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3. Kapitel
Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit
Ich bin heute der Überzeugung, daß der Mann sich im allgemeinen,
Fälle ganz besonderer Begabung ausgenommen, nicht vor seinem dreißigsten Jahre
in der Poli tik öffentlich betätigen soll. Er soll dies nicht, da ja bis in
diese Zeit hinein zumeist erst die Bildung einer allgemeinen Plattform
stattfindet, von der aus er nun die verschiedenen politischen Probleme prüft
und seine eigene Stellung zu ihnen endgültig festlegt. Erst nach dem Gewinnen
einer solchen grundlegenden Weltanschauung und der dadurch erreichten
Stetigkeit der eigenen Betrachtungsweise gegenüber den einzelnen Fragen des
Tages soll oder darf der nun wenigstens innerlich ausgereifte Mann sich an der
politischen Führung des Gemeinwesens beteiligen.
Ist dies anders, so läuft er Gefahr, eines Tages seine bisherige Stellung in
wesentlichen Fragen entweder ändern zu müssen oder wider sein besseres Wissen
und Erkennen bei einer Anschauung stehenzubleiben, die Verstand und
Überzeugung bereits längst ablehnen. Im ersteren Falle ist dies sehr peinlich
für ihn persönlich, da er nun, als selber schwankend, mit Recht nicht mehr
erwarten darf, daß der Glaube seiner Anhänger ihm in gleicher
unerschütterlicher Festigkeit gehöre wie vordem; für die von ihm Geführten
jedoch bedeutet ein solcher Umfall des Führers Ratlosigkeit sowie nicht selten
das Gefühl einer gewissen Beschämung den bisher von ihnen Bekämpften gegenüber.
Im zweiten Falle aber tritt ein, was wir besonders heute so oft sehen: in eben
dem Maße, in dem der Führer nicht mehr an das von ihm Gesagt glaubt, wird
seine Verteidigung hohl und flach, dafür aber gemein in der Wahl der Mittel.
Während er selber nicht mehr daran denkt, für seine politischen Offenbarungen
ernstlich einzutreten (man stirbt nicht für etwas, an das man selber nicht
glaubt), werden die Anforderungen an seine Anhänger jedoch in eben diesem
Verhältnis immer größer und unverschämter, bis er endlich den letzten Rest des
Führers opfert, um beim „Politiker" zu landen; das heißt bei jener Sorte von
Menschen, deren einzige wirkliche Gesinnung die Gesinnungslosigkeit ist,
gepaart mit frecher Aufdringlichkeit und einer oft schamlos entwickelten Kunst
der Lüge.
Kommt so ein Bursche dann zum Unglück der anständigen Menschheit auch noch in
ein Parlament, so soll man schon von Anfang an wissen, daß das Wesen der
Politik für ihn nur noch im heroischen Kampf um den dauernden Besitz dieser
Milchflasche seines Lebens und seiner Familie besteht. Je mehr dann Weib und
Kind an ihr hängen, um so zäher wird er für sein Mandat streiten. Jeder
sonstige Mensch mit politischen Instinkten ist damit allein schon sein
persönlicher Feind; in jeder neuen Bewegung wittert er den möglichen Beginn
seines Endes und in jedem größeren Manne die wahrscheinlich von diesem noch
ein mal drohende Gefahr.
Ich werde auf diese Sorte von Parlamentswanzen noch gründlich zu sprechen
kommen.
Auch der Dreißigjährige wird im Laufe seines Lebens noch vieles zu lernen
haben, allein es wird dies nur eine Ergänzung und Ausfüllung des Rahmens sein,
den die grundsätzlich angenommene Weltanschauung ihm vorlegt. Sein Lernen wird
kein prinzipielles Umlernen mehr sein, sondern ein Hinzulernen, und seine
Anhänger werden nicht das beklommene Gefühl hinunterwürgen müssen, von ihm
bisher falsch unterrichtet worden zu sein, sondern im Gegenteil: das
ersichtliche organische Wachsen des Führers wird ihnen Befriedigung gewähren,
da sein Lernen ja nur die Vertiefung ihrer eigenen Lehre bedeutet. Dies aber
ist in ihren Augen ein Beweis für die Richtigkeit ihrer bisherigen
Anschauungen.
Ein Führer, der die Plattform seiner allgemeinen Weltanschauung an sich, weil
als falsch erkannt, verlassen muß, handelt nur dann mit Anstand, wenn er in
der Erkenntnis seiner bisherigen fehlerhaften Einsicht die letzte Folgerung zu
ziehen bereit ist. Er muß in einem solchen Falle mindestens der öffentlichen
Ausübung einer weiteren politischen Betätigung entsagen. Denn da er schon
einmal in grundlegenden Erkenntnissen einem Irrtum verfiel, ist die
Möglichkeit auch ein zweites Mal gegeben. Auf keinen Fall aber hat er noch das
Recht, weiterhin das Vertrauen der Mitbürger in Anspruch zu nehmen oder gar
ein solches zu fordern.
Wie wenig nun allerdings heute einem solchen Anstand entsprochen wird, bezeugt
nur die allgemeine Verworfen heit des Packs, das sich zur Zeit berufen fühlt,
in Politik zu „machen".
Auserwählt dazu ist von ihnen kaum einer.
Ich hatte mich einst gehütet, irgendwie öffentlich aufzutreten, obwohl ich
glaube, mich mehr mit Politik beschäftigt zu haben als so viele andere. Nur im
kleinsten Kreise sprach ich von dem, was mich innerlich bewegte oder anzog.
Dieses Sprechen im engsten Rahmen hatte viel Gutes für sich: ich lernte so
wohl weniger „reden", dafür aber die Menschen in ihren oft unendlich
primitiven Anschauungen und Einwänden kennen. Dabei schulte ich mich, ohne
Zeit und Möglichkeit zu verlieren, zur eigenen Weiterbildung. Die Gelegenheit
dazu war sicher nirgends in Deutschland so günstig wie damals in Wien.
Das allgemeine politische Denken in der alten Donaumonarchie war zunächst
seinem Umfange nach größer und umspannender als im alten Deutschland der
gleichen Zeit – Teile von Preußen, Hamburg und die Küste der Nordsee
ausgenommen. Ich verstehe nun allerdings unter der Bezeichnung „Österreich" in
diesem Falle jenes Gebiet des großen Habsburgerreiches, das infolge seiner
deutschen Besiedelung in jeglicher Hinsicht nicht nur die historische
Veranlassung der Bildung dieses Staates überhaupt war, sondern das in seiner
Bevölkerung auch ausschließlich jene Kraft aufwies, die diesem politisch so
künstlichen Gebilde das innere kulturelle Leben auf viele Jahrhunderte zu
schenken vermochte. Je mehr die Zeit Fortschritt, um so mehr war Bestand und
Zukunft dieses Staates gerade von der Erhaltung dieser Keimzelle des Reiches
abhängig.
Waren die alten Erblande das Herz des Reiches, das immer wieder frisches Blut
in den Kreislauf des staat lichen und kulturellen Lebens trieb, dann aber war
Wien Gehirn und Wille zugleich.
Schon in ihrer äußeren Aufmachung durfte man dieser Stadt die Kraft
zusprechen, in einem solchen Völkerkonglomerat als einigende Königin zu
thronen, um so durch die Pracht der eigenen Schönheit die bösen
Alterserscheinungen des Gesamten vergessen zu lassen.
Mochte das Reich in seinem Inneren noch so heftig zucken unter den blutigen
Kämpfen der einzelnen Nationalitäten, das Ausland, und besonders Deutschland,
sah nur das liebenswürdige Bild dieser Stadt. Die Täuschung war um so größer,
als Wien in dieser Zeit vielleicht den letzten und größten sichtbaren
Aufschwung zu nehmen schien. Unter der Herrschaft eines wahrhaft genialen
Bürgermeisters erwachte die ehrwürdige Residenz der Kaiser des alten Reiches
noch einmal zu einem wundersamen jungen Leben. Der letzte große Deutsche, den
das Kolonistenvolk der Ostmark aus seinen Reihen gebar, zählte offiziell nicht
zu den sogenannten „Staatsmännern"; aber indem dieser Dr. Lueger als
Bürgermeister der „Reichshaupt und Residenzstadt" Wien eine unerhörte Leistung
nach der anderen auf, man darf sagen, allen Gebieten kommunaler Wirtschafts
und Kulturpolitik hervorzauberte, stärkte er das Herz des gesamten Reiches und
wurde über diesen Umweg zum größeren Staatsmann, als die sogenannten
„Diplomaten" es alle zusammen damals waren.
Wenn das Völkergebilde, „Österreich" genannt, endlich dennoch zugrunde ging,
dann spricht dies nicht im geringsten gegen die politische Fähigkeit des
Deutschtums in der alten Ostmark, sondern war das zwangsläufige Ergebnis der
Unmöglichkeit, mit zehn Millionen Menschen einen FünfzigMillionenStaat von
verschiedenen Nationen auf die Dauer halten zu können, wenn eben nicht ganz
bestimmte Voraussetzungen rechtzeitig gegeben wurden.
Der Deutschösterreicher dachte mehr als groß.
Er war immer gewohnt, im Rahmen eines großen Reiches zu leben und hatte das
Gefühl für die damit verbundenen Aufgaben nie verloren. Er war der einzige in
diesem Staate, der über die Grenzen des engeren Kron laubes hinaus noch die
Reichsgrenze sah; ja, als das Schicksal ihn schließlich vom gemeinsamen
Vaterlande trennen sollte, da versuchte er immer noch der ungeheuren Aufgabe
Herr zu werden und dem Deutschtum zu erhalten, was die Väter in unendlichen
Kämpfen dem Osten einst abgerungen hatten. Wobei noch zu bedenken ist, daß
dies nur noch mit geteilter Kraft geschehen konnte; denn Herz und Erinnerung
der Besten hörten niemals auf, für das gemeinsame Mutterland zu empfinden, und
nur ein Rest blieb der Heimat.
Schon der allgemeine Gesichtskreis des Deutschösterreichers war ein
verhältnismäßig weiter. Seine wirtschaftlichen Beziehungen umfaßten häufig
nahezu das ganze vielgestaltige Reich. Fast alle wirklich großen
Unternehmungen befanden sich in seinen Händen, das leitende Personal an
Technikern und Beamten ward zum größten Teil von ihm gestellt. Er war aber
auch der Träger des Außenhandels, soweit nicht das Judentum auf diese
ureigenste Domäne seine Hand gelegt hatte. Politisch hielt er allein noch den
Staat zusammen. Schon die Dienstzeit beim Heere war ihn über die engen Grenzen
der Heimat weit hinaus. Der deutschösterreichische Rekrut rückte wohl
vielleicht bei einem deutschen Regimente ein, allein das Regiment selber
konnte ebensogut in der Herzegowina liegen wie in Wien oder Galizien. Das
Offizierskorps war immer noch deutsch, das höhere Beamtentum vorherrschend.
Deutsch aber waren endlich Kunst und Wissenschaft. Abgesehen vom Kitsch der
neueren Kunstentwicklung, dessen Produktion allerdings auch einem Negervolke
ohne weiteres möglich sein dürfte, war der Besitzer und auch Verbreiter wahrer
Kunstgesinnung nur der Deutsche allein. In Musik, Baukunst, Bildhauerei und
Malerei war Wien der Brunnen, der in unerschöpflicher Fülle die ganze
Doppelmonarchie versorgte, ohne jemals selber sichtlich zu versiegen.
Das Deutschtum war endlich noch der Träger der gesamten Außenpolitik, wenn man
von den der Zahl nach wenigen Ungarn absieht.
Dennoch war jeder Versuch, dieses Reich zu erhalten, vergeblich, da die
wesentlichste Voraussetzung fehlte.
Für den österreichischen Völkerstaat gab es nur eine Möglichkeit, die
zentrifugalen Kräfte bei den einzelnen Nationen zu überwinden. Der Staat wurde
entweder zen tral regiert und damit aber auch ebenso innerlich organisiert,
oder er war überhaupt nicht denkbar.
In verschiedenen lichten Augenblicken kam diese Einsicht auch der
„Allerhöchsten" Stelle, um aber zumeist schon nach kurzer Zeit vergessen oder
als schwer durchführbar wieder beiseitegetan zu werden. Jeder Gedanke einer
mehr föderativen Ausgestaltung des Reiches mußte zwangs läufig infolge des
Fehlens einer starken staatlichen Keimzelle von überragender Macht
fehlschlagen. Dazu kamen noch die wesentlich anderen inneren Voraussetzungen
des österreichischen Staates gegenüber dem Deutschen Reiche Bismarckscher
Fassung. In Deutschland handelte es sich nur darum, politische Traditionen zu
überwinden, da kulturell eine gemeinsame Grundlage immer vorlag. Vor allem
besaß das Reich, von kleinen fremden Splittern abgesehen, nur Angehörige eines
Volkes.
In Österreich lagen die Verhältnisse umgekehrt.
Hier fiel die politische Erinnerung eigener Größe bei den einzelnen Ländern,
von Ungarn abgesehen, entweder ganz fort, oder sie war vom Schwamm der Zeit
gelöscht, mindestens aber verwischt und undeutlich. Dafür entwickelten sich
nun im Zeitalter des Nationalitätenprinzips in den verschiedenen Ländern
völkische Kräfte, deren Überwindung in eben dem Maße schwer werden mußte, als
sich am Rande der Monarchie Nationalstaaten zu bilden begannen, deren
Staatsvölker, rassisch mit den einzelnen österreichischen Volkssplittern
verwandt oder gleich, nunmehr ihrerseits mehr Anziehungskraft auszuüben
vermochten, als dies umgekehrt dem Deutschösterreicher noch möglich war.
Selbst Wien konnte auf die Dauer diesen Kampf nicht mehr bestehen.
Mit der Entwicklung von Budapest zur Großstadt hatte es zum ersten Male eine
Rivalin erhalten, deren Aufgabe nicht mehr die Zusammenfassung der
Gesamtmonarchie war, sondern vielmehr die Stärkung eines Teiles derselben. In
kurzer Zeit schon sollte Prag dem Beispiel folgen, dann Lemberg, Laibach usw.
Mit dem Aufstieg dieser einstmaligen Provinzstädte zu nationalen Hauptstädten
einzelner Länder bildeten sich nun auch Mittelpunkte für ein mehr und mehr
selbständiges Kulturleben derselben. Erst da durch aber erhielten die
völkischpolitischen Instinkte ihre geistige Grundlage und Vertiefung. Es mußte
so einmal der Zeitpunkt herannahen, da diese Triebkräfte der einzelnen Völker
mächtiger wurden als die Kraft der gemeinsamen Interessen, und dann war es um
Österreich geschehen.
Diese Entwicklung ließ sich seit dem Tode Josephs II. in ihrem Laufe sehr
deutlich feststellen. Ihre Schnelligkeit war von einer Reihe von Faktoren
abhängig, die zum Teil in der Monarchie selber lagen, zum anderen Teil aber
das Ergebnis der jeweiligen außenpolitischen Stellung des Reiches bildeten.
Wollte man den Kampf für die Erhaltung dieses Staates ernstlich aufnehmen und
durchfechten, dann konnte nur eine ebenso rücksichtslose wie beharrliche
Zentralisierung allein zum Ziele führen. Dann mußte aber vor allem durch die
prinzipielle Festlegung einer einheitlichen Staatssprache die rein formelle
Zusammengehörigkeit betont, der Verwaltung aber das technische Hilfsmittel in
die Hand gedrückt werden, ohne das ein einheitlicher Staat nun einmal nicht zu
bestehen vermag. Ebenso konnte nur dann auf die Dauer durch Schule und
Unterricht eine einheitliche Staatsgesinnung herangezüchtet werden. Dies war
nicht in zehn oder zwanzig Jahren zu erreichen, sondern hier mußte man mit
Jahrhunderten rechnen, wie denn überhaupt in allen kolonisatorischen Fragen
der Beharrlichkeit eine größere Bedeutung zukommt als der Energie des
Augenblicks.
Daß dann die Verwaltung sowohl als auch die politische Leitung in strengster
Einheitlichkeit zu führen sind, ver steht sich von selbst.
Es war nun für mich unendlich lehrreich, festzustellen, warum dies nicht
geschah, oder besser, warum man dies nicht getan. Nur der Schuldige an dieser
Unterlassung war der Schuldige am Zusammenbruche des Reiches.
Das alte Österreich war mehr als ein anderer Staat gebunden an die Größe
seiner Leitung. Hier fehlte ja das Fundament des Nationalstaates, der in der
völkischen Grundlage immer noch eine Kraft der Erhaltung besitzt, wenn die
Führung als solche auch noch so sehr versagt. Der einheitliche Volksstaat kann
vermöge der natürlichen Trägheit seiner Bewohner und der damit verbundenen
Widerstandskraft manchmal erstaunlich lange Perioden schlechtester Verwaltung
oder Leitung ertragen, ohne daran inner lich zugrunde zu gehen. Es ist dann
oft so, als befinde sich in einem solchen Körper keinerlei Leben mehr, als
wäre er tot und abgestorben, bis plötzlich der Totgewähnte sich wieder erhebt
und nun staunenswerte Zeichen seiner unverwüstlichen Lebenskraft der übrigen
Menschheit gibt.
Anders aber ist dies bei einem Reiche, das, aus nicht gleichen Völkern
zusammengesetzt, nicht durch das gemeinsame Blut, als vielmehr durch eine
gemeinsame Faust gehalten wird. Hier wird jede Schwäche der Leitung nicht zu
einem Winterschlaf des Staates führen, sondern zu einem Erwachen all der
individuellen Instinkte Anlaß geben, die blutsmäßig vorhanden sind, ohne sich
in Zeiten eines überragenden Willens entfalten zu können. Nur durch
jahrhundertelange gemeinsame Erziehung, durch gemeinsame Tradition, gemeinsame
Interessen usw. kann diese Gefahr gemildert werden. Daher werden solche
Staatsgebilde, je jünger sie sind, um so mehr von der Größe der Führung
abhängen, ja als Werk überragender Gewaltmenschen und Geistesheroen oft schon
nach dem Tode des einsamen großen Begründers wieder zerfallen. Aber noch nach
Jahrhunder ten können diese Gefahren nicht als überwunden gelten, sie
schlummern nur, um oft ganz plötzlich zu erwachen, sobald die Schwäche der
gemeinsamen Leitung und die Kraft der Erziehung, die Erhabenheit aller
Tradition, nicht mehr den Schwung des eigenen Lebensdranges der verschiedenen
Stämme zu überwinden vermag.
Dies nicht begriffen zu haben, ist die vielleicht tragische Schuld des Hauses
Habsburg.
Einem einzigen unter ihnen hielt das Schicksal noch einmal die Fackel über die
Zukunft seines Landes empor, dann verlosch sie für immer.
Joseph II., römischer Kaiser der deutschen Nation, sah in fliegender Angst,
wie sein Haus, auf die äußerste Kante des Reiches gedrängt, dereinst im
Strudel eines Völkerbaby lons verschwinden müßte, wenn nicht in letzter Stunde
das Versäumte der Väter wieder gutgemacht würde. Mit übermenschlicher Kraft
stemmte sich der „Freund der Menschen" gegen die Fahrlässigkeit der Vorfahren
und suchte in einem Jahrzehnt einzuholen, was Jahrhunderte vordem versäum ten.
Wären ihm nur vierzig Jahre vergönnt gewesen zu seiner Arbeit und hätten nach
ihm auch nur zwei Generationen in gleicher Weise das begonnene Werk
fortgeführt, so würde das Wunder wahrscheinlich gelungen sein. Als er aber
nach kaum zehn Jahren Regierung, zermürbt an Leib und Seele, starb, sank mit
ihm auch sein Werk in das Grab, um, nicht mehr wiedererweckt, in der
Kapuzinergruft auf ewig zu entschlafen.
Seine Nachfolger waren der Aufgabe weder geistig noch willensmäßig gewachsen.
Als nun durch Europa die ersten revolutionären Wetterzeichen einer neuen Zeit
flammten, da begann auch Österreich langsam nach und nach Feuer zu fangen.
Allein als der Brand endlich ausbrach, da wurde die Glut schon weniger durch
soziale, gesellschaftliche oder auch allgemeine politische Ursachen angefacht
als vielmehr durch Triebkräfte völkischen Ursprungs.
Die Revolution des Jahres 1848 konnte überall Klassenkampf sein, in Österreich
jedoch war sie schon der Beginn eines neuen Rassenstreites. Indem damals der
Deutsche, diesen Ursprung vergessend oder nicht erkennend, sich in den Dienst
der revolutionären Erhebung stellte, besiegelte er damit sein eigenes Los. Er
half mit, den Geist der westlichen Demokratie zu erwecken, der in kurzer Zeit
ihm die Grundlagen der eigenen Existenz entzog.
Mit der Bildung eines parlamentarischen Vertretungskörpers ohne die
vorhergehende Niederlegung und Festigung einer gemeinsamen Staatssprache war
der Grund stein zum Ende der Vorherrschaft des Deutschtums in der Monarchie
gelegt worden. Von diesem Augenblick an war damit aber auch der Staat selber
verloren. Alles, was nun noch folgte, war nur die historische Abwicklung eines
Reiches.
Diese Auflösung zu verfolgen, war ebenso erschütternd wie lehrreich. In
tausend und aber tausend Formen vollzog sich im einzelnen diese Vollstreckung
eines geschichtlichen Urteils. Daß ein großer Teil der Menschen blind durch
die Erscheinungen des Zerfalls wandelte, bewies nur den Wil len der Götter zu
Österreichs Vernichtung.
Ich will hier nicht in Einzelheiten mich verlieren, da dies nicht die Aufgabe
dieses Buches ist. Ich will nur jene Vorgänge in den Kreis einer gründlicheren
Betrachtung ziehen, die als immer gleichbleibende Ursachen des Verfalles von
Völkern und Staaten auch für unsere heutige Zeit Bedeutung besitzen, und die
endlich mithalfen, meiner politischen Denkweise die Grundlagen zu sichern.
Unter den Einrichtungen, die am deutlichsten die Zerfressung der
österreichischen Monarchie auch dem sonst nicht mit scharfen Augen gesegneten
Spießbürger aufzeigen konnten, befand sich an der Spitze diejenige, die am
meisten Stärke ihr eigen nennen sollte – das Parlament oder, wie es in
Österreich hieß, der Reichsrat.
Ersichtlich war das Muster dieser Körperschaft in England, dem Lande der
klassischen „Demokratie", gelegen. Von dort übernahm man die ganze beglückende
Anordnung und setzte sie so unverändert als möglich nach Wien.
Im Abgeordneten und Herrenhaus feierte das englische Zweikammersystem seine
Wiederauferstehung. Nur die „Häuser" selber waren etwas verschieden. Als Barry
einst seinen Parlamentspalast aus den Fluten der Themse herauswachsen ließ, da
griff er in die Geschichte des britischen Weltreichs hinein und holte sich aus
ihr den Schmuck für die 1200 Nischen, Konsolen und Säulen seines Prachtbaues
heraus. In Bildwerk und Malerkunst wurde so das Haus der Lords und des Volkes
zum Ruhmestempel der Nation.
Hier kam die erste Schwierigkeit für Wien. Denn als der Däne Hansen die
letzten Giebel am Marmorhaus der neuen Volksvertretung vollendet hatte, da
blieb ihm auch zur Zierde nichts anderes übrig, als Entlehnungen bei der An
tike zu versuchen. Römische und griechische Staatsmänner und Philosophen
verschönern nun dieses Theatergebäude der „westlichen Demokratie", und in
symbolischer Ironie ziehen über den zwei Häusern die Quadrigen nach den vier
Himmelsrichtungen auseinander, auf solche Art dem damaligen Treiben im Innern
auch nach außen den besten Ausdruck verleihend.
Die „Nationalitäten" hatten es sich als Beleidigung und Provokation verbeten,
daß in diesem Werke österreichische Geschichte verherrlicht würde, so wie man
im Reiche selbst ja auch erst unter dem Donner der Weltkriegsschlachten wagte,
den Wallotschen Bau des Reichstags durch Inschrift dem deutschen Volke zu
weihen.
Als ich, noch nicht zwanzig Jahre alt, zum erstem Male in den Prachtbau am
Franzensring ging, um als Zuschauer und Hörer einer Sitzung des
Abgeordnetenhauses beizuwohnen, ward ich von den widerstrebendsten Gefühlen
erfaßt.
Ich hatte schon von jeher das Parlament gehaßt, jedoch durchaus nicht als
Institution an sich. Im Gegenteil, als freiheitlich empfindender Mensch konnte
ich mir eine andere Möglichkeit der Regierung gar nicht vorstellen, denn der
Gedanke irgendeiner Diktatur wäre mir bei meiner Hal tung zum Hause Habsburg
als Verbrechen wider die Frei heit und gegen jede Vernunft vorgekommen.
Nicht wenig trug dazu bei, daß mir als jungem Men schen infolge meines vielen
Zeitungslesens, ohne daß ich dies wohl selber ahnte, eine gewisse Bewunderung
für das englische Parlament eingeimpft worden war, die ich nicht so ohne
weiteres zu verlieren vermochte. Die Würde, mit der dort auch das Unterhaus
seinen Aufgaben oblag (wie dies unsere Presse so schön zu schildern verstand),
imponierte mir mächtig. Konnte es denn überhaupt eine erhabenere Form der
Selbstregierung eines Volkstums geben?
Gerade deshalb aber war ich ein Feind des österreichischen Parlaments. Ich
hielt die Form des ganzen Auf tretens für unwürdig des großen Vorbildes. Nun
trat aber noch folgendes hinzu:
Das Schicksal des Deutschtums im österreichischen Staate war abhängig von
seiner Stellung im Reichsrat. Bis zur Einführung des allgemeinen und geheimen
Wahlrechts war noch eine, wenn auch unbedeutende deutsche Majorität im
Parlament vorhanden. Schon dieser Zustand war bedenk lich, da bei der national
unzuverlässigen Haltung der Sozialdemokratie diese in kritischen, das
Deutschtum betreffenden Fragen – um sich nicht die Anhänger in den einzelnen
Fremdvölkern abspenstig zu machen – immer gegen die deutschen Belange auftrat.
Die Sozialdemokratie konnte schon damals nicht als deutsche Partei betrachtet
werden. Mit der Einführung des allgemeinen Wahlrechts aber hörte die deutsche
Überlegenheit auch rein ziffernmäßig auf. Nun war der weiteren Entdeutschung
des Staates kein Hindernis mehr im Wege.
Der nationale Selbsterhaltungstrieb ließ mich schon damals aus diesem Grunde
eine Volksvertretung wenig lieben, in der das Deutschtum immer statt vertreten
verraten wurde. Allein dies waren Mängel, die, wie so vieles andere eben auch,
nicht der Sache an sich, sondern dem österreichischen Staate zuzuschreiben
waren. Ich glaubte früher noch, daß mit einer Wiederherstellung der deutschen
Mehrheit in den Vertretungskörpern zu einer prinzipiellen Stellungnahme
dagegen kein Anlaß mehr vorhanden wäre, solange der alte Staat eben überhaupt
noch bestünde.
So also innerlich eingestellt, betrat ich zum ersten Male die ebenso
geheiligten wie umstrittenen Räume. Allerdings waren sie mir nur geheiligt
durch die erhabene Schönheit des herrlichen Baues. Ein hellenisches Wunderwerk
auf deutschem Boden.
In wie kurzer Zeit aber war ich empört, als ich das jämmerliche Schauspiel
sah, das sich nun unter meinen Augen abrollte!
Es waren einige Hundert dieser Volksvertreter an wesend, die eben zu einer
Frage von wichtiger wirtschaftlicher Bedeutung Stellung zu nehmen hatten.
Mir genügte schon dieser erste Tag, um mich zum Denken auf Wochen hindurch
anzuregen.
Der geistige Gehalt des Vorgebrachten lag auf einer wahrhaft niederdrückenden
„Höhe", soweit man das Ge rede überhaupt verstehen konnte; denn einige der
Herren sprachen nicht deutsch, sondern in ihren slawischen Muttersprachen oder
besser Dialekten. Was ich bis dahin nur aus dem Lesen der Zeitungen wußte,
hatte ich nun Gelegen heit, mit meinen eigenen Ohren zu hören. Eine
gestikulierende, in allen Tonarten durcheinander schreiende, wildbewegte
Masse, darüber einen harmlosen alten Onkel, der sich im Schweiße seines
Angesichts bemühte, durch heftiges Schwingen einer Glocke und bald
begütigende, bald ermahnende ernste Zurufe die Würde des Hauses wieder in Fluß
zu bringen.
Ich mußte lachen.
Einige Wochen später war ich neuerdings in dem Hause. Das Bild war verändert,
nicht zum Wiedererkennen. Der Saal ganz leer. Man schlief da unten. Einige
Abgeordnete waren auf ihrem Plätzen und gähnten sich gegenseitig an, einer
„redete". Ein Vizepräsident des Hauses war anwesend und sah ersichtlich
gelangweilt in den Saal.
Die ersten Bedenken stiegen mir auf. Nun lief ich, wenn mir die Zeit nur
irgendwie die Möglichkeit bot, immer wieder hin und betrachtete mir still und
aufmerksam das jeweilige Bild, hörte die Reden an, soweit sie zu verstehen
waren, studierte die mehr oder minder intelligenten Gesichter dieser
Auserkorenen der Nationen dieses traurigen Staates – und machte mir dann
allmählich meine eigenen Gedanken.
Ein Jahr dieser ruhigen Beobachtung genügte, um meine frühere Ansicht über das
Wesen dieser Institution aber auch restlos zu ändern oder zu beseitigen. Mein
Inneres nahm nicht mehr Stellung gegen die mißgestaltete Form, die dieser
Gedanke in Österreich angenommen hatte; nein, nun konnte ich das Parlament als
solches nicht mehr anerkennen. Bis dahin sah ich das Unglück des
österreichischen Parlaments im Fehlen einer deutschen Majorität, nun aber sah
ich das Verhängnis in der ganzen Art und dem Wesen dieser Einrichtung
überhaupt.
Eine ganze Reihe von Fragen stieg mir damals auf.
Ich begann mich mit dem demokratischen Prinzip der Mehrheitsbestimmung, als
der Grundlage dieser ganzen Einrichtung, vertraut zu machen, schenkte aber
auch nicht weniger Aufmerksamkeit den geistigen und moralischen Werten der
Herren, die als Auserwählte der Nationen diesem Zwecke dienen sollten.
So lernte ich Institutionen und Träger derselben zugleich kennen.
Im Verlauf einiger Jahre bildete sich mir dann in Erkenntnis und Einsicht der
Typ der würdevollsten Erscheinung der neueren Zeit in plastischer Deutlichkeit
aus: der Parlamentarier. Er begann sich mir einzuprägen in einer Form, die
niemals mehr einer wesentlichen Ände rung unterworfen wurde.
Auch dieses Mal hatte mich der Anschauungsunterricht der praktischen
Wirklichkeit davor bewahrt, in einer Theorie zu ersticken, die auf den ersten
Blick so vielen verführerisch erscheint, die aber nichtsdestoweniger zu den
Verfallserscheinungen der Menschheit zu rechnen ist.
Die Demokratie des heutigen Westens ist der Vorläufer des Marxismus, der ohne
sie gar nicht denkbar wäre. Sie gibt erst dieser Weltpest den Nährboden, auf
dem sich dann die Seuche auszubreiten vermag. In ihrer äußeren Ausdrucksform,
dem Parlamentarismus, schuf sie sich noch eine „Spottgeburt aus Dreck und
Feuer", bei der mir nur leider das „Feuer" im Augenblick ausgebrannt zu sein
scheint.
Ich muß dem Schicksal mehr als dankbar sein, daß es mir auch diese Frage noch
in Wien zur Prüfung vorlegte, denn ich fürchte, daß ich mir in Deutschland
damals die Antwort zu leicht gemacht haben würde. Hätte ich die Lächerlichkeit
dieser Institution, „Parlament" genannt, zuerst in Berlin kennengelernt, so
würde ich vielleicht in das Gegenteil verfallen sein und mich, nicht ohne
scheinbar guten Grund, auf die Seite derjenigen gestellt haben, die des Volkes
und Reiches Heil in der ausschließlichen Förderung der Macht des
Kaisergedankens allein erblickten und so der Zeit und den Menschen dennoch
fremd und blind zugleich gegenüberstanden.
In Österreich war dies unmöglich.
Hier konnte man nicht so leicht von einem Fehler in den anderen verfallen.
Wenn das Parlament nichts taugte, dann taugten die Habsburger noch viel
weniger – auf gar keinen Fall mehr. Mit der Ablehnung des „Parlamentarismus"
war es hier allein nicht getan; denn dann blieb im mer noch die Frage offen:
Was nun? Die Ablehnung und Beseitigung des Reichsrates würde als einzige
Regierungsgewalt ja nur das Haus Habsburg übriggelassen haben, ein besonders
für mich ganz unerträglicher Gedanke.
Die Schwierigkeit dieses besonderen Falles führte mich zu einer gründlicheren
Betrachtung des Problems an sich, als dies sonst wohl in so jungen Jahren
eingetreten wäre.
Was mir zuallererst und am allermeisten zu denken gab, war das ersichtliche
Fehlen jeder Verantwortlichkeit einer einzelnen Person.
Das Parlament faßt irgendeinen Beschluß, dessen Folgen noch so verheerend sein
mögen – niemand trägt dafür eine Verantwortung, niemand kann je zur
Rechenschaft gezogen werden. Denn heißt dies etwa Verantwortung überneh men,
wenn nach einem Zusammenbruch sondergleichen die schuldige Regierung
zurücktritt? Oder die Koalition sich ändert, ja das Parlament sich auflöst?
Kann den überhaupt eine schwankende Mehrheit von Menschen jemals
verantwortlich gemacht werden?
Ist denn nicht der Gedanke jeder Verantwortlichkeit an die Person gebunden?
Kann man aber praktisch die leitende Person einer Regierung haftbar machen für
Handlungen, deren Werden und Durchführung ausschließlich auf das Konto des Wol
lens und der Geneigtheit einer Vielheit von Menschen zu setzen sind?
Oder: Wird nicht die Aufgabe des leitenden Staats mannes, statt in der Geburt
des schöpferischen Gedankens oder Planes an sich, vielmehr nur in der Kunst
gesehen, die Genialität seiner Entwürfe einer Hammelherde von Hohlköpfen
verständlich zu machen, um dann deren gütige Zustimmung zu erbetteln?
Ist dies das Kriterium des Staatsmannes, daß er die Kunst der Überredung in
ebenso hohem Maße besitze wie die der staatsmännischen Klugheit im Fassen
großer Richtlinien oder Entscheidungen?
Ist die Unfähigkeit eines Führers dadurch bewiesen, daß es ihm nicht gelingt,
die Mehrheit eines durch mehr oder minder saubere Zufälle zusammengebeulten
Haufens für eine bestimmte Idee zu gewinnen?
Ja, hat denn dieser Haufe überhaupt schon einmal eine Idee begriffen, ehe der
Erfolg zum Verkünder ihrer Größe wurde?
Ist nicht jede geniale Tat auf dieser Welt der sichtbare Protest des Genies
gegen die Trägheit der Masse?
Was aber soll der Staatsmann tun, dem es nicht gelingt, die Gunst dieses
Haufens für seine Pläne zu erschmeicheln?
Soll er sie erkaufen?
Oder soll er angesichts der Dummheit seiner Mitbürger auf die Durchführung der
als Lebensnotwendigkeiten erkannten Aufgaben verzichten, sich zurückziehen,
oder soll er dennoch bleiben?
Kommt nicht in einem solchen Falle der wirkliche Charakter in einen unlösbaren
Konflikt zwischen Erkenntnis und Anstand oder, besser gesagt, ehrlicher
Gesinnung?
Wo liegt hier die Grenze, die die Pflicht der Allgemeinheit gegenüber scheidet
von der Verpflichtung der persönlichen Ehre?
Muß nicht jeder wahrhaftige Führer es sich verbitten, auf solche Weise zum
politischen Schieber degradiert zu werden?
Und muß nicht umgekehrt jeder Schieber sich nun be rufen fühlen, in Politik zu
„machen", da die letzte Verantwortung niemals er, sondern irgendein unfaßbarer
Haufe zu tragen hat?
Muß nicht unser parlamentarisches Mehrheitsprinzip zur Demolierung des
Führergedankens überhaupt führen?
Glaubt man aber, daß der Fortschritt dieser Welt etwa aus dem Gehirn von
Mehrheiten stammt und nicht aus den Köpfen einzelner?
Oder vermeint man, vielleicht für die Zukunft dieser Voraussetzung
menschlicher Kultur entbehren zu können?
Scheint sie nicht im Gegenteil heute nötiger zu sein als je?
Indem das parlamentarische Prinzip der Majoritätsbestimmung die Autorität der
Person ablehnt und an deren Stelle die Zahl des jeweiligen Haufens setzt,
sündigt es wider den aristokratischen Grundgedanken der Natur, wo bei
allerdings deren Anschauung vom Adel in keinerlei Weise etwa in der heutigen
Dekadenz unserer oberen Zehntausend verkörpert zu sein braucht.
Welche Verwüstungen diese Einrichtung moderner demokratischer
Parlamentsherrschaft anrichtet, kann sich freilich der Leser jüdischer
Zeitungen schwer vorstellen, sofern er nicht selbständig denken und prüfen
gelernt hat. Sie ist in erster Linie der Anlaß für die unglaubliche
Überschwemmung des gesamten politischen Lebens mit den minderwertigsten
Erscheinungen unserer Tage. So sehr sich der wahrhaftige Führer von einer
politischen Betätigung zurückziehen wird, die zu ihrem größten Teile nicht in
schöpferischer Leistung und Arbeit bestehen kann, als vielmehr im Feilschen
und Handeln um die Gunst einer Mehrheit, so sehr wird gerade diese Tätigkeit
dem kleinen Geist entsprechen und diesen mithin auch anziehen.
Je zwergenhafter ein solcher Lederhändler heute an Geist und Können ist, je
klarer ihm die eigene Einsicht die Jämmerlichkeit seiner tatsächlichen
Erscheinung zum Bewußtsein bringt, um so mehr wird er ein System preisen, das
von ihm gar nicht die Kraft und Genialität eines Riesen verlangt, sondern
vielmehr mit der Pfiffigkeit eines Dorfschulzen vorliebnimmt, ja, eine solche
Art von Weisheit lieber sieht als die eines Perikles. Dabei braucht solch ein
Tropf sich nie mit der Verantwortung seines Wirkens abzuquälen. Er ist dieser
Sorge schon deshalb gründlich enthoben, da er ja genau weiß, daß, ganz gleich,
wie immer auch das Ergebnis seiner „staatsmännischen" Murkserei sein wird,
sein Ende ja doch schon längst in den Sternen verzeichnet steht: er wird eines
Tages einem anderen, ebenso großen Geist den Platz zu räumen haben. Denn dies
ist mit ein Kennzeichen eines solchen Verfalls, daß die Menge großer
Staatsmänner in eben dem Maße zunimmt, in dem der Maßstab des einzelnen
zusammenschrumpft. Er wird aber mit zunehmender Abhängigkeit von
parlamentarischen Mehrheiten immer kleiner werden müssen, da sowohl die großen
Geister es ablehnen werden, die Büttel blöder Nichtskönner und Schwätzer zu
sein, wie umgekehrt die Repräsentanten der Majorität, das ist also der
Dummheit, nicht inständiger hassen als den über legenen Kopf.
Es ist immer ein tröstliches Gefühl für solch eine Ratsversammlung Schildaer
Stadtverordneter, einen Führer an der Spitze zu wissen, dessen Weisheit dem
Niveau der Anwesenden entspricht: hat doch so jeder die Freude, von Zeit zu
Zeit auch seinen Geist dazwischen blitzen lassen zu können – und vor allem
aber, wenn Hinze Meister sein kann, warum dann nicht auch einmal Peter?
Am innigsten entspricht diese Erfindung der Demokratie aber einer Eigenschaft,
die in letzter Zeit zu einer wahren Schande ausgewachsen ist, nämlich der
Feigheit eines großen Teils unseres sogenannten „Führertums". Welch ein Glück,
sich in allen wirklichen Entscheidungen von einiger Bedeutung hinter den
Rockschößen einer sogenannten Majorität verstecken zu können!
Man sehe sich nur solch einen politischen Strauchdieb einmal an, wie er
besorgt zu jeder Verrichtung sich die Zustimmung der Mehrheit erbettelt, um
sich so die notwendigen Spießgesellen zu sichern und damit jederzeit die
Verantwortung abladen zu können. Dies aber ist mit der Hauptgrund, warum eine
solche Art von politischer Betätigung einem innerlich anständigen und damit
aber auch mutigen Mann widerlich und verhaßt ist, während es alle elenden
Charaktere – und wer nicht für seine Handlung persönlich auch die
Verantwortung übernehmen will, sondern nach Deckung sucht, ist ein feiger Lump
– anzieht. Sowie aber erst einmal die Leiter einer Nation aus solchen
Jämmerlingen bestehen, dann wird sich dies schon in kurzer Zeit böse rächen.
Man wird dann zu keiner entschlossenen Handlung mehr den Mut aufbringen, wird
jede, auch noch so schmähliche Entehrung lieber hinnehmen, als sich zu einem
Entschlusse aufzuraffen; ist doch niemand mehr da, der von sich aus bereit
ist, seine Person und seinen Kopf für die Durchführung einer rücksichtslosen
Entscheidung einzusetzen.
Denn eines soll und darf man nie vergessen: Die Majorität kann auch hier den
Mann niemals ersetzen. Sie ist nicht nur immer eine Vertreterin der Dummheit,
sondern auch der Feigheit. Und so wenig hundert Hohlköpfe einen Weisen
ergeben, so wenig kommt aus hundert Feiglingen ein heldenhafter Entschluß.
Je leichter aber die Verantwortung des einzelnen Füh rers ist, um so mehr wird
die Zahl derjenigen wachsen, die selbst bei jämmerlichsten Ausmaßen sich
berufen fühlen werden, ebenfalls der Nation ihre unsterblichen Kräfte zur
Verfügung zu stellen. Ja, sie werden es gar nicht mehr erwarten können,
endlich einmal auch an die Reihe zu kommen; sie stehen an in einer langen
Kolonne und zählen mit schmerzlichem Bedauern die Zahl der vor ihnen Wartenden
und rechnen die Stunde fast aus, die menschlichem Ermessen nach sie zum Zuge
bringen wird. Daher ersehnen sie jeden Wechsel in dem ihnen vorschwebenden
Amte und sind dankbar für jeden Skandal, der die Reihe vor ihnen lichtet. Will
jedoch einmal einer nicht von der eingenommenen Stelle wieder weichen, so
empfinden sie dies fast als Bruch eines heiligen Abkommens gemeinsamer
Solidarität. Dann werden sie bösartig und ruhen nicht eher, als bis der
Unverschämte, endlich gestürzt, seinen warmen Platz der Allgemeinheit wieder
zur Verfügung stellt. Er wird dafür nicht so schnell wieder an diese Stelle
gelangen. Denn sowie eine dieser Kreaturen ihren Posten aufzugeben gezwungen
ist, wird sie sich sofort wieder in die allgemeine Reihe der Wartenden
einzuschieben versuchen, sofern nicht das dann anhebende Geschrei und
Geschimpfe der anderen sie davon abhält.
Die Folge von dem allen ist der erschreckend schnelle Wechsel in den
wichtigsten Stellen und Ämtern eines solchen Staatswesens, ein Ergebnis, das
in jedem Falle ungünstig, manchmal aber geradezu katastrophal wirkt. Denn nun
wird ja nicht nur der Dummkopf und Unfähige dieser Sitte zum Opfer fallen,
sondern noch mehr der wirkliche Führer, wenn das Schicksal einen solchen an
diese Stelle zu setzen überhaupt noch fertigbringt. Sowie man nur einmal
dieses erkannt hat, wird sich sofort eine geschlossene Front zur Abwehr
bilden, besonders, wenn ein solcher Kopf, ohne aus den eigenen Reihen zu
stammen, dennoch sich untersteht, in diese erhabene Gesellschaft einzudringen.
Man will da grundsätzlich nur unter sich sein und haßt als gemeinsamen Feind
jeden Schädel, der unter den Nullen etwa einen Einser ergeben könnte. Und in
dieser Richtung ist der Instinkt um so schärfer, je mehr er auch in allem
anderen fehlen mag.
So wird die Folge eine immer mehr um sich greifende geistige Verarmung der
führenden Schichten sein. Was dabei für die Nation und den Staat herauskommt,
kann jeder selbst ermessen, soweit er nicht persönlich zu dieser Sorte von
„Führern" gehört.
Das alte Österreich besaß das parlamentarische Regiment bereits in Reinkultur.
Wohl wurden die jeweiligen Ministerpräsidenten vom Kaiser und König ernannt,
allein schon diese Ernennung war nichts anderes als die Vollstreckung
parlamentarischen Wollens. Das Feilschen und Handeln aber um die ein zelnen
Ministerposten war schon westliche Demokratie von reinstem Wasser. Die
Ergebnisse entsprachen auch den angewandten Grundsätzen. Besonders der Wechsel
der einzelnen Persönlichkeiten trat schon in immer kürzeren Fristen ein, um
endlich zu einem wahrhaftigen Jagen zu werden. In demselben Maße sank die
Größe der jeweiligen „Staatsmänner" immer mehr zusammen, bis endlich überhaupt
nur jener kleine Typ von parlamentarischen Schiebern übrigblieb, deren
staatsmännischer Wert nur mehr nach ihrer Fähigkeit gemessen und anerkannt
wurde, mit der es ihnen gelang, die jeweiligen Koalitionen
zusammenzukleistern, also jene kleinsten politischen Handelsgeschäfte
durchzuführen, die ja allein die Eignung dieser Volksvertreter für praktische
Arbeit zu begründen vermögen.
So konnte einem die Wiener Schule auf diesem Gebiete die besten Eindrücke
vermitteln.
Was mich nicht weniger anzog, war der Vergleich zwischen dem vorhandenen
Können und Wissen dieser Volksvertreter und den Aufgaben, die ihrer harrten.
Freilich mußte man sich dann aber, man mochte wollen oder nicht, mit dem
geistigen Horizont dieser Auserwählten der Völ ker selber näher beschäftigen,
wobei es sich dann gar nicht mehr umgehen ließ, auch den Vorgängen, die zur
Entdeckung dieser Prachterscheinungen unseres öffentlichen Lebens führen, die
nötige Beachtung zu schenken.
Auch die Art und Weise, in der das wirkliche Können dieser Herren in den
Dienst des Vaterlandes gestellt und angewendet wurde, also der technische
Vorgang ihrer Betätigung, war wert, gründlich untersucht und geprüft zu
werden.
Das gesamte Bild des parlamentarischen Lebens ward dann um so jämmerlicher, je
mehr man sich entschloß, in diese inneren Verhältnisse einzudringen, Personen
und fachliche Grundlagen mit rücksichtslos scharfer Objektivität zu studieren.
Ja, dies ist sehr angezeigt einer Institution gegenüber, die sich veranlaßt
sieht, durch ihre Träger in jedem zweiten Satz auf „Objektivität" als die
einzige gerechte Grundlage zu jeglicher Prüfung und Stellungnahme überhaupt
hinzuweisen. Man prüfe diese Herren selber und die Gesetze ihres bitteren
Daseins, und man wird über das Ergebnis nur staunen.
Es gibt gar kein Prinzip, das, objektiv betrachtet, so unrichtig ist wie das
parlamentarische.
Man darf dabei noch ganz absehen von der Art, in der die Wahl der Herren
Volksvertreter stattfindet, wie sie überhaupt zu ihrem Amte und zu ihrer neuen
Würde gelangen. Daß es sich herbei nur zu einem wahrhaft win zigen Bruchteil
um die Erfüllung eines allgemeinen Wunsches oder gar eines Bedürfnisses
handelt, wird jedem sofort einleuchten, der sich klarmacht, daß das politische
Verständnis der breiten Masse gar nicht so entwickelt ist, um von sich aus zu
bestimmten allgemein politischen Anschauungen zu gelangen und die dafür in
Frage kommenden Personen auszusuchen.
Was wir immer mit dem Worte „öffentliche Meinung" bezeichnen, beruht nur zu
einem kleinen Teile auf selbstgewonnenen Erfahrungen oder gar Erkenntnissen
der einzelnen, zum größten Teil dagegen auf der Vorstellung, die durch eine
oft ganz unendlich eindringliche und beharrliche Art von sogenannter
„Aufklärung" hervorgerufen wird.
So wie die konfessionelle Einstellung das Ergebnis der Erziehung ist und nur
das religiöse Bedürfnis an sich im Innern des Menschen schlummert, so stellt
auch die politische Meinung der Masse nur das Endresultat einer manchmal ganz
unglaublich zähen und gründlichen Bearbeitung von Seele und Verstand dar.
Der weitaus gewaltigste Anteil an der politischen „Erziehung", die man in
diesem Falle mit dem Wort Propaganda sehr treffend bezeichnet, fällt auf das
Konto der Presse. Sie besorgt in erster Linie diese „Aufklärungsarbeit" und
stellt damit eine Art von Schule für die Erwachsenen dar. Nur liegt dieser
Unterricht nicht in der Hand des Staates, sondern in den Klauen von zum Teil
höchst minderwertigen Kräften. Ich hatte gerade in Wien schon als junger
Mensch die allerbeste Gelegenheit, Inhaber und geistige Fabrikanten dieser
Massenerziehungsmaschine richtig kennenzulernen. Ich mußte im Anfang staunen,
in wie kurzer Zeit es dieser schlimmen Großmacht im Staate möglich wurde, eine
bestimmte Meinung zu erzeugen, auch wenn es sich dabei um die vollständige
Umfälschung sicher vorhandener innerer Wünsche und Anschauungen der
Allgemeinheit handeln mochte. In wenigen Tagen war da aus einer lächerlichen
Sache eine bedeutungsvolle Staatsaktion gemacht, während umgekehrt zu gleicher
Zeit lebenswichtige Probleme dem allgemeinen Vergessen anheimfielen, besser
aber einfach aus dem Gedächtnis und der Erinnerung der Masse gestohlen wurden.
So gelang es, im Verlaufe weniger Wochen Namen aus dem Nichts hervorzuzaubern,
unglaubliche Hoffnungen der breiten Öffentlichkeit an sie zu knüpfen, ja ihnen
Popularität zu verschaffen, die dem wirklich bedeutenden Manne oft in seinem
ganzen Leben nicht zuteil zu werden vermag; Namen, die dabei noch vor einem
Monat überhaupt kein Mensch aber auch nur dem Hören nach kannte, während in
der gleichen Zeit alte, bewährte Erscheinungen des staatlichen oder sonstigen
öffentlichen Lebens bei bester Gesundheit einfach für die Mitwelt abstarben
oder mit solch elenden Schmähungen überhäuft wurde, daß ihr Name in kurzem
drohte, zum Symbol einer ganz bestimm ten Niedertracht oder Schurkerei zu
werden. Man muß diese infame jüdische Art, ehrlichen Menschen mit einem Male
und wie auf Zauberspruch zugleich von hundert und aller hundert Stellen aus
die Schmutzkübel niedrigster Verleumdungen und Ehrabschneidungen über das
saubere Kleid zu gießen, studieren, um die ganze Gefahr dieser Presselumpen
richtig würdigen zu können.
Es gibt dann nichts, das solch einem geistigen Raub ritter nicht passend wäre,
um zu seinen sauberen Zielen zu kommen.
Er wird dann bis in die geheimsten Familienangelegenheiten hineinschnüffeln
und nicht eher ruhen, als bis sein Trüffelsuchinstinkt irgendeinen armseligen
Vorfall aufstöbert, der dann bestimmt ist, dem unglücklichen Opfer den Garaus
zu machen. Findet sich aber weder im öffentlichen noch im privaten Leben
selbst bei gründlichstem Abriechen rein gar nichts, dann greift so ein Bursche
einfach zur Verleumdung in der festen Überzeugung, daß nicht nur an und für
sich auch bei tausendfältigem Widerrufe doch immer etwas hängen bleibt,
sondern daß infolge der hundertfachen Wiederholung, die die Ehrabschneidung
durch alle seine sonstigen Spießgesellen sofort findet, ein Kampf des Opfers
dagegen in den meisten Fällen gar nicht möglich ist; wobei aber dieses
Lumpenpack niemals etwa aus Motiven, wie sie vielleicht bei der anderen
Menschheit glaubhaft oder wenigstens verständlich wären, etwas unternimmt.
Gott bewahre! Indem so ein Strolch die liebe Mitwelt in der schurkenhaftesten
Weise angreift, hüllt sich dieser Tintenfisch in eine wahre Wolke von
Biederkeit und salbungsvollen Phrasen, schwatzt von „journalistischer Pflicht"
und ähnlichem verlogenen Zeug, ja versteigt sich sogar noch dazu, bei Tagungen
und Kongressen, also Anlässen, die diese Plage in größerer Zahl
beisammensehen, von einer ganz besonderen, nämlich der journalistischen „Ehre"
zu salbadern, die sich das versammelte Gesindel dann gravitätisch gegenseitig
bestätigt.
Dieses Pack aber fabriziert zu mehr als zwei Dritteln die sogenannte
„öffentliche Meinung", deren Schaum dann die parlamentarische Aphrodite
entsteigt.
Um dieses Verfahren richtig zu schildern und in seiner ganzen verlogenen
Unwahrhaftigkeit darzustellen, müßte man Bände schreiben. Allein, auch wenn
man von dem ganz absieht und nur das gegebene Produkt samt seiner Tätigkeit
betrachtet, so scheint mir dies genügend, um den objektiven Irrsinn dieser
Einrichtung auch für das strenggläubige Gemüt aufdämmern zu lassen.
Man wird diese ebenso unsinnige wie gefährliche menschliche Verwirrung am
ehesten und auch am leichtesten verstehen, sobald man den demokratischen
Parlamentarismus in Vergleich bringt mit einer wahrhaften germanischen
Demokratie.
Das Bemerkenswerte des ersteren liegt darin, daß eine Zahl von sagen wir
fünfhundert Männern, oder in letzter Zeit auch Frauen, gewählt wird, denen nun
in allem und jedem auch die endgültige Entscheidung zu treffen obliegt. Sie
sind so praktisch allein die Regierung; denn wenn auch von ihnen ein Kabinett
gewählt wird, das nach außen hin die Leitung der Staatsgeschäfte vornimmt, so
ist dies trotzdem nur zum Scheine da. In Wirklichkeit kann diese sogenannte
Regierung nicht einen Schritt tun, ohne sich nicht vorher erst die Genehmigung
von der allgemeinen Versammlung geholt zu haben. Sie ist aber damit auch für
gar nichts verantwortlich zu machen, da die letzte Entscheidung ja niemals bei
ihr liegt, sondern bei der Majorität des Parla ments. Sie ist in jedem Falle
nur die Vollstreckerin des jeweiligen Mehrheitswillens. Man könnte ihre
politische Fähigkeit eigentlich nur beurteilen nach der Kunst, mit der sie es
versteht, sich entweder dem Willen der Mehrheit anzupassen oder die Mehrheit
zu sich herüberzuziehen. Sie sinkt damit aber von der Höhe einer tatsächlichen
Regierung herunter zu einer Bettlerin gegenüber der jeweiligen Majorität. Ja,
ihre vordringlichste Aufgabe hat nun überhaupt nur mehr darin zu bestehen, von
Fall zu Fall sich entweder die Gunst der bestehenden Mehrheit zu sichern oder
die Bildung einer besser geneigten neuen zu übernehmen. Gelingt dies, dann
darf sie wieder eine kleine Zeit weiter „regieren", gelingt es nicht, dann
kann sie gehen. Die Richtigkeit ihrer Absichten an und für sich spielt dabei
gar keine Rolle.
Damit aber wird jede Verantwortlichkeit praktisch ausgeschaltet.
Zu welchen Folgen die führt, geht schon aus einer ganz einfachen Betrachtung
hervor:
Die innere Zusammensetzung der fünfhundert gewähl ten Volksvertreter nach
Beruf oder gar nach den Fähigkeiten der einzelnen ergibt ein ebenso
zerrissenes wie meist auch noch kümmerliches Bild. Denn man wird doch nicht
etwa glauben, daß diese Auserwählten der Nation auch ebenso Auserwählte des
Geistes oder auch nur des Verstandes sind! Man wird hoffentlich nicht meinen,
daß aus den Stimmzetteln einer alles eher als geistreichen Wählerschaft die
Staatsmänner gleich zu Hunderten herauswachsen. Überhaupt kann man dem Unsinn
gar nicht scharf genug entgegentreten, daß aus allgemeinen Wahlen Genies
geboren würden. Zum ersten gibt es in einer Nation nur alle heiligen Zeiten
einmal einen wirklichen Staatsmann und nicht gleich an die hundert und mehr
auf einmal; und zum zweiten ist die Abneigung der Masse gegen jedes
überragende Genie eine geradezu instinktive. Eher geht auch ein Kamel durch
ein Nadelöhr, ehe ein großer Mensch durch eine Wahl „entdeckt" wird.
Was wirklich über das Normalmaß des breiten Durchschnitts hinausragt, pflegt
sich in der Weltgeschichte meistens persönlich anzumelden.
So aber stimmen fünfhundert Menschen von mehr als bescheidenen Ausmaßen über
die wichtigsten Belange der Nation ab, setzen Regierungen ein, die sich dann
selber wieder in jedem einzelnen Falle und jeder besonderen Frage die
Zustimmung der erlauchten Ratsversammlung zu holen haben, mithin wird also
tatsächlich die Politik von fünfhundert gemacht. Und danach sieht sie auch
meistens aus.
Aber selbst die Genialität dieser Volksvertreter ganz aus dem Spiele gelassen,
bedenke man doch, welch verschiedener Art die Probleme sind, die einer
Erledigung harren, auf welch auseinanderliegenden Gebieten Lösungen und
Entscheidungen getroffen werden müssen, und man wird wohl begreifen, wie
untauglich hierzu eine Regierungseinrich tung sein muß, die das letzte
Bestimmungsrecht einer Massenversammlung von Menschen überträgt, von der immer
nur ein ganz winziger Bruchteil Kenntnisse und Erfahrung in der zur Behandlung
stehenden Angelegen heit besitzt. Die wichtigsten wirtschaftlichen Maßnahmen
werden so einem Forum unterbreitet, das nur zu einem Zehntel seiner Mitglieder
wirtschaftliche Vorbildung aufzuweisen hat. Das heißt aber doch nichts
anderes, als die letzte Entscheidung in einer Sache in die Hände von Männern
legen, denen jegliche Voraussetzung hierzu vollkommen fehlt.
So ist es aber mit jeder anderen Frage auch. Immer wird durch eine Mehrheit
von Nichtswissern und Nichtskönnern der Ausschlag gegeben werden, da ja die
Zusammensetzung dieser Einrichtung unverändert bleibt, während sich die zur
Behandlung stehenden Probleme auf fast alle Gebiete des öffentlichen Lebens
erstrecken, mithin einen dauernden Wechsel der über sie urteilenden und
bestimmenden Abgeordneten voraussetzen würden. Es ist doch unmöglich, über
Verkehrsangelegenheiten dieselben Menschen verfügen zu lassen wie, sagen wir,
über eine Frage hoher Außenpolitik. Es müßten dies anders denn lauter
Universalgenies sein, wie sie in Jahrhunderten kaum ein mal in wirkliche
Erscheinung treten. Leider handelt es sich hier aber zumeist überhaupt um
keine „Köpfe", sondern um ebenso beschränkte wie eingebildete und aufgeblasene
Dilettanten, geistige Halbwelt übelster Sorte. Daher kommt auch die so oft
unverständliche Leichtsinnigkeit, mit der diese Herrschaften über Dinge reden
und beschließen, die selbst den größten Geistern sorgenvolle Überlegung
bereiten würden. Maßnahmen von der schwersten Bedeutung für die Zukunft eines
ganzen Staates, ja einer Nation werden da getroffen, als ob eine ihnen sicher
besser zustehende Partie Schafskopf oder Tarock auf dem Tische läge und nicht
das Schicksal einer Rasse.
Nun wäre es sicher ungerecht, zu glauben, daß jeder der Abgeordneten eines
solchen Parlaments von sich aus schon immer mit so geringen Gefühlen für
Verantwortung behaftet gewesen sei.
Nein, durchaus nicht.
Aber indem dieses System den einzelnen zwingt, zu solchen ihm gar nicht
liegenden Fragen Stellung zu nehmen, verdirbt es allmählich den Charakter.
Keiner wird den Mut aufzubringen vermögen, zu erklären: „Meine Herren, ich
glaube, wir verstehen von dieser Angelegenheit nichts. Ich persönlich
wenigstens auf keinen Fall." (Im übrigen würde dies nur wenig ändern, denn
sicher bliebe diese Art von Aufrichtigkeit nicht nur gänzlich unverstanden,
sondern man ließe sich auch wohl kaum durch solch einen ehrlichen Esel das
allgemeine Spiel verderben.) Wer die Menschen nun aber kennt, wird begreifen,
daß in einer so illustren Gesellschaft nicht gerne einer der Dümmste sein
möchte, und in gewissen Kreisen ist Ehrlichkeit immer gleichbedeutend mit
Dummheit.
So wird auch der zunächst noch ehrenhafte Vertreter zwangsläufig in diese Bahn
der allgemeinen Verlogenheit und Betrügerei geworfen. Gerade die Überzeugung,
daß das Nichtmittun eines einzelnen an der Sache an und für sich gar nichts
ändern würde, tötet jede ehrliche Regung, die dem einen oder anderen etwa noch
aufsteigen mag. Er wird sich zum Schlusse noch einreden, daß er persönlich
noch lange nicht der Schlechteste unter den anderen sei und durch sein Mittun
nur vielleicht Ärgeres verhüte.
Freilich wird man den Einwand bringen, daß allerdings der einzelne Abgeordnete
in dieser oder jener Sache kein besonderes Verständnis besitze, aber seine
Stellungnahme ja von der Fraktion als Leiterin der Politik des betreffen den
Herrn doch beraten werde; diese habe ihre besonderen Ausschüsse, die von
Sachverständigen ohnehin mehr als genügend erleuchtet würden.
Dies scheint auf den ersten Blick zu stimmen. Aber die Frage wäre doch dann
die: warum wählt man fünfhun dert, wenn doch nur einige die nötige Weisheit
zur Stellungnahme in den wichtigsten Belangen besitzen?
Ja, darin liegt eben des Pudels Kern.
Es ist nicht das Ziel unseres heutigen demokratischen Parlamentarismus, etwa
eine Versammlung von Weisen zu bilden, als vielmehr eine Schar geistig
abhängiger Nul len zusammenzustellen, deren Leitung nach bestimmten
Richtlinien um so leichter wird, je größer die persön liche Beschränktheit des
einzelnen ist. Nur so kann Parteipolitik im heutigen üblen Sinne gemacht
werden. Nur so aber ist es auch möglich, daß der eigentliche Drahtzieher immer
vorsichtig im Hintergrund zu bleiben vermag, ohne jemals persönlich zur
Verantwortung gezogen werden zu können. Denn nun wird jede der Nation auch
noch so schädliche Entscheidung ja nicht auf das Konto eines allen sichtbaren
Lumpen kommen, sondern auf die Schultern einer ganzen Fraktion abgeladen
werden.
Damit aber fällt jede praktische Verantwortung weg, denn diese kann nur in der
Verpflichtung einer einzelnen Person liegen und nicht in der einer
parlamentarischen Schwätzervereinigung.
Diese Einrichtung kann nur den allerverlogensten und zugleich besonders das
Tageslicht scheuenden Schliefern lieb und wert sein, während sie jedem
ehrlichen, geradlinigen, zur persönlichen Verantwortung bereiten Kerl verhaßt
sein muß.
Daher ist diese Art von Demokratie auch das Instrument derjenigen Rasse
geworden, die ihren inneren Zielen nach die Sonne zu scheuen hat, jetzt und in
allen Zeiten der Zukunft. Nur der Jude kann eine Einrichtung preisen, die
schmutzig und unwahr ist wie er selber.
Dem steht gegenüber die wahrhaftige germanische Demokratie der freien Wahl des
Führers, mit dessen Verpflichtung zur vollen Übernahme aller Verantwortung für
sein Tun und Lassen. In ihr gibt es keine Abstimmung einer Majorität zu
einzelnen Fragen, sondern nur die Bestim mung eines einzigen, der dann mit
Vermögen und Leben für seine Entscheidung einzutreten hat.
Wenn man mit dem Einwand kommen wird, daß unter solchen Voraussetzungen sich
schwerlich jemand bereitfinden dürfte, seine Person einer so riskanten Aufgabe
zu widmen, so muß darauf nur eines geantwortet werden:
Gott sei gedankt, darin liegt ja eben der Sinn einer germanischen Demokratie,
daß nicht der nächstbeste unwürdige Streber und moralische Drückeberger auf
Umwegen zur Regierung seiner Volksgenossen kommt, sondern daß schon durch die
Größe der zu übernehmenden Verantwortung Nichtskönner und Schwächlinge
zurückgeschreckt werden.
Sollte sich aber dennoch einmal ein solcher Bursche einzustehlen versuchen,
dann kann man ihn leichter finden und rücksichtslos anfahren: Hinweg, feiger
Lump! Ziehe den Fuß zurück, du beschmutzest die Stufen; denn der
Vorderaufstieg in das Pantheon der Geschichte ist nicht für Schleicher da,
sondern für Helden!
Zu dieser Anschauung hatte ich mich nach zweijährigem Besuch des Wiener
Parlaments durchgerungen.
Ich ging dann nicht mehr weiter hinein.
Das parlamentarische Regiment hatte mit ein Hauptverdienst an der in den
letzten Jahren immer mehr zunehmenden Schwäche des alten habsburgischen
Staates. Je mehr durch sein Wirken die Vorherrschaft des Deutschtums gebrochen
wurde, um so mehr verfiel man nun einem System der Ausspielung der
Nationalitäten untereinander. Im Reichsrat selber ging dies immer auf Kosten
der Deutschen und damit allerdings in letzter Linie auf Kosten des Reiches;
denn um die Jahrhundertwende schon mußte auch dem Allereinfältigsten
einleuchten, daß die Anziehungs kraft der Monarchie die Loslösungsbestrebungen
der Län der nicht mehr zu bannen vermochte.
Im Gegenteil.
Je armseliger die Mittel wurden, die der Staat zu seiner Erhaltung aufzuwenden
hatte, um so mehr stieg die allgemeine Verachtung für ihn. Nicht nur in
Ungarn, sondern auch in den einzelnen slawischen Provinzen fühlte man sich mit
der gemeinsamen Monarchie so wenig mehr identisch, daß ihre Schwäche
keineswegs als eigene Schande emp
Die zusammenbrechende Doppelmonarchie 101
funden wurde. Man freute sich eher noch über solche Anzeichen des eintretenden
Alters; hoffte man doch mehr auf ihren Tod als auf ihre Gesundung.
Im Parlament wurde der vollkommene Zusammenbruch noch verhindert durch ein
würdeloses Nachgeben und Erfüllen aber auch jeder Erpressung, die dann der
Deutsche zu bezahlen hatte; im Lande durch ein möglichst geschicktes
Ausspielen der einzelnen Völker gegeneinander. Allein die allgemeine Linie der
Entwicklung war dennoch gegen die Deutschen gerichtet. Besonders, seit die
Thronfolgerschaft dem Erzherzog Franz Ferdinand einen gewissen Einfluß
einzuräumen begann, kam in die von oben herunter betrie bene Tschechisierung
Plan und Ordnung. Mit allen nur möglichen Mitteln versuchte dieser zukünftige
Herrscher der Doppelmonarchie der Entdeutschung Vorschub zu leisten oder sie
selber zu fördern, mindestens aber zu decken. Rein deutsche Orte wurden so
über den Umweg der staatlichen Beamtenschaft langsam, aber unbeirrt sicher in
die gemischtsprachliche Gefahrenzone hineingeschoben. Selbst in
Niederösterreich begann dieser Prozeß immer schnellere Fortschritte zu machen,
und Wien galt vielen Tschechen schon als ihr größte Stadt.
Der leitende Gedanke dieses neuen Habsburgers, dessen Familie nur mehr
tschechisch sprach (die Gemahlin des Erzherzogs war als ehemalige tschechische
Gräfin dem Prinzen morganatisch angetraut; sie stammte aus Kreisen, deren
deutschfeindliche Stellung Tradition bildete), war, in Mitteleuropa allmählich
einen slawischen Staat aufzurichten, der zum Schutz gegen das orthodoxe
Rußland auf streng katholische Grundlage gestellt werden sollte. Damit wurde,
wie schon öfters bei den Habsburgern, die Religion wieder einmal in den Dienst
eines rein politischen Gedankens, noch dazu eines – wenigstens von deutschen
Gesichtspunkten aus betrachtet – unseligen Gedankens, gestellt.
Das Ergebnis war ein mehr als trauriges in vielfacher Hinsicht.
Weder das Haus Habsburg noch die katholische Kirche bekamen den erwarteten
Lohn.
Habsburg verlor den Thron, Rom einen großen Staat.
Denn indem die Krone auch religiöse Momente in den Dienst ihrer politischen
Erwägungen stellte, rief sie einen Geist wach, den sie selber zunächst
freilich nicht für möglich gehalten hatte.
Aus dem Versuch, mit allen Mitteln das Deutschtum in der alten Monarchie
auszurotten, erwuchs als Antwort die alldeutsche Bewegung in Österreich.
Mit den achtziger Jahren hatte der manchesterliche Lieberalismus jüdischer
Grundeinstellung auch in der Monarchie den Höhepunkt erreicht, wenn nicht
schon überschritten. Die Reaktion dagegen kam jedoch, wie bei allem im alten
Österreich, nicht aus in erster Linie sozialen Gesichtspunkten heraus, sondern
aus nationalen. Der Selbsterhaltungstrieb zwang das Deutschtum, in schärfster
Form sich zur Wehr zu setzen. Erst in zweiter Linie begannen langsam auch
wirtschaftliche Erwägungen maßgebenden Einfluß zu gewinnen. So schälten sich
zwei Parteigebilde aus dem allgemeinen politischen Durcheinander heraus, das
eine mehr national, das andere mehr sozial eingestellt, beide aber
hochinteressant und lehrreich für die Zukunft.
Nach dem niederdrückenden Ende des Krieges 1866 trug das Haus Habsburg sich
mit dem Gedanken einer Wiedervergeltung auf dem Schlachtfelde. Nur der Tod des
Kaisers Max von Mexiko, dessen unglückliche Expedition man in erster Linie
Napoleon III. zuschrieb, und dessen Fallenlassen durch den Franzosen
allgemeine Empörung wachrief, verhinderte ein engeres Zusammengehen mit
Frankreich. Dennoch lag Habsburg damals auf der Lauer. Wäre der Krieg von
1870/71 nicht zu einem so einzigartigen Siegeszug geworden, so hätte der
Wiener Hof wohl doch noch das blutige Spiel um die Rache für Sadowa gewagt.
Als aber die ersten Heldenmären von den Schlachtfeldern eintrafen, wundersam
und kaum zu glauben, aber dennoch wahr, da erkannte der „weiseste" aller
Monarchen die unpassende Stunde und machte eine möglichst gute Miene zum bösen
Spiel.
Der Heldenkampf dieser beiden Jahre hatte aber noch ein viel gewaltigeres
Wunder vollbracht; denn bei den Habsburgern entsprach die veränderte
Stellungnahme niemals dem Drang des inneren Herzens, sondern dem Zwang der
Verhältnisse. Das deutsche Volk in der alten Ostmark aber wurde von dem
Siegesrausche des Reiches mitgerissen und sah mit tiefer Ergriffenheit das
Wiederauferstehen des Traumes der Väter zur herrlichsten Wirklichkeit.
Denn man täusche sich nicht: der wahrhaft deutschgesinnte Österreicher hatte
auch in Königgrätz von diesen Stunden an nur mehr die ebenso tragische wie
aber auch notwendige Voraussetzung erkannt zur Wiederaufrichtung eines
Reiches, das nicht mehr mit dem fauligen Marasmus des alten Bundes behaftet
sein sollte – und es auch nicht mehr war. Er lernte vor allem auch am
gründlichsten am eigenen Leibe zu fühlen, daß das Haus Habsburg seine
geschichtliche Sendung endlich beendet hatte und das neue Reich nur mehr den
zum Kaiser küren dürfe, der in seiner heldischen Gesinnung der „Krone des
Rheines" ein würdiges Haupt zu bieten habe. Wieviel mehr noch aber war das
Schicksal zu preisen, da es diese Belehnung an dem Sprossen eines Hauses
vollzog, das in Friedrich dem Großen schon einmal der Nation in verschwommener
Zeit ein leuchtendes Sinnbild zur Erhebung für immer geschenkt hatte.
Als aber nach dem großen Kriege das Haus Habsburg mit der letzten
Entschlossenheit daranging, das gefährliche Deutschtum der Doppelmonarchie
(dessen innere Gesinnung nicht zweifelhaft sein konnte) langsam, aber
unerbittlich auszurotten – denn dies mußte das Ende der Slawisierungspolitik
sein –, da brannte der Widerstand des zum Ende bestimmten Volkes empor in
einer Art, wie die deutsche Geschichte der neueren Zeit dies noch nicht
kannte.
Zum ersten Male wurden national und patriotisch ge sinnte Männer Rebellen.
Rebellen nicht gegen die Nation, auch nicht gegen den Staat an sich, sondern
Rebellen gegen eine Art der Regierung, die ihrer Überzeugung nach zum
Untergang des eigenen Volkstums führen mußte.
Zum ersten Male in der neueren deutschen Geschichte schied sich der
landläufige dynastische Patriotismus von nationaler Vaterlands und Volksliebe.
Es ist das Verdienst der alldeutschen Bewegung Deutschösterreichs der
neunziger Jahre gewesen, in klarer und eindeutiger Weise festgestellt zu
haben, daß eine Staatsautorität nur dann das Recht hat, Achtung und Schutz zu
verlangen, wenn sie den Belangen eines Volkstums entspricht, mindestens ihm
nicht Schaden zufügt.
Staatsautorität als Selbstzweck kann es nicht geben, da in diesem Falle jede
Tyrannei auf dieser Welt unangreif bar und geheiligt wäre.
Wenn durch die Hilfsmittel der Regierungsgewalt ein Volkstum dem Untergang
entgegengeführt wird, dann ist die Rebellion eines jeden Angehörigen eines
solchen Volkes nicht nur Recht, sondern Pflicht.
Die Frage aber, wann ein solcher Fall gegeben sei, wird nicht entschieden
durch theoretische Abhandlungen, sondern durch die Gewalt und – den Erfolg.
Da jede Regierungsgewalt selbstverständlich die Pflicht der Erhaltung der
Staatsautorität für sich in Anspruch nimmt, mag sie auch noch so schlecht sein
und die Belange eines Volkstums tausendmal verraten, so wird der völkische
Selbsterhaltungstrieb bei Niederkämpfung einer solchen Macht, zur Erringung
der Freiheit oder Unabhängigkeit, dieselben Waffen zu führen haben, mittels
deren der Geg ner sich zu halten versucht. Der Kampf wird demnach so lange mit
„legalen" Mitteln gekämpft werden, solange auch die zu stürzende Gewalt sich
solcher bedient; es wird aber auch nicht vor illegalen zurückzuschrecken sein,
wenn auch der Unterdrücker solche anwendet.
Im allgemeinen aber soll nie vergessen werden, daß nicht die Erhaltung eines
Staates oder gar die einer Regierung höchster Zweck des Daseins der Menschen
ist, sondern die Bewahrung ihrer Art.
Ist aber einmal diese selber in Gefahr, unterdrückt oder gar beseitigt zu
werden, dann spielt die Frage der Legali tät nur mehr eine untergeordnete
Rolle. Es mag dann sein, daß sich die herrschende Macht tausendmal sogenannter
„legaler" Mittel in ihrem Vorgehen bedient, so ist dennoch der
Selbsterhaltungstrieb der Unterdrückten immer die erhabenste Rechtfertigung
für ihren Kampf mit allen Waffen.
Nur aus der Anerkennung dieses Satzes allein sind die Freiheitskämpfe gegen
innere und auch äußere Versklavung von Völkern auf dieser Erde in so
gewaltigen historischen Beispielen geliefert worden.
Menschenrecht bricht Staatsrecht.
Unterliegt aber ein Volk in seinem Kampf um die Rechte des Menschen, dann
wurde es eben auf der Schicksalswaage zu leicht befunden für das Glück der
Forterhaltung auf der irdischen Welt. Denn wer nicht bereit oder fähig ist,
für sein Dasein zu streiten, dem hat die ewig gerechte Vorsehung schon das
Ende bestimmt.
Die Welt ist nicht da für feige Völker.
Wie leicht es einer Tyrannei aber ist, sich das Mäntel chen einer sogenannten
„Legalität" umzuhängen, zeigte wieder am klarsten und eindringlichsten das
Beispiel Österreichs.
Die legale Staatsgewalt fußte damals auf dem deutschfeindlichen Boden des
Parlaments mit seinen nichtdeutschen Majoritäten – und dem ebenso
deutschfeindlichen Herrscherhaus. In diesen beiden Faktoren war die gesamte
Staatsautorität verkörpert. Von dieser Stelle aus das Los des
deutschösterreichischen Volkes ändern zu wollen, war Unsinn. Damit aber wäre
nun nach den Meinungen unserer Anbeter des einzig möglichen „legalen" Weges
und der Staatsautorität an sich jeder Widerstand, weil mit legalen Mitteln
nicht durchführbar, zu unterlassen gewesen. Dieses aber würde das Ende des
deutschen Volkes in der Monarchie mit zwingender Notwendigkeit – und zwar in
kur zer Zeit – bedeutet haben. Tatsächlich ist das Deutschtum vor diesem
Schicksal auch nur durch den Zusammenbruch dieses Staates allein gerettet
worden.
Der bebrillte Theoretiker freilich würde immer noch lieber für seine Doktrin
sterben als für sein Volk.
Da die Menschen sich erst Gesetze schaffen, glaubt er, sie wären später für
diese da.
Mit diesem Unsinn zum Entsetzen aller theoretischen Prinzipienreiter sowie
sonstiger staatlicher Fetischinsulaner gründlich aufgeräumt zu haben, war das
Verdienst der damaligen alldeutschen Bewegung in Österreich.
Indem die Habsburger versuchten, mit allen Mitteln dem Deutschtum auf den Leib
zu rücken, griff diese Partei das „erhabene" Herrscherhaus selber, und zwar
rücksichtslos an. Sie hat zum ersten Male die Sonde an diesen faulen Staat
gelegt und Hunderttausenden die Augen geöffnet. Es ist ihr Verdienst, den
herrlichen Begriff der Vaterlandsliebe aus der Umarmung dieser traurigen
Dynastie erlöst zu haben.
Ihr Anhang war in der ersten Zeit ihres Auftretens außerordentlich groß, ja
drohte zu einer förmlichen Lawine zu werden. Allein, der Erfolg hielt nicht
an. Als ich nach Wien kam, war die Bewegung schon längst von der inzwischen
zur Macht gelangten christlichsozialen Partei überflügelt, ja zu einer nahezu
vollständigen Bedeutungslosigkeit herabgedrückt worden.
Dieser ganze Vorgang des Werdens und Vergehens der alldeutschen Bewegung
einerseits und des unerhörten Aufstiegs der christlichsozialen Partei
andererseits sollte als klassisches Studienobjekt für mich von tiefster
Bedeutung werden.
Als ich nach Wien kam, standen meine Sympathien voll und ganz auf der Seite
der alldeutschen Richtung.
Daß man den Mut aufbrachte, im Parlament den Ruf „Hoch Hohenzollern"
auszustoßen, imponierte mir ebenso sehr, wie es mich freute; daß man sich
immer noch als bloß vorübergehend getrennten Bestandteil des Deutschen Reiches
betrachtete und keinen Augenblick vergehen ließ, um dieses auch öffentlich zu
bekunden, erweckte in mir freudige Zuversicht; daß man in allen das Deutschtum
betreffenden Fragen rücksichtslos Farbe bekannte und niemals zu Kompromissen
sich herbeiließ, schien mir der einzige noch gangbare Weg zur Rettung unseres
Volkes zu sein; daß aber die Bewegung nach ihrem erst so herrlichen Aufstieg
nun so sehr niedersank, konnte ich nicht verstehen. Noch weniger aber, daß die
christlichsoziale Partei in dieser gleichen Zeit zu so ungeheurer Macht zu
gelangen vermochte. Sie war damals gerade am Gipfel ihres Ruhmes angelangt.
Indem ich daranging, beide Bewegungen zu vergleichen, gab mir auch hier das
Schicksal, durch meine sonstige traurige Lage beschleunigt, den besten
Unterricht zum Verständnis der Ursachen dieses Rätsels.
Ich beginne mein Abwägen zuerst bei den beiden Männern, die als Führer und
Begründer der zwei Parteien anzusehen sind: Georg v. Schönerer und Dr. Karl
Lueger.
Rein menschlich genommen ragen sie, einer wie der andere, weit über den Rahmen
und das Ausmaß der sogenannten parlamentarischen Erscheinungen hinaus. Im
Sumpfe einer allgemeinen politischen Korruption blieb ihr ganzes Leben rein
und unantastbar. Dennoch lag meine persönliche Sympathie zuerst auf seiten des
Alldeutschen Schönerer, um sich nur nach und nach dem christlichsozialen
Führer ebenfalls zuzuwenden.
In ihren Fähigkeiten verglichen schien mir schon damals Schönerer als der
bessere und gründlichere Denker in prinzipiellen Problemen zu sein. Er hat das
zwangsläufige Ende des österreichischen Staates richtiger und klarer erkannt
als irgendein anderer. Würde man besonders im Reiche seine Warnungen vor der
Habsburgermonarchie besser gehört haben, so wäre das Unglück des Weltkrieges
Deutschlands gegen ganz Europa nie gekommen.
Allein wenn Schönerer die Probleme ihrem inneren Wesen nach erkannte, dann
irrte er sich um so mehr in den Menschen.
Hier lag wieder die Stärke Dr. Luegers.
Dieser war ein seltener Menschenkenner, der sich besonders hütete, die
Menschen besser zu sehen, als sie nun einmal sind. Daher rechnete er auch mehr
mit den realen Möglichkeiten des Lebens, während Schönerer hierfür nur wenig
Verständnis aufbrachte. Alles, was der Alldeutsche auch dachte, war,
theoretisch genommen, richtig, allein indem die Kraft und das Verständnis
fehlte, die theoretische Erkenntnis der Masse zu vermitteln, sie also in
solche Form zu bringen, daß sie damit der Aufnahmefähigkeit des brei ten
Volkes, die nun einmal eine begrenzte ist und bleibt, entsprach, war eben
alles Erkennen nur seherische Weis heit, ohne jemals praktische Wirklichkeit
werden zu können.
Dieses Fehlen tatsächlicher Menschenkenntnis führte aber im weiteren Verlaufe
zu einem Irrtum in der Krafteinschätzung ganzer Bewegungen sowie uralter
Institutionen.
Endlich hat Schönerer allerdings erkannt, daß es sich hier um
Weltanschauungsfragen handelt, aber nicht begriffen, daß sich zum Träger
solcher nahezu religiöser Überzeugungen in erster Linie immer nur die breiten
Massen eines Volkes eignen.
Er sah in leider nur sehr kleinem Umfang die außerordentliche Begrenztheit des
Kampfwillens der sogenannten „bürgerlichen" Kreise schon infolge ihrer
wirtschaftlichen Stellung, die den einzelnen zuviel zu verlieren befürchten
läßt und ihn deshalb auch mehr zurückhält.
Und doch wird im allgemeinen eine Weltanschauung nur dann Aussicht auf den
Sieg haben, wenn sich die breite Masse als Trägerin der neuen Lehre bereit
erklärt, den notwendigen Kampf auf sich zu nehmen.
Diesem Mangel an Verständnis für die Bedeutung der unteren Volksschichten
entsprang dann aber auch die vollständig unzureichende Auffassung über die
soziale Frage.
In all dem war Dr. Lueger das Gegenteil Schönerers.
Die gründliche Menschenkenntnis ließ ihn die möglichen Kräfte ebenso richtig
beurteilen, wie er dadurch aber auch bewahrt blieb vor einer zu niederen
Einschätzung vorhandener Institutionen, ja vielleicht gerade aus diesem Grunde
sich eher noch solcher als Hilfsmittel zur Erreichung seiner Absichten
bedienen lernte.
Er verstand auch nur zu genau, daß die politische Kampfkraft des oberen
Bürgertums in der heutigen Zeit nur ge ring und nicht ausreichend war, einer
neuen großen Bewegung den Sieg zu erkämpfen. Daher legte er das Hauptgewicht
seiner politischen Tätigkeit auf die Gewinnung von Schichten, deren Dasein
bedroht war und mithin eher zu einem Ansporn als zu einer Lähmung des
Kampfwillens wurde. Ebenso war er geneigt, sich all der einmal schon
vorhandenen Machtmittel zu bedienen, bestehende mächtige Einrichtungen sich
geneigt zu machen, um aus solchen alten Kraftquellen für die eigene Bewegung
möglichst großen Nutzen ziehen zu können.
So stellte er seine neue Partei in erster Linie auf den vom Untergang
bedrohten Mittelstand ein und sicherte sich dadurch eine nur sehr schwer zu
erschütternde Anhängerschaft von ebenso großer Opferwilligkeit wie zäher
Kampfkraft. Sein unendlich klug ausgestaltetes Verhältnis zur katholischen
Kirche aber gewann ihm in kurzer Zeit die jüngere Geistlichkeit in einem
Umfange, daß die alte klerikale Partei entweder das Kampffeld zu räumen
gezwungen war, oder, noch klüger, sich der neuen Partei anschloß, um so
langsam Position um Position wieder zu gewinnen.
Würde aber dies allein als das charakteristische Wesen des Mannes angesehen
werden, dann geschähe ihm schwe res Unrecht. Denn zum klugen Taktiker kamen
auch die Eigenschaften eines wahrhaft großen und genialen Reformators.
Freilich auch hier begrenzt durch eine genaue Kenntnis der nun einmal
vorhandenen Möglichkeiten sowie auch der Fähigkeit der eigenen Person.
Es war ein unendlich praktisches Ziel, daß sich dieser wahrhaft bedeutende
Mann gestellt hatte. Er wollte Wien erobern. Wien war das Herz der Monarchie,
von dieser Stadt ging noch das letzte Leben in den krankhaft und alt
gewordenen Körper des morschen Reiches hinaus. Je gesünder das Herz würde, um
so frischer mußte auch der übrige Körper aufleben. Ein prinzipiell richtiger
Gedanke, der aber doch nur eine bestimmte, begrenzte Zeit zur Anwendung kommen
konnte.
Und hierin lag die Schwäche dieses Mannes.
Was er als Bürgermeister der Stadt Wien geleistet hat, ist im besten Sinne des
Wortes unsterblich; die Monarchie aber vermochte er dadurch nicht mehr zu
retten – es war zu spät.
Dieses hatte sein Widersacher Schönerer klarer gesehen.
Was Dr. Lueger praktisch angriff, gelang in wundervoller Weise; was er sich
davon erhoffte, blieb aus. Was Schönerer wollte, gelang ihm nicht, was er
befürchtete, traf aber leider in furchtbarer Weise ein.
So haben beide Männer ihr weiteres Ziel nicht erreicht. Lueger konnte
Österreich nicht mehr retten und Schönerer das deutsche Volk nicht mehr vor
dem Niedergang bewahren.
Es ist unendlich lehrreich für unsere heutige Zeit, die Ursachen des Versagens
beider Parteien zu studieren. Es ist dies besonders für meine Freunde
zweckmäßig, da in vielen Punkten die Verhältnisse heute ähnliche sind wie
damals und Fehler dadurch vermieden werden können, die schon einst zum Ende
der einen Bewegung und zur Fruchtlosigkeit der anderen geführt hatten.
Der Zusammenbruch der alldeutschen Bewegung in Österreich hatte in meinen
Augen drei Ursachen:
Erstens die unklare Vorstellung der Bedeutung des sozialen Problems gerade für
eine neue, ihrem inneren Wesen nach revolutionäre Partei.
Indem sich Schönerer und sein Anhang in erster Linie an die bürgerlichen
Schichten wandten, konnte das Ergeb nis nur ein sehr schwächliches, zahmes
sein.
Das deutsche Bürgertum ist besonders in seinen höheren Kreisen, wenn auch von
einzelnen ungeahnt, pazifistisch bis zur förmlichen Selbstverleugnung, wenn es
sich um innere Angelegenheiten der Nation oder des Staates han delt. In guten
Zeiten, das heißt in diesem Falle also in Zeiten einer guten Regierung, ist
eine solche Gesinnung ein Grund des außerordentlichen Wertes dieser Schichten
für den Staat; in Zeiten schlechterer Herrschaft aber wirkt sie geradezu
verheerend. Schon um die Durchführung eines wirklich ernsten Kampfes überhaupt
zu ermöglichen, mußte die alldeutsche Bewegung sich vor allem der Gewinnung
der Massen widmen. Daß sie dies nicht tat, nahm ihr von vornherein den
elementaren Schwung, den eine solche Welle nun einmal braucht, wenn sie nicht
in kurzer Zeit schon verebben soll.
Sowie aber dieser Grundsatz nicht von Anfang an ins Auge gefaßt und auch
durchgeführt wird, verliert die neue Partei für später jede Möglichkeit eines
Nachholens des Versäumten. Denn mit der Aufnahme überaus zahlreicher
gemäßigtbürgerlicher Elemente wird sich die innere Einstellung der Bewegung
immer nach diesen richten und so jede weitere Aussicht zum Gewinnen
nennenswerter Kräfte aus dem breiten Volke einbüßen. Damit aber wird eine
solche Bewegung über bloßes Nörgeln und Kritisieren nicht mehr hinauskommen.
Der mehr oder minder fast religiöse Glaube, verbunden mit einer ebensolchen
Opferwilligkeit, wird nimmermehr zu finden sein; an dessen Stelle wird aber
das Bestreben treten, durch „positive" Mitarbeit, das heißt in diesem Falle
aber durch Anerkennung des Gegebenen, die Härten des Kampfes allmählich
abzuschleifen, um endlich bei einem faulen Frieden zu landen.
So ging es auch der alldeutschen Bewegung, weil sie nicht von vornherein das
Hauptgewicht auf die Gewinnung ihrer Anhänger aus den Kreisen der breiten
Masse gelegt hatte. Sie wurde „bürgerlich, vornehm, gedämpft radikal".
Aus diesem Fehler erwuchs ihr aber die zweite Ursache des schnellen
Untergangs.
Die Lage in Österreich für das Deutschtum war zur Zeit des Auftretens der
alldeutschen Bewegung schon verzweifelt. Von Jahr zu Jahr war das Parlament
mehr zu einer Einrichtung der langsamen Vernichtung des deutschen Volkes
geworden. Jeder Versuch einer Rettung in zwölfter Stunde konnte nur in der
Beseitigung dieser Institution eine wenn auch kleine Aussicht auf Erfolg
bieten.
Damit trat an die Bewegung eine Frage von prinzi pieller Bedeutung heran:
Sollte man, um das Parlament zu vernichten, in das Parlament gehen, um
dasselbe, wie man sich auszudrücken pflegte, „von innen heraus auszuhöhlen",
oder sollte man diesen Kampf von außen angriffsweise gegen diese Einrichtung
an und für sich führen?
Man ging hinein und kam geschlagen heraus.
Freilich, man mußte hineingehen.
Den Kampf gegen eine solche Macht von außen durchführen, heißt, sich mit
unerschütterlichem Mute rüsten, aber auch zu unendlichen Opfern bereit sein.
Man greift den Stier damit an den Hörnern an und wird viele schwere Stöße
erhalten, wird manchmal zu Boden stürzen, um sich vielleicht einmal nur mit
gebrochenen Gliedern wieder erheben zu können, und erst nach schwerstem Ringen
wird sich der Sieg dem kühnen Angreifer zuwenden. Nur die Größe der Opfer wird
neue Kämpfer der Sache gewinnen, bis endlich der Beharrlichkeit der Lohn des
Erfolges wird.
Dazu aber braucht man die Kinder des Volkes aus den breiten Massen.
Sie allein sind entschlossen und zähe genug, diesen Streit bis zum blutigen
Ende durchzufechten.
Diese breite Masse aber besaß die alldeutsche Bewegung eben nicht; so blieb
ihr auch nichts anderes übrig, als in das Parlament zu gehen.
Es wäre falsch, zu glauben, daß dieser Entschluß das Ergebnis langer innerer
seelischer Qualen oder auch nur Überlegungen gewesen wäre; nein, man dachte an
gar nichts anderes. Die Teilnahme an diesem Unsinn war nur der Niederschlag
allgemeiner, unklarer Vorstellungen über die Bedeutung und die Wirkung einer
solchen eigenen Beteiligung an der im Prinzip ja schon als falsch erkannten
Einrichtung. Im allgemeinen erhoffte man sich wohl eine Erleichterung der
Aufklärung breiterer Volksmassen, indem man ja nun vor dem „Forum der ganzen
Nation" zu spre chen Gelegenheit bekam. Auch schien es einzuleuchten, daß der
Angriff an der Wurzel des Übels erfolgreicher sein müsse als das Anstürmen von
außen. Durch den Schutz der Immunität glaubte man die Sicherheit des einzelnen
Vorkämpfers gestärkt, so daß die Kraft des Angriffes sich dadurch nur erhöhen
konnte.
In der Wirklichkeit allerdings kamen die Dinge wesent lich anders.
Das Forum, vor dem die alldeutschen Abgeordneten sprachen, war nicht größer,
sondern eher kleiner geworden; denn es spricht jeder nur vor dem Kreis, der
ihn zu hören vermag, oder der durch die Berichte der Presse eine Wiedergabe
des Gesprochenen erhält.
Das größte unmittelbare Forum von Zuhörern stellt aber nicht der Hörsaal eines
Parlamentes dar, sondern die große öffentliche Volksversammlung.
Denn in ihr befinden sich Tausende von Menschen, die nur gekommen sind, um zu
vernehmen, was der Redner ihnen zu sagen habe, während im Sitzungssaale des
Abgeordnetenhauses nur wenige hundert sind, zumeist auch nur da, um Diäten in
Empfang zu nehmen, keineswegs, um etwa die Weisheit des einen oder anderen
Herrn „Volksvertreters" in sich hineinleuchten zu lassen.
Vor allem aber: Es ist dies ja immer das gleiche Publikum, das niemals mehr
etwas hinzulernen wird, da ihm außer dem Verstande ja auch der hierzu nötige,
wenn auch noch so bescheidene Wille fehlt.
Niemals wird einer dieser Volksvertreter von sich aus der besseren Wahrheit
die Ehre geben, um sich dann auch in ihren Dienst zu stellen. Nein, dies wird
nicht ein einziger tun, außer er hat Grund zu hoffen, durch eine solche
Wendung sein Mandat für eine weitere Session noch retten zu können. Erst also,
wenn es in der Luft liegt, daß die bisherige Partei bei einer kommenden Wahl
schlecht abschneiden wird, werden sich diese Zierden von Mannhaftigkeit auf
den Weg machen und sehen, ob und wie sie zur anderen, vermutlich besser
abschneidenden Partei oder Richtung zu kommen vermögen, wobei dieser
Positionswechsel allerdings unter einem Wolkenbruch moralischer Begründungen
vor sich zu gehen pflegt. Daher wird immer, wenn eine bestehende Partei der
Ungunst des Volkes in so großem Umfange verfallen erscheint, daß die
Wahrscheinlichkeit einer vernichtenden Niederlage droht, ein großes Wandern
anheben: die parlamentarischen Ratten verlassen das Parteischiff.
Mit besserem Wissen oder Wollen aber hat dies nichts zu tun, sondern nur mit
jener hellseherischen Begabung, die solch eine Parlamentswanze gerade noch zur
rechten Zeit warnt und so immer wieder auf ein anderes warmes Parteibett
fallen läßt.
Vor einem solchen „Forum" zu sprechen, heißt aber doch wirklich Perlen vor die
bekannten Tiere werfen. Das lohnt sich wahrhaftig nicht! Der Erfolg kann hier
gar nicht anders als Null sein.
Und so war es auch. Die alldeutschen Abgeordneten mochten sich die Kehlen
heiser reden: die Wirkung blieb völlig aus.
Die Presse aber schwieg sie entweder tot oder zerriß ihre Reden so, daß
jeglicher Zusammenhang, ja oft sogar der Sinn verdreht wurde oder ganz
verlorenging und dadurch die öffentliche Meinung ein nur sehr schlechtes Bild
von den Absichten der neuen Bewegung erhielt. Es war ganz bedeutungslos, was
die einzelnen Herren sprachen; die Bedeutung lag in dem, was man von ihnen zu
lesen bekam. Dies aber war ein Auszug aus ihren Reden, der in seiner
Zerrissenheit nur unsinnig wirken konnte und – sollte. Dabei aber bestand das
einzige Forum, vor dem sie nun in Wahrheit sprachen, aus knapp fünfhundert
Parlamentariern, und dies besagt genug.
Das schlimmste aber war folgendes:
Die alldeutsche Bewegung konnte nur dann auf Erfolg rechnen, wenn sie vom
ersten Tage an begriff, daß es sich hier nicht um eine neue Partei handeln
durfte, als viel mehr um eine neue Weltanschauung. Nur eine solche allein
vermochte die innere Kraft aufzubringen, diesen riesenhaften Kampf
auszufechten. Dazu aber taugen nun einmal als Führer nur die allerbesten und
auch mutigsten Köpfe.
Wenn der Kampf für eine Weltanschauung nicht von aufopferungsbereiten Helden
geführt wird, werden sich in kurzer Zeit auch keine todesmutigen Kämpfer mehr
finden. Wer hier für sein eigenes Dasein ficht, kann für die Allgemeinheit
nicht mehr viel übrig haben.
Um aber diese Voraussetzung sich zu erhalten, ist es notwendig für jedermann,
zu wissen, daß die neue Bewegung Ehre und Ruhm vor der Nachwelt, in der
Gegenwart aber nichts bieten kann. Je mehr eine Bewegung zu vergeben hat an
leicht zu erringenden Posten und Stellen, um so größer wird der Zulauf an
Minderwertigen sein, bis endlich diese politischen Gelegenheitsarbeiter eine
erfolgreiche Partei in solcher Zahl überwuchern, daß der redliche Kämpfer von
einst die alte Bewegung gar nicht mehr wiedererkennt und die neu
Hinzugekommenen ihn selber als lästigen „Unberufenen" entschieden ablehnen.
Damit aber ist die „Mission" einer solchen Bewegung erledigt.
Sowie die alldeutsche Bewegung sich dem Parlament verschrieb, erhielt sie eben
auch „Parlamentarier" statt Führer und Kämpfer. Sie sank damit auf das Niveau
einer der gewöhnlichen politischen Tagesparteien hinab und verlor die Kraft,
einem verhängnisvollen Schicksal mit dem Trotz des Märtyrertums
entgegenzutreten. Statt zu fechten, lernte sie nun auch „reden" und
„verhandeln". Der neue Parlamentarier aber empfand es schon in kurzer Zeit als
schönere, weil risikolosere, Pflicht, die neue Weltanschauung mit den
„geistigen" Waffen parlamentarischer Beredsam keit auszufechten, als sich,
wenn nötig, unter Einsatz des eigenen Lebens in einen Kampf zu stürzen, dessen
Ausgang unsicher war, auf alle Fälle jedoch nichts einbringen konnte.
Da man nun einmal im Parlamente saß, begannen die Anhänger draußen auf Wunder
zu hoffen und zu warten, die natürlich nicht eintraten und auch gar nicht
eintreten konnten. Man wurde deshalb schon in kurzer Zeit ungeduldig; denn
auch das, was man so von den eigenen Abgeordneten zu hören bekam, entsprach in
keiner Weise den Erwartungen der Wähler. Dies war leicht erklärlich, da sich
die feindliche Presse wohl hütete, ein wahrheitsgetreues Bild des Wirkens der
alldeutschen Vertreter dem Volke zu vermitteln.
Je mehr aber die neuen Volksvertreter Geschmack an der doch etwas milderen Art
des „revolutionären" Kampfes in Parlament und Landtagen erhielten, um so
weniger fanden sie sich noch bereit, in die gefährlichere Aufklärungsarbeit
der breiten Schichten des Volkes zurückzukehren.
Die Massenversammlung, der einzige Weg einer wirklich wirkungsvollen, weil
unmittelbar persönlichen Beeinflussung und dadurch allein möglichen Gewinnung
großer Volksteile, wurde daher immer mehr zurückgestellt.
Sowie der Biertisch des Versammlungssaales endgültig mit der Tribüne des
Parlaments vertauscht war, um von diesem Forum aus die Reden statt in das Volk
in die Häupter seiner sogenannten „Auserwählten" zu gießen, hörte die
alldeutsche Bewegung auch auf, eine Volksbewegung zu sein und sank in kurzer
Zeit zu einem mehr oder minder ernst zu nehmenden Klub akademischer
Erörterungen zusammen.
Der durch die Presse vermittelte schlechte Eindruck wurde demgemäß in keiner
Weise mehr durch persönliche Versammlungstätigkeit der einzelnen Herren
berichtigt, so daß endlich das Wort „alldeutsch" einen sehr üblen Klang in den
Ohren des breiten Volkes bekam.
Denn das mögen sich alle die schriftstellernden Ritter und Gecken von heute
besonders gesagt sein lassen: die größten Umwälzungen auf dieser Welt sind nie
durch einen Gänsekiel geleitet worden!
Nein, der Feder blieb es immer nur vorbehalten, sie theoretisch zu begründen.
Die Macht aber, die die großen historischen Lawinen religiöser und politischer
Art ins Rollen brachte, war seit urewig nur die Zauberkraft des gesprochenen
Wortes.
Die breite Masse eines Volkes vor allem unterliegt im mer nur der Gewalt der
Rede. Alle großen Bewegungen aber sind Volksbewegungen, sind Vulkanausbrüche
menschlicher Leidenschaften und seelischer Empfindungen, aufgerührt entweder
durch die grausame Göttin der Not oder durch die Brandfackel des unter die
Masse geschleuderten Wortes und sind nicht limonadige Ergüsse ästhetisierender
Literaten und Salonhelden.
Völkerschicksale vermag nur ein Sturm von heißer Leidenschaft zu wenden,
Leidenschaft erwecken aber kann nur, wer sie selbst im Innern trägt.
Sie allein schenkt dann dem von ihr Erwählten die Worte, die Hammerschlägen
ähnlich die Tore zum Herzen eines Volkes zu öffnen vermögen.
Wem aber Leidenschaft versagt und der Mund verschlossen bleibt, den hat der
Himmel nicht zum Verkünder seines Willens ausersehen.
Daher möge jeder Schreiber bei seinem Tintenfasse bleiben, um sich
„theoretisch" zu betätigen, wenn Verstand und Können hierfür genügen; zum
Führer aber ist er weder geboren noch erwählt.
Eine Bewegung mit großen zielen muß deshalb ängstlich bemüht sein, den
Zusammenhang mit dem breiten Volke nicht zu verlieren.
Sie hat jede Frage in erster Linie von diesem Gesichtspunkte aus zu prüfen und
in dieser Richtung ihre Entscheidung zu treffen.
Sie muß weiter alles vermeiden, was ihre Fähigkeit, auf die Masse zu wirken,
mindern oder auch nur schwächen könnte, nicht etwa aus „demagogischen" Gründen
heraus, nein, sondern aus der einfachen Erkenntnis, daß ohne die gewaltige
Kraft der Masse eines Volkes keine große Idee, mag sie auch noch so hehr und
hoch erscheinen, zu verwirklichen ist.
Die harte Wirklichkeit allein muß den Weg zum Ziel bestimmen; unangenehme Wege
nicht gehen wollen, heißt auf dieser Welt nur zu oft auf das Ziel verzichten;
man mag dann dies wollen oder nicht.
Sowie die alldeutsche Bewegung durch ihre parlamentarische Einstellung das
Schwergewicht ihrer Tätigkeit statt in das Volk in das Parlament verlegte,
verlor sie die Zukunft und gewann dafür billige Erfolge des Augenblicks.
Sie wählte den leichteren Kampf und war damit aber des letzten Sieges nicht
mehr wert.
Ich habe gerade diese Fragen schon in Wien auf das gründlichste durchgedacht
und in ihrem Nichterkennen eine der Hauptursachen des Zusammenbruches der
Bewegung gesehen, die in meinen Augen damals berufen war, die Führung des
Deutschtums in ihre Hand zu nehmen.
Die beiden ersten Fehler, die die alldeutsche Bewegung scheitern ließen,
standen in verwandtschaftlichem Verhältnis zueinander. Die mangelnde Kenntnis
der inneren Triebkräfte großer Umwälzungen führte zu einer ungenügenden
Einschätzung der Bedeutung der breiten Massen des Volkes; daraus ergab sich
das geringe Interesse an der sozialen Frage, das mangelhafte und ungenügende
Wer ben um die Seele der unteren Schichten der Nation sowie auch die dies nur
begünstigende Einstellung zum Par lament.
Hätte man die unerhörte Macht erkannt, die der Masse als Trägerin
revolutionären Widerstandes zu allen Zeiten zukommt, so würde man in sozialer
wie in propagandistischer Richtung anders gearbeitet haben. Dann wäre auch
nicht das Hauptgewicht der Bewegung in das Parlament verlegt worden, sondern
auf Werkstatt und Straße.
Aber auch der dritte Fehler trägt den letzten Keim in der Nichterkenntnis des
Wertes der Masse, die, durch überlegene Geister erst einmal in einer
bestimmten Richtung in Bewegung gesetzt, dann aber auch, einem Schwungrade
ähnlich, der Stärke des Angriffs Wucht und gleichmäßige Beharrlichkeit gibt.
Der schwere Kampf, den die alldeutsche Bewegung mit der katholischen Kirche
ausfocht, ist nur erklärlich aus dem ungenügenden Verständnis, das man der
seelischen Veranlagung des Volkes entgegenzubringen vermochte.
Die Ursachen des heftigen Angriffs der neuen Partei gegen Rom lagen in
folgendem:
Sobald das Haus Habsburg sich endgültig entschlossen hatte, Österreich zu
einem slawischen Staate umzugestalten, griff man zu jedem Mittel, das in
dieser Richtung als irgendwie geeignet erschien. Auch religiöse Institutionen
wurden von diesem gewissenlosesten Herrscherhaus skrupellos in den Dienst der
neuen „Staatsidee" gestellt.
Die Verwendung tschechischer Pfarreien und ihrer geistlichen Seelsorger war
nur eines der vielen Mittel, um zu diesem Ziele, einer allgemeinen Verslawung
Österreichs, zu kommen.
Der Vorgang spielte sich etwa wie folgt ab:
In rein deutschen Gemeinden wurden tschechische Pfarrer eingesetzt, die
langsam aber sicher die Interessen des tschechischen Volkes über die
Interessen der Kirchen zu stellen begannen und zu Keimzellen des
Entdeutschungsprozesses wurden.
Die deutsche Geistlichkeit versagte einem solchen Vorgehen gegenüber leider
fast vollständig. Nicht nur, daß sie selber zu einem ähnlichen Kampfe im
deutschen Sinne gänzlich unbrauchbar war, vermochte sie auch den Angriffen der
anderen nicht mit dem nötigen Widerstande zu begegnen. So wurde das
Deutschtum, über den Umweg konfessionellen Mißbrauchs auf der einen Seite und
durch ungenügende Abwehr auf der anderen, langsam aber unaufhörlich
zurückgedrängt.
Fand dies im kleinen wie dargelegt statt, so lagen leider die Verhältnisse im
großen nicht viel anders.
Auch hier erfuhren die antideutschen Versuche der Habsburger, durch den
höheren Klerus vor allem, nicht die gebotene Abwehr, während die Vertretung
der deutschen Interessen selber vollständig in den Hintergrund trat.
Der allgemeine Eindruck konnte nicht anders sein, als daß hier eine grobe
Verletzung deutscher Rechte durch die katholische Geistlichkeit als solche
vorläge.
Damit aber schien die Kirche eben nicht mit dem deutschen Volke zu fühlen,
sondern sich in ungerechter Weise auf die Seite der Feinde desselben zu
stellen. Die Wurzel des ganzen Übels aber lag, vor allem nach der Meinung
Schönerers, in der nicht in Deutschland befindlichen Leitung der katholischen
Kirche sowie der dadurch schon allein bedingten Feindseligkeit den Belangen
unseres Volkstums gegenüber.
Die sogenannten kulturellen Probleme traten dabei, wie damals fast bei allem
in Österreich, beinahe ganz in den Hintergrund. Maßgebend für die Einstellung
der alldeutschen Bewegung zur katholischen Kirche war viel weniger die Haltung
derselben etwa zur Wissenschaft usw. als vielmehr ihre ungenügende Vertretung
deutscher Rechte und umgekehrt dauernde Förderung besonders slawischer
Anmaßung und Begehrlichkeit.
Georg Schönerer war nun nicht der Mann, eine Sache halb zu tun. Er nahm den
Kampf gegen die Kirche auf in der Überzeugung, nur durch ihn allein das
deutsche Volk noch retten zu können. Die „LosvonRomBewegung" schien das
gewaltigste, aber freilich auch schwerste Angriffsverfahren, das die
feindliche Hochburg zertrümmern mußte. War es erfolgreich, dann war auch die
unselige Kirchenspaltung in Deutschland überwunden, und die innere Kraft des
Reiches und der deutschen Nation konnte durch einen solchen Sieg nur auf das
ungeheuerlichste gewinnen.
Allein weder die Voraussetzung noch die Schlußfolgerung dieses Kampfes war
richtig.
Ohne Zweifel war die nationale Widerstandskraft der katholischen Geistlichkeit
deutscher Nationalität in allen das Deutschtum betreffenden Fragen geringer
als die ihrer nichtdeutschen, besonders tschechischen Amtsbrüder.
Ebenso konnte nur ein Ignorant nicht sehen, daß dem deutschen Klerus eine
offensive Vertretung deutscher Interessen fast nie auch nur einfiel.
Allein ebenso mußte jeder nicht Verblendete zugeben, daß dies in erster Linie
einem Umstande zuzuschreiben ist, unter dem wir Deutsche alle insgesamt auf
das schwerste zu leiden haben: es ist dies unsere Objektivität in der
Einstellung zu unserem Volkstum genau so wie zu irgend etwas anderem.
So wie der tschechische Geistliche subjektiv seinem Volke gegenüberstand und
nur objektiv der Kirche, so war der deutsche Pfarrer subjektiv der Kirche
ergeben und blieb objektiv gegenüber der Nation. Eine Erscheinung, die wir in
tausend anderen Fällen zu unserem Unglück genau so beobachten können.
Es ist dies keineswegs nur ein besonderes Erbteil des Katholizismus, sondern
frißt bei uns in kurzer Zeit fast jede, besonders staatliche oder ideelle
Einrichtung an.
Man vergleiche nur die Stellung, die z.B. unser Beamtentum gegenüber den
Versuchen einer nationalen Wiedergeburt einnimmt, mit der, wie sie in solchem
Falle die Beamtenschaft eines anderen Volkes einnehmen würde. Oder glaubt man,
daß das Offizierskorps der ganzen an deren Welt etwa in ähnlicher Weise die
Belange der Nation unter der Phrase der „Staatsautorität" zurückstellen würde,
wie dies bei uns seit fünf Jahren selbstverständlich ist, ja sogar noch als
besonders verdienstvoll gilt? Nehmen z.B. in der Judenfrage nicht beide
Konfessionen heute einen Standpunkt ein, der weder den Belangen der Nation
noch den wirklichen Bedürfnissen der Religion entspricht? Man vergleiche doch
die Haltung eines jüdischen Rabbiners in allen Fragen von nur einiger
Bedeutung für das Juden tum als Rasse mit der Einstellung des weitaus größten
Teils unserer Geistlichkeit, aber gefälligst beider Konfessionen!
Wir haben diese Erscheinung immer dann, wenn es sich um die Vertretung einer
abstrakten Idee an sich handelt.
„Staatsautorität", „Demokratie", „Pazifismus", „Internationale Solidarität"
usw. sind lauter Begriffe, die bei uns fast immer zu so starren, rein
doktrinären Vorstellun gen werden, daß jede Beurteilung allgemeiner nationaler
Lebensnotwendigkeiten ausschließlich nur mehr von ihrem Gesichtspunkte aus
erfolgt.
Diese unselige Art der Betrachtung aller Belange unter dem Gesichtswinkel
einer einmal vorgefaßten Meinung tötet jedes Vermögen, sich in eine Sache
subjektiv hineinzudenken, die objektiv der eigenen Doktrin widerspricht, und
führt am Ende zu einer vollständigen Umkehrung von Mit tel und Zweck. Man wird
sich gegen jeden Versuch einer nationalen Erhebung wenden, wenn diese nur
unter vorhergehender Beseitigung eines schlechten, verderblichen Regiments
stattfinden könnte, da dies ja ein Verstoß gegen die „Staatsautorität" wäre,
die „Staatsautorität" aber nicht ein Mittel zum Zweck ist, als vielmehr in den
Augen eines solchen ObjektivitätsFanatikers den Zweck selber darstellt, der
genügend ist, um sein ganzes klägliches Leben auszufüllen. So würde man sich
z.B. mit Entrüstung gegen den Versuch einer Diktatur stemmen, selbst wenn ihr
Träger ein Friedrich der Große und die augenblicklichen Staatskünstler einer
Parlamentsmehrheit nur unfähige Zwerge oder gar minderwertige Subjekte wären,
weil das Gesetz der Demokratie einem solchen Prinzipienbock eben heiliger
erscheint als die Wohlfahrt einer Nation. Es wird also der eine die
schlechteste Tyrannei, die ein Volk zugrunde richtet, beschirmen, da die
„Staatsautorität" sich augenblicklich in ihr verkörpert, während der andere
selbst die segensreichste Regierung ablehnt, sowie sie nicht seiner
Vorstellung von „Demokratie" entspricht.
Genau so wird unser deutscher Pazifist zu jeder auch noch so blutigen
Vergewaltigung der Nation, sie mag ruhig von den ärgsten Militärgewalten
ausgehen, schweigen, wenn eine Änderung dieses Loses nur durch Widerstand,
also Gewalt, zu erreichen wäre, denn dieses würde ja dem Geiste seiner
Friedensgesellschaft widersprechen. Der internationale deutsche Sozialist aber
kann von der anderen Welt solidarisch ausgeplündert werden, er selber
quittiert es mit brüderlicher Zuneigung und denkt nicht an Vergeltung oder
auch nur Verwahrung, weil er eben ein – Deutscher ist. – Dies mag traurig
sein, aber eine Sache ändern wollen, heißt, sie vorher erkennen müssen.
Ebenso verhält es sich mit der schwächlichen Vertretung deutscher Belange
durch einen Teil des Klerus.
Es ist dies weder boshafter, schlechter Wille an sich, noch bedingt durch,
sagen wir Befehle von „oben", sondern wir sehen in einer solchen mangelhaften
nationalen Entschlossenheit nur die Ergebnisse einer ebenso mangelhaften
Erziehung zum Deutschtum von Jugend auf, wie andererseits aber einer restlosen
Unterwerfung unter die zum Idol gewordene Idee.
Die Erziehung zur Demokratie, zum Sozialismus internationaler Art, zum
Pazifismus usw. ist eine so starre und ausschließliche, mithin, von ihnen aus
betrachtet, rein subjektive, daß damit auch das allgemeine Bild der übrigen
Welt unter dieser grundsätzlichen Vorstellung beeinflußt wird, während die
Stellung zum Deutschtum ja von Jugend auf nur eine sehr objektive war. So war
der Pazifist, indem er sich subjektiv seiner Idee restlos ergibt, bei jeder
auch noch so ungerechten und schweren Bedrohung seines Volkes (sofern er eben
ein Deutscher ist) immer erst nach dem objektiven Recht suchen und niemals aus
reinem Selbsterhaltungstrieb sich in die Reihe seiner Herde stellen und
mitfechten.
Wie sehr dies auch für die einzelnen Konfessionen gilt, mag noch folgendes
zeigen:
Der Protestantismus vertritt von sich aus die Belange des Deutschtums besser,
soweit dies in seiner Geburt und späteren Tradition überhaupt schon begründet
liegt; er versagt jedoch in dem Augenblick, wo diese Verteidigung nationaler
Interessen auf einem Gebiete stattfinden müßte, das in der allgemeinen Linie
seiner Vorstellungswelt und traditionellen Entwicklung entweder fehlt oder gar
aus irgendeinem Grunde abgelehnt wird.
So wird der Protestantismus immer für die Förderung alles Deutschtums an sich
eintreten, sobald es sich um Dinge der inneren Sauberkeit oder auch nationalen
Vertiefung, um die Verteidigung deutschen Wesens, deutscher Sprache und auch
deutscher Freiheit handelt, da dieses alles ja fest in ihm selber mit
begründet liegt; er bekämpft aber sofort auf das feindseligste jeden Versuch,
die Nation aus der Umklammerung ihres tödlichsten Feindes zu retten, da seine
Stellung zum Judentum nun einmal mehr oder weniger fest dogmatisch festgelegt
ist. Dabei aber dreht es sich hierbei um die Frage, ohne deren Lösung alle
anderen Ver suche einer deutschen Wiedergeburt oder einer Erhebung vollkommen
unsinnig und unmöglich sind und bleiben.
Ich besaß in meiner Wiener Zeit Muße und Gelegenheit genug, auch diese Frage
unvoreingenommen zu prüfen und konnte dabei noch im täglichen Verkehr die
Richtigkeit dieser Anschauung tausendfältig feststellen.
In diesem Brennpunkt der verschiedensten Nationalitäten zeigte sich sofort am
klarsten, daß eben nur der deutsche Pazifist die Belange der eigenen Nation
immer objektiv zu betrachten versucht, aber niemals der Jude etwa die des
jüdischen Volkes; daß nur der deutsche Sozialist „international" in einem
Sinne ist, der ihm dann verbietet, sei nem eigenen Volke Gerechtigkeit anders
als durch Winseln und Flennen bei den internationalen Genossen zu erbet teln,
niemals aber auch der Tscheche oder Pole usw.; kurz, ich erkannte schon
damals, daß das Unglück nur zum Teil in diesen Lehren an sich liegt, zum
anderen Teil aber in
unserer gänzlich ungenügenden Erziehung zum eigenen Volkstum überhaupt und in
einer dadurch bedingten minderen Hingabe an dasselbe.
Damit entfiel die erste rein theoretische Begründung des Kampfes der
alldeutschen Bewegung gegen den Katholizismus an sich.
Man erziehe das deutsche Volk schon von Jugend an mit jener ausschließlichen
Anerkennung der Rechte des eigenen Volkstums und verpeste nicht schon die
Kinderherzen mit dem Fluche unserer „Objektivität" auch in Dingen der
Erhaltung des eigenen Ichs, so wird es sich in kurzer Zeit zeigen, daß (eine
dann aber auch radikale nationale Regierung vorausgesetzt) ebenso wie in
Irland, Polen oder Frankreich, auch in Deutschland der Katholik immer
Deutscher sein wird.
Den gewaltigsten Beweis hierfür hat aber jene Zeit geliefert, die zum letzten
Male unser Volk zum Schutze seines Daseins vor dem Richterstuhl der Geschichte
antreten ließ zu seinem Kampfe auf Leben und Tod.
Solange nicht die Führung damals von oben fehlte, hat das Volk seine Pflicht
und Schuldigkeit in überwältigendster Weise erfüllt. Ob protestantischer
Pastor oder katholischer Pfarrer, sie trugen beide gemeinsam unendlich bei zum
so langen Erhalten unserer Widerstandskraft, nicht nur an der Front, sondern
noch mehr zu Hause. In diesen Jahren, und besonders im ersten Aufflammen, gab
es wirklich in beiden Lagern nur ein einziges heiliges Deutsches Reich, für
dessen Bestehen und Zukunft sich jeder eben an seinen Himmel wandte.
Eine Frage hätte sich die alldeutsche Bewegung in Österreich einst vorlegen
müssen: Ist die Erhaltung des österreichischen Deutschtums unter einem
katholischen Glauben möglich oder nicht? Wenn ja, dann durfte sich die
politische Partei nicht um religiöse oder gar konfessionelle Dinge kümmern;
wenn aber nein, dann mußte eine religiöse Reformation einsetzen und niemals
eine politische Partei.
Wer über den Umweg einer politischen Organisation zu einer religiösen
Reformation kommen zu können glaubt, zeigt nur, daß ihm auch jeder Schimmer
vom Werden religiöser Vorstellungen oder gar Glaubenslehren und deren
kirchlichen Auswirkungen abgeht.
Man kann hier wirklich nicht zwei Herren dienen. Wobei ich die Gründung oder
Zerstörung einer Religion denn doch als wesentlich größer halte als die
Gründung oder Zerstörung eines Staates, geschweige denn einer Partei.
Man sage ja nicht, daß besagte Angriffe nur die Abwehr von Angriffen der
anderen Seite waren!
Sicherlich haben zu allen Zeiten gewissenlose Kerle sich nicht gescheut, auch
die Religion zum Instrument ihrer politischen Geschäfte (denn um dies handelt
es sich bei solchen Burschen fast immer und ausschließlich) zu machen; allein
ebenso sicher ist es falsch, die Religion oder auch die Konfession für eine
Anzahl von Lumpen, die mit ihr genau so Mißbrauch treiben, wie sie sonst eben
wahrscheinlich irgend etwas anderes in den Dienst ihrer niederen Instinkte
stellen würden, verantwortlich zu machen.
Nichts kann solch einem parlamentarischen Taugenichts und Tagedieb besser
passen, als wenn ihm so Gelegenheit geboten wird, wenigstens nachträglich noch
die Rechtfertigung zu seiner politischen Schiebung zu erlangen. Denn sobald
man die Religion oder auch die Konfession für seine persönliche Schlechtigkeit
verantwortlich macht und sie deshalb angreift, ruft der verlogene Bursche
sofort unter riesigem Geschrei alle Welt zum Zeugen an, wie berechtigt sein
Vorgehen bisher war, und wie nur ihm und seiner Mundfertigkeit allein die
Rettung von Religion und Kirche zu danken sei. Die ebenso dumme wie
vergeßliche Mitwelt erkennt dann den wahren Urheber des ganzen Kampfes schon
des großen Geschreies wegen meistens nicht oder erinnert sich seiner nicht
mehr, und der Lump hat ja nun eigentlich sein Ziel erreicht.
Daß dies mit Religion gar nichts zu tun hat, weiß so ein listiger Fuchs ganz
genau; er wird also um so mehr im stillen in das Fäustchen lachen, während
sein ehrlicher, aber ungeschickter Gegner das Spiel verliert, um eines Tages,
an Treu und Glauben der Menschheit verzweifelnd, sich von allem
zurückzuziehen.
Es wäre aber auch in anderer Hinsicht nur unrecht, die Religion als solche
oder selbst die Kirche für die Verfehlungen einzelner verantwortlich zu
machen. Man vergleiche die Größe der vor dem Auge stehenden sichtbaren
Organisation mit der durchschnittlichen Fehlerhaftigkeit der Menschen im
allgemeinen und wird zugeben müssen, daß das Verhältnis von Gutem und
Schlechtem dabei besser ist als wohl irgendwo anders. Sicher gibt es auch
unter den Priestern selber solche, denen ihr heiliges Amt nur ein Mittel zur
Befriedigung ihres politischen Ehrgeizes ist, ja, die im politischen Kampfe in
oft mehr als beklagenswerter Weise vergessen, daß sie denn doch die Hüter
einer höheren Wahrheit sein sollten und nicht Vertreter von Lüge und
Verleumdung – allein auf einen solchen Unwürdigen treffen doch auch wieder
tausend und mehr ehrenhafte, ihrer Mission auf das treueste ergebene
Seelsorger, die in unserer heutigen ebenso verlogenen als verkommenen Zeit wie
kleine Inseln aus einem allgemeinen Sumpfe herausragen.
So wenig ich die Kirche als solche verurteile und verurteilen darf, wenn
einmal ein verkommenes Subjekt im Priesterrock sich in schmutziger Weise an
der Sittlichkeit verfehlt, so wenig aber auch, wenn ein anderer unter den vie
len sein Volkstum besudelt und verrät, in Zeitläuften, in denen dies ohnehin
geradezu alltäglich ist. Besonders heute möge man dann nicht vergessen, daß
auf einen solchen Ephialtes auch Tausende treffen, die mit blutendem Herzen
das Unglück ihres Volkes mitempfinden und genau so wie die Besten unserer
Nation die Stunde herbeisehnen, in der auch uns der Himmel wieder einmal
lächeln wird.
Wer aber zur Antwort gibt, daß es sich hier nicht um so kleine Probleme des
Alltags handelt, sondern um Fragen grundsätzlicher Wahrhaftigkeit oder
dogmatischen Inhalts überhaupt, dem kann man nur mit einer anderen Frage die
nötige Antwort geben:
Glaubst du dich vom Schicksal ausersehen, hier die Wahrheit zu verkünden, dann
tue es; aber habe dann auch den Mut, dies nicht über den Umweg einer
politischen Partei tun zu wollen – denn dies ist auch eine Schiebung –,
sondern stelle eben an Stelle des Schlechteren von jetzt dein Besseres der
Zukunft auf.
Fehlt es dir hier an Mut, oder ist dir dein Besseres sel ber nicht ganz klar,
dann lasse die Finger davon; auf alle Fälle aber versuche nicht, was du mit
offenem Visier nicht zu tun dir getraust, über den Umweg einer politischen
Bewegung zu erschleichen.
Politische Parteien haben mit religiösen Problemen, solange sie nicht als
volksfremd die Sitte und Moral der eigenen Rasse untergraben, nichts zu
schaffen; genau so wie Religion nicht mit politischem Parteiunfug zu
verquicken ist.
Wenn kirchliche Würdenträger sich religiöser Einrichtungen oder auch Lehren
bedienen, um ihr Volkstum zu schädigen, so darf man ihnen auf diesem Wege
niemals folgen und mit gleichen Waffen kämpfen.
Dem politischen Führer haben religiöse Lehren und Einrichtungen seines Volkes
immer unantastbar zu sein, sonst darf er nicht Politiker sein, sondern soll
Reformator werden, wenn er das Zeug hierzu besitzt!
Eine andere Haltung würde vor allem in Deutschland zu einer Katastrophe
führen.
Bei dem Studium der alldeutschen Bewegung und ihres Kampfes gegen Rom bin ich
damals und besonders im Laufe späterer Jahre zu folgender Überzeugung gelangt:
Das geringe Verständnis dieser Bewegung für die Bedeutung des sozialen
Problems kostete sie die wahrhaft kampfkräftige Masse des Volkes; das
Hineingehen in das Parlament nahm ihr den gewaltigen Schwung und be lastete
sie mit allen dieser Institution eigenen Schwächen; der Kampf gegen die
katholische Kirche machte sie in zahlreichen kleinen und mittleren Kreisen
unmöglich und raubte ihr damit unzählige der besten Elemente, die die Nation
überhaupt ihr eigen nennen kann.
Das praktische Ergebnis des österreichischen Kulturkampfes war fast gleich
Null.
Wohl gelang es, der Kirche gegen hunderttausend Mitglieder zu entreißen,
allein ohne daß diese dadurch auch nur einen besonderen Schaden erlitten
hätte. Sie brauchte den verlorenen „Schäflein" in diesem Falle wirklich keine
Träne nachzuweinen; denn sie verlor nur, was ihr vorher schon längst innerlich
nicht mehr voll gehörte. Dies war der Unterschied der neuen Reformation
gegenüber der einstigen: daß einst viele der Besten der Kirche sich von ihr
wendeten aus innerer religiöser Überzeugung heraus, während jetzt nur die
ohnehin Lauen gingen, und zwar aus „Erwägungen" politischer Natur.
Gerade vom politischen Gesichtspunkte aus aber war das Ergebnis ebenso
lächerlich wie doch wieder traurig.
Wieder war eine erfolgversprechende politische Heilsbewegung der deutschen
Nation zugrunde gegangen, weil sie nicht mit der nötigen rücksichtslosen
Nüchternheit geführt worden war, sondern sich auf Gebiete verlor, die nur zu
einer Zersplitterung führen mußten.
Denn eines ist sicher wahr:
Die alldeutsche Bewegung würde diesen Fehler wohl nie gemacht haben, wenn sie
nicht zu wenig Verständnis für die Psyche der breiten Masse besessen hätte.
Würde ihren Führern bekannt gewesen sein, daß man, um überhaupt Erfolge
erringen zu können, schon aus rein seelischen Erwägungen heraus der Masse
niemals zwei und mehr Geg ner zeigen darf, da dies sonst zu einer
vollständigen Zersplitterung der Kampfkraft führt, so wäre schon aus diesem
Grunde die Stoßrichtung der alldeutschen Bewegung nur auf einen Gegner allein
eingestellt worden. Es ist nichts gefährlicher für eine politische Partei, als
wenn sie sich in ihren Entschließungen von jenen Hansdampfgesellen in allen
Gassen leiten läßt, die alles wollen, ohne auch nur das Geringste je wirklich
erreichen zu können.
Auch wenn an der einzelnen Konfession noch soviel wirklich auszustellen wäre,
so darf die politische Partei doch nicht einen Augenblick die Tatsache aus dem
Auge verlieren, daß es nach aller bisherigen Erfahrung der Geschichte noch
niemals einer rein politischen Partei in ähnlichen Lagen gelungen war, zu
einer religiösen Reforma tion zu kommen. Man studiert aber nicht Geschichte,
um dann, wenn sie zur praktischen Anwendung kommen sollte, sich ihrer Lehren
nicht zu erinnern oder zu glauben, daß nun die Dinge eben anders lägen, mithin
ihre urewigen Wahrheiten nicht mehr anzuwenden wären, sondern man lernt aus
ihr gerade die Nutzanwendung für die Gegen wart. Wer dies nicht fertigbringt,
der bilde sich nicht ein, politischer Führer zu sein; er ist in Wahrheit ein
seichter, wenn auch meist sehr eingebildeter Tropf, und aller gute Wille
entschuldigt nicht seine praktische Unfähigkeit.
Überhaupt besteht die Kunst aller wahrhaft großen Volksführer zu allen Zeiten
in erster Linie mit darin, die Aufmerksamkeit eines Volkes nicht zu
zersplittern, sondern immer auf einen einzigen Gegner zu konzentrieren. Je
einheitlicher dieser Einsatz des Kampfwillens eines Volkes stattfindet, um so
größer wird die magnetische Anziehungskraft einer Bewegung sein, und um so
gewaltiger die Wucht des Stoßes. Es gehört zur Genialität eines großen
Führers, selbst auseinanderliegende Gegner immer als nur zu einer Kategorie
gehörend erscheinen zu lassen, weil die Erkenntnis verschiedener Feinde bei
schwächlichen und unsicheren Charakteren nur zu leicht zum Anfang des Zweifels
am eigenen Rechte führt.
Sowie die schwankende Masse sich im Kampfe gegen zu viele Feinde sieht, wird
sich sofort die Objektivität einstellen und die Frage aufwerfen, ob wirklich
alle anderen unrecht haben und nur das eigene Volk oder die eigene Bewegung
allein sich im Rechte befinde.
Damit aber kommt auch schon die erste Lähmung der eigenen Kraft. Daher muß
eine Vielzahl von innerlich verschiedenen Gegnern immer zusammengefaßt werden,
so daß in der Einsicht der Masse der eigenen Anhänger der Kampf nur gegen
einen Feind allein geführt wird. Dies stärkt den Glauben an das eigene Recht
und steigert die Erbitterung gegen den Angreifer auf dasselbe.
Daß die alldeutsche Bewegung von einst dies nicht begriff, kostete sie den
Erfolg.
Ihr Ziel war richtig gesehen, das Wollen rein, der eingeschlagene Weg aber
falsch. Sie glich einem Bergsteiger, der den zu erklimmenden Gipfel wohl im
Auge behält, auch mit größter Entschiedenheit und Kraft sich auf den Weg
macht, allein diesem selber keine Beachtung schenkt, sondern, immer den Blick
auf das Ziel gerichtet, die Beschaffenheit des Aufstiegs weder sieht noch
prüft und daran endlich scheitert.
Umgekehrt schien das Verhältnis bei der großen Konkurrentin, der
christlichsozialen Partei, zu liegen.
Der Weg, den sie einschlug, war klug und richtig ge wählt, allein es fehlte
die klare Erkenntnis über das Ziel.
In fast allen Belangen, in denen die alldeutsche Bewe gung fehlte, war die
Einstellung der christlichsozialen Partei richtig und planvoll.
Sie besaß das nötige Verständnis für die Bedeutung der Masse und sicherte sich
wenigstens einen Teil derselben durch offensichtliche Betonung ihres sozialen
Charakters vom ersten Tage an. Indem sie sich in wesentlicher Weise auf die
Gewinnung des kleinen und unteren Mittel und Handwerkerstandes einstellte,
erhielt sie eine ebenso treue wie ausdauernde und opferwillige Gefolgschaft.
Sie ver mied jeden Kampf gegen eine religiöse Einrichtung und sicherte sich
dadurch die Unterstützung einer so mächtigen Organisation, wie sie die Kirche
nun einmal darstellt. Sie besaß demzufolge auch nur einen einzigen wahrhaft
großen Hauptgegner. Sie erkannte den Wert einer großzügigen Propaganda und war
Virtuosin im Einwirken auf die seelischen Instinkte der breiten Masse ihrer
Anhänger.
Daß auch sie dennoch nicht das erträumte Ziel einer Rettung Österreichs zu
erreichen vermochte, lag in zwei Mängeln ihres Weges sowie in der Unklarheit
über das Ziel selber.
Der Antisemitismus der neuen Bewegung war statt auf rassischer Erkenntnis auf
religiöser Vorstellung aufgebaut.
Der Grund, warum dieser Fehler unterlief, war der gleiche, der auch den
zweiten Irrtum veranlaßte.
Wollte die christlichsoziale Partei Österreich retten, dann durfte sie sich,
nach der Meinung ihrer Begründer, nicht auf den Standpunkt des Rassenprinzips
stellen, da sonst in kurzer Zeit eine allgemeine Auflösung des Staates
eintreten mußte. Besonders aber die Lage in Wien selber erforderte, nach der
Ansicht der Führer der Partei, eine möglichst große Beiseitelassung aller
trennenden Momente und an deren Stelle ein Hervorheben aller einigenden
Gesichtspunkte.
Wien war zu dieser Zeit schon so stark, besonders mit tschechischen Elementen,
durchsetzt, daß nur größte Toleranz in bezug auf alle Rassenprobleme diese
noch in einer nicht von vornherein deutschfeindlichen Partei zu halten
vermochte. Wollte man Österreich retten, durfte auf sie nicht verzichtet
werden. So versuchte man die besonders sehr zahlreichen tschechischen
Kleingewerbetreibenden in Wien zu gewinnen durch den Kampf gegen das liberale
Manchestertum und glaubte dabei eine über alle Völkerunterschiede des alten
Österreich hinwegführende Parole im Kampf gegen das Judentum auf religiöser
Grundlage gefunden zu haben.
Daß eine solche Bekämpfung auf solcher Grundlage der Judenheit nur begrenzte
Sorge bereitete, liegt auf der Hand. Im schlimmsten Falle rettete ein Guß
Taufwasser immer noch Geschäft und Judentum zugleich.
Mit einer solchen oberflächlichen Begründung kam man auch niemals zu einer
ernstlichen wissenschaftlichen Behandlung des ganzen Problems und stieß
dadurch nur zu viele, denen diese Art von Antisemitismus unverständlich sein
mußte, überhaupt zurück. Die werbende Kraft der Idee war damit fast
ausschließlich an geistig beschränkte Kreise gebunden, wenn man nicht vom rein
gefühlsmäßigen Empfinden hinweg zu einer wirklichen Erkenntnis kommen wollte.
Die Intelligenz verhielt sich grundsätzlich ablehnend. Die Sache erhielt so
mehr und mehr den Anstrich, als handle es sich bei der ganzen Angelegenheit
nur um den
Versuch einer neuen Judenbekehrung oder gar um den Ausdruck eines gewissen
Konkurrenzneides. Damit aber verlor der Kampf das Merkmal einer inneren und
höheren Weihe und erschien vielen, und nicht gerade den Schlechtesten, als
unmoralisch und verwerflich. Es fehlte die Überzeugung, daß es sich hier um
eine Lebensfrage der gesam ten Menschheit handle, von deren Lösung das
Schicksal aller nichtjüdischen Völker abhänge.
An dieser Halbheit ging der Wert der antisemitischen Einstellung der
christlichsozialen Partei verloren.
Es war ein Scheinantisemitismus, der fast schlimmer war als überhaupt keiner;
denn so wurde man in Sicher heit eingelullt, glaubte den Gegner an den Ohren
zu haben, wurde jedoch selbst an der Nase geführt.
Der Jude aber hatte sich schon in kurzer Zeit auch an diese Art von
Antisemitismus so gewähnt, daß ihm sein Wegfall sicher mehr gefehlt haben
würde, als ihn sein Vorhandensein behinderte.
Mußte man hier schon dem Nationalitätenstaat ein schweres Opfer bringen, so
noch viel mehr der Vertretung des Deutschtums an sich.
Man durfte nicht „nationalistisch" sein, wollte man nicht in Wien selber den
Boden unter den Füßen verlieren. Man hoffte durch ein sanftes Umgehen dieser
Frage den Habsburgerstaat noch zu retten und trieb ihn gerade da durch in das
Verderben. Die Bewegung aber verlor damit die gewaltige Kraftquelle, die
allein auf die Dauer eine politische Partei mit innerer Triebkraft aufzufüllen
ver mag. Die christlichsoziale Bewegung wurde gerade dadurch zu einer Partei
wie eben jede andere auch.
Ich habe beide Bewegungen einst auf das aufmerksamste verfolgt, die eine aus
dem Pulsschlag des inneren Her zens heraus, die andere, hingerissen von
Bewunderung für den seltenen Mann, der mir schon damals wie ein bitteres
Symbol des ganzen österreichischen Deutschtums erschien.
Als der gewaltige Leichenzug den toten Bürgermeister vom Rathaus hinweg der
Ringstraße zu fuhr, befand auch ich mich unter den vielen Hunderttausenden,
die dem Trauerspiel zusahen. In innerer Ergriffenheit sagte mir dabei das
Gefühl, daß auch das Werk dieses Mannes vergeblich sein müßte durch das
Verhängnis, das diesen Staat unweigerlich dem Untergang entgegenführen würde.
Hätte Dr. Karl Lueger in Deutschland gelebt, würde er in die Reihe der großen
Köpfe unseres Volkes gestellt worden sein; daß er in diesem unmöglichen Staate
wirkte, war das Unglück seines Werkes und seiner selbst.
Als er starb, zuckten bereits die Flämmchen auf dem Balkan von Monat zu Monat
gieriger hervor, so daß ihm das Schicksal gnädig das zu sehen erließ, was er
noch glaubte verhüten zu können.
Ich aber versuchte, aus dem Versagen der einen Bewegung und dem Mißlingen der
zweiten die Ursachen herauszufinden und kam zur sicheren Überzeugung, daß,
ganz abgesehen von der Unmöglichkeit, im alten Österreich noch eine Festigung
des Staates zu erreichen, die Fehler der beiden Parteien folgende waren:
Die alldeutsche Bewegung hatte wohl recht in ihrer prinzipiellen Ansicht über
das Ziel einer deutschen Erneuerung, war jedoch unglücklich in der Wahl des
Weges. Sie war nationalistisch, allein leider nicht sozial genug, um die Masse
zu gewinnen. Ihr Antisemitismus aber beruhte auf der richtigen Erkenntnis der
Bedeutung des Rassenpro blems und nicht auf religiösen Vorstellungen. Ihr
Kampf gegen eine bestimmte Konfession war dagegen tatsächlich und taktisch
falsch.
Die christlichsoziale Bewegung besaß eine unklare Vorstellung über das Ziel
einer deutschen Wiedergeburt, hatte aber Verstand und Glück beim Suchen ihrer
Wege als Partei. Sie begriff die Bedeutung der sozialen Frage, irrte in ihrem
Kampf gegen das Judentum und besaß keine Ahnung von der Macht des nationalen
Gedanken.
Hätte die christlichsoziale Partei zu ihrer klugen Kenntnis der breiten Masse
noch die richtige Vorstellung von der Bedeutung des Rassenproblems, wie dies
die alldeutsche Bewegung erfaßt hatte, besessen, und wäre sie selber
134 Wachsende Abneigung gegen den Habsburgerstaat
endlich nationalistisch gewesen, oder würde die alldeutsche Bewegung zu ihrer
richtigen Erkenntnis des Zieles der Judenfrage und der Bedeutung des
Nationalgedankens noch die praktische Klugheit der christlichsozialen Partei,
besonders aber deren Einstellung zum Sozialismus, angenommen haben, dann würde
dies jene Bewegung er geben haben, die schon damals meiner Überzeugung nach
mit Erfolg in das deutsche Schicksal hätte eingreifen können.
Daß dies nicht so war, lag zum weitaus größten Teil aber am Wesen des
österreichischen Staates.
Da ich meine Überzeugung in keiner anderen Partei verwirklicht sah, konnte ich
mich in der Folgezeit auch nicht mehr entschließen, in eine der bestehenden
Organisationen einzutreten oder gar mitzukämpfen. Ich hielt schon damals
sämtliche der politischen Bewegungen für verfehlt und für unfähig, eine
nationale Wiedergeburt des deut schen Volkes in größerem und nicht äußerlichem
Umfange durchzuführen.
Meine innere Abneigung aber dem habsburgischen Staate gegenüber wuchs in
dieser Zeit immer mehr an.
Je mehr ich mich besonders auch mit außenpolitischen Fragen zu beschäftigen
begann, um so mehr gewann meine Überzeugung Boden, daß dieses Staatsgebilde
nur zum Unglück des Deutschtums werden müßte. Immer klarer sah ich endlich
auch, daß das Schicksal der deutschen Nation nicht mehr von dieser Stelle aus
entschieden würde, sondern im Reiche selber. Dies galt aber nicht nur für
allgemeine politische Fragen, sondern nicht minder auch für alle Erscheinungen
des gesamten Kulturlebens überhaupt.
Der österreichische Staat zeigte auch hier auf dem Ge biete rein kultureller
oder künstlerischer Angelegenheiten alle Merkmale der Erschlaffung, mindestens
aber der Bedeutungslosigkeit für die deutsche Nation. Am meisten galt dies für
das Gebiet der Architektur. Die neuere Baukunst konnte schon deshalb in
Österreich nicht zu besonders großen Erfolgen kommen, weil die Aufgaben seit
dem Aus bau der Ringstraße wenigstens in Wien nur mehr unbedeutende waren
gegenüber den in Deutschland aufsteigenden Plänen.
So begann ich immer mehr ein Doppelleben zu führen; Verstand und Wirklichkeit
hießen mich in Österreich eine ebenso bittere wie segensreiche Schule
durchmachen, allein das Herz weilte wo anders.
Eine beklemmende Unzufriedenheit hatte damals von mir Besitz ergriffen, je
mehr ich die innere Hohlheit die ses Staates erkannte, die Unmöglichkeit, ihn
noch zu ret ten, aber dabei mit aller Sicherheit empfand, daß er in allem und
jedem nur noch das Unglück des deutschen Volkes darstellen konnte.
Ich war überzeugt, daß dieser Staat jeden wahrhaft gro ßen Deutschen ebenso
beengen und behindern mußte, wie er umgekehrt jede undeutsche Erscheinung
fördern würde. Widerwärtig war mir das Rassenkonglomerat, das die
Reichshauptstadt zeigte, widerwärtig dieses ganze Völkergemisch von Tschechen,
Polen, Ungarn, Ruthenen, Serben und Kroaten usw., zwischen allem aber als
ewiger Spalt pilz der Menschheit – Juden und wieder Juden.
Mir erschien die Riesenstadt als die Verkörperung der Blutschande.
Mein Deutsch der Jugendzeit war der Dialekt, den auch Niederbayern spricht;
ich vermochte ihn weder zu vergessen, noch den Wiener Jargon zu lernen. Je
länger ich in dieser Stadt weilte, um so mehr stieg mein Haß gegen das fremde
Völkergemisch, das diese alte deutsche Kulturstätte zu zerfressen begann.
Der Gedanke aber, daß dieser Staat noch längere Zeit zu halten wäre, erschien
mir geradezu lächerlich.
Österreich war damals wie ein altes Mosaikbild, dessen Kitt, der die einzelnen
Steinchen zusammenbindet, alt und bröcklig geworden; solange das Kunstwerk
nicht berührt wird, vermag es noch sein Dasein weiter vorzutäuschen, sowie es
jedoch einen Stoß erhält, bricht es in tausend Scherbchen auseinander. Die
Frage war also nur die, wann der Stoß kommen würde. –
Da mein Herz niemals für eine österreichische Monarchie, sondern immer nur für
ein Deutsches Reich schlug, konnte mir die Stunde des Zerfalls dieses Staates
nur als der Beginn der Erlösung der deutschen Nation erscheinen.
Aus all diesen Gründen entstand immer stärker die Sehnsucht, endlich dorthin
zu gehen, wo seit so früher Jugend mich heimliche Wünsche und heimliche Liebe
hinzogen.
Ich hoffte, dereinst als Baumeister mir einen Namen zu machen und so, in
kleinem oder großem Rahmen, den mir das Schicksal dann eben schon zuweisen
würde, der Nation meinen redlichen Dienst zu weihen.
Endlich aber wollte ich das Glücks teilhaftig werden, an der Stelle sein und
wirken zu dürfen, von der einst ja auch mein brennendster Herzenswunsch in
Erfüllung gehen mußte: der Anschluß meiner geliebten Heimat an das gemeinsame
Vaterland, das Deutsche Reich.
Viele werden die Größe einer solchen Sehnsucht auch heute noch nicht begreifen
vermögen, allein ich wende mich an die, denen das Schicksal entweder bisher
dieses Glück verweigert oder in grausamer Härte wieder genommen hat; ich wende
mich an alle die, die, losgelöst vom Mutterlande, selbst um das heilige Gut
der Sprache zu kämpfen haben, die wegen ihrer Gesinnung der Treue dem
Vaterlande gegenüber verfolgt und gepeinigt werden, und die nun im
schmerzlicher Ergriffenheit die Stunde ersehnen, die sie wieder an das Herz
der teuren Mutter zurückkehren läßt; ich wende mich an alle diese und weiß:
Sie werden mich verstehen!
Nur wer selber am eigenen Leibe fühlt, was es heißt, Deutscher zu sein, ohne
dem lieben Vaterlande angehören zu dürfen, vermag die tiefe Sehnsucht zu
ermessen, die zu allen Zeiten im Herzen der vom Mutterlande getrennten Kinder
brennt. Sie quält die von ihr Erfaßten und ver weigert ihnen Zufriedenheit und
Glück so lange, bis die Tore des Vaterhauses sich öffnen und im gemeinsamen
Reiche das gemeinsame Blut Frieden und Ruhe wiederfindet.
Wien aber war und blieb für mich die schwerste, wenn auch gründlichste Schule
meines Lebens. Ich hatte diese Stadt einst betreten als ein halber Junge noch
und ver ließ sie als still und ernst gewordener Mensch. Ich erhielt in ihr die
Grundlagen für eine Weltanschauung im gro ßen und eine politische
Betrachtungsweise im kleinen, die ich später nur noch im einzelnen zu ergänzen
brauchte, die mich aber nie mehr verließen. Den rechten Wert der damaligen
Lehrjahre vermag ich freilich selber erst heute voll zu schätzen.
Deshalb habe ich diese Zeit etwas ausführlicher behandelt, da sie mir gerade
in jenen Fragen den ersten Anschauungsunterricht erteilte, die mit zu den
Grundlagen der Partei gehören, die, aus kleinsten Anfängen entstehend, sich im
Laufe von kaum fünf Jahren zu einer großen Massenbewegung zu entwickeln
anschickt. Ich weiß nicht, wie meine Stellung zum Judentum, zur
Sozialdemokratie, besser zum gesamten Marxismus, zur sozialen Frage usw. heute
wäre, wenn nicht schon ein Grundstock persönlicher Anschauungen in so früher
Zeit durch den Druck des Schicksals – und durch eigenes Lernen sich gebildet
hätte.
Denn, wenn auch das Unglück des Vaterlandes Tausende und aber Tausende zum
Denken anzuregen vermag über die inneren Gründe des Zusammenbruches, so kann
dies doch niemals zu jener Gründlichkeit und tieferen Einsicht führen, die
sich dem erschließt, der selber erst nach jahrelangem Ringen Herr des
Schicksals wurde.
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