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5. KapitelDer Weltkrieg
Als jungen Wildfang hatte mich in meinen ausgelassenen Jahren nichts so
sehr betrübt, als gerade in einer Zeit geboren zu sein, die ersichtlich ihre
Ruhmestempel nur mehr Krämern oder Staatsbeamten errichten würde. Die Wogen
der geschichtlichen Ereignisse schienen sich schon so gelegt zu haben, daß
wirklich nur dem „friedlichen Wettbewerb der Völker", das heißt also einer
geruhsamen gegenseitigen Begaunerung unter Ausschaltung gewaltsamer Methoden
der Abwehr, die Zukunft gehören zu schien. Die einzelnen Staaten begannen
immer mehr Unternehmen zu gleichen, die sich gegenseitig den Boden abgraben,
die Kunden und Aufträge wegfangen und einander auf jede Weise zu übervorteilen
versuchen, und dies alles unter einem ebenso großen wie harmlosen Geschrei in
Szene setzen. Diese Entwicklung aber schien nicht nur anzuhalten, sondern
sollte dereinst (nach allgemeiner Empfehlung) die ganze Welt zu einem einzigen
großen Warenhaus ummodeln, in dessen Vorhallen dann die Büsten der
geriebensten Schieber und harmlosesten Verwaltungsbeamten der Unsterblichkeit
aufgespeichert würden. Die Kaufleute könnten dann die Engländer stellen, die
Verwaltungsbeamten die Deutschen, zu Inhabern aber müßten sich wohl die Juden
aufopfern, da sie nach eigenem Geständnis doch nie etwas verdienen, sondern
ewig nur „bezahlen" und außerdem die meisten Sprachen sprechen.
Warum konnte man denn nicht hundert Jahre früher geboren sein? Etwa zur Zeit
der Befreiungskriege, da der Mann wirklich, auch ohne „Geschäft", noch etwas
wert war?!
Ich hatte mir so über meine, wie mir vorkam, zu spät angetretene irdische
Wanderschaft oft ärgerliche Gedanken gemacht und die mir bevorstehende Zeit
„der Ruhe und Ordnung" als eine unverdiente Niedertracht des Schicksals
angesehen. Ich war eben schon als Junge kein „Pazifist", und alle
erzieherischen Versuche in dieser Richtung wurden zu Nieten.
Wie ein Wetterleuchten kam mir da der Burenkrieg vor. Ich lauerte jeden Tag
auf die Zeitungen und verschlang Depeschen und Berichte und war schon
glücklich, Zeuge dieses Heldenkampfes wenigstens aus der Ferne sein zu dürfen.
Der RussischJapanische Krieg sah mich schon wesentlich reifer, allein auch
aufmerksamer. Ich hatte dort bereits aus mehr nationalen Gründen Partei
ergriffen und mich da mals beim Austrag unserer Meinungen sofort auf Seite der
Japaner gestellt. Ich sah in einer Niederlage der Russen auch eine Niederlage
des österreichischen Slawentums.
Seitdem waren viele Jahre verflossen, und was mir einst als Junge wie faules
Siechtum erschien, empfand ich nun als Ruhe vor dem Sturme. Schon während
meiner Wiener Zeit lag über dem Balkan jene fahle Schwüle, die den Orkan
anzuzeigen pflegt, und schon zuckte manchmal auch ein hellerer Lichtschein auf,
um jedoch rasch in das unheimliche Dunkel sich wieder zuzückzuverlieren. Dann
aber kam der Balkankrieg, und mit ihm fegte der erste Windstoß über das nervös
gewordene Europa hinweg. Die nun kommende Zeit lag wie ein schwerer Alpdruck
auf den Menschen, brütend wie fiebrige Tropenglut, so daß das Gefühl der
herannahenden Katastrophe infolge der ewigen Sorge endlich zur Sehnsucht wurde:
der Himmel möge endlich dem Schicksal, das nicht mehr zu hemmen war, den
freien Lauf gewähren. Da fuhr denn auch schon der erste gewaltige Blitzstrahl
auf die Erde nieder: das Wetter brach los, und in den Donner des Himmels
mengte sich das Dröhnen der Batterien des Weltkrieges.
Als die Nachricht von der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand in München
eintraf (ich saß gerade zu Hause und hörte nur ungenau den Hergang der Tat),
faßte mich zunächst Sorge, die Kugeln möchten vielleicht aus den Pistolen
deutscher Studenten stammen, die aus Empörung über die dauernde
Verslawungsarbeit des Thronfolgers das deutsche Volk von diesem inneren Feinde
befreien wollten. Was die Folge davon gewesen wäre, konnte man sich sofort
ausdenken: eine neue Welle von Verfolgungen, die nun vor der ganzen Welt „gerechtfertigt"
und „begründet" gewesen wären. Als ich jedoch gleich darauf schon die Namen
der vermutlichen Täter hörte und außerdem ihre Feststellung als Serben las,
begann mich leises Grauen zu beschleichen über diese Rache des
unerforschlichen Schicksals.
Der größte Slawenfreund fiel unter den Kugeln slawi scher Fanatiker.
Wer in den letzten Jahren das Verhältnis Österreichs zu Serbien dauernd zu
beobachten Gelegenheit besaß, der konnte wohl kaum einen Augenblick darüber im
Zweifel sein, daß der Stein in das Rollen gekommen war, bei dem es ein
Aufhalten nicht mehr geben konnte.
Man tut der Wiener Regierung Unrecht, sie heute mit Vorwürfen zu überschütten
über Form und Inhalt des von ihr gestellten Ultimatums. Keine andere Macht der
Welt hätte an gleicher Stelle und in gleicher Lage anders zu handeln vermocht.
Österreich besaß an seiner Südgrenze einen unerbittlichen Todfeind, der in
immer kürzeren Perioden die Monarchie herausforderte, und der nimmer locker
gelassen hätte, bis endlich der günstige Augenblick zur Zertrümmerung des
Reiches doch eingetreten wäre. Man hatte Grund zur Befürchtung, daß dieser
Fall spätestens mit dem Tode des alten Kaisers kommen mußte; dann aber war die
Monarchie vielleicht überhaupt nicht mehr in der Lage, ernstlichen Widerstand
zu leisten. Der ganze Staat stand in den letzten Jahren schon so sehr auf den
beiden Augen Franz Josephs, daß der Tod dieser uralten Verkörperung des
Reiches in dem Gefühl der breiten Masse von vornherein als der Tod des Reiches
selber galt. Ja, es gehörte mit zu den schlauesten Künsten besonders
slawischer Politik, den Anschein zu erwecken, daß der österreichische Staat
ohnehin nur mehr der ganz wundervollen, einzigartigen Kunst dieses Monarchen
sein Dasein verdanke; eine Schmeichelei, die in der Hofburg um so wohler tat,
als sie den wirklichen Verdiensten dieses Kaisers am wenigsten entsprach. Den
Stachel, der in dieser Lobpreisung versteckt lauerte, vermochte man nicht
herauszufinden. Man sah nicht oder wollte vielleicht auch dort nicht mehr
sehen, dass, je mehr die Monarchie nur noch auf die überragende
Regierungskunst, wie man sich auszudrücken pflegte, dieses „weisesten
Monarchen" aller Zeiten eingestellt war, um so katastrophaler die Lage werden
mußte, wenn eines Tages auch hier das Schicksal an die Türe pochte, um seinen
Tribut zu holen.
War das alte Österreich ohne den alten Kaiser dann überhaupt noch denkbar?!
Würde sich nicht sofort die Tragödie, die einst Maria Theresia betroffen
hatte, wiederholt haben?
Nein, man tut den Wiener Regierungskreisen wirklich Unrecht, wenn ihnen der
Vorwurf gemacht wird, daß sie nun zum Kriege trieben, der sonst vielleicht
doch noch zu vermeiden gewesen wäre. Er war nicht mehr zu vermeiden, sondern
konnte höchstens noch ein oder zwei Jahre hinausgeschoben werden. Allein dies
war ja der Fluch der deutschen sowohl als auch der österreichischen Diplomatie,
daß sie eben immer schon versucht hatte, die unausbleibliche Abrechnung
hinauszuschieben, bis sie endlich gezwungen war, zu der unglücklichsten Stunde
loszuschlagen. Man kann überzeugt sein, daß ein nochmaliger Versuch, den
Frieden zu retten, den Krieg zu noch ungünstigerer Zeit erst recht gebracht
haben würde.
Nein, wer diesen Krieg nicht wollte, mußte auch den Mut aufbringen, die
Konsequenzen zu ziehen. Diese aber hätten nur in der Opferung Österreichs
bestehen können. Der Krieg wäre auch dann noch gekommen, allein wohl nicht
mehr als Kampf aller gegen uns, dafür jedoch in der Form einer Zerreißung der
Habsburgermonarchie. Dabei mußte man sich dann entschließen, mitzutun oder
eben zuzusehen, um mit leeren Händen dem Schicksal seinen Lauf zu lassen.
Gerade diejenigen aber, die heute über den Beginn des Krieges am allermeisten
fluchen und am weisesten urteilen, waren diejenigen, die am verhängnisvollsten
mithalfen, in ihn hineinzusteuern.
Die Sozialdemokratie hatte seit Jahrzehnten die schurkenhafteste Kriegshetze
gegen Rußland getrieben, das Zentrum aber hatte aus religiösen Gesichtspunkten
den österreichischen Staat am meisten zum Angel und Drehpunkt der deutschen
Politik gemacht. Nun hatte man die Folgen dieses Irrsinns zu tragen. Was kam,
mußte kommen und war unter keinen Umständen mehr zu vermeiden. Die Schuld der
deutschen Regierung war dabei, daß sie, um den Frieden nur ja zu erhalten, die
günstigen Stunden des Losschlagens immer versäumte, sich in das Bündnis zur
Erhaltung des Weltfriedens verstrickte und so endlich das Opfer einer
Weltkoalition wurde, die eben dem Drang nach Erhaltung des Weltfriedens die
Entschlossenheit zum Weltkrieg entgegenstemmte.
Hätte aber die Wiener Regierung damals dem Ultima tum eine andere, mildere
Form gegeben, so würde dies an der Lage gar nichts mehr geändert haben als
höchstens das eine, daß sie selber von der Empörung des Volkes weggefegt
worden wäre. Denn in den Augen der breiten Masse war der Ton des Ultimatums
noch viel zu rücksichtsvoll und keineswegs etwa zu weitgehend oder gar zu
brutal. Wer dies heute wegzuleugnen versucht, ist entweder ein vergeßlicher
Hohlkopf oder ein ganz bewußter Lügner.
Der Kampf des Jahres 1914 wurde den Massen, wahrhaftiger Gott, nicht
aufgezwungen, sondern von dem gesamten Volke selbst begehrt.
Man wollte einer allgemeinen Unsicherheit endlich ein Ende bereiten. Nur so
kann man auch verstehen, daß zu diesem schwersten Ringen sich über zwei
Millionen deutscher Männer und Knaben freiwillig zur Fahne stellten, bereit,
sie zu schirmen mit dem letzten Tropfen Blutes.
Mir selber kamen die damaligen Stunden wie eine Erlösung aus den ärgerlichen
Empfindungen der Jugend vor. Ich schäme mich auch heute nicht, es zu sagen,
daß ich, überwältigt von stürmischer Begeisterung, in die Knie gesunken war
und dem Himmel aus übervollem Herzen dankte, daß er mir das Glück geschenkt,
in dieser Zeit leben zu dürfen.
Ein Freiheitskampf war angebrochen, wie die Erde noch keinen gewaltigeren
bisher gesehen; denn sowie das Verhängnis seinen Lauf auch nur begonnen hatte,
dämmerte auch schon den breitesten Massen die Überzeugung auf, daß es sich
dieses Mal nicht um Serbiens oder auch Österreichs Schicksal handelte, sondern
um Sein oder Nichtsein der deutschen Nation.
Zum letzten Male auf viele Jahre war das Volk hellseherisch über seine eigene
Zukunft geworden. So kam denn auch gleich zu Beginn des ungeheueren Ringens in
den Rausch einer überschwenglichen Begeisterung der nötige ernste Unterton:
denn diese Erkenntnis allein ließ die nationale Erhebung mehr werden als ein
bloßes Stroh feuer. Der Ernst aber war nur zu sehr erforderlich; machte man
sich doch damals allgemein auch nicht die geringste Vorstellung von der
möglichen Länge und Dauer des nun beginnenden Kampfes. Man träumte, den Winter
wieder zu Hause zu sein, um dann in erneuter friedlicher Arbeit fortzufahren.
Was der Mensch will, das hofft und glaubt er. Die überwältigende Mehrheit der
Nation war des ewigen unsicheren Zustandes schon längst überdrüssig; so war es
auch nur zu verständlich, daß man an eine friedliche Beilegung des
österreichischserbischen Konfliktes gar nicht mehr glaubte, die endgültige
Auseinandersetzung aber erhoffte. Zu diesen Millionen gehörte auch ich.
Kaum war die Kunde des Attentats in München be kannt geworden, so zuckten mir
auch sofort zwei Ge danken durch den Kopf: erstens, daß der Krieg endlich
unvermeidlich sein würde, weiter aber, daß nun der habsburgische Staat
gezwungen sei, den Bund auch zu halten; denn was ich immer am meisten
gefürchtet hatte, war die Möglichkeit, daß Deutschland selber eines Tages,
vielleicht gerade infolge dieses Bündnisses, in einen Konflikt geraten konnte,
ohne daß aber Österreich die direkte Veranlassung hierzu gegeben hätte, und so
der österreichische Staat aus innerpolitischen Gründen nicht die Kraft des
Entschlusses aufbringen würde, sich hinter den Bundesgenossen zu stellen. Die
slawische Majorität des Reiches würde eine solche selbst gefaßte Absicht
sofort zu sabotieren begonnen haben und hätte immer noch lieber den ganzen
Staat in Trümmer geschlagen, als dem Bundesgenossen die geforderte Hilfe
gewährt. Diese Gefahr war nun aber beseitigt. Der alte Staat mußte fechten,
man mochte wollen oder nicht.
Meine eigene Stellung zum Konflikt war mir ebenfalls sehr einfach und klar;
für mich stritt nicht Österreich für irgendeine serbische Genugtuung, sondern
Deutschland um seinen Bestand, die deutsche Nation um Sein oder Nichtsein, um
Freiheit und Zukunft. Bismarcks Werk mußte sich nun schlagen; was die Väter
einst mit ihrem Heldenblute in den Schlachten von Weißenburg bis Sedan und
Paris erstritten hatten, mußte nun das junge Deutschland sich aufs neue
verdienen. Wenn dieser Kampf aber siegreich bestanden wurde, dann war unser
Volk in den Kreis der großen Nationen auch wieder an äußerer Macht eingetre
ten, dann erst wieder konnte das Deutsche Reich als ein mächtiger Hort des
Friedens sich bewähren, ohne seinen Kindern das tägliche Brot um des lieben
Friedens willen kürzen zu müssen.
Ich hatte einst als Junge und junger Mensch so oft den Wunsch gehabt, doch
wenigstens einmal auch durch Taten bezeugen zu können, daß mir die nationale
Begeisterung kein leerer Wahn sei. Mir kam es oft fast als Sünde vor, Hurra zu
schreien, ohne vielleicht auch nur das innere Recht hierzu zu besitzen; denn
wer durfte dieses Wort gebrauchen, ohne es einmal dort erprobt zu haben, wo
alle Spielerei zu Ende ist und die unerbittliche Hand der Schicksalsgöttin
Völker und Menschen zu wägen beginnt auf Wahrheit und Bestand ihrer Gesinnung?
So quoll mir, wie Millionen anderen, denn auch das Herz über vor stolzem
Glück, mich nun endlich von dieser lähmenden Empfindung erlösen zu können. Ich
hatte so oft „Deutschland über alles" gesungen und aus voller Kehle Heil
gerufen, daß es mir fast wie eine nachträglich gewährte Gnade erschien, nun im
Gottesdienst des ewigen Richters als Zeuge antreten zu dürfen zur Bekundung
der Wahrhaftig keit dieser Gesinnung. Denn es stand bei mir von der ersten
Stunde an fest, daß ich im Falle eines Krieges – der mir unausbleiblich schien
– so oder so die Bücher sofort verlassen würde. Ebenso aber wußte ich auch,
daß mein Platz dann dort sein mußte, wo mich die innere Stimme nun einmal
hinwies.
Aus politischen Gründen hatte ich Österreich in erster Linie verlassen; was
war aber selbstverständlicher, als daß ich nun, da der Kampf begann, dieser
Gesinnung erst recht Rechnung tragen mußte! Ich wollte nicht für den
habsburgischen Staat fechten, war aber bereit, für mein Volk und das dieses
verkörpernde Reich jederzeit zu sterben.
Am 3. August reichte ich ein Immediatgesuch an Seine Majestät König Ludwig
III. ein mit der Bitte, in ein bayerisches Regiment eintreten zu dürfen. Die
Kabinettskanzlei hatte in diesen Tagen sicherlich nicht wenig zu tun; um so
größer war meine Freude, als ich schon am Tage darauf die Erledigung meines
Ansuchens erhielt. Als ich mit zitternden Händen das Schreiben geöffnet hatte
und die Genehmigung meiner Bitte mit der Aufforderung las, mich bei einem
bayerischen Regiment zu melden, kannten Jubel und Dankbarkeit keine Grenzen.
Wenige Tage später trug ich dann den Rock, den ich erst nach nahezu sechs
Jahren wieder ausziehen sollte.
So, wie wohl für jeden Deutschen, begann nun auch für mich die unvergeßlichste
und größte Zeit meines irdischen Lebens. Gegenüber den Ereignissen dieses
gewaltigsten Ringens fiel alles Vergangene in ein schales Nichts zurück. Mit
stolzer Wehmut denke ich gerade in diesen Tagen, da sich zum zehnten Male das
gewaltige Geschehen jährt, zurück an diese Wochen des beginnenden
Heldenkampfes unseres Volkes, den mitzumachen mir das Schicksal gnädig
erlaubte.
Wie gestern erst zieht an mir Bild um Bild vorbei, sehe ich mich im Kreise
meiner lieben Kameraden eingekleidet, dann zum ersten Male ausrücken,
exerzieren usw., bis endlich der Tag des Ausmarsches kam.
Eine einzige Sorge quälte mich in dieser Zeit, mich wie so viele andere auch,
ob wir nicht zu spät zur Front kommen würden. Dies allein ließ mich oft und
oft nicht Ruhe finden. So blieb in jedem Siegesjubel über eine neue Heldentat
ein leiser Tropfen Bitternis verborgen, schien doch mit jedem neuen Siege die
Gefahr unseres Zuspätkommens zu steigen.
Und so kam endlich der Tag, an dem wir München verließen, um anzutreten zur
Erfüllung unserer Pflicht. Zum ersten Male sah ich so den Rhein, als wir an
seinen stillen Wellen entlang dem Westen entgegenfuhren, um ihn, den deutschen
Strom der Ströme, zu schirmen vor der Habgier des alten Feindes. Als durch den
zarten Schleier des Frühnebels die milden Strahlen der ersten Sonne das
Niederwalddenkmal auf uns herabschimmern ließen, da brauste aus dem endlos
langen Transportzuge die alte Wacht am Rhein in den Morgenhimmel hinaus, und
mir wollte die Brust zu enge werden.
Und dann kommt eine feuchte, kalte Nacht in Flandern, durch die wir schweigend
marschieren, und als der Tag sich dann aus den Nebeln zu lösen beginnt, da
zischt plötzlich ein eiserner Gruß über unsere Köpfe uns entgegen und schlägt
in scharfem Knall die kleinen Kugeln zwischen unsere Reihen, den nassen Boden
aufpeitschend; ehe aber die kleine Wolke sich noch verzogen, dröhnt aus
zweihundert Kehlen dem ersten Boten des Todes das erste Hurra entgegen. Dann
aber begann es zu knattern und zu dröhnen, zu singen und zu heulen, und mit
fiebrigen Augen zog es nun jeden nach vorne, immer schneller, bis plötzlich
über Rübenfelder und Hecken hinweg der Kampf einsetzte, der Kampf Mann gegen
Mann. Aus der Ferne aber drangen die Klänge eines Liedes an unser Ohr und
kamen immer
Vom Kriegsfreiwilligen zum alten Soldaten 181
näher und näher, sprangen über von Kompanie zu Kompanie, und da, als der Tod
gerade geschäftig hineingriff in unsere Reihen, da erreichte das Lied auch
uns, und wir gaben es nun wieder weiter: Deutschland, Deutschland über alles,
über alles in der Welt!
Nach vier Tagen kehrten wir zurück. Selbst der Tritt war jetzt anders
geworden. Siebzehnjährige Knaben sahen nun Männern ähnlich.
Die Freiwilligen des Regiments List hatten vielleicht nicht recht kämpfen
gelernt, allein zu sterben wußten sie wie alte Soldaten.
Das war der Beginn.
So ging es nun weiter Jahr für Jahr; an Stelle der Schlachtenromantik aber war
das Grauen getreten. Die Begeisterung kühlte allmählich ab, und der
überschwengliche Jubel wurde erstickt von der Todesangst. Es kam die Zeit, da
jeder zu ringen hatte zwischen dem Trieb der Selbsterhaltung und dem Mahnen
der Pflicht. Auch mir blieb dieser Kampf nicht erspart. Immer, wenn der Tod
auf Jagd war, versuchte ein unbestimmtes Etwas zu revol tieren, war bemüht,
sich als Vernunft dem schwachen Körper vorzustellen und war aber doch nur die
Feigheit, die unter solchen Verkleidungen den einzelnen zu umstricken
versuchte. Ein schweres Ziehen und Warnen hub dann an, und nur der letzte Rest
des Gewissens gab oft noch den Ausschlag. Je mehr sich aber diese Stimme, die
zur Vor sicht mahnte, mühte, je lauter und eindringlicher sie lockte, um so
schärfer ward dann der Widerstand, bis endlich nach langem innerem Streite das
Pflichtbewußtsein den Sieg davontrug. Schon im Winter 1915/16 war bei mir
dieser Kampf entschieden. Der Wille war endlich restlos Herr geworden. Konnte
ich die ersten Tage mit Jubel und Lachen mitstürmen, so war ich jetzt ruhig
und entschlossen. Dieses aber war das Dauerhafte. Nun erst konnte das
Schicksal zu den letzten Proben schreiten, ohne daß die Nerven rissen oder der
Verstand versagte.
Aus dem jungen Kriegsfreiwilligen war ein alter Sol dat geworden.
Dieser Wandel aber hatte sich in der ganzen Armee vollzogen. Sie war alt und
hart aus den ewigen Kämpfen hervorgegangen, und was dem Sturme nicht
standzuhalten vermochte, wurde eben von ihm gebrochen.
Nun aber erst mußte man dieses Heer beurteilen. Nun, nach zwei, drei Jahren,
während deren es von einer Schlacht heraus in die andere hineingeworfen wurde,
im mer fechtend gegen Übermacht an Zahl und Waffen, Hun ger leidend und
Entbehrungen ertragend, nun war die Zeit, die Güte dieses einzigen Heeres zu
prüfen.
Mögen Jahrtausende vergehen, so wird man nie von Heldentum reden und sagen
dürfen, ohne des deutschen Heeres des Weltkrieges zu gedenken. Dann wird aus
dem Schleier der Vergangenheit heraus die eiserne Front des grauen Stahlhelms
sichtbar werden, nicht wankend und nicht weichend, ein Mahnmal der
Unsterblichkeit. Solange aber Deutsche leben, werden sie bedenken, daß dies
einst Söhne ihres Volkes waren.
Ich war damals Soldat und wollte nicht politisieren. Es war hierzu auch
wirklich nicht die Zeit. Ich hege heute noch die Überzeugung, daß der letzte
Fuhrknecht dem Vaterlande noch immer mehr an wertvollen Diensten geleistet hat
als selbst der erste, sagen wir „Parlamentarier". Ich haßte diese Schwätzer
niemals mehr als gerade in der Zeit, da jeder wahrhaftige Kerl, der etwas zu
sagen hatte, dies dem Feinde in das Gesicht schrie oder sonst zweckmäßig sein
Mundwerk zu Hause ließ und schwei gend irgendwo seine Pflicht tat. Ja, ich
haßte damals alle diese „Politiker", und wäre es auf mich angekommen, so würde
sofort ein parlamentarisches Schipperbataillon gebildet worden sein; dann
hätten sie unter sich nach Herzenslust und Bedürfnis zu schwätzen vermocht,
ohne die anständige und ehrliche Menschheit zu ärgern oder gar zu schädigen.
Ich wollte also damals von Politik nichts wissen, konnte aber doch nicht
anders, als zu gewissen Erscheinungen Stellung zu nehmen, die nun einmal die
ganze Nation betrafen, besonders aber uns Soldaten angingen.
Zwei Dinge waren es, die mich damals innerlich ärgerten und die ich für
schädlich hielt.
Schon nach den ersten Siegesnachrichten begann eine gewisse Presse langsam und
vielleicht für viele zunächst unerkennbar einige Wermuttropfen in die
allgemeine Begeisterung fallen zu lassen. Es geschah dies unter der Maske
eines gewissen Wohlwollens und Gutmeinens, ja einer gewissen Besorgtheit
sogar. Man hatte Bedenken gegen eine zu große Überschwenglichkeit im Feiern
der Siege. Man befürchtete, daß dieses in dieser Form einer so großen Nation
nicht würdig und damit auch nicht entsprechend sei. Die Tapferkeit und der
Heldenmut des deut schen Soldaten wären ja etwas ganz Selbstverständliches, so
daß man darüber sich nicht so sehr von unüberlegten Freudenausbrüchen
hinreißen lassen dürfe, schon um des Auslandes willen, dem eine stille und
würdige Form der Freude mehr zusage als ein unbändiges Jauchzen usw. Endlich
sollten wir Deutsche doch auch jetzt nicht vergessen, daß der Krieg nicht
unsere Absicht war, mithin wir auch uns nicht zu schämen hätten, offen und
männlich zu gestehen, daß wir jederzeit zu einer Versöhnung der Menschheit
unseren Teil beitragen würden. Deshalb aber wäre es nicht klug, die Reinheit
der Taten des Heeres durch zu großes Geschrei zu verrußen, da ja die übrige
Welt für ein solches Gehaben nur wenig Verständnis aufbringen würde. Nichts
bewundere man mehr als die Bescheidenheit, mit der ein wahrer Held seine Taten
schweigend und ruhig – vergesse, denn darauf kam das Ganze hinaus.
Statt daß man nun so einen Burschen bei seinen langen Ohren nahm und zu einem
langen Pfahl hin und an einem Strick aufzog, damit dem Tintenritter die
feiernde Nation nicht mehr sein ästhetisches Empfinden zu beleidigen
vermochte, begann man tatsächlich gegen die „unpassende" Art des Siegesjubels
mit Ermahnungen vorzugehen.
Man hatte keine blasse Ahnung, daß die Begeisterung, erst einmal geknickt,
nicht mehr nach Bedarf zu erwecken ist. Sie ist ein Rausch und ist in diesem
Zustande weiter zu erhalten. Wie aber sollte man ohne diese Macht der
Begeisterung einen Kampf bestehen, der nach menschlichem Ermessen die
ungeheuersten Anforderungen an die seelischen Eigenschaften der Nation stellen
würde?
Ich kannte die Psyche der breiten Masse nur zu genau, um nicht zu wissen, daß
man hier mit „ästhetischer" Gehobenheit nicht das Feuer würde schüren können,
das notwendig war, um dieses Eisen in Wärme zu halten. Man war in meinen Augen
verrückt, daß man nichts tat, um die Siedehitze der Leidenschaft zu steigern;
daß man aber die glücklich vorhandene auch noch beschnitt, vermochte ich
schlechterdings nicht zu verstehen.
Was mich dann zum zweiten ärgerte, war die Art und Weise, in der man nun für
gut hielt, sich dem Marxismus gegenüberzustellen. Man bewies damit in meinen
Augen nur, daß man von dieser Pestilenz aber auch nicht die geringste Ahnung
besaß. Man schien allen Ernstes zu glau ben, durch die Versicherung, nun keine
Parteien mehr zu kennen, den Marxismus zur Einsicht und Zurückhaltung gebracht
zu haben.
Daß es sich hier überhaupt um keine Partei handelt, sondern um eine Lehre, die
zur Zerstörung der gesamten Menschheit führen muß, begriff man um so weniger,
als dies ja nicht auf den verjudeten Universitäten zu hören ist, sonst aber
nur zu viele, besonders unserer höheren Beamten aus anerzogenem blödem Dünkel
es ja nicht der Mühe wert finden, ein Buch zur Hand zu nehmen und etwas zu
lernen, was eben nicht zum Unterrichtsstoff ihrer Hochschule gehörte. Die
gewaltigste Umwälzung geht an diesen „Köpfen" gänzlich spurlos vorüber,
weshalb auch die staatlichen Einrichtungen zumeist den privaten nach hinken.
Von ihnen gilt, wahrhaftiger Gott, am allermeisten das Volkssprichwort: Was
der Bauer nicht kennt, das frißt er nicht. Wenige Ausnahmen bestätigen auch
hier nur die Regel.
Es war ein Unsinn sondergleichen, in den Tagen des August 1914 den deutschen
Arbeiter mit dem Marxismus zu identifizieren. Der deutsche Arbeiter hatte in
den damaligen Stunden sich ja aus der Umarmung dieser giftigen Seuche gelöst,
da er sonst eben niemals hätte zum Kampf überhaupt auch nur anzutreten
vermocht. Man war aber dumm genug, zu vermeinen, daß nun vielleicht der
Marxismus „national" geworden sei; ein Geistesblitz, der nur zeigt, daß in
diesen langen Jahren es niemand von diesen beamteten Staatslenkern auch nur
der Mühe wert gefunden hatte, das Wesen dieser Lehre zu studieren, da sonst
denn doch ein solcher Irrsinn schwerlich unterlaufen sein würde.
Der Marxismus, dessen letztes Ziel die Vernichtung aller nichtjüdischen
Nationalstaaten ist und bleibt, mußte zu seinem Entsetzen sehen, daß in den
Julitagen des Jahres 1914 die von ihm umgarnte deutsche Arbeiterschaft
erwachte und sich von Stunde zu Stunde schneller in den Dienst des Vaterlandes
zu stellen begann. In wenigen Tagen war der ganze Dunst und Schwindel dieses
infamen Volksbetruges zerflattert, und einsam und verlassen stand das jüdische
Führerpack nun plötzlich da, als ob nicht eine Spur von dem in sechzig Jahren
den Massen eingetrichterten Unsinn und Irrwahn mehr vorhanden gewesen wäre. Es
war ein böser Augenblick für die Betrüger der Arbeiterschaft des deutschen
Volkes. Sowie aber erst die Führer die ihnen drohende Gefahr erkannten, zogen
sie schleunigst die Tarnkappe der Lüge über die Ohren und mimten frech die
nationale Erhebung mit.
Nun wäre aber der Zeitpunkt gekommen gewesen, gegen die ganze betrügerische
Genossenschaft dieser jüdischen Volksvergifter vorzugehen. Jetzt mußte ihnen
kurzerhand der Prozeß gemacht werden, ohne die geringste Rücksicht auf etwa
einsetzendes Geschrei und Gejammer. Im August des Jahres 1914 war das
Gemauschel der internationalen Solidarität mit einem Schlage aus den Köpfen
der deut schen Arbeiterschaft verschwunden, und statt dessen begannen schon
wenige Wochen später amerikanische Schrapnells die Segnungen der
Brüderlichkeit über die Helme der Marschkolonnen hinabzugießen. Es wäre die
Pflicht einer besorgten Staatsregierung gewesen, nun, da der deutsche Arbeiter
wieder den Weg zum Volkstum gefunden hatte, die Verhetzer dieses Volkstums
unbarmherzig auszurotten.
Wenn an der Front die Besten fielen, dann konnte man zu Hause wenigstens das
Ungeziefer vertilgen.
Statt dessen aber streckte Seine Majestät der Kaiser sel ber den alten
Verbrechern die Hand entgegen und gab den hinterlistigen Meuchelmördern der
Nation damit Schonung und Möglichkeit der inneren Fassung.
Nun konnte also die Schlange wieder weiterarbeiten, vorsichtiger als früher,
allein nur desto gefährlicher. Während die Ehrlichen vom Burgfrieden träumten,
organisier ten die meineidigen Verbrecher die Revolution.
Daß man damals sich zu dieser entsetzlichen Halbheit entschloß, machte mich
innerlich immer unzufriedener; daß das Ende dessen aber ein so entsetzliches
sein würde, hätte auch ich damals noch nicht für möglich gehalten.
Was aber mußte man nun tun? Die Führer der ganzen Bewegung sofort hinter
Schloß und Riegel setzen, ihnen den Prozeß machen und sie der Nation vom Halse
schaffen. Man mußte rücksichtslos die gesamten militärischen Machtmittel
einsetzen zur Ausrottung dieser Pestilenz. Die Parteien waren aufzulösen, der
Reichstag wenn nötig mit Bajonetten zur Vernunft zu bringen, am besten aber so
fort aufzuheben. So wie die Republik heute Parteien aufzulösen vermag, so
hätte man damals mit mehr Grund zu diesem Mittel greifen müssen. Stand doch
Sein oder Nichtsein eines ganzen Volkes auf dem Spiele!
Freilich kam dann aber eine Frage zur Geltung: Kann man denn geistige Ideen
überhaupt mit dem Schwerte ausrotten? Kann man mit der Anwendung roher Gewalt
„Weltanschauungen" bekämpfen?
Ich habe mir diese Frage schon zu jener Zeit öfter als einmal vorgelegt.
Beim Durchdenken analoger Fälle, die sich besonders auf religiöser Grundlage
in der Geschichte auffinden lassen, ergibt sich folgende grundsätzliche
Erkenntnis:
Vorstellungen und Ideen sowie Bewegungen mit bestimmter geistiger Grundlage,
mag diese nun falsch sein oder wahr, können von einem gewissen Zeitpunkt ihres
Werdens an mit Machtmitteln technischer Art nur mehr dann gebrochen werden,
wenn diese körperlichen Waffen zugleich selber Träger eines neuen zündenden
Gedankens, einer Idee oder Weltanschauung sind.
Die Anwendung von Gewalt allein, ohne die Triebkraft einer geistigen
Grundvorstellung als Voraussetzung, kann niemals zur Vernichtung einer Idee
und deren Verbrei tung führen, außer in Form einer restlosen Ausrottung aber
auch des letzten Trägers und der Zerstörung der letz ten Überlieferung. Dies
bedeutet jedoch zumeist das Ausscheiden eines solchen Staatskörpers aus dem
Kreise machtpolitischer Bedeutung auf oft endlose Zeit, manchmal auch für
immer; denn ein solches Blutopfer trifft ja erfahrungsgemäß den besten Teil
des Volkstums, da nämlich jede Verfolgung, die ohne geistige Voraussetzung
stattfindet, als sittlich nicht berechtigt erscheint und nun die gerade
wertvolleren Bestände eines Volkes zum Protest aufpeitscht, der sich aber in
einer Aneignung des geistigen Inhalts der ungerecht verfolgten Bewegung
auswirkt. Dies geschieht bei vielen dann einfach aus dem Gefühl der Opposition
gegen den Versuch der Niederknüppelung einer Idee durch brutale Gewalt.
Dadurch aber wächst die Zahl der inneren Anhänger in eben dem Maße, in dem die
Verfolgung zunimmt. Mithin wird die restlose Vernichtung der neuen Lehre nur
auf dem Wege einer so großen und sich immer steigernden Ausrottung
durchzuführen sein, daß darüber endlich dem betreffenden Volke oder auch
Staate alles wahrhaft wertvolle Blut überhaupt entzogen wird. Dies aber rächt
sich, indem nun wohl eine sogenannte „innere" Reinigung stattfinden kann,
allein auf Kosten einer allgemeinen Ohnmacht. Im mer aber wird ein solcher
Vorgang von vornherein schon vergeblich sein, wenn die zu bekämpfende Lehre
einen gewissen kleinen Kreis schon überschritten hat.
Daher ist auch hier, wie bei allem Wachstum, die erste Zeit der Kindheit noch
am ehesten der Möglichkeit einer Vernichtung ausgesetzt, während mit
steigenden Jahren die Widerstandskraft zunimmt, um erst bei herannahender
Altersschwäche wieder neuer Jugend zu weichen, wenn auch in anderer Form und
aus anderen Gründen.
Tatsächlich führen aber fast sämtliche Versuche, durch Gewalt ohne geistige
Grundlage eine Lehre und deren organisatorische Auswirkung auszurotten, zu
Mißerfolgen, ja enden nicht selten gerade mit dem Gegenteil des Gewünschten
aus folgendem Grunde:
Die allererste Voraussetzung zu einer Kampfesweise mit den Waffen der nackten
Gewalt ist und bleibt die Beharrlichkeit. Das heißt, daß nur in der dauernd
gleichmäßigen Anwendung der Methoden zur Unterdrückung einer Lehre usw. die
Möglichkeit des Gelingens der Ab sicht liegt. Sobald hier aber auch nur
schwankend Gewalt mit Nachsicht wechselt, wird nicht nur die zu unterdrückende
Lehre sich immer wieder erholen, sondern sie wird sogar aus jeder Verfolgung
neue Werte zu ziehen in der Lage sein, indem nach Abflauen einer solchen Welle
des Druckes die Empörung über das erduldete Leid der alten Lehre neue Anhänger
zuführt, die bereits vorhandenen aber mit größerem Trotz und tieferem Haß als
vordem an ihr hängen werden, ja schon abgesplitterte Abtrünnige wieder nach
Beseitigung der Gefahr zur alten Einstellung zurückzukehren versuchen. In der
ewig gleichmäßigen Anwen dung der Gewalt allein liegt die allererste
Voraussetzung zum Erfolge. Diese Beharrlichkeit jedoch ist immer nur das
Ergebnis einer bestimmten geistigen Überzeugung. Jede Gewalt, die nicht einer
festen geistigen Grundlage entsprießt, wird schwankend und unsicher sein. Ihr
fehlt die Stabilität, die nur in einer fanatischen Weltanschau ung zu ruhen
vermag. Sie ist der Ausfluß der jeweiligen Energie und brutalen
Entschlossenheit eines einzelnen, mithin aber eben dem Wechsel der
Persönlichkeit und ihrer Wesensart und Stärke unterworfen.
Es kommt aber hierzu noch etwas anderes:
Jede Weltanschauung, mag sie mehr religiöser oder politischer Art sein –
manchmal ist hier die Grenze nur schwer festzustellen –, kämpft weniger für
die negative Vernichtung der gegnerischen Ideenwelt, als vielmehr für die
positive Durchsetzung der eigenen. Damit aber ist ihr Kampf weniger Abwehr als
Angriff. Sie ist dabei schon in der Bestimmung des Zieles im Vorteil, da ja
dieses Ziel den Sieg der eigenen Idee darstellt, während umgekehrt es nur
schwer zu bestimmen ist, wann das negative Ziel der Vernichtung einer
feindlichen Lehre als erreicht und gesichert angesehen werden darf. Schon
deshalb wird der Angriff der Weltanschauung planvoller, aber auch gewaltiger
sein als die Abwehr einer solchen; wie denn überhaupt auch hier die
Entscheidung dem Angriff zukommt und nicht der Verteidigung. Der Kampf gegen
eine geistige Macht mit Mitteln der Gewalt ist aber solange nur Verteidigung,
als das Schwert nicht selber als Träger, Verkünder und Verbreiter einer neuen
geistigen Lehre auftritt.
Man kann also zusammenfassend folgendes festhalten:
Jeder Versuch, eine Weltanschauung mit Machtmitteln zu bekämpfen, scheitert am
Ende, solange nicht der Kampf die Form des Angriffes für eine neue geistige
Einstellung erhält. Nur im Ringen zweier Weltanschauungen miteinander vermag
die Waffe der brutalen Gewalt, beharrlich und rücksichtslos eingesetzt, die
Entscheidung für die von ihr unterstützte Seite herbeizuführen.
Daran aber war bislang noch immer die Bekämpfung des Marxismus gescheitert.
Das war der Grund, warum auch Bismarcks Sozialistengesetzgebung endlich trotz
allem versagte und versagen mußte. Es fehlte die Plattform einer neuen
Weltanschau ung, für deren Aufstieg der Kampf hätte gekämpft werden können.
Denn daß das Gefasel von einer sogenannten „Staatsautorität" oder der „Ruhe
und Ordnung" eine geeignete Grundlage für den geistigen Antrieb eines Kamp fes
auf Leben und Tod sein könnte, wird nur die sprichwörtliche Weisheit höherer
Ministerialbeamter zu vermeinen fertigbringen.
Weil aber eine wirklich geistige Trägerin dieses Kamp fes fehlte, mußte
Bismarck auch die Durchführung seiner Sozialistengesetzgebung dem Ermessen und
Wollen derjenigen Institution anheimstellen, die selber schon Ausgeburt
marxistischer Denkart war. Indem der eiserne Kanzler das Schicksal seines
Marxistenkrieges dem Wohlwollen der bürgerlichen Demokratie überantwortete,
macht er den Bock zum Gärtner.
Dieses alles aber war nur die zwangsläufige Folge des Fehlens einer
grundsätzlichen, dem Marxismus entgegengesetzten neuen Weltanschauung von
stürmischem Eroberungswillen.
So war das Ergebnis des Bismarckschen Kampfes nur eine schwere Enttäuschung.
Lagen aber die Verhältnisse während des Weltkrieges oder zu Beginn desselben
etwa anders? Leider nein.
Je mehr ich mich damals mit dem Gedanken einer notwendigen Änderung der
Haltung der staatlichen Regie rung zur Sozialdemokratie als der
augenblicklichen Verkörperung des Marxismus beschäftige, um so mehr er kannte
ich das Fehlen eines brauchbaren Ersatzes für diese Lehre. Was wollte man denn
den Massen geben, wenn, angenommen, die Sozialdemokratie gebrochen worden
wäre? Nicht eine Bewegung war vorhanden, von der man hätte erwarten können,
daß es ihr gelingen würde, die großen Scharen der nun mehr oder weniger
führerlos gewordenen Arbeiter in ihren Bann zu ziehen. Es ist un sinnig und
mehr als dumm, zu meinen, daß der aus der Klassenpartei ausgeschiedene
internationale Fanatiker nun augenblicklich in eine bürgerliche Partei, also
in eine neue Klassenorganisation, einrücken werde. Denn so unange nehm dies
verschiedenen Organisationen auch sein mag, so kann doch nicht weggeleugnet
werden, daß den bürgerlichen Politikern die Klassenscheidung zu einem sehr
großen Teile so lange als ganz selbstverständlich erscheint, solange sie sich
nicht politisch zu ihren Ungunsten auszuwirken beginnt.
Das Ableugnen dieser Tatsache beweist nur die Frech heit, aber auch die
Dummheit der Lügner.
Man soll sich überhaupt hüten, die breite Masse für dümmer zu halten, als sie
ist. In politischen Angelegenheiten entscheidet nicht selten das Gefühl
richtiger als der Verstand. Die Meinung aber, daß für die Unrichtigkeit dieses
Gefühls der Masse doch deren dumme internationale Einstellung genügend
spräche, kann sofort auf das gründ
Kein Ersatz für die Sozialdemokratie 191
lichste widerlegt werden durch den einfachen Hinweis, daß die pazifistische
Demokratie nicht minder irrsinnig ist, ihre Träger aber fast ausschließlich
dem bürgerlichen Lager entstammen. Solange noch Millionen von Bürgern jeden
Morgen andächtig ihre jüdische Demokratenpresse anbeten, steht es den
Herrschaften sehr schlecht an, über die Dummheit des „Genossen" zu witzeln,
der zum Schluß nur den gleichen Mist, wenn auch eben in anderer Aufmachung,
verschlingt. In beiden Fällen ist der Fabrikant ein und derselbe Jude.
Man soll sich also sehr wohl hüten, Dinge abzustreiten, die nun einmal sind.
Die Tatsache, daß es sich bei der Klassenfrage keinesfalls nur um ideelle
Probleme handelt, wie man besonders vor Wahlen immer gerne weismachen möchte,
kann nicht weggeleugnet werden. Der Standesdünkel eines großen Teiles unseres
Volkes ist, ebenso wie vor allem die mindere Einschätzung des Handarbeiters,
eine Erscheinung, die nicht aus der Phantasie eines Mondsüchtigen stammt.
Es zeigt aber, ganz abgesehen davon, die geringe Denkfähigkeit unserer
sogenannten Intelligenz an, wenn gerade in diesen Kreisen nicht begriffen
wird, daß ein Zustand, der das Emporkommen einer Pest, wie sie der Marxismus
nun einmal ist, nicht zu verhindern vermochte, jetzt aber erst recht nicht
mehr in der Lage sein wird, das Verlorene wieder zurückzugewinnen.
Die „bürgerlichen" Parteien, wie sie sich selbst bezeichnen, werden niemals
mehr die „proletarischen" Massen an ihr Lager zu fesseln vermögen, da sich
hier zwei Welten gegenüberstehen, teils natürlich, teils künstlich getrennt,
deren Verhaltungszustand zueinander nur der Kampf sein kann. Siegen aber wird
hier der Jüngere – und dies wäre der Marxismus.
Tatsächlich war ein Kampf gegen die Sozialdemokratie im Jahre 1914 wohl
denkbar, allein, wie lange dieser Zustand bei dem Fehlen jedes praktischen
Ersatzes aufrechtzuerhalten gewesen wäre, konnte zweifelhaft sein.
Hier war eine große Lücke vorhanden.
Ich besaß diese Meinung schon längst vor dem Kriege und konnte mich deshalb
auch nicht entschließen, an eine der bestehenden Parteien heranzutreten. Im
Verlaufe der Ereignisse des Weltkrieges wurde ich in dieser Meinung noch
bestärkt durch die ersichtliche Unmöglichkeit, gerade infolge dieses Fehlens
einer Bewegung, die eben mehr sein mußte als „parlamentarische" Partei, den
Kampf gegen die Sozialdemokratie rücksichtslos aufzunehmen.
Ich habe mich gegenüber meinen engeren Kameraden offen darüber ausgesprochen.
Im übrigen kamen mir nun auch die ersten Gedanken, mich später einmal doch
noch politisch zu betätigen.
Gerade dieses aber war der Anlaß, daß ich nun öfters dem kleinen Kreise meiner
Freunde versicherte, nach dem Kriege als Redner neben meinem Berufe wirken zu
wollen.
Ich glaube, es war mir damit auch sehr ernst.
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