"Neger, Türken, Hottentotten, sind sympathisch alle Drei,
wenn sie leben, lieben, lachen, fern von hier in der Türkei.
Doch wenn sie in hellen Scharen
wie die Maden in dem Speck
in Europa nisten wollen,
ist die Sympathie schnell weg". Heinrich Heine
Zweiter Weltkrieg: Vor
70 Jahren fielen die ersten Schüsse
Der Kampf um die
Westerplatte
von Rüdiger Ruhnau
Der 14. März 1924 war ein schwarzer Tag für die Freie Stadt Danzig. Damals
beschloß der Völkerbundsrat auf seiner Sitzung in Genf, daß die Halbinsel
Westerplatte im Danziger Hafen der polnischen Regierung zur Verfügung
gestellt und zum Einlagern und Weiterbefördern von Kriegsmaterial benutzt
werden sollte. Der Danziger Senatspräsident Heinrich Sahm, der sich auf
der Sitzung erbittert gegen die Einrichtung des polnischen Munitionslagers
wehrte, wurde überstimmt. Sahm hatte erklärt, die Regierung der freien
Stadt könnte keine Verantwortung übernehmen, wenn diese Entscheidung
irgendwelche unseligen Folgen haben sollte.
In den Artikeln 102, 103 des Versailler Friedensdiktates verpflichteten
sich die alliierten Hauptmächte, das Gebiet der Freien Stadt Danzig unter
den Schutz des Völkerbundes zu stellen. Für alle Danzig betreffenden
Probleme war der Rat des Völkerbundes zuständig, in dem die Vertreter der
Großmächte saßen. Die Entscheidungen des Völkerbundsrates waren für Danzig
rechtskräftig, ein Hoher Kommissar mit Sitz in Danzig hatte die
Anordnungen zu überwachen.
Wie schwierig die Situation Danzigs seinerzeit gewesen ist, zeigt der
Vorfall mit den für Polen bestimmten Munitionsschiffen. Im August 1920
trafen zwei mit Munition beladene Schiffe im Danziger Hafen ein. Das
Material war für jene polnischen Truppen bestimmt, die einen Kampf mit den
russischen Bolschewisten ausfochten. Die Rote Armee stand 20 Kilometer vor
Warschau und bedrohte nicht nur Polen, sondern Europa. In dieser
kritischen Phase, wo die Hilfe der Alliierten im wesentlichen in der
Entsendung von Kriegsmaterial bestand, weigerten sich die kommunistischen
Hafenarbeiter, die Munitionsschiffe zu entladen, englische Truppen mußten
die Löschung durchführen. Die Empörung des Auslands war groß. Man machte
den Danzigern den Vorwurf, die Versailler Bestimmungen gebrochen zu haben
und nicht fähig zu sein, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Den Polen aber
zeigte der Vorfall, daß sie sich auf den Danziger Hafen nicht verlassen
konnten. Die Verweigerung der Munitionsentladung ließ sie erste Pläne
entwerfen, nicht nur für die Anlage des Kriegswaffendepots Westerplatte,
sondern auch zum Ausbau des kleinen Fischerdörfchens Gdingen in der Nähe
von Danzig zum großen Import- und Exporthafen.
Als in der polnischen Wirtschaftszeitung „Tygodnik Handlowy“ ein Artikel
mit der Überschrift „Das Schwert von Gdingen“ erschien, erkannten Danziger
Wirtschaftskreise allmählich, welche Bedrohung in Form eines Hafenneubaus
für die Freie Stadt in Gdingen heranwuchs. Man hat seinerzeit im
Frei-staat die Polen, mit ihrem Willen, Seehandelspolitik zu betreiben,
unterschätzt. Mit Hilfe französischen Kapitals entstand in nur 20
Kilometer Entfernung von Danzig mit „Gdynia“ einer der modernsten Häfen.
Schon neun Jahre nach Beginn der Hafenbauten lag die Warenumschlagsziffer
von Gdingen höher als die des Danziger Hafens. Diese Tatsache war nicht
etwa Ausdruck eines freien Wettbewerbs, sondern beruhte allein auf einem
staatlichen Dirigismus, für den Fragen der wirtschaftlichen Rentabilität
keine Rolle spielten.
Eine Frage von ganz grundsätzlicher Bedeutung ist zwar öfter gestellt,
aber von den alliierten Siegermächten niemals beantwortet worden, die
Frage nämlich, warum der Danziger Hafen überhaupt noch den Polen zur
Verfügung stehen sollte. Wenn die Freie Stadt nur zu dem Zweck geschaffen
worden ist, Polen einen ungehinderten Zugang zum Meer zu ermöglichen, dann
war nach Erbauung des Staatshafens Gdingen diese Frage nicht mehr aktuell;
ebensowenig wie das überflüssige Munitionsdepot auf der Westerplatte, für
welches im Gdinger Bereich genügend Platz vorhanden gewesen wäre.
Graf Manfredo Gravina, von 1929 bis 1932 Hoher Kommissar des Völkerbundes
in Danzig, legte im November 1931 folgenden Kompromißvorschlag zur Lösung
der Danzig- und Korridor-Frage vor: Das Territorium der Freien Stadt
sollte auf etwa den vierfachen Umfang, im Westen bis zur deutschen Grenze
reichend, erweitert werden. Der so vergrößerte Freistaat sollte ein
tatsächlich souveräner Staat sein, das heißt, eine Kontrolle der
auswärtigen Angelegenheiten sowie von Bahn und Zoll durch Polen, sollte
wegfallen. Wie bisher würde der Völkerbund den Schutz übernehmen. Für
Polen blieb nach den Vorstellungen Gravinas ein nördlicher Ostseezipfel
mit Gdingen bestehen. Sowohl Deutschland als auch Polen müßten ungehindert
Bahnlinien durch den erweiterten Freistaat benützen können, und der
polnische Staat sollte weiterhin über den freien Zugang zum Danziger Hafen
verfügen können. Kein schlechter Plan, aber einer, der von den Polen Opfer
verlangt hätte. Der Hohe Kommissar hatte wenig Kenntnis vom polnischen
Nationalcharakter, und so wanderte der gutgemeinte Vorschlag zu den Akten.
Werfen wir einen Blick auf die Entstehung der Westerplatte: Die Weichsel
lagerte an ihrer Mündung in die Danziger Bucht Sinkstoffe ab, außerdem
spülte die See große Mengen Sand heran. Im Laufe der Zeit wuchsen die
Sandbänke westlich der Mündung zusammen, es entstand die „Westerplatte“,
direkt bei der Hafeneinfahrt, in Gestalt einer Halbinsel mit etwa zwei
Kilometern Länge und einer durchschnittlichen Breite von 500 Metern. Die
Westerplatte wurde zu einem der beliebtesten Seebäder der Danziger
Bevölkerung. In einem herrlichen Park standen Kurhaus und andere
Unterhaltungsbetriebe, ein 115 Meter langer Seesteg erstreckte sich ins
Meer hinaus. Damit war es nach den unseligen Versailler Bestimmungen
vorbei, polnische Arbeitskommandos änderten radikal den einst so
lieblichen Charakter des Seebades. Anstelle der Erholungsstätten wurden
Bunker gebaut, Ausschachtungs- und Planierungsarbeiten begannen, bald
umgrenzte eine mächtige Ziegelmauer die hermetisch abgeschlossene
Halbinsel.
Allen Protesten Danzigs zum Trotz hatte der Völkerbundsrat den Polen die
Aufstellung einer militärischen Wachmannschaft in Stärke von zwei
Offizieren, 20 Unteroffizieren und 66 Mannschaften für die Westerplatte
genehmigt. Ausgerüstet mit Maschinengewehren und Geschützen, hatte man das
Munitionslager systematisch festungsartig ausgebaut. Zu Beginn des Jahres
1933 stellte die Danziger Polizei fest, daß die Wachmannschaft um
mindestens 100 Mann verstärkt worden war. Polen begründete seine Maßnahme
mit angeblichen Drohungen der Danziger SA, das Munitionslager in Brand zu
setzen. Die Erregung in der Stadt war ungeheuer, wiederholt schon hatte
die polnische Presse zur militärischen Besetzung der Freien Stadt
aufgefordert. Wieder einmal kam der Streit um die Westerplatte auf die
Tagesordnung des Völkerbundsrates. Vor dem Auftreten des Danziger
Senatspräsidenten Dr. Ziehm in Genf (er war der Nachfolger Sahms) brachte
die internationale Presse sensationelle Berichte über den „Polnischen Coup
auf Danzig“. Überraschenderweise lenkte aber der polnische Außenminister
Beck ein. Nach der Erklärung Ziehms, der Senat könne für Ruhe und Ordnung
in Danzig garantieren, antwortete der Pole, sein Land würde die aus
Sicherheitsgründen verstärkte Militärwache auf der Westerplatte
zurückziehen. Kennzeichnend für die vom Völkerbundsrat geschaffene
Kompliziertheit der Verhältnisse war, daß die Westerplatte nach wie vor
Hoheitsgebiet der Freien Stadt war, das der Danziger Polizeipräsident
allerdings nur nach vorheriger Anmeldung betreten durfte. Ähnlich verhielt
es sich mit den Kosten für das Munitionsdepot, die nicht etwa zur Gänze
Polen angelastet wurden, auch hier mußte der Danziger Senat mit drei
Millionen Gulden zum Unterhalt des polnischen Kriegslagers beitragen.
Immerhin gab der polnische Außenminister Beck in einer Unterredung 1938
mit dem Völkerbundskommissar seiner Meinung Ausdruck, daß die „hybride
Gründung“ der Freien Stadt mit der Absicht stattgefunden hat, zwischen
Polen und Deutschland dauernde Unstimmigkeiten zu schaffen.
Unzweifelhaft war Polens starre Haltung im Frühjahr 1939 gegenüber
deutschen Verständigungsvorschlägen eine Folge des britisch-polnischen
Garantieabkommens. Am 6. April gab der englische Premierminister bekannt,
daß Großbritannien und Polen sich gegenseitigen Beistand für den Fall
gewährleisten, daß die Unabhängigkeit eines der beiden Staaten direkt oder
indirekt bedroht würde. Man gab Polen eindeutig zu verstehen, daß, falls
es sich zum bewaffneten Widerstand gegen Deutschland entschließen sollte,
insbesondere auch hinsichtlich Danzigs, dies dann Englands Beistand nach
sich ziehen würde.
Schon vor längerer Zeit war der Freundschaftsbesuch eines deutschen
Kriegsschiffes in Danzig angekündigt worden. Am 25. August 1939 traf das
veraltete Linienschiff „Schleswig-Holstein“, nun zum Schulschiff für
Kadetten umgerüstet, im Hafen ein und legte am Kai, gegenüber der
Westerplatte, an. In der vergangenen Nacht, auf hoher See, hatte das
Schulschiff eine Marinestoßtruppkompanie an Bord genommen, die eine
Minensuchflottille aus Pillau (heute: Baltijsk, Kaliningrader Gebiet)
heranbrachte. In Scharen pilgerten die marinebegeisterten Danziger zu der
Anlegestelle, wo zur Begrüßung ein Musikkorps an Bord spielte. Es durfte
aber niemand das Schiff besichtigen, nur offizielle Besucher wurden vom
Kommandanten empfangen: Senatspräsident Greiser, der polnische
diplomatische Vertreter in Danzig Chodacki und der Völkerbundskommissar
Burckhardt. Carl J. Burckhardt schildert in seinem Buch „Meine Danziger
Mission 1937-39“ den Gegenbesuch des Kommandanten der „Schleswig-Holstein“,
Kapitän zur See Kleikamp. Dabei ist folgende Stelle Burckhardts
interessant: „... mit verstörtem Gesichtsausdruck vertraute (Kleikamp) mir
an ‚Ich habe einen furchtbaren Auftrag, den ich vor meinem Gewissen nicht
verantworten kann‘“. Es erscheint sonderbar, daß ein Eliteoffizier wie
Kleikamp, der in der Marine den Spitznamen „Eiserner Gustav“ trug, den
nach Angaben seiner Offiziere Ruhe und Selbstbeherrschung auszeichneten,
sich zu der oben genannte Äußerung gegenüber dem Schweizer Burckhardt hat
hinreißen lassen.
Am Abend des 26. August 1939 erschien der polnische Vertreter Chodacki bei
Burckhardt. Er beschwor den Hohen Kommissar, seine Frau in Sicherheit zu
bringen, da jederzeit mit dem Ausbruch von Kampfhandlungen zu rechnen sei.
Inzwischen war auf der „Schleswig-Holstein“ der Befehl zur Herstellung der
vollen Kriegsbereitschaft gegeben worden. Das Schiff hatte den Auftrag,
den Schutz des Danziger Hafens zu übernehmen und im Kriegsfall mit seinen
Geschützen die Befestigungen von Gdingen, Hela und Oxhöft zu bekämpfen. Am
Abend des 31. August gab Kapitän z. See Gustav Kleikamp den Angriffstermin
für den nächsten Tag bekannt, gleichzeitig erfolgte die Ausschiffung der
Sturmkompanie nach der Landseite. In der Morgendämmerung des 01. September
1939, 04:30 Uhr, donnerten die ersten Geschützsalven des Schulschiffes
gegen die befestigte Westerplatte.
Erstaunlicherweise besaß die Schiffsführung nicht einmal einen Lageplan
der Westerplatte mit genauer Einzeichnung der Bunker und Schießstände. Da
auch hohe Baumgipfel die Sicht versperrten, hatte der Beschuß wenig
Wirkung. Das zeigte sich beim Angriff der Sturmkompanie, die wegen
schwerer Verluste ihr Vorgehen bald einstellen mußte; 13 Gefallene und 58
Schwerverletzte waren zu beklagen. Nun sollten Stukas (Ju 87) die Polen
zermürben. Mit infernalischem Sirenengeheul bombardierten sie die
Befestigungsanlagen. Dennoch kapitulierten die Verteidiger zunächst nicht,
ein Zeichen dafür, daß sie mit Befreiung von außen rechneten. Pioniere mit
Flammenwerfern, dazu die 28-cm-Granaten der „Schleswig-Holstein“ brachten
endlich die Entscheidung. Am 8. September zeigten die Polen die weiße
Fahne, sechs Offiziere und 206 Unteroffiziere und Mannschaften war die
Besatzung stark. In Anerkennung der tapferen Gegenwehr durfte der
polnische Befehlshaber den Degen behalten.
Quelle: „Das Ostpreußenblatt“ vom 01. September 2001
http://www.webarchiv-server.de/pin/archiv01/3501ob30.htm
