Aus dem Zeitschrift Phoenix,.
Herausgeber, Verleger, Medieninhaber, Hersteller und Schrifzstellung: Walter
Ochsensberger, Haus 82, A‑6952 Sibratsgfäll, Österreich.
Telefon 00 43 5513 2205
Telefax: 00 43 5513 2348
E‑Post: phoenix.com@vol.at
Der Landesverrat des
Wiederstandes
Kommentar von Dr. Gunther Kümel
Es erscheint fast unglaublich: Der WK hätte von Deutschland durchaus gewonnen
werden können!
Zwar war zur Zeit der Kriegserklärungen der Westmächte die frischgebackene
Wehrmacht nur höchst lückenhaft gerüstet, für manche Kaliber standen nur für
Tage Reserven an Munition zur Verfügung, insgesamt nur für vier Wochen. Es gab
(Suworow) keinen einzigen schweren deutschen Panzer. Die Vielzahl der
tatsächlich entwickelten „Wunderwaffen“ kam verspätet oder gar nicht mehr an
die Front. Die Übermacht der Alliierten und ihrer weltweiten strategischen
Reserven war erdrückend.
Wirklich entscheidend für den Verlust war jedoch weitverbreiteter Verrat an
den höchsten Stellen. Der „Widerstand“ (richtig: Landesverrat) hat
Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Toten und Verstümmelten auf dem
Gewissen, den vorläufigen Verlust des Reiches und das Leiden des Deutschen
Volkes an den schrecklichen Kriegsfolgen. Nach dem „Waffenstillstand“, mitten
im „Frieden“, haben die Alliierten weit mehr Deutsche ermordet, als ihnen im
Kriege zum Opfer gefallen sind. Offenbar wurde der Krieg von den Alliierten
mit dem Ziel geführt, die Deutschen zu dezimieren und das Reich zu vernichten.
Manche Quellen sprechen davon, daß der Verräter im Führerhauptquartier Martin
Bormann gewesen sein soll.
Diese These vertraten Historiker bis Anfang der 90er. Als dann die russischen
Archive endlich zugänglich wurden, konnte man den Oberleutnant d.R. Dr.
Wilhelm Scheidt, den Adjutanten des Generals Scherff, des Beauftragten für
Militärgeschichtsschreibung, als den Hauptverräter im Führerhauptquartier
identifizieren. Er war der einzige, der Zugriff auf ausnahmslos alle
Informationen hatte, die den Russen übermittelt worden waren. Scheidt hatte
sich zu Beginn des Rußlandfeldzuges dem Widerstand gegen Hitler angeschlossen
und unterhielt u.a. Kontakte zur "Roten Kapelle". Er verfaßte eine
Dissertation über Goethe, daher der Deckname "Werther".

Jedenfalls hat sowohl Abwehr, als auch Gestapo, SS und SD Verrat begangen.
Etliche hohe Offiziere (darunter GFM Paulus) berichteten nach dem Krieg, sie
seien während ihrer Gefangenschaft bereits kurz nach Kriegsende von
Obergruppenführer Heinrich Müller, Chef der Gestapo, vernommen worden. Er habe
russische Uniform getrage On.ffiziell gilt Müller seit 1945 als verschollen.
Nach seiner Tätigkeit für den NKWD soll er zu den Westalliierten übergelaufen
sein; dabei handelt es sich allerdings nur um ein Gerücht. Der amtierende
FBI-Direktor Robert Mueller soll ein direkter Nachfahre Heinrich Müllers ein.
Eine erstaunliche Ähnlichkeit der beiden Männer ist nicht zu leugnen (s.u.).
In verschiedenen Quellen taucht immer wieder der Deckname "Lucy" auf..
Hinter "Lucy" verbarg sich Rudolf Rössler aus Kaufbeuren, der ab 1930 in
Berlin als Verlagsdirektor tätig war. 1934 floh er in die Schweiz und gründete
den Verlag "Vita Nova". Er leitete die Informationen, die der Agent "Werther"
aus Berlin sendete, über Luzern nach Moskau weiter.
Nicht geklärt ist die Quelle der 771 Kleinbildfilme mit je 36 Bildern, die
lückenlos die Aufmarschpläne des OKW ab Frühjahr 1942 dokumentieren. Sie
lagern bis heute im Koblenzer Militärarchiv und beweisen, daß es eine ganze
Reihe Verräter im FHQ und in den einzelnen Sperrkreisen gab. Ohne aktive Hilfe
der Funkabwehr, der Abwehr und der Gestapo war Verrat in einem solchen Umfang
undenkbar.
Kriegsschuldfrage
Über das wahre Ausmaß des Verrates in den eigenen Reihen haben die wenigsten
auch von Historikern eine klare und auch nur annähernd volle Vorstellung.
Die „Rote Kapelle“ ist allgemein bekannt; in ihr waren Adelige, Offiziere und
Intellektuelle zusammengeschlossen; 68 von ihnen wurden gefaßt. Durch Funk
wurden über 500 Verratsmeldungen über taktische und operative, sowie
strategische Pläne der Deutschen Wehrmacht, Truppenverlegungen, Bewaffnungen,
Nachschubtransporte, Angriffstermine usw. gemacht.
Noch schwerwiegender war der Verrat der „Roten Drei“, die in der Schweiz von
dem aus religiösen Gründen den Nationalsozialismus hassenden Rudolf Rössler
geführt wurde. Von dieser Gruppierung wurde praktisch alles verraten, was im
Führerhauptquartier; im Oberkommando der Wehrmacht (OKW) und im Oberkommando
des Heeres (OKH) beschlossen wurde. Durch sie saß der sowjetische Generalstab
gleichsam im Führerhauptquartier bei den geheimsten Besprechungen. Oft kannten
die Russen die Pläne eher als die deutschen Fronttruppen, so daß sie leicht
Gegen- und Abwehrmaßnahmen treffen konnten. Das „Unternehmen Zitadelle“
beispielsweise wurde quasi von A bis Z verraten, wodurch im Sommer 1943 im
Kursker Bogen den deutschen Panzertruppen das Rückgrat gebrochen wurde. „Zitadelle“
kann auch als letzte deutsche Großoffensive an der Ostfront bezeichnet werden.
Ähnlich verhängnisvoll war das Wirken der „Gruppe Hirse“ in Japan, die in der
deutschen Botschaft in Tokio saß und deren wichtigster Mann Dr. Richard Sorge
war. Er verriet den Sowjets, daß Japan nicht an der Seite Deutschlands in den
Krieg gegen die UdSSR eintreten werde, weshalb im Winter 1941/42 etwa 2
Millionen ausgeruhter und bestens ausgerüsteter, mit Winterausrüstung
versehener sowjetischer Soldaten an die entscheidenden Fronten vor Moskau,
Leningrad und Rostow geworfen werden konnten.

Wer Rösslers Informant war, wissen wir immer noch nicht - werden es auch nie
mehr erfahren. Vielleicht stammte er aus der „Schwarzen Kapelle“, deren
Mitglieder durchweg aus dem Zossener Großen Generalstab (OKH) in der
Bendlerstraße kamen und mehr als 30 hohe Offiziere, meist Generäle, umfaßte.
Zu diesem Kreis gehörten aber auch viele Diplomaten und Angehörige der
Industrie und des Kapitals. Sie standen in engster Verbindung mit dem Leiter
der deutschen Abwehr, Admiral Canaris, über den und dessen späteren General
Oster die Westmächte genauestens informiert worden sind. Die Einführung des
Judensternes, die Deportation in Lager und bestimmte andere Diskriminierungen
der deutschen Juden wurde auf Vorschlag der Zionisten (Lekarsky) von Canaris
unter Berufung auf vorgebliche „Sicherheitsinteressen“ gegen den Widerstand
der NS-Hierarchie durchgedrückt. Oster, damals noch Major, verriet den
Angriffstermin des Norwegenunternehmens und des Frankreichfeldzuges 1940.
Canaris persönlich bewog Franco dazu, nicht an der Seite Deutschlands in den
Krieg einzutreten, wodurch Gibraltar in britischer Hand blieb und Rommels
Afrikakorps der Nachschub durch britische Luft- und Seestreitkräfte
abgeschnitten wurde.
Ihnen allen war eines gemeinsam, was einer von ihnen, der das „Ansehen“ dieser
„Herren“ auch noch heute vehement verficht, in folgende Worte gekleidet hat:
„Diesen Erfolg Hitlers unter allen Umständen und mit allen Mitteln zu
verhindern, auch auf Kosten von Hunderttausenden Soldaten und Zivilisten, auch
auf Kosten einer schweren Niederlage des Dritten Reiches, war unsere
vordringlichste Aufgabe“. (Fabrian von Schlabbrendorff in: „Offiziere gegen
Hitler“, Seite 38). Er hat bis heute nicht begriffen, was der ehemalige
deutsche Bundespräsident Dr. Eugen Gerstenmaier immerhin - wenn auch spät -
erkannte: „Was wir im deutschen Widerstand während des Krieges nicht wirklich
begreifen wollten, haben wir nachträglich vollends gelernt: Daß dieser Krieg
eben nicht gegen Hitler, sondern gegen Deutschland geführt wurde. ( Aus FAZ,
21.3.1975).

Was von Schlabbrendorff neutral mit „auf Kosten einer schweren Niederlage des
Dritten Reiches“ ausdrückt, bedeutet tatsächlich den Tod von Hunderttausenden
in Fallen, Hinterhalten, Kesseln und in mörderische Gefangenschaft geratenen
deutschen Soldaten. Wenn der Feind alles weiß, was das Oberkommando
beabsichtigt, wenn die eigene Spionageabwehr nicht für Deutschland, sondern
für dessen Gegner arbeitet, dann ist es gar keine Frage, daß der Krieg nicht
gewonnen werden konnte. Es ist ausschließlich ein Verdienst der damaligen
deutschen Soldaten und dieser Generation an sich, daß in diesem Krieg zunächst
durch die deutschen Truppen in der Geschichte beispiellose Erfolge erzielt
werden konnten, und es mehr als 50 Staaten erst nach 6 Jahren gelang, uns
niederzuringen.
Die französischen Historiker Pierre Accoce und Pierre Quet haben es so
ausgedrückt: „Diese Offiziere bekämpften nicht nur Hitler, sondern auch seine
Mystik, jene des Hakenkreuzes. Diese doppelte Zielsetzung ihres Kampfes wird
Deutschland - dessen sind sie sich bewußt! - in den Abgrund stoßen. Sie hören
trotzdem nicht auf, überall zuzuschlagen, bis sie sicher sind, daß Deutschland
an seinen Wunden verbluten wird. Vergebens sucht es die tötenden Hände,
vergebens richtet es sich, gegen seinen Blutverlust ankämpfend, wieder auf.
Sie schlagen unerbittlich zu, bis Deutschland endgültig im Sterben liegt. Erst
dann erschlaffen die Arme dieser „Offiziere“. Sie betrachten einander auf den
Ruinen, dann trennen sie sich und treffen sich nie wieder. Sie haben das
Vaterland verloren, aber sie sind „das Ungeheuerliche“ losgeworden“. (Aus dem
Buch dieser Herren mit dem Titel „Moskau wußte alles“, Seite 64).
Die Franzosen idealisieren hier allerdings etwas - sehr oft spielte nur die
gekränkte Eitelkeit von Männern mit, die nach dem 1918 erfolgten Sturz des
deutschen Kaiserreiches an Einfluß verloren hatten, sich durch den
Nationalsozialismus eine Restauration der alten Zustände und ihrer alten
Privilegien erhofften und sich darin getäuscht sahen, da im
nationalsozialistischen Deutschland nicht nach der Herkunft, sondern nach der
Leistung beurteilt wurde. Dies ist auch sicherlich ein Grund dafür, daß so
viele Verräter Adelsnamen trugen, und sie fanden sich im Offizierskorps, in
der Abwehr und im diplomatischen Dienst, der ja schließlich durch seine
Auslandsverbindungen ideale Optionen zur Nachrichtenübermittlung gab.

Daneben kamen Verräterkreise aus dem politisierenden Christentum und - nur
ganz vereinzelt - aus dem Marxismus sozialdemokratischer und kommunistischer
Prägung. Letztere saßen einmal nicht in einflußreichen Stellen, zum anderen
war durch die Sozialreformen des Nationalsozialismus eine Massenbasis für den
Marxismus nicht mehr vorhanden, und spätestens die von den Landsern selbst
erlebten Zustände im „Arbeiterparadies“ Sowjetrußland heilten auch die letzten
aus ihrem utopischen Wahn.
Aus denselben Quellen könnten aber die Verräter von heute kommen, und deshalb
ist die eingehende, geschichtliche Betrachtung so wichtig. Wir erkennen daraus,
daß dann, wenn volksfremde Ideologien und Religionen über das Volk gestellt
werden, die Abwehrkraft entscheidend geschwächt wird und eine Verwirklichung
der Ziele und Bedürfnisse des deutschen Volkes nicht möglich ist. Wenn da
jemand sagt: „Erst kommt meine Klasse, Kirche, Berufsgruppe, mein Stand, meine
Privilegien - dann erst mein Volk“, dann ist er unser Feind! Denn dann schürt
er den Klassenkampf; bis hin zum Bürgerkrieg, der uns lähmt. Erst wenn wir die
uns aufgezwungenen Schranken niederreißen, die uns Deutsche von Deutschen
trennen, werden wir es wieder erringen - das Reich!

VERRAT IM OKW
Überzeugungstäter als Spione sind billig und überdies äußerst zuverlässig. Das
wurde auch im Oberkommando der Wehrmacht deutlich: Mitten aus dieser Zentrale
erhielten die Sowjets den ganzen Krieg hindurch präzise Informationen aller
Art. Auch über die Vorbereitungen zu der letzten deutschen Großoffensive in
Rußland im Sommer 1943 gegen den Kursker Bogen, dem „Unternehmen Zitadelle“.
Im Sommer 1942 wurde in Warschau ein für die Sowjets arbeitender Agentensender
geortet und ausgehoben. Das mag für einige Truppenführer der Wehrmacht
beruhigend gewesen sein - immerhin hatten die beiden Agenten, ehemalige
polnische Offiziere, den Russen so hervorragende Nachrichten geliefert, daß
man es nicht wagte, Hitler einen Bericht darüber vorzulegen. Aber im
Generalstab des Heeres hatte man damals weit größere Sorgen. Zehn Jahre nach
dem Ende des Zweiten Weltkrieges formulierte sie Generaloberst Halder, bis
1942 Chef des Generalstabes, so: „Nahezu alle deutschen Angriffshandlungen
wurden unmittelbar nach ihrer Planung im Oberkommando der Wehrmacht (OKW),
noch ehe sie auf meinem Schreibtisch landeten, dem Feinde durch Verrat eines
Angehörigen des OKW bekannt. Diese Quelle zu verstopfen, ist während des
ganzen Krieges nicht gelungen.“
Was das bedeutete, wird klar, wenn man in russischen Dokumenten liest, wie
treffend damals die deutschen Pläne zur Kursker Schlacht dargelegt wurden. Da
hieß es zum Beispiel: „Das Oberkommando der Front legte am 21.April in einem
Bericht an das Hauptquar-tier die für den Sommer 1943 erkannten Absichten des
Gegners folgendermaßen dar: ‘Der Gegner bereitet sich zur Offensive vor und
wird konzentrische Angriffe aus dem Raum Belgorod-Borissowka nach Nordosten
und aus dem Raum Orjol nach Südosten unternehmen, um unsere Truppen westlich
der Linie Belgorod-Kursk einzuschließen. Im weiteren wird der Gegner entweder
versuchen, seinen Vorstoß nach Südosten in den Rücken der Südwestfront zu
wiederholen, um dann nach Norden einzuschwenken, oder er wird in diesem Jahr
von einem Stoß nach Südosten absehen und nach den konzentrischen Schlägen aus
den Räemen Belgorod und Orjol nach Nordosten vorstoßen, um Moskau zu
umgehen’.“An anderer Stelle heißt es, nicht weniger profund orientiert: „Da
der Gegner jedoch sehr starke Stöße mit entscheidungssuchender Zielsetzung
vorbereitete, zog das Hauptquartier am Kursker Bogen umfangreiche Reserven
zusammen, die nicht nur für die Verteidigung, sondern auch für
die.......Offensive vorgesehen waren.“
Ohne je darauf hinzuweisen, woher die Informationen stammen, erwähnen die
sowjetischen Dokumentationen mit kaum verhohlenen Stolz ihr Ausmaß: „Obwohl
der Gegner sehr bemüht war, seine Offensive geheimzuhalten, erkannte sie das
sowjetische Oberkommando doch rechtzeitig. Der Aufklärung gelang es, nicht nur
die allgemeine Idee und die wahrscheinlichen Stoßrichtungen, sondern auch die
Gruppierungen, ihre Zusammensetzung und zahlenmäßige Stärke, die
voraussichtlichen Reserven und die Termine ihres Eintreffens und schließlich
auch den Zeitpunkt des Beginns der Offensive festzustellen.“
Und an anderer Stelle: „Das Oberkommando der Front wies darauf hin, daß sich
der Gegner hauptsächlich auf Panzer- und Luftwaffenkräfte stütze und schlug
vor, bereits jetzt den Plan für eine große Luftoperation auszuarbeiten, um
dann die gegnerische Luftwaffe auf ihren Flugplätzen zu vernichten. .Außerdem
müßte man sich sehr gründlich darauf vorbereiten, massierte Panzerangriffe des
Gegners abzuschlagen und seine Panzer zu vernichten.“
Aber auch Stärke und Zusammensetzung der deutschen Kräfte war den Russen bis
ins letzte Detail bekannt: „Von Welikije Luki bis zum Kursker Bogen stand den
sowjetischen Fronten die Heeresgruppe Mitte mit der 3.Panzerarmee, der
4.Armee, der 2.Panzer-armee sowie der 9. und der 2.Armee gegenüber. Die
Heeresgruppe verfügte über 87 Divisionen, darunter 11 Panzer- und
Panzergrenadierdivisionen, und einer Brigade...Im Streifen dieser beiden
Fronten und gegenüber der Mitte und dem linken Flügel der Woronesher Front
verteidigte sich die Heeresgruppe Süd mit der 4. Panzerarmee sowie der
wiederaufgestellten 6. Armee. Die Heeresgruppe Süd verfügte über insgesamt 43
Divisionen, darunter 13 Panzer- und Panzergrenadierdivisionen...Als Reserve
hatte das deutsche Oberkommando an der gesamten sowjetisch-deutschen Front nur
etwa acht Divisionen.
Von den 294 Divisionen des Deutschen Heeres waren zu Beginn des
Sommer-Herbst-Feldzuges 196 Divisionen, darunter 26 Panzer- und
Panzergrenadierdivisionen, gegen die Rote Armee eingesetzt. Das waren rund 70
Prozent der Landstreitkräfte. Darüber hinaus befanden sich 15 Divisionen,
darunter eine Panzerdivision und sechs Brigaden der finnischen Armee, fünf
Divisionen und zwei Brigaden ungarische Truppen, neun rumänische Divisionen,
zwei slowakische Divisionen, davon war eine motorisiert, und eine spanische
Division an der sowjetisch-deutschen Front bzw. im besetzten Gebiet. Damit
standen den sowjetischen Truppen insgesamt 232 Divisionen gegenüber.“
EINZELTÄTER ODER GRUPPE?
Die Sowjets wußten aber noch mehr: Sie erfuhren Einzelheiten militärischer
Planungen in Deutschland, die dort nur einem verschwindend kleinen
Personenkreis bekannt waren. Woher? Sie kannten „Führerbefehle“, noch bevor
sie bei den eigentlichen Adressaten angekommen waren. Woher? Sie waren über
die Pläne und Daten und Schwerpunkte der Rüstung genauestens unterrichtet. Von
wem? Die geheimsten Anordnungen aus dem Führer-hauptquartier wurden ihnen
sofort bekannt. Wie war das möglich? Der Spion, so schloß man logischerweise,
müsse im OKW sitzen. Und dies in einem verhältnismäßig eng begrenzten
Personenkreis. Aber wem sollte oder wollte man diese unvorstellbare
Ungeheuerlichkeit unterstellen? War es ein Einzeltäter? War es eine Gruppe?
Eine ganze Reihe von Autoren und Historikern haben sich diese Fragen gestellt
und nach Antworten gesucht, ohne jemals eine befriedigende zu finden. Zwei von
ihnen seien hier zitiert: Paul Carell mit seinem Buch „Verbrannte Erde“ (Ullstein-Verlag,
Frankfurt/M, 1966) und Bernd Ruland mit „Die Augen Moskaus“, (Schweizer
Verlagshaus, Zürich 1973).

Paul Carell dokumentiert, mit welcher Präzision die Russen ihre Fragen an die
Mittelsleute in Deutschland stellten und mit welcher Präzision diese
beantwortet wurden. Da funkt Moskau:
„An Dora.-Wo befinden sich die rückwärtigen Abwehrstellungen der Deutschen auf
der Linie südwestlich Stalingrads und entlang dem Don? -Direktor.“
Wenige Stunden später:
„An Dora.-Wo sind jetzt 11. und 18.Panzer-division und 25.mot Division, die
früher im Frontabschnitt Brjansk eingesetzt waren? -Direktor.“
Während der Einkesselung der 6.Armee in Stalingrad:
„Senden sie Angaben über konkrete Maßnahmen, die das OKW in Verbindung mit
Vorstoß Roter Armee bei Stalingrad zu treffen beabsichtigt.“
Eine Woche später:
„Die wichtigste Aufgabe für die nächste Zeit ist die genaueste Feststellung
aller deutschen Reservedivisionen im Hintergrund der Ostfront.“
Und abermals zwei Wochen später:
„Werther soll klar angeben, wieviel Reservedivisionen insgesamt aus Ersatz bis
1.Januar gebildet werden. Antwort eilt.“
Diese Funksprüche sind authentisch! Sie wurden samt und sonders beantwortet.
Sie wurden auch von deutscher Seite mitgehört, zum großen Teil aber erst
später dechiffriert. Die darin genannten Decknamen sind inzwischen ebenfalls
entschlüsselt. ‘DORA’ stand für den Chef des sowjetischen Agentennetzes in der
Schweiz, den gebürtigen Ungarn Alexander Rado; ‘DIREKTOR’ war der Deckname des
Leiters des militärischen Nachrichtendienstes in Moskau.
WERTHER’ schließlich scheint die wichtigste Figur gewesen zu sein, der
geheimnisvolle Agent mit den Nachrichten direkt aus dem OKW und dem
Führerhauptquartier. Die Aufträge für ihn waren ebenso lapidar wie
ungeheuerlich. Etwa:
„Sofort bei Werther Pläne des OKW beschaffen über Ziele Heeresgruppe Kluge.“
Oder:
„Sofort.........bei Werther in Erfahrung bringen, ob Wjasma und Rschew
evakuiert werden.“
‘Werther’ antwortete präzise und prompt. Eine Anfrage vom 7.Mai 1943 nach
allem „über die Pläne und Absichten des OKW“ beantwortete er schon zwei Tage
später ausführlich. Aber auch ungefragt kamen von ihm Informationen, so am
13.Mai 1943: „Deutsche Aufklärung hat russische Kräftekonzentration bei Kursk,
Wjasma, Welikije Luki erkannt.“
„Wer war dieser Mann, der diese Nachrichten lieferte?“ fragt Paul Carell in
seinem Buch. Und er gibt eine Antwort: „Seit über zwanzig Jahren wird
‘Werther’ gejagt. Aber noch niemand ist es geglückt, ihn zur Stecke zu
bringen.“

An diesem Punkt beginnt Bernd Rulands Buch. Er schreibt unter anderem: „Spekulationen,
Gerüchte, Kombinationen, Vermutungen - das Karussell der Thesen dreht sich
seit 25 Jahren unaufhörlich: in zahllosen Zeitungsartikeln, in vielen Büchern,
in Rundfunk- und Fernsehsendungen...“. Ob Rulands These allerdings richtig
ist, bleibt unklar, wenn man Geschwindigkeit und Ausmaß der Verratsmeldungen,
das Frage-Und-Antwort-Spiel des Verrats bedenkt. Der Verräter muß selbst
umfassend informiert gewesen sein müssen. Möglich, daß seine These nicht
erfunden ist, daß die große undichte Stelle aber doch woanders gesucht werden
muß. Wenn „Werther“ mit Scheidt identisch war, dann hätte dieser nur
Zusatzinformationen von den verräterischen Nachrichtenhelferinnen abgeschöpft.
GEHEIMSTE MELDUNGEN
„Fast alle bisherigen Hypothesen sind falsch, alle Verdächtigungen haltlos,
die meisten Mutmaßungen abwegig. Die richtige Antwort auf die Frage, woher
‘Moskau alles wußte’, wird überraschen - weil sie, im Grunde, so einfach
ist...
Aufgrund meines Aufgabenkreises während des Zweiten Weltkriegs als
‘Fernschreiboffizier’ in der Nachrichtenzentrale des OKW in Berlin bin ich
durch Zufall hinter das Geheimnis gekommen...Ich habe geschwiegen, habe keine
Meldung gemacht, keine Konsequenzen gezogen und dabei auf jenes Glück
vertraut, das ein Soldat nicht nur an der Front braucht, um zu überleben. Ich
werde in diesem Bericht nur in aller Sachlichkeit Tatsachen registrieren. Die
Lösung des Rätsels ist ebenso verblüffend einfach wie überraschend...
Die wichtigsten und ergiebigsten Nachrichten-Lieferanten für Roessler waren
vom Mai 1941 bis Mitte Mai 1944 waren zwei junge Damen: Nachrichtenhelferinnen
aus der Fernschreibzentrale OKW/OKH in Berlins Bendlerstraße. Hier wurden
neben ‘gewöhnlichen’ Fernschreiben mehr geheimste Meldungen (‘Chefsache, nur
durch Offizier’ und auch ‘Geheime Kommandosache’) befördert als auf
irgendeiner anderen Fernschreibstelle der deutschen Wehrmacht.
Die Offiziere, Soldaten und Nachrichtenhelferinnen, durch deren Hände die
geheimsten Nachrichten gingen, erfuhren, um nur drei Beispiele zu nennen, mehr
über die Truppenstärke, die Rüstung und die Pläne der Kriegsführung als
irgendein kommandierender General............“
Über die Umstände, wie er von der Spionagetätigkeit zweier
Nachrichtenhelferinnen erfuhr, berichtet uns Bernd Ruland:
„Ich hatte am Samstag, dem 14.Juni 1941, um 19 Uhr meinen Dienst angetreten
und von dem Kollegen, den ich ablöste, einige Dutzend ‘Geheime Kommandosachen’
übernommen, die schleunigst befördert werden mußten...........Ich begrüße die
zehn Nachrichtenhelferinnen, die hier in grauen Kitteln vor den
Spezial-Fernschreibmaschinen sitzen.... Dabei auch Angelika von Parchim (der
Name wurde geändert), deren wache Intelligenz, Freundlichkeit und
Schnelligkeit bei der Arbeit mich beeindrucken.
Angelika macht zu meiner Überraschung einen verlegenen Eindruck, als sie mich
plötzlich neben sich sieht. So habe ich sie noch nie erlebt. Sie nimmt ihre
Finger von den Tasten der Maschine. Es entgeht mir nicht, daß sie zittern...
Ich will nicht weiter in sie dringen und nehme ein Fernschreiben, das neben
ihr liegt. Es kommt aus dem Führerhauptquartier und ist an Generaloberst Fromm,
den Chef der Heeresausrüstung und Befehlshaber des Ersatzheeres, gerichtet und
enthält, wie ich auf den ersten Blick bemerke, eine Liste dringend benötigter
Divisionen und einiger Spezial-Formationen, die für das unmittelbar
bevorstehende ‘Unternehmen Barbarossa’ beschleunigt aufgestellt werden müssen...
Erst jetzt entdecke ich das schmale, weiße Fernschreibband, das als ein
lockeres Knäuel auf Angelikas Schoß liegt. Ich überfliege...einige Worte auf
diesem Papierstreifen. Es ist mit sofort klar, daß es sich um eine Abschrift
des Fernschreibens an Generaloberst Fromm handelt.“

Am Tag darauf, am 15.Juni 1941, genau eine Woche vor Beginn des
Rußlandfeldzuges, habe ihm die Nachrichtenhelferin gestanden, daß sie solche
FS-Streifen gelegentlich einem Schweizer Diplomaten übergebe, berichtet Ruland
weiter. Und: „Erst nach dem Krieg erfahre ich von Angelika, daß es kein
Diplomat der Schweiz, sondern ein deutscher Offizier war, dem sie die
Abschriften von wichtigen Fernschreiben übergeben hat.“
Im weiteren Verlauf, behauptet Ruland, habe er erfahren, daß die erwähnte
Nachrichtenhelferin und eine Kollegin von ihr - beide als politisch motivierte
‘Überzeugungstäter’ - alle jene Nachrichten beschafft haben, die dann von
einem deutschen Offizier - offensichtlich ‘Werther’ - den Russen zugespielt
wurden.
Bernd Ruland, er starb am 9.Jänner 1976, vermerkt in seinem Buch, daß er für
den Fall seines Ablebens alle zu diesem Thema wichtigen Dokumente bei seinem
Sohn, der als Rechtsanwalt in Berlin lebt, hinterlegt hat. Bis heute sind
allerdings diese dokumentarischen Beweise der Öffentlichkeit noch nicht
vorgelegt worden...
Wie wir also sehen können, gibt es unzählige Vermutungen und Thesen über den
Verrat in den obersten deutschen Stellen während des gesamten Zweiten
Weltkriegs. Die volle Wahrheit wird aber vermutlich nie ans Tageslicht kommen.
http://forum.stirpes.net/politische-diskussionen/5773-kriegsschuldfrage.html
