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6. KapitelKriegspropaganda
Bei meinem aufmerksamen Verfolgen aller politischen Vorgänge hatte mich
schon immer die Tätigkeit der Propaganda außerordentlich interessiert. Ich sah
in ihr ein Instrument, das gerade die sozialistischmarxistischen
Organisationen mit meisterhafter Geschicklichkeit beherrschten und zur
Anwendung zu bringen verstanden. Ich lernte dabei schon frühzeitig verstehen,
daß die richtige Verwendung der Propaganda eine wirkliche Kunst darstellt, die
den bürgerlichen Parteien fast so gut wie unbekannt war und blieb. Nur die
christlichsoziale Bewegung, besonders zu Luegers Zeit, brachte es auch auf
diesem Instrument zu einer gewissen Virtuosität und verdankte dem auch sehr
viele ihrer Erfolge.
Zu welch ungeheuren Ergebnissen aber eine richtig angewendete Propaganda zu
führen vermag, konnte man erst während des Krieges ersehen. Leider war jedoch
hier wieder alles auf der anderen Seite zu studieren, denn die Tätigkeit auf
unserer Seite blieb ja in dieser Beziehung mehr als bescheiden. Allein, gerade
das so vollständige Versagen der gesamten Aufklärung auf deutscher Seite, das
besonders jedem Soldaten grell in die Augen springen mußte, wurde bei mir der
Anlaß, mich nun noch viel eindringlicher mit der Propagandafrage zu
beschäftigen.
Zeit zum Denken war dabei oft mehr als genug vor handen, den praktischen
Unterricht aber erteilte uns der Feind, leider nur zu gut.
Denn was bei uns hier versäumt ward, holte der Gegner mit unerhörter
Geschicklichkeit und wahrhaft genialer Berechnung ein. An dieser feindlichen
Kriegspropaganda habe auch ich unendlich gelernt. An den Köpfen derjenigen
allerdings, die am ehesten sich dies zur Lehre hätten sein lassen müssen, ging
die Zeit spurlos vorüber; man dünkte sich dort zum Teil zu klug, um von den
anderen Belehrungen entgegenzunehmen, zum anderen Teil aber fehlte der
ehrliche Wille hierzu.
Gab es bei uns überhaupt eine Propaganda?
Leider kann ich darauf nur mit Nein antworten. Alles, was in dieser Richtung
wirklich unternommen wurde, war so unzulänglich und falsch von Anfang an, daß
es zum mindesten nichts nützte, manchmal aber geradezu Schaden anstiftete.
In der Form ungenügend, im Wesen psychologisch falsch: dies mußte das Ergebnis
einer aufmerksamen Prüfung der deutschen Kriegspropaganda sein.
Schon über die erste Frage scheint man sich nicht ganz klar geworden zu sein,
nämlich: Ist die Propaganda Mittel oder Zweck?
Sie ist ein Mittel und muß demgemäß beurteilt werden vom Gesichtspunkt des
Zweckes aus. Ihre Form wird mit hin eine der Unterstützung des Zieles, dem sie
dient, zweckmäßig angepaßte sein müssen. Es ist auch klar, daß die Bedeutung
des Zieles eine verschiedene sein kann vom Standpunkte des allgemeinen
Bedürfnisses aus, und daß damit auch die Propaganda in ihrem inneren Wert
verschieden bestimmt wird. Das Ziel, für das im Verlaufe des Krieges aber
gekämpft wurde, war das erhabenste und gewaltigste, das sich für Menschen
denken läßt: es war die Freiheit und Unabhängigkeit unseres Volkes, die
Sicherheit der Ernährung für die Zukunft und – die Ehre der Nation; etwas, das
trotz der gegenteiligen Meinung von heute dennoch vorhanden ist oder besser
sein sollte, da eben Völker ohne Ehre die Freiheit und Unabhängigkeit früher
oder später zu verlieren pflegen, was wieder nur einer höheren Gerechtigkeit
entspricht, da ehrlose Lumpengenerationen keine Freiheit verdienen. Wer aber
feiger Sklave sein will, darf und kann gar keine Ehre haben, da ja diese sonst
der allgemeinen Mißachtung in kürzester Zeit anheimfiele.
Im Streit für ein menschliches Dasein kämpfte das deutsche Volk, und diesen
Streit zu unterstützen, wäre der Zweck der Propaganda des Krieges gewesen; ihm
zum Siege zu verhelfen, mußte das Ziel sein.
Wenn aber Völker um ihre Existenz auf diesem Planeten kämpfen, mithin die
Schicksalsfrage von Sein oder Nichtsein an sie herantritt, fallen alle
Erwägungen von Humanität oder Ästhetik in ein Nichts zusammen; denn alle diese
Vorstellungen schweben nicht im Weltäther, sondern stammen aus der Phantasie
des Menschen und sind an ihn gebunden. Sein Scheiden von dieser Welt löst auch
diese Begriffe wieder in Nichts auf, denn die Natur kennt sie nicht. Sie sind
aber auch unter den Menschen nur wenigen Völkern oder besser Rassen zu eigen,
und zwar in jenem Maße, in dem sie dem Gefühl derselben selbst entstammen.
Humanität und Ästhetik würden sogar in einer menschlich bewohnten Welt
vergehen, sowie diese die Rassen verlöre, die Schöpfer und Träger dieser
Begriffe sind.
Damit haben aber alle diese Begriffe beim Kampfe eines Volkes um sein Dasein
auf dieser Welt nur untergeordnete Bedeutung, ja scheiden als bestimmend für
die Formen des Kampfes vollständig aus, sobald durch sie die
Selbsterhaltungskraft eines im Kampfe liegenden Volkes gelähmt werden könnte.
Das aber ist immer das einzig sichtbare Ergebnis.
Was die Frage der Humanität betrifft, so hat sich schon Moltke dahin geäußert,
daß diese beim Kriege immer in der Kürze des Verfahrens liege, also daß ihr
die schärfste Kampfesweise am meisten entspräche.
Wenn man aber versucht, in solchen Dingen mit dem Gefasel von Ästhetik usw.
anzurücken, dann kann es darauf wirklich nur eine Antwort geben:
Schicksalsfragen von der Bedeutung des Existenzkampfes eines Volkes heben jede
Verpflichtung zur Schönheit auf. Das Unschönste, was es im menschlichen Leben
geben kann, ist und bleibt das Joch der Sklaverei. Oder empfindet diese
Schwabinger Deka denz etwa das heutige Los der deutschen Nation als „ästhetisch"?
Mit den Juden, als den modernen Erfindern dieses Kulturparfüms, braucht man
sich aber darüber wahrhaftig nicht zu unterhalten. Ihr ganzes Dasein ist der
fleischgewordene Protest gegen die Ästhetik des Ebenbildes des Herrn.
Wenn aber diese Gesichtspunkte von Humanität und Schönheit für den Kampf erst
einmal ausscheiden, dann können sie auch nicht als Maßstab für Propaganda
Verwendung finden.
Die Propaganda war im Kriege ein Mittel zum Zweck, dieser aber war der Kampf
um das Dasein des deutschen Volkes, und somit konnte die Propaganda auch nur
von den hierfür gültigen Grundsätzen aus betrachtet werden. Die grausamsten
Waffen waren dann human, wenn sie den schnelleren Sieg bedingten, und schön
waren nur die Methoden allein, die der Nation die Würde der Freiheit sichern
halfen.
Dies war die einzig mögliche Stellung in einem solchen Kampf auf Leben und Tod
zur Frage der Kriegspropaganda.
Wäre man sich darüber an den sogenannten maßgeben den Stellen klargeworden, so
hätte man niemals in jene Unsicherheit über die Form und Anwendung dieser
Waffe kommen können; denn auch dies ist nur eine Waffe, wenn auch eine
wahrhaft fürchterliche in der Hand des Kenners.
Die zweite Frage von geradezu ausschlaggebender Bedeutung war folgende: An wen
hat sich die Propaganda zu wenden? An die wissenschaftliche Intelligenz oder
an die weniger gebildete Masse?
Sie hat sich ewig nur an die Masse zu richten!
Für die Intelligenz, oder was sich heute leider häufig so nennt, ist nicht
Propaganda da, sondern wissenschaft liche Belehrung. Propaganda aber ist so
wenig Wissenschaft ihrem Inhalte nach, wie etwa ein Plakat Kunst in seiner
Darstellung an sich. Die Kunst des Plakates liegt in der Fähigkeit des
Entwerfers, durch Form und Farbe die Menge aufmerksam zu machen. Das
Kunstausstellungsplakat hat nur auf die Kunst der Ausstellung hinzuweisen; je
mehr ihm dies gelingt, um so größer ist dann die Kunst des Plakates selber.
Das Plakat soll weiter der Masse eine Vorstellung von der Bedeutung der
Ausstellung vermit teln, keineswegs aber ein Ersatz der in dieser gebotenen
Kunst sein. Wer sich deshalb mit der Kunst selber beschäftigen will, muß schon
mehr als das Plakat studieren, ja, für den genügt auch keineswegs bloßes „Durchwan
dern" der Ausstellung. Von ihm darf erwartet werden, daß er in gründlichem
Schauen sich in die einzelnen Werke vertiefe und sich dann langsam ein
gerechtes Urteil bilde.
Ähnlich liegen die Verhältnisse auch bei dem, was wir heute mit dem Wort
Propaganda bezeichnen.
Die Aufgabe der Propaganda liegt nicht in einer wissenschaftlichen Ausbildung
des einzelnen, sondern in einem Hinweisen der Masse auf bestimmte Tatsachen,
Vorgänge, Notwendigkeiten usw., deren Bedeutung dadurch erst in den
Gesichtskreis der Masse gerückt werden soll.
Die Kunst liegt nun ausschließlich darin, dies in so vorzüglicher Weise zu
tun, daß eine allgemeine Überzeugung von der Wirklichkeit einer Tatsache, der
Notwendigkeit eines Vorganges, der Richtigkeit von etwas Notwendigem usw.
entsteht. Da sie aber nicht Notwendigkeit an sich ist und sein kann, da ihre
Aufgabe ja genau wie bei dem Plakat im Aufmerksammachen der Menge zu bestehen
hat und nicht in der Belehrung der wissenschaftlich ohnehin Erfahrenen oder
nach Bildung und Einsicht Strebenden, so muß ihr Wirken auch immer mehr auf
das Gefühl gerichtet sein und nur sehr bedingt auf den sogenannten Verstand.
Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen
nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu
richten gedenkt. Damit wird ihre rein geistige Höhe um so tiefer zu stellen
sein, je größer die zu erfassende Masse der Menschen sein soll. Handelt es
sich aber, wie bei der Propaganda für die Durchhaltung eines Krieges, darum,
ein ganzes Volk in ihren Wirkungsbereich zu ziehen, so kann die Vorsicht bei
der Vermeidung zu hoher geistiger Voraussetzungen gar nicht groß genug sein.
Je bescheidener dann ihr wissenschaftlicher Ballast ist, und je mehr sie
ausschließlich auf das Fühlen der Masse Rücksicht nimmt, um so
durchschlagender der Erfolg. Dieser aber ist der beste Beweis für die
Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer Propaganda und nicht die gelungene
Befriedigung einiger Gelehrter oder ästhetischer Jünglinge.
Gerade darin liegt die Kunst der Propaganda, daß sie, die gefühlsmäßige
Vorstellungswelt der großen Masse begreifend, in psychologisch richtiger Form
den Weg zur Aufmerksamkeit und weiter zum Herzen der breiten Masse findet. Daß
dies von unseren Neunmalklugen nicht begriffen wird, beweist nur deren
Denkfaulheit oder Einbildung.
Versteht man aber die Notwendigkeit der Einstellung der Werbekunst der
Propaganda auf die breite Masse, so ergibt sich weiter schon daraus folgende
Lehre:
Es ist falsch, der Propaganda die Vielseitigkeit etwa des wissenschaftlichen
Unterrichts geben zu wollen.
Die Aufnahmefähigkeit der großen Masse ist nur sehr beschränkt, das
Verständnis klein, dafür jedoch die Vergeßlichkeit groß. Aus diesen Tatsachen
heraus hat sich jede wirkungsvolle Propaganda auf nur sehr wenige Punkte zu
beschränken und diese schlagwortartig so lange zu verwerten, bis auch bestimmt
der Letzte unter einem solchen Worte das Gewollte sich vorzustellen vermag.
Sowie man diesen Grundsatz opfert und vielseitig werden will, wird man die
Wirkung zum Zerflattern bringen, da die Menge den gebotenen Stoff weder zu
verdauen noch zu behalten vermag. Damit aber wird das Ergebnis wieder abge
schwächt und endlich aufgehoben.
Je größer so die Linie ihrer Darstellung zu sein hat, um so psychologisch
richtiger muß die Feststellung ihrer Taktik sein.
Es war zum Beispiel grundfalsch, den Gegner lächerlich zu machen, wie dies die
österreichische und deutsche Witzblattpropaganda vor allem besorgte.
Grundfalsch deshalb, weil das Zusammentreffen in der Wirklichkeit dem Manne
vom Gegner sofort eine ganz andere Überzeugung beibringen mußte, etwas, was
sich dann auf das fürchterlichste
Die Psychologie der Propaganda 199
rächte; denn nun fühlte sich der deutsche Staat unter dem unmittelbaren
Eindruck des Widerstandes des Gegners von den Machern seiner bisherigen
Aufklärung getäuscht, und an Stelle einer Stärkung seiner Kampfeslust oder
auch nur Festigkeit trat das Gegenteil ein. Der Mann verzagte.
Demgegenüber war die Kriegspropaganda der Engländer und Amerikaner
psychologisch richtig. Indem sie dem eigenen Volke den Deutschen als Barbaren
und Hunnen vorstellte, bereitete sie den einzelnen Soldaten schon auf die
Schrecken des Krieges vor und half so mit, ihn vor Enttäuschungen zu bewahren.
Die entsetzlichste Waffe, die nun gegen ihn zur Anwendung kam, erschien ihm
nur mehr als die Bestätigung seiner schon gewordenen Aufklärung und stärkte
ebenso den Glauben an die Richtigkeit der Behauptungen seiner Regierung, wie
sie andererseits Wut und Haß gegen den verruchten Feind steigerte. Denn die
grausame Wirkung der Waffe, die er ja nun an sich von seien des Gegners
kennenlernte, erschien ihm allmählich als Beweis der ihm schon bekannten „hunnenhaften"
Brutalität des barbarischen Feindes, ohne daß er auch nur einen Augenblick so
weit zum Nachdenken gebracht worden wäre, daß seine Waffen vielleicht, ja
sogar wahrscheinlich, noch entsetzlicher wirken könnten.
So konnte sich der englische Soldat vor allem nie als von zu Hause unwahr
unterrichtet fühlen, was leider beim deutschen so sehr der Fall war, daß er
endlich überhaupt alles, was von dieser Seite kam, als „Schwindel" und „Krampf"
ablehnte. Lauter Folgen davon, daß man glaubte, zur Propaganda den
nächstbesten Esel (oder selbst „sonst" gescheiten Menschen) abkommandieren zu
können, statt zu begreifen, daß hierfür die allergenialsten Seelenkenner
gerade noch gut genug sind.
So bot die deutsche Kriegspropaganda ein unübertreffliches Lehr und
Unterrichtsbeispiel für eine in den Wirkungen geradezu umgekehrt arbeitende „Aufklärung"
infolge vollkommenen Fehlens jeder psychologisch richtigen Überlegung.
Am Gegner aber war unendlich viel zu lernen für den, der mit offenen Augen und
unverkalktem Empfinden die viereinhalb Jahre lang anstürmende Flutwelle der
feindlichen Propaganda für sich verarbeitete.
Am allerschlechtesten jedoch begriff man die allererste Voraussetzung jeder
propagandistischen Tätigkeit überhaupt: nämlich die grundsätzlich subjektiv
einseitige Stellungnahme derselben zu jeder von ihr bearbeiteten Frage. Auf
diesem Gebiete wurde in einer Weise gesündigt, und zwar gleich zu Beginn des
Krieges von oben herunter, daß man wohl das Recht erhielt, zu zweifeln, ob
soviel Unsinn wirklich nur reiner Dummheit zugeschrieben werden konnte.
Was würde man zum Beispiel über ein Plakat sagen, das eine neue Seife
anpreisen soll, dabei jedoch auch andere Seifen als „gut" bezeichnet?
Man würde darüber nur den Kopf schütteln.
Genau so verhält es sich aber auch mit politischer Reklame.
Die Aufgabe der Propaganda ist z.B. nicht ein Abwägen der verschiedenen Rechte,
sondern das ausschließliche Betonen des einen eben durch sie zu vertretenden.
Sie hat nicht objektiv auch die Wahrheit, soweit sie den anderen günstig ist,
zu erforschen, um sie dann der Masse in doktrinärer Aufrichtigkeit vorzusetzen,
sondern ununterbrochen der eigenen zu dienen.
Es war grundfalsch, die Schuld am Kriege von dem Standpunkt aus zu erörtern,
daß nicht nur Deutschland allein verantwortlich gemacht werden könnte für den
Ausbruch dieser Katastrophe, sondern es wäre richtig gewesen, diese Schuld
restlos dem Gegner aufzubürden, selbst wenn dies wirklich nicht so dem wahren
Hergange entsprochen hätte, wie es doch nun tatsächlich der Fall war.
Was aber war die Folge dieser Halbheit?
Die breite Masse eines Volkes besteht nicht aus Diplomaten oder auch nur
Staatsrechtslehrern, ja nicht einmal aus lauter vernünftig Urteilsfähigen,
sondern aus ebenso schwankenden wie zu Zweifel und Unsicherheit geneigten
Menschenkindern. Sowie durch die eigene Propaganda erst einmal nur der
Schimmer eines Rechtes auch auf der anderen Seite zugegeben wird, ist der
Grund zum Zweifel an
Der deutsche Objektivitätsfimmel 201
dem eigenen Rechte schon gelegt. Die Masse ist nicht in der Lage, nun zu
unterscheiden, wo das fremde Unrecht endet und das eigene beginnt. Sie wird in
einem solchen Falle unsicher und mißtrauisch, besonders dann, wenn der Gegner
eben nicht den gleichen Unsinn macht, sondern seinerseits alle und jede Schuld
dem Feinde aufbürdet. Was ist da erklärlicher, als daß endlich das eigene Volk
der feindlichen Propaganda, die geschlossener, einheitlicher vorgeht, sogar
mehr glaubt als der eigenen? Und noch dazu bei einem Volke, das ohnehin so
sehr am Objektivitätsfimmel leidet wie das deutsche! Denn bei ihm wird nun
jeder sich bemühen, nur ja dem Feinde nicht Unrecht zu tun, selbst auf die
Gefahr der schwersten Belastung, ja Vernichtung des eigenen Volkes und Staates.
Daß an den maßgebenden Stellen dies natürlich nicht so gedacht ist, kommt der
Masse gar nicht zum Bewußtsein.
Das Volk ist in seiner überwiegenden Mehrheit so femi nin veranlagt und
eingestellt, daß weniger nüchterne Überlegung als vielmehr gefühlsmäßige
Empfindung sein Denken und Handeln bestimmt.
Diese Empfindung aber ist nicht kompliziert, sondern sehr einfach und
geschlossen. Sie gibt hierbei nicht viel Differenzierungen, sondern ein
Positiv oder ein Negativ, Liebe oder Haß, Recht oder Unrecht, Wahrheit oder
Lüge, niemals aber halb so und halb so oder teilweise usw.
Das alles hat besonders die englische Propaganda in der wahrhaft genialsten
Weise verstanden – und berücksichtigt. Dort gab es wirklich keine Halbheiten,
die etwa zu Zweifeln hätten anregen können.
Das Zeichen für die glänzende Kenntnis der Primitivität der Empfindung der
breiten Masse lag in der diesem Zustande angepaßten Greuelpropaganda, die in
ebenso rücksichtsloser wie genialer Art die Vorbedingungen für das moralische
Standhalten an der Front sicherte, selbst bei größten tatsächlichen
Niederlagen, sowie weiter in der ebenso schlagenden Festnagelung des deutschen
Feindes als des allein schuldigen Teils am Ausbruch des Krieges: eine Lüge,
die nur durch die unbedingte, freche, einseitige Sturheit, mit der sie
vorgetragen wurde, der gefühlsmäßigen, immer extre men Einstellung des großen
Volkes Rechnung trug und deshalb auch geglaubt wurde.
Wie sehr diese Art von Propaganda wirksam war, zeigte am schlagendsten die
Tatsache, daß sie nach vier Jahren nicht nur den Gegner noch streng an der
Stange zu halten vermochte, sondern sogar unser eigenes Volk anzufressen
begann.
Daß unserer Propaganda dieser Erfolg nicht beschieden war, durfte einen
wirklich nicht wundern. Sie trug den Keim der Unwirksamkeit schon in ihrer
inneren Zweideutigkeit. Endlich war es schon infolge ihres Inhalts wenig
wahrscheinlich, daß sie bei den Massen den notwendigen Eindruck erwecken würde.
Zu hoffen, daß es mit diesem faden Pazifistenspülwasser gelingen könnte,
Menschen zum Sterben zu berauschen, brachten nur unsere geistfreien „Staatsmänner"
fertig.
So war dies elende Produkt zwecklos, ja sogar schädlich.
Aber alle Genialität der Aufmachung der Propaganda wird zu keinem Erfolg
führen, wenn nicht ein fundamen taler Grundsatz immer gleich scharf
berücksichtigt wird. Sie hat sich auf wenig zu beschränken und dieses ewig zu
wiederholen. Die Beharrlichkeit ist hier wie bei so vielem auf der Welt die
erste und wichtigste Voraussetzung zum Erfolg.
Gerade auf dem Gebiete der Propaganda darf man sich niemals von Ästheten oder
Blasierten leiten lassen: Von den ersteren nicht, weil sonst der Inhalt in
Form und Ausdruck in kurzer Zeit, statt für die Masse sich zu eignen, nur mehr
für literarische Teegesellschaften Zugkraft entwickelt; vor den zweiten aber
hüte man sich deshalb ängstlich, weil ihr Mangel an eigenem frischem Empfinden
immer nach neuen Reizen sucht. Diesen Leuten wird in kurzer Zeit alles
überdrüssig; sie wünschen Abwechslung und verstehen niemals, sich in die
Bedürfnisse ihrer noch nicht so abgebrühten Mitwelt hineinzuversetzen oder
diese gar zu begreifen. Sie sind immer die ersten Kritiker der Propaganda oder
besser ihres Inhaltes, der ihnen zu althergebracht, zu abgedroschen, dann
wieder zu überlebt usw. erscheint. Sie wollen immer Neues, suchen Abwechslung
und werden dadurch zu wahren Todfeinden jeder wirksamen politischen
Massengewinnung. Denn sowie sich die Organisation und der Inhalt einer
Propaganda nach ihren Bedürfnissen zu richten beginnen, verlieren sie jede
Geschlossenheit und zerflattern statt dessen vollständig.
Propaganda ist jedoch nicht dazu da, blasierten Herr chen laufend interessante
Abwechslung zu verschaffen, sondern zu überzeugen, und zwar die Masse zu
überzeugen. Diese aber braucht in ihrer Schwerfälligkeit immer eine bestimmte
Zeit, ehe sie auch nur von einer Sache Kenntnis zu nehmen bereit ist, und nur
einer tausendfachen Wiederholung einfachster Begriffe wird sie endlich ihr
Gedächtnis schenken.
Jede Abwechslung darf nie den Inhalt des durch die Propaganda zu Bringenden
verändern, sondern muß stets zum Schlusse das gleiche besagen. So muß das
Schlagwort wohl von verschiedenen Seiten aus beleuchtet werden, allein das
Ende jeder Betrachtung hat immer von neuem beim Schlagwort selber zu liegen.
Nur so kann und wird die Propaganda einheitlich und geschlossen wirken.
Diese große Linie allein, die nie verlassen werden darf, läßt bei immer
gleichbleibender konsequenter Betonung den endgültigen Erfolg heranreifen.
Dann aber wird man mit Staunen feststellen können, zu welch ungeheuren, kaum
verständlichen Ergebnissen solch eine Beharrlichkeit führt.
Jede Reklame, mag sie auf dem Gebiete des Geschäftes oder der Politik liegen,
trägt den Erfolg in der Dauer und gleichmäßigen Einheitlichkeit ihrer
Anwendung.
Auch hier war das Beispiel der feindlichen Kriegspropaganda vorbildlich: auf
wenige Gesichtspunkte beschränkt, ausschließlich berechnet für die Masse, mit
unermüdlicher Beharrlichkeit betrieben. Während des ganzen Krieges wurden die
einmal als richtig erkannten Grundgedanken und Ausführungsformen angewendet,
ohne daß auch nur die geringste Änderung jemals vorgenommen worden wäre. Sie
war im Anfang scheinbar verrückt in der Frechheit ihrer Behauptungen, wurde
später unangenehm und ward endlich geglaubt. Nach viereinhalb Jahren brach in
Deutschland eine Revolution aus, deren Schlagworte der feind lichen
Kriegspropaganda entstammten.
In England aber begriff man noch etwas: daß nämlich für diese geistige Waffe
der mögliche Erfolg nur in der Masse ihrer Anwendung liegt, der Erfolg jedoch
alle Kosten reichlich deckt.
Die Propaganda galt dort als Waffe ersten Ranges, während sie bei uns das
letzte Brot stellenloser Politiker und Druckpöstchen bescheidener Helden
darstellte.
Ihr Erfolg war denn auch, alles in allem genommen, gleich Null.
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