Letzter Notenaustausch vor Beginn des Polenfeldzugs

 

 

KOMMENTAR:

Die Anlage enthält die diplomatischen Noten, die zwischen der „Freien Stadt“ (souveräner Staat unter Völkerbundsmandat) und Polen, den europäischen Mächten und dem Reich ausgetauscht wurden. Wer diese Texte liest, kann beurteilen, ob auf deutscher Seite Kriegswille vorhanden war, oder aber weitestgehende Kompromißbereitschaft. Das Reich sah sich in der Zwangslage, daß Polen aus den annektierten Gebieten bereits Millionen von Deutschen verdrängthatte, auf Grund des britischen „Blankoschecks“ nunmehr in furchtbarer Form gegen die eigenen Staatsbürger deutscher Volkszugehörigkeit vorging. Die Deutschen waren vogelfrei, flüchteten in die Wälder, oder ins Reich, wo binnen Wochen 70.000 Flüchtlinge in Auffanglagern untergebracht werden mußten, darüber hinaus eine unbekannte Anzahl bei Freunden und Verwandten unterkam.

Die Vorschläge des Reiches zur Lösung der von GB und Polen provozierten Krise waren derart maßvoll, daß die englischen und frz. Politiker es nicht wagten, sie ihren Völkern bekanntzugeben! Hätten die Menschen auf der Straße Kenntnis davon gehabt, welche großzügigen Lösungsvorschläge das Reich machte, hätte niemals Krieg erklärt werden können.
 

Soweit der Kommentar.
Im Folgenden der 16-Punkte-Plan der Reichsregierung:



Vorschlag für eine Regelung des Danzig-Korridor-Problems sowie der deutsch-polnischen
Minderheitenfrage


Die Lage zwischen dem Deutschen Reich und Polen ist zur Zeit so, daß jeder weitere

Zwischenfall zu einer Entladung der beiderseits in Stellung gegangenen militärischen
Streitkräfte führen kann. Jede friedliche Lösung muß so beschaffen sein, daß sich nicht bei
nächster Gelegenheit die diesen Zustand ursächlich bedingenden Ereignisse wiederholen
können und dadurch nicht nur der Osten Europas, sondern auch andere Gebiete in die gleiche Spannung versetzt werden.



Die Ursachen dieser Entwicklung liegen

1. in der unmöglichen Grenzziehung, wie sie durch das Versailler Diktat vorgenommen
wurde,

2. in der unmöglichen Behandlung der Minderheiten in den abgetrennten Gebieten.  Die Deutsche Reichsregierung geht daher bei diesen Vorschlägen von dem Gedanken aus,
eine endgültige Lösung zu finden, die die unmögliche Situation der Grenzziehung beseitigt,
beiden Teilen ihre lebenswichtigen Verbindungsstraßen sichert, das Minderheitenproblem - soweit irgend möglich - beseitigt, und soweit dies nicht möglich ist, das Schicksal der
Minderheiten durch eine sichere Garantie ihrer Rechte erträglich gestaltet.

Die Deutsche Reichsregierung ist überzeugt, daß es dabei unerläßlich ist, wirtschaftliche und physische Schädigungen, die seit dem Jahr 1918 stattgefunden haben, aufzudecken und im vollen Umfange wieder gutzumachen. Sie sieht selbstverständlich diese Verpflichtung als eine für beide Teile bindende an.

Aus diesen Erwägungen ergeben sich folgende praktische Vorschläge:



1. Die Freie Stadt Danzig kehrt auf Grund ihres rein deutschen Charakters sowie des einmütigen Willens ihrer Bevölkerung sofort in das Deutsche Reich zurück.


2. Das Gebiet des sogenannten Korridors, das von der Ostsee bis zu der Linie Marienwerder- Graudenz-Kulm-Bromberg (diese Städte einschließlich) und dann etwa westlich nach
Schönlanke reicht, wird über seine Zugehörigkeit zu Deutschland oder Polen selbst entscheiden.


3. Zu diesem Zweck wird dieses Gebiet eine Abstimmung vornehmen.  Abstimmungsberechtigt sind alle Deutschen, die am 1. Januar 1918 in diesem Gebiet wohnhaft waren oder bis zu diesem Tage dort geboren wurden, und desgleichen alle an diesem Tage in diesem Gebiet wohnhaft gewesenen oder bis zu diesem Tage dort geborenen Polen, Kaschuben usw. Die aus diesem Gebiet vertriebenen Deutschen kehren zur Erfüllung ihrer Abstimmung zurück.

Zur Sicherung einer objektiven Abstimmung sowie zur Gewährleistung der dafür notwendigen umfangreichen Vorarbeiten wird dieses erwähnte Gebiet ähnlich dem Saargebiet einer sofort zu bildenden internationalen Kommission unterstellt, die von den Großmächten Italien, Sowjetunion, Frankreich, England gebildet wird. Diese Kommission übt alle Hoheitsrechte in diesem Gebiet aus. Zu dem Zweck ist dieses Gebiet in einer zu vereinbarenden Frist von den polnischen Militärs, der polnischen Polizei und den polnischen Behörden zu räumen.


4. Von diesem Gebiet bleiben ausgenommen der polnische Hafen Gdingen, der grundsätzlich polnisches Hoheitsgebiet ist, insoweit er sich territorial auf die polnische Siedlung beschränkt.  Die näheren Grenzen dieser polnischen Hafenstadt wären zwischen Deutschland und Polen
festzulegen und nötigenfalls durch ein internationales Schiedsgericht festzusetzen.



5. Um die notwendige Zeit für die erforderlichen umfangreichen Arbeiten zur Durchführung
einer gerechten Abstimmung sicherzustellen, wird diese Abstimmung nicht vor Ablauf von 12
Monaten stattfinden.



6. Um während dieser Zeit Deutschland seine Verbindung mit Ostpreußen und Polen seine  Verbindung mit dem Meere unbeschränkt zu garantieren, werden die Straßen und
Eisenbahnen festgelegt, die einen freien Transitverkehr ermöglichen. Hierbei dürfen nur jene
Abgaben erhoben werden, die für die Erhaltung der Verkehrswege bzw. für die Durchführung der Transporte erforderlich sind.


 
7. Über die Zugehörigkeit des Gebietes entscheidet die einfache Mehrheit der abgegebenen
Stimmen.



8. Um nach erfolgter Abstimmung - ganz gleich, wie diese ausgehen möge, die Sicherheit des
freien Verkehrs Deutschland mit seiner Provinz Danzig - Ostpreußen und Polen seine Verbindung mit dem Meere zu garantieren, wird, falls das Abstimmungsgebiet an Polen fällt,
Deutschland eine exterritoriale Verkehrszone, etwa in Richtung Bütow-Danzig bzw. Dirschau, gegeben zur Anlage einer Reichsautobahn sowie einer viergleisigen Eisenbahnlinie.   Der Bau der Straße und der Eisenbahn wird so durchgeführt, daß die polnischen  Kommunikationswege dadurch nicht berührt, d.h. entweder über- oder unterfahren werden.  Die breite dieser Zone wird auf einen Kilometer festgesetzt und ist deutsches Hoheitsgebiet.  Fällt die Abstimmung zugunsten Deutschlands aus, erhält Polen zum freien und  uneingeschränkten Verkehr nach seinem Hafen Gdingen die gleichen Rechte einer ebenso exterritorialen Straßen- bzw. Bahnverbindung, wie sie Deutschland zustehen würden.



9. Im Falle des Zurückfallens des Korridors an das Deutsche Reich erklärt sich dieses bereit, einen Bevölkerungsaustausch mit Polen in dem Ausmaß vorzunehmen, als der Korridor hierfür geeignet ist.
 


10. Die etwa von Polen gewünschten Sonderrechte im Hafen von Danzig würden paritätisch
ausgehandelt werden mit den gleichen Rechten Deutschlands im Hafen von Gdingen.



11. Um in diesem Gebiet jedes Gefühl einer Bedrohung auf beiden Seiten zu beseitigen, würden Danzig und Gdingen den Charakter reiner Handelsstädte erhalten, d.h. ohne militärische Anlagen und militärische Befestigungen.



12.Die Halbinsel Hela, die entsprechend der Abstimmung entweder zu Polen oder zu Deutschland käme, würde in jedem Fall ebenfalls zu demilitarisieren sein.



13. Da die Deutsche Reichsregierung heftigste Beschwerden gegen die polnische  Minderheitenbehandlung vorzubringen hat, die Polnische Regierung ihrerseits glaubt, auch
Beschwerden gegen Deutschland vorbringen zu müssen, erklären sich beide Parteien damit
einverstanden, daß diese Beschwerden einer international zusammengesetzten
Untersuchungskommission unterbreitet werden, die die Aufgabe hat, alle Beschwerden über
wirtschaftliche und physische Schädigungen sowie sonstige terroristische Akte zu untersuchen.

Deutschland und Polen verpflichten sich, alle seit dem Jahre 1918 etwa vorgekommenen
wirtschaftlichen und sonstigen Schädigungen der beiderseitigen Minoritäten wieder
gutzumachen bzw. alle Enteignungen aufzuheben oder für diese und sonstige Eingriffe in das
wirtschaftliche Leben eine vollständige Entschädigung den Betroffenen zu leisten.



14. Um den in Polen verbleibenden Deutschen sowie den in Deutschland verbleibenden Polen das Gefühl der internationalen Rechtlosigkeit zu nehmen und ihnen vor allem die Sicherheit zu gewähren, nicht zu Handlungen bzw. zu Diensten herangezogen werden zu können, die mit ihrem nationalen Gefühl unvermeidbar sind, kommen Deutschland und Polen überein, die Rechte der beiderseitigen Minderheiten durch umfassendste und verbindende Vereinbarungen zu sichern, um diesen Minderheiten die Erhaltung, freie Entwicklung und Betätigung ihres  Volkstums zu gewährleisten, ihnen insbesondere zu diesem Zweck die von ihnen für erforderlich gehaltene Organisierung zu gestatten. Beide Teile verpflichten sich, die Angehörigen der Minderheiten nicht zum Wehrdienst heranzuziehen.



15. Im Falle einer Vereinbarung auf der Grundlage dieser Vorschläge erklären sich für  Deutschland und Polen bereit, die sofortige Demobilisierung ihrer Streitkräfte anzuordnen und durchzuführen.


16. Die zur Beschleunigung der obigen Abmachungen erforderlichen weiteren Maßnahmen
werden zwischen Deutschland und Polen gemeinsam vereinbart.

 


Dieser Kompromißvorschlag wurde von Polen ohne Diskussion abgelehnt. 
England und Frankreich sahen sich nicht imstande, den Polen Verhandlungen auf der Grundlage dieses großzügigen Angebots nahezulegen.
 

 

Lese auch Urkunden zur letzten Phase der deutschpolnischen Krise