dem Reichtum der Aristokratie und des Handels eine
blutige Armut. Vor den Palästen der Ringstraße lungerten Tausende von
Arbeitslosen, und unter dieser via triumphalis des alten Österreich hausten im
Zwielicht und Schlamm der Kanäle die Obdachlosen.
Kaum in einer deutschen Stadt war die soziale Frage besser zu studieren als in
Wien. Aber man täusche sich nicht. Dieses „Studieren" kann nicht von oben
herunter geschehen. Wer nicht selber in den Klammern dieser würgenden Nat ter
sich befindet, lernt ihre Giftzähne niemals kennen. Im anderen Falle kommt
nichts heraus als oberflächliches Geschwätz oder verlogene Sentimentalität.
Beides ist von Schaden. Das eine, weil nie bis zum Kerne des Problems zu
dringen vermag, das andere, weil es an ihm vorübergeht. Ich weiß nicht, was
verheerender ist: die Nichtbeachtung der sozialen Not, wie dies die Mehrzahl
der vom Glück Begünstigten oder auch durch eigenes Verdienst Gehobenen
tagtäglich sehen läßt, oder jene ebenso hochnäsige wie manchmal wieder
zudringlich taktlose, aber immer gnädige Herablassung gewisser mit dem „Volk
empfindender" Modeweiber in Röcken und Hosen. Diese Menschen sündigen
jedenfalls mehr, als sie in ihrem instinktlosen Verstande
überhaupt nur zu begreifen vermögen. Daher ist dann zu ihrem eigenen Erstaunen
das Ergebnis einer durch sie betätigten sozialen "Gesinnung" immer null,
häufig aber sogar empörte Ablehnung; was dann freilich als Beweis der
Undankbarkeit des Volkes gilt.
Daß eine soziale Tätigkeit damit gar nichts zu tun hat, vor allem auf Dank
überhaupt keinen Anspruch erheben darf, da sie ja nicht Gnaden verteilen,
sondern Rechte herstellen soll, leuchtet einer solchen Art von Köpfen nur
ungern ein.
Ich wurde bewahrt davor, die soziale Frage in solcher Weise zu lernen. Indem
sie mich in den Bannkreis ihres Leidens zog, schien sie mich nicht zum
„Lernen" einzuladen, als vielmehr sich an mir selber erproben zu wollen. Es
war nicht ihr Verdienst, daß das Kaninchen dennoch heil und gesund die
Operationen überstand.
Wenn ich nun versuchen will, die Reihe meiner damaligen Empfindungen heute
wiederzugeben, so kann dies niemals auch nur annähernd vollständig sein; nur
die wesentlichsten und für mich oft erschütterndsten Eindrücke sollen hier
dargestellt werden mit den wenigen Lehren, wie ich sie in dieser Zeit schon
zog.
Es wurde mir damals meist nicht sehr schwer, Arbeit an sich zu finden, da ich
ja nicht gelernter Handwerker war, sondern nur als sogenannter Hilfsarbeiter
und manches Mal als Gelegenheitsarbeiter versuchen mußte, mir das tägliche
Brot zu schaffen.
Ich stellte mich dabei auf den Standpunkt aller jener, die den Staub Europas
von den Füßen schütteln, mit dem unerbittlichen Vorsatz, sich in der Neuen
Welt auch eine neue Existenz zu gründen, eine neue Heimat zu erobern.
Losgelöst von allen bisherigen lähmenden Vorstellungen des Berufes und
Standes, von Umgebung und Tradition, greifen sie nun nach jedem Verdienst, der
sich ihnen bietet, packen jede Arbeit an, sich so immer mehr zur Auffassung
durchringend, daß ehrliche Arbeit niemals schändet, ganz gleich, welcher Art
sie auch sein möge. So war auch ich entschlossen, mit beiden Füßen in die für
mich neue Welt hineinzuspringen und mich durchzuschlagen.
Daß es da irgendeine Arbeit immer gibt, lernte ich bald kennen, allein ebenso
schnell auch, wie leicht sie wieder zu verlieren ist.
Die Unsicherheit des täglichen Brotverdienstes erschien mir in kurzer Zeit als
eine der schwersten Schattenseiten des neuen Lebens.
Wohl wird der „gelernte" Arbeiter nicht so häufig auf die Straße gesetzt sein,
als dies beim ungelernten der Fall ist; allein ganz ist doch auch er nicht vor
diesem Schicksal gefeit. Bei ihm tritt eben an Stelle des Brotverlustes aus
Arbeitsmangel die Aussperrung oder sein eigener Streik.
Hier rächt sich die Unsicherheit des täglichen Verdienstes schon auf das
bitterste an der ganzen Wirtschaft selber.
Der Bauernbursche, der in die Großstadt wandert, angezogen von der
vermeintlich oder wohl auch wirklich leichteren Arbeit, der kürzeren
Arbeitszeit, am meisten aber durch das blendende Licht, das die Großstadt nun
einmal auszustrahlen vermag, ist noch an eine gewisse Sicherheit des
Verdienstes gewähnt. Er pflegt den alten Posten auch nur dann zu verlassen,
wenn ein neuer mindestens in Aussicht steht. Endlich ist der Mangel an
Landarbeitern groß, die Wahrscheinlichkeit eines längeren Arbeitsmangels also
an und für sich sehr gering. Es ist nun ein Fehler, zu glauben, daß der sich
in die Großstadt begebende junge Bursche etwa schon von vornherein aus
schlechterem Holze geschnitzt wäre als der sich auch weiter redlich auf der
bäuerlichen Scholle ernährende. Nein, im Gegenteil: die Erfahrung zeigt, daß
alle auswandernden Elemente eher aus den gesündesten und tatkräftigsten
Naturen bestehen, als etwa umgekehrt. Zu diesen „Auswanderern" aber zählt
nicht nur der Amerikawanderer, sondern auch schon der junge Knecht, der
sich entschließt, das heimatliche Dorf zu verlassen, um nach der fremden
Großstadt zu ziehen. Auch er ist bereit, ein ungewisses Schicksal auf sich zu
nehmen. Meist kommt er mit etwas Geld in die große Stadt, braucht also nicht
schon am ersten Tage zu verzagen, wenn das Unglück ihn längere Zeit keine
Arbeit finden läßt. Schlimmer aber wird es, wenn er eine gefundene
Arbeitsstelle in kurzer Zeit wieder verliert. Das Finden einer neuen ist
besonders im Winter häufig schwer, wenn nicht unmöglich. Die ersten Wochen
geht es dann noch. Er erhält Arbeitslosenunterstützung aus den Kassen seiner
Gewerkschaft und schlägt sich durch so gut als eben möglich. Allein, wenn der
letzte eigene Heller und Pfennig verbraucht ist, die Kasse infolge der langen
Dauer der Arbeitslosigkeit die Unterstützung auch einstellt, kommt die große
Not. Nun lungert er hungernd herum, versetzt und verkauft oft noch das Letzte,
kommt so in seiner Kleidung immer mehr herunter und sinkt damit auch äußerlich
in eine Umgebung herab, die ihn nun zum körperlichen Unglück noch seelisch
vergiftet. Wird er dann noch obdachlos, und ist dies (wie es oft der Fall zu
sein pflegt) im Winter, so wird der Jammer schon sehr groß. Endlich findet er
wieder irgendeine Arbeit. Allein, das Spiel wiederholt sich. Ein zweites Mal
trifft es ihn ähnlich, ein drittes Mal vielleicht noch schwerer, so daß er das
ewig Unsichere nach und nach gleichgültiger ertragen lernt. Endlich wird die
Wiederholung zur Gewohnheit.
So lockert sich der sonst fleißige Mensch in seiner ganzen Lebensauffassung,
um allmählich zum Instrument jener heranzureifen, die sich seiner nur bedienen
um niedriger Vorteile willen. Er war so oft ohne eigenes Verschulden
arbeitslos, daß es nun auf einmal mehr oder weniger auch nicht ankommt, selbst
wenn es sich dabei nicht mehr um das Erkämpfen wirtschaftlicher Rechte,
sondern um das Vernichten staatlicher, gesellschaftlicher oder allgemein
kultureller Werte handelt. Er wird, wenn schon nicht streiklustig, so doch
streikgleichgültig sein.
Diesen Prozeß konnte ich an tausend Beispielen mit offenen Augen verfolgen. Je
länger ich das Spiel sah, um so mehr wuchs meine Abneigung gegen die
Millionenstadt, die die Menschen erst gierig an sich zog, um sie dann so
grausam zu zerreiben.
Wenn sie kamen, zählten sie noch immer zu ihrem Volke; wenn sie blieben,
gingen sie ihm verloren.
Auch ich war so vom Leben in der Weltstadt herumgeworfen worden und konnte
also am eigenen Leibe die Wirkungen dieses Schicksals erproben und seelisch
durchkosten. Ich sah da noch eines: der schnelle Wechsel von Arbeit zur
Nichtarbeit und umgekehrt, sowie die dadurch bedingte ewige Schwankung des Ein
und Auskommens, zerstört auf die Dauer bei vielen das Gefühl für Sparsamkeit
ebenso wie das Verständnis für eine kluge Lebenseinteilung. Der Körper gewöhnt
sich scheinbar langsam daran, in guten Zeiten aus dem Vollen zu leben und in
schlechten zu hungern. Ja, der Hunger wirft jeden Vorsatz für spätere
vernünftige Einteilung in der besseren Zeit des Verdienstes um, indem er dem
von ihm Gequälten in einer dauernden Fata Morgana die Bilder eines satten
Wohllebens vorgaukelt und diesen Traum zu einer solchen Sehnsucht zu steigern
versteht, daß solch ein krankhaftes Verlangen zum Ende jeder
Selbstbeschränkung wird, sobald Verdienst und Lohn dies irgendwie gestatten.
Daher kommt es, daß der kaum eine Arbeit Erlangende sofort auf das
unvernünftigste jede Einteilung vergißt, um statt dessen aus vollen Zügen in
den Tag hinein zu leben. Dies führt selbst bis zur Umstoßung des kleinen
Wochenhaushaltes, da sogar hier die kluge Einteilung ausbleibt; es langt
anfangs noch für fünf Tage statt für sieben, später nur mehr für drei, endlich
für kaum noch einen Tag, um am Schlusse in der ersten Nacht schon verjubelt zu
werden.
Zu Hause sind dann oft Weib und Kinder. Manches Mal werden auch sie von diesem
Leben angesteckt, besonders wenn der Mann zu ihnen an und für sich gut ist, ja
sie auf seine Art und Weise sogar liebt. Dann wird der Wochen lohn in zwei,
drei Tagen zu Hause gemeinsam vertan; es wird gegessen und getrunken, solange
das Geld hält, und die letzten Tage werden ebenso gemeinsam durchgehungert.
Dann schleicht die Frau in die Nachbarschaft und Umgebung, borgt sich ein
weniges aus, macht kleine Schulden beim Krämer und sucht so die bösen letzten
Tage der Woche durchzuhalten. Mittags sitzen sie alle beisammen vor mageren
Schüsseln, manchmal auch vor nichts, und warten auf den kommenden Lohntag,
reden von ihm, machen Pläne, und während sie hungern, träumen sie schon wieder
vom kommenden Glück.
So werden die kleinen Kinder in ihrer frühesten Jugend mit diesem Jammer
vertraut gemacht.
Übel aber endet es, wenn der Mann von Anfang an seine eigenen Wege geht und
das Weib, gerade den Kindern zuliebe, dagegen auftritt. Dann gibt es Streit
und Hader, und in dem Maße, in dem der Mann der Frau nun fremder wird, kommt
er dem Alkohol näher. Jeden Sams tag ist er nun betrunken, und im
Selbsterhaltungstrieb für sich und ihre Kinder rauft sich das Weib und die
wenigen Groschen, die sie ihm, noch dazu meistens auf dem Wege von der Fabrik
zur Spelunke, abjagen muß. Kommt er endlich Sonntag oder Montag nachts selber
nach Hause, betrunken und brutal, immer aber befreit vom letzten Heller und
Pfennig, dann spielen sich oft Szenen ab, daß Gott erbarm.
In Hunderten von Beispielen habe ich dieses alles miterlebt, anfangs
angewidert oder wohl auch empört, um später die ganze Tragik dieses Leides zu
begreifen, die tieferen Ursachen zu verstehen. Unglückliche Opfer schlechter
Verhältnisse.
Fast trüber noch waren damals die Wohnungsverhältnisse. das Wohnungselend des
Wiener Hilfsarbeiters war ein entsetzliches. Mich schaudert noch heute, wenn
ich an diese jammervollen Wohnhöhlen denke, an Herberge und Massenquartier, an
dies düsteren Bilder von Unrat, widerlichem Schmutz und Ärgerem.
Wie mußte und wie muß dies einst werden, wenn aus diesen Elendshöhlen der
Strom losgelassener Sklaven über die andere, so gedankenlose Mitwelt und
Mitmenschen sich ergießt!
Denn gedankenlos ist diese andere Welt.
Gedankenlos läßt sie die Dinge eben treiben, ohne in ihrer Instinktlosigkeit
auch nur zu ahnen, daß früher oder später das Schicksal zur Vergeltung
schreiten muß, wenn nicht die Menschen zur Zeit noch das Schicksal versöhnen.
Wie bin ich heute dankbar jener Vorsehung, die mich in diese Schule gehen
ließ. In ihr konnte ich nicht mehr sabotieren, was mir nicht gefiel. Sie hat
mich schnell und gründlich erzogen.
Wollte ich nicht verzweifeln an den Menschen meiner Umgebung von damals, mußte
ich unterscheiden lernen zwischen ihrem äußeren Wesen und Leben und den Grün
den ihrer Entwicklung. Nur dann ließ sich dies alles ertragen, ohne verzagen
zu müssen. Dann wuchsen aus all dem Unglück und Jammer, aus Unrat und äußerer
Verkommenheit nicht mehr Menschen heraus, sondern traurige Ergebnisse
trauriger Gesetze; wobei mich die Schwere des eigenen, doch nicht leichteren
Lebenskampfes davor bewahrte, nun etwa in jämmerlicher Sentimentalität vor den
verkommenen Schlußprodukten dieses Entwicklungsprozesses zu kapitulieren.
Nein, so soll dies nicht verstanden werden.
Schon damals ersah ich, daß hier nur ein doppelter Weg zum Ziele einer
Besserung dieser Zustände führen könne:
Tiefstes soziales Verantwortungsgefühl zur Herstellung besserer Grundlagen
unserer Entwicklung, gepaart mit brutaler Entschlossenheit in der
Niederbrechung unverbesserlicher Auswüchslinge.
So wie die Natur ihre größte Aufmerksamkeit nicht auf die Erhaltung des
Bestehenden, sondern auf die Züchtung des Nachwuchses, als des Trägers der
Art, konzentriert, so kann es sich auch im menschlichen Leben weniger darum
handeln, bestehendes Schlechtes künstlich zu veredeln, was bei der Veranlagung
des Menschen zu neunundneunzig Prozent unmöglich ist, als darum, einer
kommenden Entwicklung gesündere Bahnen von Anfang an zu sichern.
30 Das Wesen sozialer Tätigkeit
Schon währen meines Wiener Existenzkampfes war mir klar geworden, daß
die soziale Tätigkeit nie und nimmer in ebenso lächerlichen wie zwecklosen
Wohlfahrtsduseleien ihre Aufgabe zu erblicken hat, als vielmehr in der
Beseitigung solcher grundsätzlicher Mängel in der Organisation unseres
Wirtschafts und Kulturlebens, die zu Entartungen einzelner führen müssen oder
wenigstens verleiten können.
Die Schwierigkeit des Vorgehens mit letzten und brutalsten Mitteln gegen das
staatsfeindliche Verbrechertum liegt ja nicht zu wenigsten gerade in der
Unsicherheit des Urteils über die inneren Beweggründe oder Ursachen solcher
Zeiterscheinungen.
Diese Unsicherheit ist nur zu begründet im Gefühl einer eigenen Schuld an
solchen Tragödien der Verkommenheit; sie lähmt aber nun jeden ernsten und
festen Entschluß und hilft so mit an der, weil schwankend, auch schwachen und
halben Durchführung selbst der notwendigsten Maßnahmen der Selbsterhaltung.
Erst wenn einmal eine Zeit nicht mehr von den Schatten des eigenen
Schuldbewußtseins umgeistert ist, erhält sie mit der inneren Ruhe auch die
äußere Kraft, brutal und rücksichtslos die wilden Schößlinge
herauszuschneiden, das Unkraut auszujäten.
Da der österreichische Staat eine soziale Rechtsprechung und Gesetzgebung
überhaupt so gut als gar nicht kannte, war auch seine Schwäche in der
Niederkämpfung selbst böser Auswüchse in die Augen springend groß.
Ich weiß nicht, was mich nun zu dieser Zeit am meisten entsetzte: das
wirtschaftliche Elend meiner damaligen Mitgefährten, dies sittliche und
moralische Rohheit oder der Tiefstand ihrer geistigen Kultur.
Wie oft fährt nicht unser Bürgertum in aller moralischen Entrüstung empor,
wenn es aus dem Munde irgendeines jämmerlichen Landstreichers die Äußerung
vernimmt, daß es sich ihm gleich bleibe, Deutscher zu sein oder auch nicht,
daß er sich überall gleich wohl fühle, sofern er nur sein nötiges Auskommen
habe.
Dieser Mangel an „Nationalstolz" wird dann auf das tiefste beklagt und dem
Abscheu vor einer solchen Gesinnung kräftig Ausdruck gegeben.
Wie viele haben sich aber schon die Frage vorgelegt, was denn nun eigentlich
bei ihnen selber die Ursache ihrer besseren Gesinnung bildet?
Wie viele begreifen denn die Unzahl einzelner Erinnerungen an die Größe des
Vaterlandes, der Nation, auf allen Gebieten des kulturellen und künstlerischen
Lebens, die ihnen als Sammelergebnis eben den berechtigten Stolz vermitteln,
Angehörige eines so begnadeten Volkes sein zu dürfen?
Wie viele ahnen denn, wie sehr der Stolz auf das Vaterland abhängig ist von
der Kenntnis der Größe desselben auf allen diesen Gebieten?
Denken nun unsere bürgerlichen Kreise darüber nach, in welch lächerlichem
Umfange diese Voraussetzung zum Stolz auf das Vaterland dem „Volke" vermittelt
wird?
Man rede sich nicht darauf hinaus, daß in „anderen Ländern dies ja auch nicht
anders" sei, der Arbeiter dort aber „dennoch" zu seinem Volkstum stände.
Selbst wenn dies so wäre, würde es nicht zur Entschuldigung eigener
Versäumnisse dienen können. Es ist aber nicht so. Denn was wir immer mit einer
„chauvinistischen" Erziehung z.B. des französischen Volkes bezeichnen, ist
doch nichts anderes, als das übermäßige Herausheben der Größe Frankreichs auf
allen Gebieten der Kultur, oder wie der Franzose zu sagen pflegt, der
„Zivilisation". Der junge Franzose wird eben nicht zur Objektivität erzogen,
sondern zur subjektivsten Ansicht, die man sich nur denken kann, soferne es
sich um die Bedeutung der politischen oder kulturellen Größe seines
Vaterlandes handelt.
Diese Erziehung wird sich dabei immer auf allgemeine, ganz große
Gesichtspunkte zu beschränken haben, die, wenn nötig, in ewiger Wiederholung
dem Gedächtnis und dem Empfinden des Volkes einzuprägen sind.
Nun kommt aber bei uns zur negativen Unterlassungssünde noch die positive
Zerstörung des Wenigen, das der einzelne das Glück hat, in der Schule zu
lernen. Die Ratten der politischen Vergiftung unseres Volkes fressen auch
dieses Wenige noch aus dem Herzen und der Erinnerung der breiten masse heraus,
soweit nicht Not und Jammer schon das ihrige besorgten.
Man stelle sich doch einmal folgendes vor:
In einer Kellerwohnung, aus zwei dumpfen Zimmern bestehend, haust eine
siebenköpfige Arbeiterfamilie. Unter den fünf Kindern auch ein Junge von,
nehmen wir an, drei Jahren. Es ist dies das Alter, in dem die ersten Eindrücke
einem Kinde zum Bewußtsein kommen. Bei Begabten finden sich noch bis in das
hohe Alter Spuren der Erinnerung aus dieser Zeit. Schon die Enge und
Überfüllung des Raumes führt nicht zu günstigen Verhältnissen. Streit und
Hader werden sehr häufig schon auf diese Weise entstehen. Die Menschen leben
ja so nicht miteinander, sondern drücken aufeinander. Jede, wenn auch kleinste
Auseinandersetzung, die in geräumiger Wohnung schon durch ein leichtes
Absondern ausgeglichen werden kann, sich so von selbst wieder löst, führt hier
zu einem nicht mehr ausgehenden widerlichen Streit. Bei den Kindern ist dies
natürlich noch erträglich; sie streiten in solchen Verhältnissen ja immer und
vergessen es untereinander wieder schnell und gründlich. Wenn dieser Kampf
unter den Eltern selber ausgefochten wird, und zwar fast jeden Tag, in Formen,
die an innerer Roheit oft wirklich nichts zu wünschen übriglassen, dann müssen
sich, wenn auch noch so langsam, endlich die Resultate eines solchen
Anschauungsunterrichtes bei den Kleinen zeigen. Welcher Art sie sein müssen,
wenn dieser gegenseitige Zwist die Form roher Ausschreitungen des Vaters gegen
die Mutter annimmt, zu Mißhandlungen in betrunkenem Zustande führt, kann sich
der ein solches Milieu eben nicht Kennende nur schwer vorstellen. Mit sechs
Jahren ahnt der kleine, zu bedauernde Junge Dinge, vor denen auch ein
Erwachsener nur Grauen empfinden kann. Moralisch angegiftet, körperlich
unterernährt, das arme Köpfchen verlaust, so wandert der junge „Staatsbürger"
in die Volksschule. Das es mit Ach und Krach bis zum Lesen und Schreiben
kommt, ist auch so ziemlich alles. Von einem Lernen zu Hause kann keine Rede
sein. Im Gegenteil. Mutter und Vater reden ja selbst, und zwar den Kindern
gegenüber, in nicht wiederzugebender Weise über Lehrer und Schule, sind viel
eher bereit, jenen Grobheiten zu sagen, als etwa ihren kleinen Spröß ling über
da Knie zu legen und zur Vernunft zu bringen. Was der kleine Kerl sonst noch
alles zu Hause hört, führt auch nicht zu einer Stärkung der Achtung vor der
lieben Mitwelt. Nichts Gutes wird hier an der Menschheit gelassen, keine
Institution bleibt unangefochten; vom Lehrer angefangen bis hinauf zur Spitze
des Staates. Mag es sich um Religion handeln oder um Moral an sich, um den
Staat oder die Gesellschaft, einerlei, es wird alles beschimpft, in der
unflätigsten Weise in den Schmutz einer niedrigsten Gesinnung gezerrt. Wenn
der junge Mensch nun mit vierzehn Jahren aus der Schule entlassen wird, ist es
schon schwer mehr zu entscheiden, was größer ist an ihm: die unglaubliche
Dummheit, insofern es sich um wirkliches Wissen und Können handelt, oder die
ätzende Frechheit seines Auftretens, verbunden mit einer Unmoral schon in
diesem Alter, daß einem die Haare zu Berge stehen könnten.
Welche Stellung aber kann dieser Mensch, dem jetzt schon kaum mehr etwas
heilig ist, der eben so sehr nichts Großes kennen gelernt hat, wie er
umgekehrt jede Niederung des Lebens ahnt und weiß, im Leben einnehmen, in das
er ja nun hinauszutreten sich anschickt?
Aus dem dreijährigen Kinde ist ein fünfzehnjähriger Verächter jeder Autorität
geworden. Der junge Mensch ist nur mit Schmutz und Unrat in Berührung gekommen
und hat noch nichts kennengelernt, das ihn zu irgendeiner höheren Begeisterung
anzuregen vermöchte.
Jetzt aber kommt er erst noch in die hohe Schule dieses Daseins.
Nun setzt das gleiche Leben ein, daß er vom Vater die Jahre der Kindheit
entlang in sich aufgenommen hatte. Er streunt herum und kommt weiß Gott wann
nach Hause, prügelt zur Abwechslung auch noch selber das zusammengerissene
Wesen, das einst seine Mutter war, flucht über Gott und die Welt und wird
endlich aus irgendeinem besonderen Anlaß verurteilt und in ein
Jugendlichengefängnis verbracht.
Dort erhält er den letzten Schliff.
Die liebe bürgerliche Mitwelt aber ist ganz erstaunt über die mangelnde
„nationale Begeisterung" dieses jungen „Staatsbürgers".
Sie sieht, wie in Theater und Kino, in Schundliteratur und Schmutzpresse Tag
für Tag das Gift kübelweise in das Volk hineingeschüttet wird und staunt dann
über den geringen „sittlichen Gehalt", die „nationale Gleichgültigkeit" der
Massen dieses Volkes. Als ob Kinokitsch, Schundpresse und Ähnliches die
Grundlagen der Erkenntnis vaterländischer Größe abgeben würden. Von der
früheren Erziehung des einzelnen ganz abgesehen.
Was ich ehedem nie geahnt hatte, lernte ich damals schnell und gründlich
verstehen:
Die Frage der „Nationalisierung" eines Volkes ist mit in erster Linie eine
Frage der Schaffung gesunder sozialer Verhältnisse als Fundament einer
Erziehungsmöglichkeit des einzelnen. Denn nur wer durch Erziehung und Schule
die kulturelle, wirtschaftliche, vor allem aber politische Größe des eigenen
Vaterlandes kennen lernt, vermag und wird auch jenen inneren Stolz gewinnen,
Angehöriger eines solchen Volkes sein zu dürfen. Und kämpfen kann ich nur für
etwas, das ich liebe, lieben nur, was ich achte, und achten, was ich
mindestens kenne.
Soweit mein Interesse für die soziale Frage erweckt war, begann ich sie auch
mit aller Gründlichkeit zu studieren. Es war eine neue, bisher unbekannte
Welt, die sich mir so erschloß.
In den Jahren 1909 auf 1910 hatte sich auch meine eigene Lage insofern etwas
geändert, als ich nun selber nicht mehr als Hilfsarbeiter mir mein tägliches
Brot zu ver dienen brauchte. Ich arbeitete damals schon selbständig als
kleiner Zeichner und Aquarellist. So bitter dies in bezug auf den Verdienst
war – es langte wirklich kaum zum Leben – so gut war es aber für meinen
erwählten Beruf. Nun war ich nicht mehr wie früher des Abends nach der
Rückkehr von der Arbeitsstelle todmüde, unfähig, in ein Buch zu sehen, ohne in
kurzer Zeit einzunicken. Meine jetzige Arbeit verlief ja parallel meinem
künftigen Berufe. Auch konnte ich nun als Herr meiner eigenen Zeit mir diese
wesentlich besser einteilen, als dies früher möglich war.
Ich malte zum Brotverdienen und lernte zur Freude.
So war es mir auch möglich, zu meinem Anschauungsunterricht über das soziale
Problem die notwendige theoretische Ergänzung gewinnen zu können. Ich
studierte so ziemlich alles, was ich über dieses ganze Gebiet an Büchern
erhalten konnte, und vertiefte mich im übrigen in meine eigenen Gedanken.
Ich glaube, meine Umgebung von damals hielt mich wohl für einen Sonderling.
Daß ich dabei mit Feuereifer meiner Liebe zur Baukunst diente, war natürlich.
Sie erschien mir neben der Musik als die Königin der Künste: meine
Beschäftigung mit ihr war unter solchen Umständen auch keine „Arbeit", sondern
höchstes Glück. Ich konnte bis in die späte Nacht hinein lesen oder zeichnen,
müde wurde ich da nie. So verstärkte sich mein Glaube, daß mir mein schöner
Zukunftstraum, wenn auch nach langen Jahren, doch Wirklichkeit werden würde.
Ich war fest überzeugt, als Baumeister mir dereinst einen Namen zu machen.
Daß ich nebenbei auch das größte Interesse für alles, was mit Politik
zusammenhing, besaß, schien mir nicht viel zu bedeuten. Im Gegenteil: dies war
in meinen Augen ja die selbstverständliche Pflicht jedes denkenden Menschen
überhaupt. Wer dafür kein Verständnis besaß, verlor eben das Recht zu
jeglicher Kritik und jeglicher Beschwerde.
Auch hier las und lernte ich also viel.
Freilich verstehe ich unter „lesen" vielleicht etwas anderes als der große
Durchschnitt unserer sogenannten „Intelligenz".
Ich kenne Menschen, die unendlich viel „lesen", und zwar Buch für Buch,
Buchstaben um Buchstaben, und die ich doch nicht als „belesen" bezeichnen
möchte. Sie besitzen freilich eine Unmenge von „Wissen", allein ihr Gehirn
versteht nicht, eine Einteilung und Registratur dieses in sich aufgenommenen
Materials durchzuführen. Es fehlt ihnen die Kunst, im Buche das für sie
Wertvolle vom Wertlosen zu sondern, das eine dann im Kopfe zu behalten für
immer, das andere, wenn möglich, gar nicht zu sehen, auf jeden Fall aber nicht
als zwecklosen Ballast mitzuschleppen. Auch das Lesen ist ja nicht
Selbstzweck, sondern Mittel zu einem solchen. Es soll in erster Linie
mithelfen, den Rahmen zu füllen, den Veranlagung und Befähigung jedem ziehen;
mithin soll es Werkzeug und Baustoffe liefern, die der einzelne in seinem
Lebensberuf nötig hat, ganz gleich, ob dieser nur dem primitiven Broterwerb
dient oder die Befriedigung einer höheren Bestimmung darstellt; in zweiter
Linie aber soll es ein allgemeines Weltbild vermitteln. In beiden Fällen ist
es aber nötig, daß der Inhalt des jeweilig Gelesenen nicht in der Reihenfolge
des Buches oder gar der Bücherfolge dem Gedächtnis zur Aufbewahrung übergeben
wird, sondern als Mosaiksteinchen in dem allgemeinen Weltbilde seinen Platz an
der ihm zukommenden Stelle erhält und so eben mithilft, dieses Bild im Kopfe
des Lesers zu formen. Im anderen Falle entsteht ein wirres Durcheinander von
eingelerntem Zeug, das ebenso wertlos ist, wie es andererseits den
unglücklichen Besitzer eingebildet macht. Denn dieser glaubt nun wirklich
allen Ernstes, „gebildet" zu sein, vom Leben etwas zu verstehen, Kenntnisse zu
besitzen, während er mit jedem neuen Zuwachs dieser Art von „Bildung" in
Wahrheit der Welt sich mehr und mehr entfremdet, bis er nicht selten entweder
in einem Sanatorium oder als „Politiker" in einem Parlament endet.
Niemals wird es so einem Kopfe gelingen, aus dem Durcheinander seines
„Wissens" das für die Forderung einer Stunde Passende herauszuholen, da ja
sein geistiger Ballast nicht in den Linien des Lebens geordnet liegt, sondern
in der Reihenfolge der Bücher, wie er sie las und wie ihr Inhalt ihm nun im
Kopf sitzt. Würde das Schicksal bei seinen Anforderungen des täglichen Lebens
ihn immer an die richtige Anwendung des einst Gelesenen erinnern, so müßte es
aber auch noch Buch und Seitenzahl erwähnen, da der arme Tropf sonst in aller
Ewigkeit das Richtige nicht finden würde. Da es dies nun aber nicht tut,
geraten diese neunmal Klugen bei jeder kritischen Stunde in die schrecklichste
Verlegenheit, suchen krampfhaft nach analogen Fällen und erwischen mit
tödlicher Sicherheit natürlich die falschen Rezepte.
Wäre es nicht so, könnte man die politischen Leistungen unserer gelehrten
Regierungsheroen in höchsten Stellen nicht begreifen, außer man entschlösse
sich, anstatt pathologischer Veranlagung schurkenhaft Niedertracht anzunehmen.
Wer aber die Kunst des richtigen Lesens inne hat, den wird das Gefühl beim
Studieren jedes Buches, jeder Zeitschrift oder Broschüre augenblicklich auf
all das aufmerksam machen, was seiner Meinung nach für ihn zur dauernden
Festhaltung geeignet ist, weil entweder zweckmäßig oder allgemein wissenswert.
Sowie das auf solche Weise Gewonnene seine sinngemäße Eingliederung in das
immer schon irgendwie vorhandene Bild, das sich die Vorstellung von dieser
oder jener Sache geschaffen hat, findet, wird es entweder korrigierend oder
ergänzend wirken, also entweder die Richtigkeit oder Deutlichkeit desselben
erhöhen. Legt nun das Leben plötzlich irgendeine Frage zur Prüfung oder
Beantwortung vor, so wird bei einer solchen Art des Lesens das Gedächtnis
augenblicklich zum Maßstabe des schon vorhandenen Anschauungsbildes greifen
und aus ihm alle die in Jahrzehnten gesammelten einzelnen diese Fragen
betreffenden Beiträge herausholen, dem Verstande unterbreiten zur Prüfung und
neuen Einsichtnahme, bis die Frage geklärt oder beantwortet ist.
Nur so hat das Lesen dann Sinn und Zweck.
Ein Redner zum Beispiel, der nicht auf solche Weise seinem Verstande die
nötigen Unterlagen liefert, wird nie in der Lage sein, bei Widerspruch
zwingend seine Ansicht zu vertreten, mag sie auch tausendmal der Wahrheit oder
Wirklichkeit entsprechen. Bei jeder Diskussion wird ihn das Gedächtnis schnöde
im Stiche lassen: er wird weder Gründe zur Erhärtung des von ihm Behaupteten,
noch solche zur Widerlegung des Gegners finden. Solange es sich dabei, wie bei
einem Redner, in erster Linie nur um die Blamage der eigenen Person handelt,
mag dies noch hingehen, böse aber wird es, wenn das Schicksal einen solchen
Vielwisser aber Nichtskönner zum Leiter eines Staates bestellt.
Ich habe mich seit früher Jugend bemüht, auf richtige Art zu lesen und wurde
dabei in glücklichster Weise von Gedächtnis und Verstand unterstützt. Und in
solchem Sinne betrachtet, war für mich besonders die Wiener Zeit fruchtbar und
wertvoll. Die Erfahrungen des täglichen Lebens bildeten die Anregung zu immer
neuem Studium der verschiedensten Probleme. Indem ich endlich so in der Lage
war, die Wirklichkeit theoretisch zu begründen, die Theorie an der
Wirklichkeit zu prüfen, wurde ich davor bewahrt, entweder in der Theorie zu
ersticken oder in der Wirklichkeit zu verflachen.
So wurde in dieser Zeit in zwei wichtigsten Fragen, außer der sozialen, die
Erfahrung des täglichen Lebens bestimmend und anregend für gründlichstes
theoretisches Studium.
Wer weiß, wann ich mich in die Lehren und das Wesen des Marxismus einmal
vertieft hätte, wenn mich nicht die damalige Zeit förmlich mit dem Kopfe auf
dieses Problem gestoßen hätte!
Was ich in meiner Jugend von der Sozialdemokratie wußte, war herzlich wenig
und reichlich unrichtig.
Daß sie den Kampf um das allgemeine und geheime Wahlrecht führte, freute mich
innerlich. Sagte mir doch mein Verstand schon damals, daß dies zu einer
Schwächung des mir so sehr verhaßten Habsburgerregiments führen müßte. In der
Überzeugung, daß der Donaustaat, außer unter Opferung des Deutschtums, doch
nie zu halten sein werde, daß aber selbst der Preis einer langsamen
Slawisierung des deutschen Elements noch keineswegs die Garantie eines dann
auch wirklich lebensfähigen Reiches bedeutet hätte, da die staatserhaltende
Kraft des Slawentums höchst zweifelhaft eingeschätzt werden muß, begrüßte ich
jede Entwicklung, die meiner Überzeugung nach zum Zusammenbruch dieses
unmöglichen, das Deutschtum in zehn Millionen Menschen zum Tode verurteilenden
Staates führen mußte. Je mehr das Sprachentohuwabohu auch das Parlament
zerfraß und zerfetzte, mußte die Stunde des Zerfalles dieses babylonischen
Reiches näherrücken und damit aber auch die Stunde der Freiheit meines
deutschösterreichischen Volkes. Nur so konnte dann dereinst der Anschluß an
das alte Mutterland wieder kommen.
So war mir also diese Tätigkeit der Sozialdemokratie nicht unsympathisch. Daß
sie endlich, wie mein damaliges harmloses Gemüt noch dumm genug war zu
glauben, die Lebensbedingungen des Arbeiters zu heben trachtete, schien mir
ebenfalls eher für sie als gegen sie zu sprechen. Was mich am meisten abstieß,
war ihre feindselige Stellung gegenüber dem Kampf um die Erhaltung des
Deutschtums, das jämmerliche Buhlen um die Gunst der slawischen „Genossen",
die diese Liebeswerbung, sofern sie mit praktischen Zugeständnissen verbunden
war, wohl entgegennahmen, sonst sich aber arrogant hochnäsig zurückhielten,
den zudringlichen Bettlern auf diese Weise den verdienten Lohn gebend.
So war mir im Alter von siebzehn Jahren das Wort „Marxismus" noch wenig
bekannt, während mir „Sozialdemokratie" und Sozialismus als identische
Begriffe erschienen. Es bedurfte auch hier erst der Faust des Schicksals, um
mir das Auge über diesen unerhörtesten Völkerbetrug zu öffnen.
Hatte ich bis dorthin die sozialdemokratische Partei nur als Zuschauer bei
einigen Massendemonstrationen kennengelernt, ohne auch nur den geringsten
Einblick in die Mentalität ihrer Anhänger oder gar in das Wesen der Lehre zu
besitzen, so kam ich nun mit einem Schlage mit den Produkten ihrer Erziehung
und „Weltanschauung" in Berührung. Und was sonst vielleicht erst nach
Jahrzehnten eingetreten wäre, erhielt ich jetzt im Laufe weniger Monate: das
Verständnis für eine unter der Larve sozialer Tugend und Nächstenliebe
wandelnde Pestilenz, von der möglichst die Menschheit schnell die Erde
befreien möge, da sonst gar leicht die Erde von der Menschheit frei werden
könnte.
Am Bau fand mein erstes Zusammentreffen mit Sozialdemokraten statt.
Es war schon von Anfang an nicht sehr erfreulich. Meine Kleidung war noch
etwas in Ordnung, meine Sprache gepflegt und mein Wesen zurückhaltend. Ich
hatte mit meinem Schicksal noch so viel zu tun, daß ich mich um meine Umwelt
nur wenig zu kümmern vermochte. Ich suchte nur nach Arbeit, um nicht zu
verhungern, um damit die Möglichkeit einer, wenn auch noch so langsamen,
Weiterbildung zu erhalten. Ich würde mich um meine neue Umgebung viel leicht
überhaupt nicht gekümmert haben, wenn nicht schon am dritten oder vierten Tage
ein Ereignis eingetreten wäre, das mich sofort zu einer Stellungnahme zwang.
Ich wurde aufgefordert, in die Organisation einzutreten.
Meine Kenntnisse der gewerkschaftlichen Organisation waren damals noch gleich
Null. Weder die Zweckmäßigkeit noch die Unzweckmäßigkeit ihres Bestehens hätte
ich zu beweisen vermocht. Da man mir erklärte, daß ich eintreten müsse, lehnte
ich ab. Ich begründete dies damit, daß ich die Sache nicht verstünde, mich
aber überhaupt zu nichts zwingen lasse. Vielleicht war das erstere der Grund,
warum man mich nicht sofort hinauswarf. Man mochte vielleicht hoffen, mich in
einigen Tagen bekehrt oder mürbe gemacht zu haben. Jedenfalls hatte man sich
darin gründlich getäuscht. Nach vierzehn Tagen konnte ich dann aber nicht
mehr, auch wenn ich sonst noch gewollt hätte. In diesen vierzehn Tagen lernte
ich meine Umgebung näher kennen, so daß mich keine Macht der Welt mehr zum
Eintritt in eine Organisation hätte bewegen können deren Träger mir inzwischen
in so ungünstigem Lichte erschienen waren.
Mittags ging ein Teil in die zunächst gelegenen Wirtshäuser, während ein
anderer am Bauplatz verblieb und dort ein meist sehr ärmliches Mittagsmahl
verzehrte. Es waren dies die Verheirateten, denen ihre Frauen in armseligen
Geschirren die Mittagssuppe brachten. Gegen Ende der Woche wurde diese Zahl
immer größer; warum, begriff ich erst später. Nun wurde politisiert.
Ich trank meine Flasche Milch und aß mein Stück Brot irgendwo seitwärts und
studierte vorsichtig meine neue Umgebung oder dachte über mein elendes Los
nach. Dennoch hörte ich mehr als genug; auch schien es mir oft, als ob man mit
Absicht an mich heranrückte, um mich so vielleicht zu einer Stellungnahme zu
veranlassen. Jedenfalls war das, was ich so vernahm, geeignet, mich aufs
äußerste aufzureizen. Man lehnte da alles ab: die Nation, als eine Erfindung
der „kapitalistischen" – wie oft mußte ich nur allein dieses Wort hören! –
Klassen; das Vaterland, als Instrument der Bourgeoisie zur Ausbeutung der
Arbeiterschaft; die Autorität des Gesetzes als Mittel zur Unterdrückung des
Proletariats; die Schule, als Institut zur Züchtung des Sklavenmaterials, aber
auch der Sklavenhalter; die Religion, als Mittel der Verblödung des zur
Ausbeutung bestimmten Volkes; die Moral, als Zeichen dummer Schafsgeduld usw.
Es gab da aber rein gar nichts, was nicht in den Kot einer entsetzlichen Tiefe
gezogen wurde.
Anfangs versuchte ich zu schweigen. Endlich ging es aber nicht mehr. Ich
begann Stellung zu nehmen, begann zu widersprechen. Da mußte ich allerdings
erkennen, daß dies so lange vollkommen aussichtslos war, solange ich nicht
wenigstens bestimmte Kenntnisse über die nun einmal umstrittenen Punkte besaß.
So begann ich in den Quellen zu spüren, aus denen sie ihre vermeintliche
Weisheit zogen. Buch um Buch, Broschüre um Broschüre kam jetzt an die Reihe.
Am Bau aber ging es nun oft heiß her. Ich stritt, von Tag zu Tag besser auch
über ihr eigenes Wissen informiert als meine Widersacher selber, bis eines
Tages jenes Mittel zur Anwendung kam, das freilich die Vernunft am leichtesten
besiegt: der Terror, die Gewalt. Einige der Wortführer der Gegenseite zwangen
mich, entweder den Bau sofort zu verlassen oder vom Gerüst hinunterzufliegen.
Da ich allein war, Widerstand aussichtslos erschien, zog ich es, um eine
Erfahrung reicher, vor, dem ersten Rat zu folgen.
Ich ging, von Ekel erfüllt, aber zugleich doch so ergriffen, daß es mir ganz
unmöglich gewesen wäre, der ganzen Sache nun den Rücken zu kehren. Nein, nach
dem Aufschießen der ersten Empörung gewann die Halsstarrigkeit wieder die
Oberhand. Ich war fest entschlossen, dennoch wieder auf einen Bau zu gehen.
Bestärkt wurde ich in diesem Entschlusse noch durch die Not, die einige Wochen
später, nach dem Verzehren des geringen ersparten Lohnes, mich in ihre
herzlosen Arme schloß. Nun mußte ich, ob ich wollte oder nicht. Und das Spiel
ging denn auch wieder von vorne los, um ähnlich wie beim ersten Male zu enden.
Damals rang ich in meinem Innern: Sind dies noch Menschen, wert, einem großen
Volke anzugehören?
Eine qualvolle Frage; denn wird sie mit Ja beantwortet, so ist der Kampf um
ein Volkstum wirklich nicht mehr der Mühen und Opfer wert, die die Besten für
einen solchen Auswurf zu bringen haben; heißt die Antwort aber Nein, dann ist
unser Volk schon arm an Menschen.
Mit unruhiger Beklommenheit sah ich in solchen Tagen des Grübelns und
Hineinbohrens die Masse der nicht mehr zu ihrem Volke zu Rechnenden
anschwellen zu einem bedrohlichen Heere.
Mit welch anderen Gefühlen starrte ich nun in die endlosen Viererreihen einer
eines Tages stattfindenden Massendemonstration Wiener Arbeiter! Fast zwei
Stunden lang stand ich so da und beobachtete mit angehaltenem Atem den
ungeheuren menschlichen Drachenwurm, der sich da langsam vorbeiwälzte. In
banger Gedrücktheit verließ ich endlich den Platz und wanderte heimwärts.
Unterwegs erblickte ich in einem Tabakladen die „Arbeiterzeitung", das
Zentralorgan der alten österreichischen Sozialdemokratie. In einem billigen
Volkscafé, in das ich öfters ging, um Zeitungen zu lesen, lag sie auch auf;
allein ich konnte es bisher nicht über mich bringen, in das elende Blatt,
dessen ganzer Ton auf mich wie geistiges Vitriol wirkte, länger als zwei
Minuten hineinzusehen. Unter dem deprimierenden Eindruck der Demonstration
trieb mich nun eine innere Stimme an, das Blatt einmal zu kaufen und es dann
gründlich zu lesen. Abends besorgte ich dies denn auch unter Überwindung des
in mir manchmal aufsteigenden Jähzorns über diese konzentrierte Lügenlösung.
Mehr als aus aller theoretischen Literatur konnte ich nun aus dem täglichen
Lesen der sozialdemokratischen Presse das innere Wesen dieser Gedankengänge
studieren.
Denn welch ein Unterschied zwischen den in der theoretischen Literatur
schillernden Phrasen von Freiheit, Schönheit und Würde, dem irrlichternden,
scheinbar tiefste Weisheit mühsam ausdrückenden Wortgeflunker, der widerlich
humanen Moral – alles mit der eisernen Stirne einer prophetischen Sicherheit
hingeschrieben – und der brutalen, vor keiner Niedertracht zurückschreckenden,
mit jedem Mittel der Verleumdung und einer wahrhaft balkenbiegenden
Lügenvirtuosität arbeitenden Tagespresse dieser Heilslehre der neuen
Menschheit! Das eine ist bestimmt für die dummen Gimpel aus mittleren und
natürlich auch höheren „Intelligenzschichten", das andere für die Masse.
Für mich bedeutete das Vertiefen in Literatur und Presse dieser Lehre und
Organisation das Wiederfinden zu meinem Volke.
Was mir erst als unüberbrückbare Kluft erschien, sollte nun Anlaß zu einer
größeren Liebe als jemals zuvor werden.
Nur ein Narr vermag bei Kenntnis dieser ungeheuren Vergiftungsarbeit das Opfer
auch noch zu verdammen. Je mehr ich mich in den nächsten Jahren selbständig
machte, um so mehr wuchs mit steigender Entfernung der Blick für die inneren
Ursachen der sozialdemokratischen Erfolge. Nun begriff ich die Bedeutung der
brutalen Forderung, nur rote Zeitungen zu halten, nur rote Versammlungen zu
besuchen, rote Bücher zu lesen usw. In plastischer Klarheit sah ich das
zwangsläufige Ergebnis dieser Lehre der Unduldsam keit vor Augen.
Die Psyche der breiten Masse ist nicht empfänglich für alles Halbe und
Schwache.
Gleich dem Weibe, dessen seelisches Empfinden weniger durch Gründe abstrakter
Vernunft bestimmt wird als durch solche einer undefinierbaren, gefühlsmäßigen
Sehnsucht nach ergänzender Kraft, und das sich deshalb lieber dem Starken
beugt als den Schwächling beherrscht, liebt auch die Masse mehr den Herrscher
als den Bittenden und fühlt sich im Innern mehr befriedigt durch eine Lehre,
die keine andere neben sich duldet, als durch die Genehmigung liberaler
Freiheit; sie weiß mit ihr auch meist nur wenig anzufangen und fühlt sich
sogar leicht verlassen. Die Unverschämtheit ihrer geistigen Terrorisierung
kommt ihr ebensowenig zum Bewußtsein wie die empörende Mißhandlung ihrer
menschlichen Freiheit, ahnt sie doch den inneren Irrsinn der ganzen Lehre in
keiner Weise. So sieht sie nur die rücksichtslose Kraft und Brutalität ihrer
zielbewußten Äußerungen, der sie sich endlich immer beugt.
Wird der Sozialdemokratie eine Lehre von besserer Wahrhaftigkeit, aber
gleicher Brutalität der Durchführung entgegengestellt, wird diese siegen, wenn
auch nach schwerstem Kampfe.
Ehe nur zwei Jahre vergangen waren, war mir sowohl die Lehre als auch das
technische Werkzeug der Sozialdemokratie klar.
Ich begriff den infamen geistigen Terror, den diese Bewegung vor allem auf das
solchen Angriffen weder moralisch noch seelisch gewachsene Bürgertum ausübt,
indem sie auf ein gegebenes Zeichen immer ein förmliches Trommelfeuer von
Lügen und Verleumdungen gegen den ihr am gefährlichsten erscheinenden Gegner
losprasseln läßt, so lange, bis die Nerven der Angegriffenen brechen und sie,
um nur wieder Ruhe zu haben, den Verhaßten opfern.
Das Spiel beginnt von neuem und wird so oft wieder holt, bis die Furcht vor
dem wilden Köter zur suggestiven Lähmung wird.
Da die Sozialdemokratie den Wert der Kraft aus eigener Erfahrung am besten
kennt, läuft sie auch am meisten Sturm gegen diejenigen, in deren Wesen sie
etwas von diesem ohnehin so seltenen Stoffe wittert. Umgekehrt lobt sie jeden
Schwächling der anderen Seite, bald vorsichtig, bald lauter, je nach der
erkannten oder vermuteten gei stigen Qualität.
Sie fürchtet ein ohnmächtiges, willenloses Genie weniger als eine Kraftnatur,
wenn auch bescheidenen Geistes.
Am eindringlichsten empfiehlt sie Schwächlinge an Geist und Kraft zusammen.
Sie versteht den Anschein zu erwecken, als ob nur so die Ruhe zu erhalten
wäre, während sie dabei in kluger Vorsicht, aber dennoch unentwegt, eine
Position nach der anderen erobert, bald durch stille Erpressung, bald durch
tatsächlichen Diebstahl in Momenten, da die allgemeine Aufmerksamkeit anderen
Dingen zugewendet, entweder nicht gestört sein will oder die Angelegenheit für
zu klein hält, um großes Aufsehen zu erregen und den bösen Gegner neu zu
reizen.
Es ist eine unter genauer Berechnung aller menschlichen
Schwächen gefundene Taktik, deren Ergebnis fast mathematisch zum Erfolge
führen muß, wenn eben nicht auch die Gegenseite lernt, gegen Giftgas mit
Giftgas zu kämpfen.
Schwächlichen Naturen muß dabei gesagt werden, daß es sich hierbei eben um
Sein oder Nichtsein handelt.
Nicht minder verständlich wurde mir die Bedeutung des körperlichen Terrors dem
einzelnen, der Masse gegenüber.
Auch hier genaue Berechnung der psychologischen Wirkung.
Der Terror auf der Arbeitsstätte, in der Fabrik, im Versammlungslokal und
anläßlich von Massenkundgebung wird immer von Erfolg begleitet sein, solange
ihm nicht ein gleich großer Terror entgegentritt.
Dann freilich wird die Partei in entsetzlichem Geschrei Zeter und Mordio
jammern, wird als alte Verächterin jeder Staatsautorität kreischend nach
dieser rufen, um in den meisten Fällen in der allgemeinen Verwirrung
tatsächlich das Ziel zu erreichen – nämlich: sie wird das Hornvieh eines
höheren Beamten finden, der, in der blödseligen Hoffnung, sich vielleicht
dadurch für später den gefürchteten Gegner geneigt zu machen, den Widersacher
dieser Weltpest brechen hilft.
Welchen Eindruck ein solcher Schlag auf die Sinne der breiten Masse sowohl der
Anhänger als auch der Gegner ausübt, kann dann nur der ermessen, der die Seele
eines Volkes nicht aus Büchern, sondern aus dem Leben kennt. Denn während in
den Reihen ihrer Anhänger der er langte Sieg nunmehr als ein Triumph des
Rechtes der eigenen Sache gilt, verzweifelt der geschlagene Gegner in den
meisten Fällen am Gelingen eines weiteren Widerstandes überhaupt.
Je mehr ich vor allem die Methoden des körperlichen Terrors kennenlernte, um
so größer wurde meine Abbitte den Hunderttausenden gegenüber, die ihm erlagen.
Das danke ich am inständigsten meiner damaligen Lebenszeit, daß sie allein mir
mein Volk wiedergegeben
hat, daß ich die Opfer unterscheiden lernte von den Verführern.
Anders als Opfer sind die Ergebnisse dieser Menschenverführung nicht zu
bezeichnen. Denn wenn ich nun in einigen Bildern mich bemühte, das Wesen
dieser „untersten" Schichten aus dem Leben heraus zu zeichnen, so würde dies
nicht vollständig sein, ohne die Versicherung, daß ich aber in diesen Tiefen
auch wieder Lichter fand in den Formen einer oft seltenen Opferwilligkeit,
treuester Kameradschaft, außerordentlicher Genügsamkeit und zurückhaltender
Bescheidenheit, besonders soweit es die damals ältere Arbeiterschaft betraf.
Wenn auch diese Tugenden in der jungen Generation mehr und mehr, schon durch
die allgemeinen Einwirkungen der Großstadt, verloren wurden, so gab es selbst
hier noch viele, bei denen das vorhandene kerngesunde Blut über die gemeinen
Niederträchtigkeiten des Lebens Herr wurde. Wenn dann diese oft seelenguten,
braven Menschen in ihrer politischen Betätigung dennoch in die Reihen der
Todfeinde unseres Volkstums eintraten und diese so schließen halfen, dann lag
dies daran, daß sie ja die Niedertracht der neuen Lehre weder verstanden noch
verstehen konnten, daß niemand sonst sich die Mühe nahm, sich um sie zu
kümmern, und daß endlich die sozialen Verhältnisse stärker waren als aller
sonstige etwa vorhan dene gegenteilige Wille. Die Not, der sie eines Tages so
oder so verfielen, trieb sie in das Lager der Sozialdemokratie doch noch
hinein.
Da nun das Bürgertum unzählige Male in der ungeschicktesten, aber auch
unmoralischsten Weise gegen selbst allgemein menschlich berechtigte
Forderungen Front machte, ja oft ohne einen Nutzen aus einer solchen Haltung
zu erlangen oder gar überhaupt erwarten zu dürfen, wurde selbst der
anständigste Arbeiter aus der gewerkschaftlichen Organisation in die
politische Tätigkeit hineingetrieben.
Millionen von Arbeitern waren sicher in ihrem Inneren anfangs Feinde der
sozialdemokratischen Partei, wurden aber in ihrem Widerstande besiegt durch
eine manches Mal denn doch irrsinnige Art und Weise, in der seitens der
bürgerlichen Parteien gegen jede Forderung sozialer Art Stellung genommen
wurde. Die einfach bornierte Ablehnung aller Versuche einer Besserung der
Arbeitsverhältnisse, der Schutzvorrichtungen an Maschinen, der Unterbindung
von Kinderarbeit sowie des Schutzes der Frau wenigstens in den Monaten, da sie
unter dem Herzen schon den kommenden Volksgenossen trägt, half mit, der
Sozialdemokratie, die dankbar jeden solchen Fall erbärmlicher Gesinnung
aufgriff, die Massen in das Netz zu treiben. Niemals kann unser politisches
„Bürgertum" wieder gut machen, was so gesündigt wurde. Denn indem es gegen
alle Versuche einer Beseitigung sozialer Mißstände Widerstand leistete, säte
es Haß und rechtfertigte scheinbar selber die Behauptungen der Todfeinde des
ganzen Volkstums, daß nur die sozialdemokratische Partei allein die Interessen
des schaffenden Volkes verträte.
Es schuf so in erster Linie die moralische Begründung für den tatsächlichen
Bestand der Gewerkschaften, der Organisation, die der politischen Partei die
größten Zutreiberdienste von jeher geleistet hat.
In meinen Wiener Lehrjahren wurde ich gezwungen, ob ich wollte oder nicht,
auch zur Frage der Gewerkschaften Stellung zu nehmen.
Da ich sie als einen unzertrennlichen Bestandteil der sozialdemokratischen
Partei an sich ansah, war meine Entscheidung schnell und – falsch.
Ich lehnte sie selbstverständlich glatt ab.
Auch in dieser so unendlich wichtigen Frage gab mir das Schicksal selber
Unterricht.
Das Ergebnis war ein Umsturz meines ersten Urteils.
Mit zwanzig Jahren hatte ich unterscheiden gelernt zwischen der Gewerkschaft
als Mittel zur Verteidigung allgemeiner sozialer Rechte des Arbeitnehmers und
zur Erkämpfung besserer Lebensbedingungen desselben im einzelnen und der
Gewerkschaft als Instrument der Partei des politischen Klassenkampfes.
Daß die Sozialdemokratie die enorme Bedeutung der gewerkschaftlichen Bewegung
begriff, sicherte ihr das Instrument und damit den Erfolg; daß das Bürgertum
dies nicht verstand, kostete es seine politische Stellung. Es glaubte, mit
einer naseweisen „Ablehnung" einer logischen Entwicklung den Garaus machen zu
können, um in Wirklichkeit dieselbe nun in unlogische Bahnen zu zwingen. Denn
daß die Gewerkschaftsbewegung etwa an sich vaterlandsfeindlich sei, ist ein
Unsinn und außerdem eine Unwahrheit. Richtig ist eher das Gegenteil. Wenn eine
gewerkschaftliche Betätigung als Ziel die Besserstellung eines mit zu den
Grundpfeilern der Nation gehörenden Standes im Auge hat und durchführt, wirkt
sie nicht nur nicht vaterlands oder staatsfeindlich, sondern im wahrsten Sinne
des Wortes „natio nal". Hilft sie doch so mit, die sozialen Voraussetzungen zu
schaffen, ohne die eine allgemeine nationale Erziehung gar nicht zu denken
ist. Sie erwirbt sich höchstes Verdienst, indem sie durch Beseitigung sozialer
Krebsschäden sowohl geistigen als aber auch körperlichen Krankheitserregern an
den Leib rückt und so zu einer allgemeinen Gesundheit des Volkskörpers mit
beiträgt.
Die Frage nach ihrer Notwendigkeit also ist wirklich überflüssig.
Solange es unter Arbeitgebern Menschen mit geringem sozialen Verständnis oder
gar mangelndem Rechts und Billigkeitsgefühl gibt, ist es nicht nur das Recht,
sondern die Pflicht der von ihnen Angestellten, die doch einen Teil unseres
Volkstums bilden, die Interessen der Allgemein heit gegenüber der Habsucht
oder der Unvernunft eines einzelnen zu schützen; denn die Erhaltung von Treu
und Glauben an einem Volkskörper ist im Interesse der Nation genau so wie die
Erhaltung der Gesundheit des Volkes.
Beides wird durch unwürdige Unternehmer, die sich nicht als Glied der ganzen
Volksgemeinschaft fühlen, schwer bedroht. Aus dem üblen Wirken ihrer Habsucht
oder Rücksichtslosigkeit erwachsen tiefe Schäden für die Zukunft.
Die Ursachen einer solchen Entwicklung beseitigen, heißt sich ein Verdienst um
die Nation erwerben, und nicht etwa umgekehrt.
Man sage dabei nicht, daß es ja jedem einzelnen freistünde, die Folgerungen
aus einem ihm tatsächlich oder vermeintlich zugefügten Unrecht zu ziehen, also
zu gehen. Nein! Dies ist Spiegelfechterei und muß als Versuch angesehen
werden, die Aufmerksamkeit abzulenken. Entweder ist die Beseitigung
schlechter, unsozialer Vorgänge im Interesse der Nation gelegen oder nicht.
Wenn ja, dann muß der Kampf gegen sie mit den Waffen aufgenommen werden, die
die Aussicht auf Erfolg bieten. Der einzelne Arbeiter aber ist niemals in der
Lage, sich gegenüber der Macht des großen Unternehmers durchzusetzen, da es
sich hier nicht um eine Frage des Sieges des höheren Rechtes handeln kann – da
ja bei Anerkennung desselben der ganze Streit infolge des Mangels jeder
Veranlassung gar nicht vorhanden wäre –, sondern um die Frage der größeren
Macht. Im anderen Falle würde das vorhandene Rechtsgefühl allein schon den
Streit in ehrlicher Weise beenden, oder richtiger, es könnte nie zu einem
solchen kommen.
Nein, wenn unsoziale oder unwürdige Behandlung von Menschen zum Widerstande
auffordert, dann kann dieser Kampf, solange nicht gesetzliche, richterliche Be
hörden zur Beseitigung dieser Schäden geschaffen werden, nur durch die größere
Macht zur Entscheidung kommen. Damit aber ist es selbstverständlich, daß der
Ein zelperson und mithin konzentrierten Kraft des Unternehmens allein die zur
Einzelperson zusammengefaßte Zahl der Arbeitnehmer gegenübertreten kann, um
nicht von Anbeginn schon auf die Möglichkeit des Sieges verzichten zu müssen.
So kann die gewerkschaftliche Organisation zu einer Stärkung des sozialen
Gedankens in dessen praktischer Auswirkung im täglichen Leben führen und damit
zu einer Beseitigung von Reizursachen, die immer wieder die Veranlassung zur
Unzufriedenheit und zu Klagen geben.
Daß es nicht so ist, kommt zu einem sehr großen Teil auf das Schuldkonto
derjenigen, die jeder gesetzlichen Regelung sozialer Mißstände Hindernisse in
den Weg zu legen verstanden oder sie mittels ihres politischen Einflusses
unterbanden.
In eben dem Maße, in dem das politische Bürgertum dann die Bedeutung der
gewerkschaftlichen Organisation nicht verstand oder, besser, nicht verstehen
wollte und sich zum Widerstand dagegen stemmte, nahm sich die Sozialdemokratie
der umstrittenen Bewegung an. Sie schuf da mit weitschauend eine feste
Unterlage, die sich schon einigemal in kritischen Stunden als letzte Stütze
bewährte. Freilich ging damit der innere Zweck allmählich unter, um neuen
Zielen Raum zu geben.
Die Sozialdemokratie dachte nie daran, die von ihr umfaßte Berufsbewegung der
ursprünglichen Aufgabe zu erhalten.
Nein, so meinte sie dies allerdings nicht.
In wenigen Jahrzehnten war unter ihrer kundigen Hand aus dem Hilfsmittel einer
Verteidigung sozialer Menschenrechte das Instrument zur Zertrümmerung der
nationalen Wirtschaft geworden. Die Interessen der Arbeiter sollten sie dabei
nicht im geringsten behindern. Denn auch politisch gestattet die Anwendung
wirtschaftlicher Druckmittel, jederzeit Erpressungen auszuüben, sowie nur die
nötige Gewissenlosigkeit auf der einen und dumme Schafsgeduld auf der anderen
Seite in ausreichendem Maße vorhanden ist.
Etwas, das in diesem Falle beiderseits zutrifft.
Schon um die Jahrhundertwende hatte die Gewerkschaftsbewegung längst
aufgehört, ihrer früheren Aufgabe zu dienen. Von Jahr zu Jahr war sie mehr und
mehr in den Bannkreis sozialdemokratischer Politik geraten, um endlich nur
noch als Ramme des Klassenkampfes Anwendung zu finden. Sie sollte den ganzen,
mühselig aufgebauten Wirtschaftskörper durch dauernde Stöße endlich zum
Einsturz bringen, um so dem Staatsbau, nach Entzug seiner wirtschaftlichen
Grundmauern, das gleiche Schicksal leichter zufügen zu können. Die Vertretung
aller wirklichen Bedürfnisse der Arbeiterschaft kam damit immer weniger in
Frage, bis die politische Klugheit es endlich überhaupt nicht mehr als
wünschenswert erscheinen ließ, die sozialen und gar kulturellen Nöte der
breiten Masse zu beheben, da man sonst ja Gefahr lief, diese, in ihren
Wünschen befriedigt, nicht mehr als willenlose Kampftruppe ewig weiterbenützen
zu können.
Eine derartige, ahnungsvoll gewitterte Entwicklung jagte den
klassenkämpferischen Führern solche Furcht ein, daß sie endlich kurzerhand
jede wirklich segensvolle soziale Hebung ablehnten, ja auf das entschlossenste
dagegen Stellung nahmen.
Um eine Begründung eines vermeintlich so unverständlichen Verhaltens brauchte
ihnen dabei nie bange zu sein.
Indem man die Forderungen immer höher spannte, erschien die mögliche Erfüllung
derselben so klein und unbedeutend, daß man der Masse jederzeit einzureden
vermochte, es handle sich hierbei nur um den teuflischen Versuch, durch solch
eine lächerliche Befriedigung heiligster Anrechte die Stoßkraft der
Arbeiterschaft auf billige Weise zu schwächen, ja wenn möglich lahmzulegen.
Bei der geringen Denkfähigkeit der breiten Masse wundere man sich nicht über
den Erfolg.
Im bürgerlichen Lager war man empört über solche ersichtliche Unwahrhaftigkeit
sozialdemokratischer Taktik, ohne daraus aber auch nur die geringsten Schlüsse
zu ziehen für die Richtlinien eines eigenen Handelns. Gerade die Furcht der
Sozialdemokratie vor jeder tatsächlichen Hebung der Arbeiterschaft aus der
Tiefe ihres bisherigen kulturellen und sozialen Elends hätte zu größten
Anstrengungen eben in dieser Zielrichtung führen müssen, um nach und nach den
Vertretern des Klassenkampfes das Instrument aus der Hand zu winden.
Dies geschah jedoch nicht.
Statt in eigenem Angriff die gegnerische Stellung zu nehmen, ließ man sich
lieber drücken und drängen, um endlich zu gänzlich unzureichenden Aushilfen zu
greifen, die, weil zu spät, wirkungslos blieben, weil zu unbedeutend, auch
noch leicht abzulehnen waren. So blieb in Wahrheit alles beim alten, nur die
Unzufriedenheit war größer als vorher.
Gleich einer drohenden Gewitterwolke hing schon damals die „freie
Gewerkschaft" über dem politischen Horizont und über dem Dasein des einzelnen.
Sie war eines jener fürchterlichen Terrorinstrumente gegen die Sicherheit und
Unabhängigkeit der nationalen Wirtschaft, die Festigkeit des Staates und die
Freiheit der Person.
Sie war es vor allem, die den Begriff der Demokratie zu einer
widerlichlächerlichen Phrase machte, die Freiheit schändete und die
Brüderlichkeit in dem Satze „Und willst du nicht Genosse sein, so schlagen wir
dir den Schädel ein" unsterblich verhöhnte.
So lernte ich damals diese Menschheitsfreundin kennen. Im Laufe der Jahre hat
sich meine Anschauung über sie erweitert und vertieft, zu ändern brauchte ich
sie nicht.
Je mehr ich Einblick in das äußere Wesen der Sozialdemokratie erhielt, um so
größer wurde die Sehnsucht, den inneren Kern dieser Lehre zu erfassen.
Die offizielle Parteiliteratur konnte hierbei freilich nur wenig nützen. Sie
ist, soweit es sich um wirtschaftliche Fragen handelt, unrichtig in Behauptung
und Beweis; soweit die politischen Ziele behandelt werden, verlogen. Dazu kam,
daß ich mich besonders von der neueren rabulistischen Ausdrucksweise und der
Art der Darstellung innerlich abgestoßen fühlte. Mit einem ungeheueren Aufwand
von Worten unklaren Inhalts oder unverständlicher Bedeutung werden da Sätze
zusammengestammelt, die ebenso geistreich sein sollen, wie sie sinnlos sind.
Nur die Dekadenz unserer GroßstadtbohPme mag sich in diesem Irrgarten der
Vernunft wohlig zu Hause fühlen, um aus dem Mist dieses literarischen
Dadaismus „inneres Erleben" herauszuklau ben, unterstützt von der
sprichwörtlichen Bescheidenheit eines Teiles unseres Volkes, die im persönlich
Unverständlichsten immer um so tiefere Weisheit wittert.
Allein, indem ich so theoretische Unwahrheiten und Unsinn dieser Lehre abwog
mit der Wirklichkeit ihrer Erscheinung, bekam ich allmählich ein klares Bild
ihres inneren Wollens.
In solchen Stunden beschlichen mich trübe Ahnungen und böse Furcht. Ich sah
dann eine Lehre vor mir, bestehend aus Egoismus und Haß, die nach
mathematischen Gesetzen zum Siege führen kann, der Menschheit aber damit auch
das Ende bringen muß.
Ich hatte ja unterdessen den Zusammenhang zwischen dieser Lehre der Zerstörung
und dem Wesen eines Volkes verstehen gelernt, das mir bis dahin so gut wie
unbekannt war.
Nur die Kenntnis des Judentums allein bietet den Schlüssel zum Erfassen der
inneren und damit wirklichen Absichten der Sozialdemokratie.
Wer diese Volk kennt, dem sinken die Schleier irriger Vorstellungen über Ziel
und Sinn dieser Partei vom Auge, und aus dem Dunst und Nebel sozialer Phrasen
erhebt sich grinsend die Fratze des Marxismus.
Es ist für mich heute schwer, wenn nicht unmöglich, zu sagen, wann mir zum
ersten Mal das Wort „Jude" An laß zu besonderen Gedanken gab. Im väterlichen
Hause erinnere ich mich überhaupt nicht, zu Lebzeiten des Vaters das Wort auch
nur gehört zu haben. Ich glaube, der alte Herr würde schon in der besonderen
Betonung dieser Bezeichnung eine kulturelle Rückständigkeit erblickt haben. Er
war im Laufe seines Lebens zu mehr oder minder weltbürgerlichen Anschauungen
gelangt, die sich bei schroffster nationaler Gesinnung nicht nur erhalten
hatten, sondern auch auf mich abfärbten.
Auch in der Schule fand sich keine Veranlassung, die bei mir zu einer
Veränderung diese übernommenen Bildes hätte führen können.
In der Realschule lernte ich wohl einen jüdischen Knaben kennen, der von uns
allen mit Vorsicht behandelt wurde, jedoch nur, weil wir ihm in bezug auf
seine Schweigsamkeit, durch verschiedene Erfahrungen gewitzigt, nicht
sonderlich vertrauten; irgendein Gedanke kam mir dabei so wenig wie den
anderen.
Erst in meinem vierzehnten bis fünfzehnten Jahre stieß ich öfters auf das Wort
Jude, zum Teil im Zusammen hange mit politischen Gesprächen. Ich empfand
dagegen eine leichte Abneigung und konnte mich eines unangenehmen Gefühls
nicht erwehren, das mich immer beschlich, wenn konfessionelle Stänkereien vor
mir ausgetragen wurden.
Als etwas anderes sah ich aber damals die Frage nicht an.
Linz besaß nur sehr wenig Juden. Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich ihr
Äußeres europäisiert und war menschlich geworden; ja, ich hielt sie sogar für
Deutsche. Der Unsinn dieser Einbildung war mir wenig klar, weil ich das
einzige Unterscheidungsmerkmal ja nur in der fremden Konfession erblickte. Daß
sie deshalb verfolgt worden waren, wie ich glaubte, ließ manchmal meine
Abneigung gegenüber ungünstigen Äußerungen über sie fast zum Abscheu werden.
Vom Vorhandensein einer planmäßigen Judengegner schaft ahnte ich überhaupt
noch nichts.
So kam ich nach Wien.
Befangen von der Fülle der Eindrücke auf architektonischem Gebiete,
niedergedrückt von der Schwere des eigenen Loses, besaß ich in der ersten Zeit
keinen Blick für die innere Schichtung des Volkes in der Riesenstadt. Trotzdem
Wien in diesen Jahren schon nahe an die zweihunderttausend Juden unter seinen
zwei Millionen Menschen zählte, sah ich diese nicht. Mein Auge und mein Sinn
waren dem Einstürmen so vieler Werte und Gedanken in den ersten Wochen noch
nicht gewachsen. Erst als allmählich die Ruhe wiederkehrte und sich das
aufgeregte Bild zu klären begann, sah ich mich in meiner neuen Welt
gründlicher um und stieß nun auch auf die Judenfrage.
Ich will nicht behaupten, daß die Art und Weise, in der ich sie kennenlernen
sollte, mir besonders angenehm erschien. Noch sah ich im Juden nur die
Konfession und hielt deshalb aus Gründen menschlicher Toleranz die Ablehnung
religiöser Bekämpfung auch in diesem Falle aufrecht. So erschien mir der Ton,
vor allem der, den die antisemitische Wiener Presse anschlug, unwürdig der
kulturellen Überlieferung eines großen Volkes. Mich bedrückte die Erinnerung
an gewisse Vorgänge des Mittelalters, die ich nicht gerne wiederholt sehen
wollte. Da die betref fenden Zeitungen allgemein als nicht hervorragend galten
– woher dies kam, wußte ich damals selber nicht genau –, sah ich in ihnen mehr
die Produkte ärgerlichen Neides als Ergebnisse einer grundsätzlichen, wenn
auch falschen Anschauung überhaupt.
Bestärkt wurde ich in dieser meiner Meinung durch die, wie mir schien,
unendlich würdigere Form, in der die wirklich große Presse auf all diese
Angriffe antwortete oder sie, was mir noch dankenswerter vorkam, gar nicht
erwähnte, sondern einfach totschwieg.
Ich las eifrig die sogenannte Weltpresse („Neue Freie Presse", „Wiener
Tagblatt" usw.) und erstaunte über den Umfang des in ihr dem Leser Gebotenen
sowie über die Objektivität der Darstellung im einzelnen. Ich würdigte den
vornehmen Ton und war eigentlich nur von der Überschwenglichkeit des Stils
manches Mal innerlich nicht recht befriedigt oder selbst unangenehm berührt.
Doch mochte dies im Schwunge der ganzen Weltstadt liegen.
Da ich Wien damals für eine solche hielt, glaubte ich diese mir selbst
gegebene Erklärung wohl aus Entschuldigung gelten lassen zu dürfen.
Was mich aber wiederholt abstieß, war die unwürdige Form, in der diese Presse
den Hof umbuhlte. Es gab kaum ein Ereignis in der Hofburg, das da nicht dem
Leser entweder in Tönen verzückter Begeisterung oder klagender
Betroffenheit mitgeteilt wurde, ein Getue, das besonders, wenn es sich um den
„weisesten Monarchen" aller Zeiten selber handelte, fast dem Balzen eines
Auerhahnes glich.
Mir schien die Sache gemacht.
Damit erhielt die liberale Demokratie in meinen Augen Flecken.
Um die Gunst dieses Hofes buhlen und in so unanständigen Formen, hieß die
Würde der Nation preisgeben.
Dies war der erste Schatten, der mein geistiges Ver hältnis zur „großen"
Wiener Presse trüben sollte.
Wie vorher schon immer, verfolgte ich auch in Wien alle Ereignisse in
Deutschland mit größtem Feuereifer, ganz gleich, ob es sich dabei um
politische oder kulturelle Fragen handeln mochte. In stolzer Bewunderung
verglich ich den Aufstieg des Reiches mit dem Dahinsiechen des
österreichischen Staates. Wenn aber die außenpolitischen Vorgänge meist
ungeteilte Freude erregten, dann die nicht so erfreulichen des
innerpolitischen Lebens oft trübe Bekümmernis. Der Kampf, der zu dieser Zeit
gegen Wilhelm II. geführt wurde, fand damals nicht meine Billigung. Ich sah in
ihm nicht nur den Deutschen Kaiser, sondern in erster Linie den Schöpfer einer
deutschen Flotte. Die Redeverbote, die dem Kaiser vom Reichstag auferlegt
wurden, ärgerten mich deshalb so außerordentlich, weil sie von einer Stelle
ausgingen, die in meinen Augen dazu aber auch wirklich keine Veranlassung
besaß, sintemalen doch in einer einzigen Sitzungsperiode diese
parlamentarischen Gänseriche mehr Unsinn zusammenschnatterten, als dies einer
ganzen Dynastie von Kaisern in Jahrhunderten, eingerechnet ihre
allerschwächsten Nummern, je gelingen konnte.
Ich war empört, daß in einem Staat, in dem jeder Halb narr nicht nur das Wort
zu seiner Kritik für sich in Anspruch nahm, ja im Reichstag sogar als
„Gesetzgeber" auf die Nation losgelassen wurde, der Träger der Kaiserkrone von
der seichtesten Schwätzerinstitution aller Zeiten „Verweise" erhalten konnte.
Ich war aber noch mehr entrüstet, daß die gleiche Wiener Presse, die doch vor
dem letzten Hofgaul noch die ehrerbietigste Verbeugung riß und über ein
zufälliges Schweifwedeln außer Rand und Band geriet, nun mit scheinbar
besorgter Miene, aber, wie mir schien, schlecht verhehlter Boshaftigkeit ihren
Bedenken gegen den Deutschen Kaiser Ausdruck verlieh. Es läge ihr ferne, sich
etwa in die Verhältnisse des Deutschen Reiches einmischen zu wollen – nein,
Gott bewahre –, aber indem man in so freundschaftlicher Weise die Finger auf
diese Wunden lege, erfülle man ebensosehr die Pflicht, die der Geist des
gegenseitigen Bündnisses auferlege, wie man umgekehrt auch der
journalistischen Wahrheit genüge usw. Und nun bohrte dann dieser Finger in der
Wunde nach Herzenslust herum.
Mir schoß in solchen Fällen das Blut in den Kopf.
Das war es, was mich die große Presse schon nach und nach vorsichtiger
betrachten ließ.
Daß eine der antisemitischen Zeitungen, das „Deutsche Volksblatt", anläßlich
einer solchen Angelegenheit sich anständiger verhielt, mußte ich einmal
anerkennen.
Was mir weiter auf die Nerven ging, war der doch widerliche Kult, den die
große Presse schon damals mit Frankreich trieb. Man mußte sich geradezu
schämen, Deutscher zu sein, wenn man diese süßlichen Lobeshymnen auf die
„große Kulturnation" zu Gesicht bekam. Dieses erbärmliche Französeln ließ mich
öfter als einmal eine dieser „Weltzeitungen" aus der Hand legen. Ich griff nun
überhaupt manchmal nach dem „Volksblatt", das mir freilich viel kleiner, aber
in diesen Dingen etwas reinlicher vorkam. Mit dem scharfen antisemitischen
Tone war ich nicht einverstanden, allein ich las auch hin und wieder
Begründungen, die mir einiges Nachdenken verursachten.
Jedenfalls lernte ich aus solchen Anlässen langsam den Mann und die Bewegung
kennen, die damals Wiens Schicksal bestimmten: Dr. Karl Lueger und die
christlichsoziale Partei.
Als ich nach Wien kam, stand ich beiden feindselig gegenüber.
Der Mann und die Bewegung galten in meinen Augen als „reaktionär".
Das gewöhnliche Gerechtigkeitsgefühl aber mußte dieses Urteil in eben dem Maße
abändern, in dem ich Gelegen heit erhielt, Mann und Werk kennenzulernen; und
lang sam wuchs die gerechte Beurteilung zur unverhohlenen Bewunderung. Heute
sehe ich in dem Manne mehr noch als früher den gewaltigsten deutschen
Bürgermeister aller Zeiten.
Wie viele meiner vorsätzlichen Anschauungen wurden aber durch eine solche
Änderung meiner Stellungnahme zur christlichsozialen Bewegung umgeworfen!
Wenn dadurch langsam auch meine Ansichten in bezug auf den Antisemitismus dem
Wechsel der Zeit unterlagen, dann war dies wohl meine schwerste Wandlung
überhaupt.
Sie hat mir die meisten inneren seelischen Kämpfe gekostet, und erst nach
monatelangem Ringen zwischen Verstand und Gefühl begann der Sieg sich auf die
Seite des Verstandes zu schlagen. Zwei Jahre später war das Ge fühl dem
Verstande gefolgt, um von nun an dessen treuester Wächter und Warner zu sein.
In der Zeit dieses bitteren Ringens zwischen seelischer Erziehung und kalter
Vernunft hatte mir der Anschauungsunterricht der Wiener Straße unschätzbare
Dienste geleistet. Es kam die Zeit, da ich nicht mehr wie in den ersten Tagen
blind durch die mächtige Stadt wandelte, sondern mit offenem Auge außer den
Bauten auch die Menschen besah.
Als ich einmal so durch die innere Stadt strich, stieß ich plötzlich auf eine
Erscheinung in langem Kaftan mit schwarzen Locken.
Ist dies auch ein Jude? war mein erster Gedanke.
So sahen sie freilich in Linz nicht aus. Ich beobachtete den Mann verstohlen
und vorsichtig, allein je länger ich in dieses fremde Gesicht starrte und
forschend Zug um Zug prüfte, um so mehr wandelte sich in meinem Gehirn die
erste Frage zu einer anderen Frage:
Ist dies auch ein Deutscher?
Wie immer in solchen Fällen begann ich nun zu versuchen, mir die Zweifel durch
Bücher zu beheben. Ich kaufte mir damals um wenige Heller die ersten
antisemitischen Broschüren meines Lebens. Sie gingen leider nur alle von dem
Standpunkt aus, daß im Prinzip der Leser wohl schon die Judenfrage bis zu
einem gewissen Grade mindestens kenne oder gar begreife. Endlich war die
Tonart meistens so, daß mir wieder Zweifel kamen infolge der zum Teil so
flachen und außerordentlich unwissenschaftlichen Beweisführung für die
Behauptung.
Ich wurde dann wieder rückfällig auf Wochen, ja einmal auf Monate hinaus.
Die Sache schien mir so ungeheuerlich, die Bezichtigung so maßlos zu sein, daß
ich, gequält von der Furcht, Unrecht zu tun, wieder ängstlich und unsicher
wurde.
Freilich daran, daß es sich hier nicht um Deutsche einer besonderen Konfession
handelte, sondern um ein Volk für sich, konnte auch ich nicht mehr gut
zweifeln; denn seit ich mich mit dieser Frage zu beschäftigen begonnen hatte,
auf den Juden erst einmal aufmerksam wurde, erschien mir Wien in einem anderen
Lichte als vorher. Wo immer ich ging, sah ich nun Juden, und je mehr ich sah,
um so schär fer sonderten sie sich für das Auge von den anderen Menschen ab.
Besonders die innere Stadt und die Bezirke nördlich des Donaukanals wimmelten
von einem Volke, das schon äußerlich eine Ähnlichkeit mit dem deutschen nicht
mehr besaß.
Aber wenn ich daran noch gezweifelt hätte, so wurde das Schwanken endgültig
behoben durch die Stellungnahme eines Teiles der Juden selber.
Eine große Bewegung unter ihnen, die in Wien nicht wenig umfangreich war, trat
auf das schärfste für die Bestätigung des völkischen Charakters der
Judenschaft ein: der Zionismus.
Wohl hatte es den Anschein, als ob nur ein Teil der Juden diese Stellungnahme
billigen würde, die große Mehrheit aber eine solche Festlegung verurteile, ja
inner lich ablehne. Bei näherem Hinsehen zerflatterte aber dieser Anschein in
einen üblen Dunst von aus reinen Zweckmäßigkeitsgründen vorgebrachten
Ausreden, um nicht zu sagen Lügen. Denn das sogenannte Judentum liberaler
Denkart lehnte ja die Zionisten nicht als Nichtjuden ab, sondern nur als Juden
von einem unpraktischen, ja viel leicht sogar gefährlichen öffentlichen
Bekenntnis zu ihrem Judentum.
An ihrer inneren Zusammengehörigkeit änderte sich gar nichts.
Dieser scheinbare Kampf zwischen zionistischen und liberalen Juden ekelte mich
in kurzer Zeit schon an; war er doch durch und durch unwahr, mithin verlogen
und dann aber wenig passend zu der immer behaupteten sittlichen Höhe und
Reinheit dieses Volkes.
Überhaupt war die sittliche und sonstige Reinlichkeit dieses Volkes ein Punkt
für sich. Daß es sich hier um keine Wasserliebhaber handelte, konnte man ihnen
ja schon am Äußeren ansehen, leider sehr oft sogar bei geschlossenem Auge. Mir
wurde bei dem Geruche dieser Kaftanträger später manchmal übel. Dazu kam noch
die unsaubere Kleidung und die wenig heldische Erscheinung.
Dies alles konnte schon nicht sehr anziehend wirken; abgestoßen mußte man aber
werden, wenn man über die körperliche Unsauberkeit hinaus plötzlich die
moralischen Schmutzflecken des auserwählten Volkes entdeckte.
Nichts hatte mich in kurzer Zeit so nachdenklich gestimmt als die langsam
aufsteigende Einsicht in die Art der Betätigung der Juden auf gewissen
Gebieten.
Gab es denn da einen Unrat, eine Schamlosigkeit in irgendeiner Form, vor allem
des kulturellen Lebens, an der nicht wenigstens ein Jude beteiligt gewesen
wäre?
Sowie man nur vorsichtig in eine solche Geschwulst hineinschnitt, fand man,
wie die Made im faulenden Leibe, oft ganz geblendet vom plötzlichen Lichte,
ein Jüdlein.
Es war eine schwere Belastung, die das Judentum in meinen Augen erhielt, als
ich seine Tätigkeit in der Presse, in Kunst, Literatur und Theater
kennenlernte. Da konnten nun alle salbungsvollen Beteuerungen wenig oder
nichts mehr nützen. Es genügte schon, eine der Anschlagsäulen zu betrachten,
die Namen der geistigen Erzeuger dieser gräßlichen Machwerke für Kino und
Theater, die da angepriesen wurden, zu studieren, um auf längere Zeit hart zu
werden. Das war Pestilenz, geistige Pestilenz, schlimmer als der schwarze Tod
von einst, mit der man da das Volk infizierte. Und in welcher Menge dabei
dieses Gift erzeugt und verbreitet wurde! Natürlich, je niedriger das geistige
und sittliche Niveau eines solchen Kunstfabrikanten ist, um so unbegrenzter
aber seine Fruchtbarkeit, bis so ein Bursche schon mehr wie eine
Schleudermaschine seinen Unrat der anderen Menschheit ins Antlitz spritzt.
Dabei bedenke man noch die Unbegrenztheit ihrer Zahl; man bedenke, daß auf
einen Goethe die Natur immer noch leicht zehntau send solcher Schmierer der
Mitwelt in den Pelz setzt, die nun als Bazillenträger schlimmster Art die
Seelen vergiften.
Es war entsetzlich, aber nicht zu übersehen, daß gerade der Jude in
überreichlicher Anzahl von der Natur zu dieser schmachvollen Bestimmung
auserlesen schien.
Sollte seine Auserwähltheit darin zu suchen sein?
Ich begann damals sorgfältig die Namen all der Er zeuger dieser unsauberen
Produkte des öffentlichen Kunstlebens zu prüfen. Das Ergebnis war ein immer
böseres für meine bisherige Haltung der Juden gegenüber. Mochte sich da das
Gefühl auch noch tausendmal sträuben, der Verstand mußte seine Schlüsse
ziehen.
Die Tatsache, daß neun Zehntel alles literarischen Schmutzes, künstlerischen
Kitsches und theatralischen Blödsinns auf das Schuldkonto eines Volkes zu
schreiben sind, das kaum ein Hundertstel aller Einwohner im Lande be trägt,
ließ sich einfach nicht wegleugnen; es war eben so.
Auch meine liebe „Weltpresse" begann ich nun von solchen Gesichtspunkten aus
zu prüfen.
Je gründlicher ich aber hier die Sonde anlegte, um so mehr schrumpfte der
Gegenstand meiner einstigen Bewunderung zusammen. Der Stil war immer
unerträglicher, den Inhalt mußte ich als innerlich seicht und flach ab lehnen,
die Objektivität der Darstellung schien mir nun mehr Lüge zu sein als ehrliche
Wahrheit; die Verfasser aber waren – Juden.
Tausend Dinge, die ich früher kaum gesehen, fielen mir nun als bemerkenswert
auf, andere wieder, die mir schon einst zu denken gaben, lernte ich begreifen
und verstehen.
Die liberale Gesinnung dieser Presse sah ich nun in einem anderen Lichte, ihr
vornehmer Ton im Beantworten von Angriffen sowie das Totschweigen derselben
enthüllte sich mir jetzt als ebenso kluger wie niederträchtiger Trick; ihre
verklärt geschriebenen Theaterkritiken galten immer dem jüdischen Verfasser,
und nie traf ihre Ablehnung jemand anderen als den Deutschen. Das leise
Sticheln gegen Wilhelm II. ließ in der Beharrlichkeit die Methode erkennen,
genau so wie das Empfehlen französischer Kultur und Zivilisation. Der
kitschige Inhalt der Novelle wurde nun zur Unanständigkeit, und aus der
Sprache vernahm ich Laute eines fremden Volkes; der Sinn des Ganzen aber war
dem Deutschtum so ersichtlich abträglich, daß dies nur gewollt sein konnte.
Wer aber besaß daran ein Interesse?
War dies alles nur Zufall?
So wurde ich langsam unsicher.
Beschleunigt wurde die Entwicklung aber durch Einblicke, die ich in eine Reihe
anderer Vorgänge erhielt. Es war dies die allgemeine Auffassung von Sitte und
Moral, wie man sie von einem großen Teil des Judentums ganz offen zur Schau
getragen und betätigt sehen konnte.
Hier bot wieder die Straße einen manchmal wahrhaft bösen
Anschauungsunterricht.
Das Verhältnis des Judentums zur Prostitution und mehr noch zum Mädchenhandel
selber konnte man in Wien studieren wie wohl in keiner sonstigen
westeuropäischen Stadt, südfranzösische Hafenorte vielleicht ausgenommen. Wenn
man abends so durch die Straßen und Gassen der Leopoldstadt lief, wurde man
auf Schritt und Tritt, ob man wollte oder nicht, Zeuge von Vorgängen, die dem
Großteil des deutschen Volkes verborgen geblieben waren, bis der Krieg den
Kämpfern an der Ostfront Gelegenheit gab, Ähnliches ansehen zu können, besser
gesagt, ansehen zu müssen.
Als ich zum ersten Male den Juden in solcher Weise als den ebenso eisig kalten
wie schamlos geschäftstüchtigen Dirigenten dieses empörenden Lasterbetriebes
des Auswurfes der Großstadt erkannte, lief mir ein leichtes Frö steln über den
Rücken.
Dann aber flammte es auf.
Nun wich ich der Erörterung der Judenfrage mich nicht mehr aus, nein, nun
wollte ich sie. Wie ich aber so in allen Richtungen des kulturellen und
künstlerischen Lebens und seinen verschiedenen Äußerungen nach dem Juden
suchen lernte, stieß ich plötzlich an einer Stelle auf ihn, an der ich ihn am
wenigsten vermutet hätte.
Indem ich den Juden als Führer der Sozialdemokratie erkannte, begann es mir
wie Schuppen von den Augen zu fallen. Ein langer innerer Seelenkampf fand
damit seinen Abschluß.
Schon im tagtäglichen Verkehr mit meinen Arbeitsgenossen fiel mir die
erstaunliche Wandlungsfähigkeit auf, mit der sie zu einer gleichen Frage
verschiedene Stellungen einnahmen, manchmal in einem Zeitraume von wenigen
Tagen, oft auch nur wenigen Stunden. Ich konnte schwer verstehen, wie
Menschen, die, allein gesprochen, immer noch vernünftige Anschauungen besaßen,
diese plötzlich verloren, sowie sie in den Bannkreis der Masse gelangten. Es
war oft zum Verzweifeln. Wenn ich nach stundenlangem Zureden schon überzeugt
war, dieses Mal endlich das Eis gebrochen oder einen Unsinn aufgeklärt zu
haben und mich schon des Erfolges herzlich freute, dann mußte ich zu meinem
Jammer am nächsten Tage wieder von vorne begin nen; es war alles umsonst
gewesen. Wie ein ewiges Pen del schien der Wahnsinn ihrer Anschauungen immer
von neuem zurückzuschlagen.
Alles vermochte ich dabei noch zu begreifen: daß sie mit ihrem Lose
unzufrieden waren, das Schicksal verdammten, welches sie oft so herbe schlug;
die Unternehmer haßten, die ihnen als herzlose Zwangsvollstrecker dieses
Schicksals erschienen; auf die Behörden schimpften, die in ihren Augen kein
Gefühl für die Lage besaßen; daß sie gegen Lebens
Der Jude als Führer der Sozialdemokratie 65
mittelpreise demonstrierten und für ihre Forderungen auf die Straße zogen,
alles dies konnte man mit Rücksicht auf Vernunft mindestens noch verstehen.
Was aber unverständlich bleiben mußte, war der grenzenlose Haß, mit dem sie
ihr eigenes Volkstum belegten, die Größe desselben schmähten, seine Geschichte
verunreinigten und große Männer in die Gosse zogen.
Dieser Kampf gegen die eigene Art, das eigene Nest, die eigene Heimat war
ebenso sinnlos wie unbegreiflich. Das war unnatürlich.
Man konnte sie von diesem Laster vorübergehend heilen, jedoch nur auf Tage,
höchstens Wochen. Traf man aber später den vermeintlich Bekehrten, dann war er
wieder der alte geworden.
Die Unnatur hatte ihn wieder in ihrem Besitze.
Daß die sozialdemokratische Presse überwiegend von Juden geleitet war, lernte
ich allmählich kennen; allein, ich schrieb diesem Umstande keine besondere
Bedeutung zu, lagen doch die Verhältnisse bei den anderen Zeitungen genau so.
Nur eines war vielleicht auffallend: es gab nicht ein Blatt, bei dem sich
Juden befanden, das als wirklich national angesprochen hätte werden können, so
wie dies in der Linie meiner Erziehung und Auffassung ge legen war.
Da ich mich nun überwand und diese Art von marxistischen Presseerzeugnissen zu
lesen versuchte, die Abneigung aber in eben diesem Maße ins Unendliche wuchs,
suchte ich nun auch die Fabrikanten dieser zusammengefaßten Schurkereien näher
kennenzulernen.
Es waren, vom Herausgeber angefangen, lauter Juden.
Ich nahm die mir irgendwie erreichbaren sozialdemokratischen Broschüren und
suchte die Namen ihrer Verfasser: Juden. Ich merkte mir die Namen fast aller
Führer; es waren zum weitaus größten Teil ebenfalls Angehörige des
„auserwählten Volkes", mochte es sich dabei um die Vertreter im Reichsrat
handeln oder um die Sekretäre der Gewerkschaften, die Vorsitzenden der
Organisationen oder die Agitatoren der Straße. Es ergab sich immer das gleiche
unheimliche Bild. Die Namen der Austerlitz, David, Adler, Ellenbogen usw.
werden mir ewig in Erinnerung bleiben. Das eine war mir nun klar geworden: die
Partei, mit deren kleinen Vertretern ich seit Monaten den heftigsten Kampf
auszufechten hatte, lag in ihrer Führung fast ausschließlich in den Händen
eines fremden Volkes; denn daß der Jude kein Deutscher war, wußte ich zu
meiner inneren glücklichen Zufriedenheit schon endgültig.
Nun aber erst lernte ich den Verführer unseres Volkes ganz kennen.
Schon ein Jahr meines Wiener Aufenthaltes hatte ge nügt, um mir die
Überzeugung beizubringen, daß kein Arbeiter so verbohrt sein konnte, als daß
er nicht besserem Wissen und besserer Erklärung erlegen wäre. Ich war langsam
Kenner ihrer eigenen Lehre geworden und verwendete sie als Waffe im Kampfe für
meine innere Überzeugung.
Fast immer legte sich nun der Erfolg auf meine Seite.
Die große Masse war zu retten, wenn auch nur nach schwersten Opfern an Zeit
und Geduld.
Niemals aber war ein Jude von seiner Anschauung zu befreien.
Ich war damals noch kindlich genug, ihnen den Wahn sinn ihrer Lehre klarmachen
zu wollen, redete mir in meinem kleinen Kreise die Zunge wund und die Kehle
heiser, und vermeinte, es müßte mir gelingen, sie von der Verderblichkeit
ihres marxistischen Irrsinns zu überzeugen; allein dann erreichte ich erst
recht nur das Gegenteil. Es schien, als ob die steigende Einsicht von der
vernichtenden Wirkung sozialdemokratischer Theorien und ihrer Erfüllung nur
zur Verstärkung ihrer Entschlossenheit dienen würde.
Je mehr ich dann so mit ihnen stritt, um so mehr lernte ich ihre Dialektik
kennen. Erst rechneten sie mit der Dummheit ihres Gegners, um dann, wenn sich
ein Ausweg nicht mehr fand, sich selber einfach dumm zu stellen. Nützte alles
nichts, so verstanden sie nicht recht oder sprangen, gestellt, augenblicklich
auf ein anderes Gebiet über, brachten nun Selbstverständlichkeiten, deren
Annahme sie aber sofort wieder auf wesentlich andere Stoffe bezogen, um nun,
wieder angefaßt, auszuweichen und nichts Genaues zu wissen. Wo immer man so
einen Apostel angriff, umschloß die Hand qualligen Schleim; das quoll einem
geteilt durch die Finger, um sich im nächsten Moment schon wieder
zusammenzuschließen. Schlug man aber einen wirklich so vernichtend, daß er,
von der Umgebung beobachtet, nicht mehr anders als zustimmen konnte, und
glaubte man, so wenigstens einen Schritt vorwärtsgekommen zu sein, so war das
Erstaunen am nächsten Tag groß. Der Jude wußte nun von gestern nicht mehr das
geringste, erzählte seinen alten Unfug wieder weiter, als ob überhaupt nichts
vorgefallen wäre, und tat, empört zur Rede gestellt, erstaunt, konnte sich an
rein gar nichts erinnern, außer an die doch schon am Vortage bewiesene
Richtigkeit seiner Behauptungen.
Ich stand manches Mal starr da.
Man wußte nicht, was man mehr bestaunen sollte, ihre Zungenfertigkeit oder
ihre Kunst der Lüge.
Ich begann sie allmählich zu hassen.
Dies alles hatte nun das eine Gute, daß in eben dem Umfange, in dem mir die
eigentlichen Träger oder wenigstens die Verbreiter der Sozialdemokratie ins
Auge fielen, die Liebe zu meinem Volke wachsen mußte. Wer konnte auch bei der
teuflischen Gewandtheit dieser Verführer das unselige Opfer verfluchen? Wie
schwer war es doch mir selber, der dialektischen Verlogenheit dieser Rasse
Herr zu werden! Wie vergeblich aber war ein solcher Erfolg bei Menschen, die
die Wahrheit im Munde verdrehen, das soeben gesprochene Wort glatt verleugnen,
um es schon in der nächsten Minute für sich selbst in Anspruch zu nehmen!
Nein. Je mehr ich den Juden kennenlernte, um so mehr mußte ich dem Arbeiter
verzeihen.
Die schwerste Schuld lag nun in meinen Augen nicht mehr bei ihm, sondern bei
all denen, die es nicht der Mühe wert fanden, sich seiner zu erbarmen, in
eiserner Gerechtigkeit dem Sohne des Volkes zu geben, was ihm gebührt, den
Verführer und Verderber aber an die Wand zu schlagen.
Von der Erfahrung des täglichen Lebens angeregt, be gann ich nunmehr, den
Quellen der marxistischen Lehre selber nachzuspüren. Ihr Wirken war mir im
einzelnen klar geworden, der Erfolg davon zeigte sich mir täglich vor dem
aufmerksamen Blick, die Folgen vermochte ich bei einiger Phantasie mir
auszumalen. Die Frage war nur noch, ob den Begründern das Ergebnis ihrer
Schöpfung, schon in seiner letzten Form gesehen, vorschwebte, oder ob sie
selber das Opfer eines Irrtums wurden.
Beides war nach meinem Empfinden möglich.
Im einen Falle war es Pflicht eines jeden denkenden Menschen, sich in die
Front der unseligen Bewegung zu drängen, um so vielleicht doch das Äußerste zu
verhin dern, im anderen aber mußten die einstigen Urheber dieser
Völkerkrankheit wahre Teufel gewesen sein; denn nur in dem Gehirne eines
Ungeheuers – nicht eines Menschen – konnte dann der Plan zu einer Organisation
sinnvolle Gestalt annehmen, deren Tätigkeit als Schlußergebnis zum
Zusammenbruch der menschlichen Kultur und damit zur Verödung der Welt führen
muß.
In diesem Falle blieb als letzte Rettung noch der Kampf, der Kampf mit allen
Waffen, die menschlicher Geist, Verstand und Wille zu erfassen vermögen, ganz
gleich, wem das Schicksal dann seinen Segen in die Waagschale senkt.
So begann ich nun, mich mit den Begründern dieser Lehre vertraut zu machen, um
so die Grundlagen der Bewegung zu studieren. Daß ich hier schneller zum Ziele
kam, als ich vielleicht erst selber zu denken wagte, hatte ich allein meiner
nun gewonnenen, wenn auch damals noch wenig vertieften Kenntnis der Judenfrage
zu danken. Sie allein ermöglichte mir den praktischen Vergleich der
Wirklichkeit mit dem theoretischen Geflunker der Gründungsapostel der
Sozialdemokratie, da sie mich die Sprache des jüdischen Volkes verstehen
gelehrt hatte; das redet, um die Gedanken zu verbergen oder mindestens zu
verschleiern; und sein wirkliches Ziel ist mithin nicht in den Zeilen zu
finden, sondern schlummert wohlverborgen zwischen ihnen.
Es war für mich die Zeit der größten Umwälzung gekommen, die ich im Inneren
jemals durchzumachen hatte.
Ich war vom schwächlichen Weltbürger zum fanatischen Antisemiten geworden.
Nur einmal noch – es war das letztemal – kamen mir in tiefster Beklommenheit
ängstlich drückende Gedanken.
Als ich so durch lange Perioden menschlicher Geschichte das Wirken des
jüdischen Volkes forschend betrachtete, stieg mir plötzlich die bange Frage
auf, ob nicht doch vielleicht das unerforschliche Schicksal aus Gründen, die
uns armseligen Menschen unbekannt, den Endsieg dieses kleinen Volkes in ewig
unabänderlichem Beschlusse wünsche?
Sollte diesem Volke, das ewig nur auf dieser lebt, die Erde als Belohnung
zugesprochen sein?
Haben wir objektives Recht zum Kampf für unsere Selbsterhaltung, oder ist auch
dies nur subjektiv in uns begründet?
Indem ich mich in die Lehre des Marxismus vertiefte und so das Wirken des
jüdischen Volkes in ruhiger Klar heit einer Betrachtung unterzog, gab mir das
Schicksal selber seine Antwort.
Die jüdische Lehre des Marxismus lehnt das aristokratische Prinzip der Natur
ab und setzt an Stelle des ewigen Vorrechts der Kraft und Stärke die Masse der
Zahl und ihr totes Gewicht. Sie leugnet so im Menschen den Wert der Person,
bestreitet die Bedeutung von Volkstum und Rasse und entzieht der Menschheit
damit die Voraussetzung ihres Bestehens und ihrer Kultur. Sie würde als Grund
lage des Universums zum Ende jeder gedanklich für Menschen faßlichen Ordnung
führen. Und so wie in diesem größten erkennbaren Organismus nur Chaos das
Ergebnis der Anwendung eines solchen Gesetzes sein könnte, so auf der Erde für
die Bewohner dieses Sternes nur ihr eigener Untergang.
Siegt der Jude mit Hilfe seines marxistischen Glaubensbekenntnisses über die
Völker dieser Welt, dann wird seine
70 Marxismus als Zerstörer der Kultur
Krone der Totentanz der Menschheit sein, dann wird dieser Planet wieder wie
einst vor Jahrmillionen menschenleer durch den Äther ziehen.
Die ewige Natur rächt unerbittlich die Übertretung ihrer Gebote.
So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen
Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des
Juden erwehre, kämpfe ich für
das Werk des Herrn.