KOMMENTAR: von Dr. Gunther Kömmel

 

Russischer Geheimdienst beschlagnahmt alle Daten eines Geschichtsforschers, der das Schicksal von Rußlanddeutschen unter Stalin erforscht (Anlage).

Den Professor erwartet für seine "unliebsamen Forschungen" eine Geldstrafe und Sozialarbeit. In der BRD und in vielen westeuropäischen Staaten ist die Strafe für "unliebsame historische Forschung" nicht alleine Existenzvernichtung, sondern Gefängnis für drei Jahre, sieben Jahre, dreizehn Jahre, lebenslänglich.

 

Deutschrussischer Verein in Nürnberg besorgt  

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Razzia stoppte russischen Historiker

 

 

   Professor Michail Suprum 

 

MOSKAU/NÜRNBERG – Die Razzia des russischen Geheimdienstes FSB traf den Geschichtsprofessor Michail Suprun, der die Schicksale der Russland-Deutschen unter Diktator Josef Stalin erforscht, völlig unerwartet. Der Wissenschaftler wollte im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes ein Buch über tausende deportierte und in sowjetische Straflager verschleppte Menschen fertigstellen, als das Einsatzkommando zuschlug. Der FSB beschlagnahmte in Supruns Universitätsbüro und in seiner Wohnung in Archangelsk im Norden Russlands Computer, Dateien, Dokumente sowie Dutzende Bücher und Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre. «Wir bemühen uns seit Jahren um die Aufklärung der vielen Schicksale. Nie hat es Probleme gegeben», sagte der Vizechef des Historischen Forschungsvereins der Deutschen aus Russland, Anton Bosch, in Nürnberg. Die Behörden werfen Suprun sowie Alexander Dudarew, dem Leiter des Informationszentrums der Innenbehörde von Archangelsk vor, mit der Veröffentlichung tausender Namen von Opfern des Stalin-Terrors die Persönlichkeitsrechte der Hinterbliebenen zu verletzen.   «Das ist absurd. Ich kann über die Hintergründe dieses Vorgehens nur spekulieren. Nicht einmal das Internet haben sie mir gelassen», sagte Suprun gestern. «Mein Lebenswerk ist zerstört.» Die Bücher der Erinnerung habe es schon zu Perestroika-Zeiten in den 80er-Jahren gegeben.

 

Klar scheint, dass die unbequeme Recherche des Autors offizielle Stellen stört. Die Aufarbeitung des blutigen Terrors unter Stalin wird nach Einschätzung der Menschenrechtsorganisation Memorial in Russland nicht gern gesehen.

 

Die russische Staatsanwaltschaft wirft Suprun vor, den Beamten Dudarew überredet zu haben, die Archive zu öffnen. Dudarew muss sich nun wegen Amtsmissbrauchs verantworten. «All diese Anschuldigungen sind absoluter Nonsens», sagt der Anwalt der Beschuldigten, Iwan Pawlow.

 

Der Historiker hatte sich vor allem mit dem Schicksal der Russland-Deutschen im Norden Russlands befasst – Tausende von ihnen waren auch auf die berüchtigte Gefängnisinsel Solowki des sowjetischen Geheimdienstes KGB im Weißen Meer oder in andere Straflager (Gulag) gebracht worden. Anton Bosch erzählt, dass er selbst auch erst durch die Archive über das Schicksal seiner Verwandten Auskunft erhielt.

 

Viele Familien wissen bis heute nicht, was mit ihren Angehörigen passierte, als Stalin die Russland-Deutschen nach dem Krieg in den Norden und nach Sibirien deportieren ließ. Suprun arbeitete an diesem «Trauer-Buch» für die Region Archangelsk, in dem die Namen der Betroffenen, Kurzbiografien und einordnende Geschichtsdarstellungen zu den Sowjetverbrechen veröffentlicht werden sollten. Im Fall einer Verurteilung drohen dem

54-Jährigen Sozialarbeit und eine Geldstrafe. Ulf Mauder, dpa 5.10.2009 © NÜRNBERGER ZEITUNG

 

Druckversion Artikel aus Politik Nürnberger Zeitung

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1 von 1 05.10.2009 22:48