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Russischer Militärhistoriker: Polen trägt ein hohes Maß an
Mitverantwortung für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs Sergej Kowaljow Erdichtungen und Fälschungen bei der
Einschätzung der Rolle der UdSSR am Vorabend und zu Beginn des Zweiten
Weltkriegs Sergej Nikolajewitsch Kowaljow ist
Leiter der wissenschaftlichen Forschungsabteilung für die Militärgeschichte
der Nordwestlichen Region der Russischen Föderation am Institut für
Militärgeschichte des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation. Er
ist Oberst sowie Doktor der Geschichtswissenschaft und lebt in St. Peterburg. Die Einschätzung der Rolle der UdSSR
bei den Geschehnissen am Vorabend sowie zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ist
schon seit geraumer Zeit Gegenstand von Diskussionen unter Politikern,
Wissenschaftlern und Spezialisten sowie in der Öffentlichkeit. Die heutzutage
mit diesem Thema verbundenen antirussischen Ausfälle beruhen oft auf einer
verzerrten und verfälschten Darstellung der Tätigkeit der sowjetischen Führung
während jener Periode. Immer häufiger wird gegenwärtig in den Massenmedien die
Auffassung verfochten, es habe "ein neuer kalter Krieg" begonnen. (1) Einige
westliche Autoren schreiben Dinge wie die folgenden: "Es ist Zeit, der
bitteren Wahrheit ins Gesicht zu sehen: Russland ist wieder da, es ist reich,
stark und [dem Westen] wieder feindselig gesinnt. Die Partnerschaft weicht
einer Konkurrenz, die in immer bedrohlichere Züge annimmt. Es hat ein neuer
kalter Krieg begonnen, und wie schon in den vierziger Jahren des vergangenen
Jahrhunderts merken wir das zu spät." (2) Auffallend ist auch, mit welcher
Leichtfertigkeit Staaten etikettiert werden, die historisch mit Russland
verbunden sind. So heißt es beispielsweise, manche Länder Europas,
insbesondere Bulgarien, Lettland und Moldavien, hätten sich "Russland auf
Gnade und Ungnade ergeben". (3) Die heutigen Fälscher versuchen, die
UdSSR als Anstifterin des Zweiten Weltkriegs darzustellen oder zumindest "zwei
blutigen Diktatoren" ein gleiches Maß an Verantwortung für seine Entfesselung
anzulasten. Ihr Lieblingsargument ist hierbei die am 23. August 1939 erfolgte
Unterzeichnung des Nichtangriffspakts zwischen Deutschland und der
Sowjetunion. Bekanntlich lassen sich historische
Fakten nur dann richtig einschätzen, wenn man sie in den Kontext der
Ereignisse einbettet, die sich in einer bestimmten Periode abgespielt haben.
Bei der Analyse des sowjetisch-deutsches Paktes darf man das weniger als ein
Jahr zuvor abgeschlossene Münchner Abkommen nicht vergessen. Diese
Geschehnisse sind eng miteinander verbunden, denn was sich in der bayrischen
Hauptstadt zutrug, hat die Politik der UdSSR in mancher Hinsicht beeinflusst. Wer die Geschichte des Zweiten
Weltkriegs unvoreingenommen erforscht hat, weiß, dass dieser infolge der
Weigerung Polens begonnen hat, den deutschen Forderungen stattzugeben. Weniger
bekannt ist freilich, dass die Forderungen Deutschlands höchst gemäßigt waren:
Der Anschluss Danzigs an das Dritte Reich sowie die Erlaubnis zum Bau
extraterritorialer Autobahnen und Eisenbahnen, die Ostpreussen mit dem
Hauptteil Deutschlands verbinden sollten. (4) Diese beiden Forderungen kann
man schwerlich als unbegründet bezeichnen. Die Bewohner der infolge des
Versailler Friedensvertrags von Deutschland getrennten Stadt Danzig waren in
ihrer übergroßen Mehrheit Deutsche (5), die aufrichtig die Wiedervereinigung
mit ihrer historischen Heimat wünschten. Völlig natürlich war auch die
Forderung bezüglich der Verkehrswege, um so mehr, als keine Ansprüche auf das
Territorium des "polnischen Korridors" geltend gemacht wurde, der Deutschland
in zwei Teile spaltete. Übrigens hatte Deutschland die durch den Versailler
Vertrag herbeigeführten territorialen Veränderungen im Gegensatz zu den
Westgrenzen niemals anerkannt. (6) Aus diesen Gründen schien am 24.
Oktober 1938, als Deutschland Polen eine Regelung der mit Danzig und dem
"polnischen Korridor" verbundenen Fragen vorschlug (7), nichts auf eine
Komplizierung der Lage hinzudeuten. Warschau antwortete jedoch mit einer
schroffen Absage und wies auch die späteren deutschen Vorschläge zurück.
Polen, das den Status einer Großmacht anstrebte, wollte sich keinesfalls mit
der Rolle eines Juniorpartners Deutschlands zufriedengeben. Am 26. März 1939
lehnte es Polen endgültig ab, die deutschen Forderungen zu erfüllen. (8) Als
Reaktion hierauf kündigte die deutsche Seite am 28. April 1939 das aus dem
Jahre 1934 stammende deutsch-polnische Abkommen über Freundschaft und
Zusammenarbeit. (9) Gleichzeitig erweckten die westlichen
Demokraten bei der polnischen Regierung die unbegründete Illusion, sie würden
Warschau im Kriegsfall die erforderliche Hilfe leisten. Am 31. März 1939
erklärte der britische Premierminister N. Chamberlain vor dem
Abgeordnetenhaus: "Im Fall irgendeiner Aktion, die eine klare Bedrohung der
Unabhängigkeit Polens darstellen wird…wird sich die Regierung Seiner Majestät
als verpflichtet erachten, der polnischen Regierung jede in ihren Kräften
liegende Unterstützung zu gewähren. Sie hat der polnischen Regierung eine
diesbezügliche Versicherung abgegeben. Ich darf hinzufügen, dass die
französische Regierung mich ermächtigt hat, klarzustellen, dass sie in dieser
Frage dieselbe Position vertritt wie die Regierung Seiner Majestät." (10) Wie
die folgenden Ereignisse bewiesen haben, handelte es sich bei diesem
Versprechen um einen vorsätzlichen Betrug. Die polnische Führung nahm es
jedoch für bare Münze und verlor deshalb zusehends jeden Realitätssinn. Der amerikanische Journalist W.
Shirer, der die polnische Wirklichkeit dank dreißigjähriger Erfahrung kannte,
kommentierte die englischen Garantien an Polen wie folgt: "Man kann eine
Pulverfabrik ohne weiteres bewachen, wenn darin die Sicherheitsvorschriften
beachtet werden, doch eine Pulverfabrik zu bewachen, in der sich lauter
Verrückte aufhalten, ist nicht ganz ungefährlich." (11) Die Entwicklungen in Europa sowie die
wachsende Aggressivität Deutschlands mussten zwangsläufig auch bei der
sowjetischen Führung Besorgnis erwecken. Es machte den Anschein, als sei ein
Bündnis [der UdSSR; der Übersetzer] mit den westlichen Demokratien
erforderlich, um A. Hitler in die Schranken zu weisen, doch zu Recht bemerkte
W. Churchill: "München und noch vieles andere mehr überzeugten die
Sowjetregierung, dass weder England noch Frankreich kämpfen würden, solange
sie nicht selbst angegriffen wurden, und dass auch in diesem Fall dabei nicht
viel herauskommen würde." (12) Es lag auf der Hand, dass das Ziel der von den
Westmächten gegenüber Hitler betriebenen "Beschwichtigungspolitik" darin
bestand, eine deutsche Aggression gegen Osten – also gegen die UdSSR – zu
lenken. Am 12. September 1938 sagte N. Chamberlain kurz vor seinem Treffen mit
A. Hitler: "Deutschland und England sind zwei Pfeiler der europäischen Welt
und die Hauptbollwerke gegen den Kommunismus, und deshalb ist es erforderlich,
unsere gegenwärtigen Schwierigkeiten auf friedlichem Wege zu überwinden…
Wahrscheinlich wird es möglich sein, eine Lösung zu finden, die für alle
annehmbar ist außer für Russland." (13) In dieser Situation zog die
sowjetische Führung den sich aufdrängenden Schluss: Eine Zusammenarbeit mit
England und Frankreich war nur dann möglich, wenn man sich zuvor mittels eines
militärischen Bündnisvertrags absicherte, in dem die Verpflichtungen der
Vertragspartner klar und unzweideutig festgelegt waren. Am 17. April 1939 regte Moskau den
Abschluss eines englisch-französisch-sowjetischen Abkommens über gegenseitige
Hilfeleistung an, das folgende Punkte beinhalten sollte: 1) "England, Frankreich und die UdSSR
schließen ein auf fünf bis zehn Jahre befristetes Abkommen, das sie
verpflichtet, einander im Fall einer in Europa verübten Aggression gegen einen
der Unterzeichnerstaaten unverzüglich jegliche Art von Hilfe einschließlich
militärischer zu gewähren. 2) England, Frankreich und die UdSSR
verpflichten sich, den zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer gelegenen
osteuropäischen Staaten im Falle einer Aggression gegen diese Staaten jede Art
von Hilfe einschließlich militärischer zu gewähren. 3) England, Frankreich und die UdSSR
verpflichten sich, innerhalb kürzester Frist den Umfang sowie die Formen der
militärischen Hilfe zu erörtern und festzulegen, welche jedem dieser Staaten
in Erfüllung von Artikel 1 und 2 zu leisten ist. 4) Die englische Regierung stellt
klar, dass die Hilfe, die sie Polen versprochen hat, ausschließlich für den
Fall einer Aggression seitens Deutschlands gilt. 5) Der zwischen Polen und Rumänien
bestehende Vertrag wird entweder für den Fall einer jeden Aggression gegen
Polen und Rumänien für gültig erklärt oder aber als gegen die UdSSR gerichtet
für ungültig erklärt. 6) England, Frankreich und die UdSSR
verpflichten sich, nach der Eröffnung von Feindseligkeiten unter keinen
Umständen im Alleingang und ohne gemeinsame Vereinbarung der drei Mächte
irgendwelche Verhandlungen mit den Aggressoren zu führen oder Frieden zu
schließen. 7) Eine entsprechende Vereinbarung
wird gleichzeitig mit einer Konvention unterzeichnet, die in Übereinstimmung
mit Artikel 3 zu entwerfen ist. 8) England, Frankreich und die UdSSR
erachten es als erforderlich, mit der Türkei gemeinsame Verhandlungen über den
Abschluss eines separaten Abkommens über gegenseitige Hilfe aufzunehmen." (14) Dieser Vorschlag passte den westlichen
Partnern offenbar nicht in den Kram. Am 26. April erklärte Außenminister Lord
E. Halifax bei einer Sitzung der englischen Regierung: "Für einen dermaßen
umfassenden Vorschlag ist die Zeit noch nicht reif." (15) England und
Frankreich hofften, die Sowjetunion werde ihnen gegenüber einseitige
Verpflichtungen eingehen. Bei einer Kabinettssitzung gab Halifax am 3. Mai
bekannt, dass er folgende Anfrage an Russland richten werde: "Ist Russland
bereit, Polen und Rumänien zu einem für diese Länder annehmbaren Zeitpunkt und
in einer für sie annehmbaren Form Hilfe zu leisten?" (16) Am 6. Mai 1939 informierte der
provisorische sowjetische Geschäftsträger in Berlin, G. A. Astachow, das
Außenministerium [in Moskau] über die Reaktion der deutschen Presse auf die
Ernennung eines neuen sowjetischen Außenministers ; ihm zufolge versuchte die
deutsche Presse "den Eindruck zu erwecken, es stehe ein Kurswechsel unserer
Politik in einem für sie [die Deutschen] günstigen Sinne bevor (Abkehr von der
kollektiven Sicherheit etc.)". (17) Einen Tag zuvor, am 5. Mai, hatte der
Leiter der Osteuropasektion der Abteilung für Wirtschaftspolitik im deutschen
Außenministerium, K. J. Schnurre, den sowjetischen Bevollmächtigten S. F.
Merekalow, der noch am gleichen Tag nach Moskau abreiste, ins Ministerium
eingeladen und ihn darüber in Kenntnis gesetzt, dass die Kontrakte der
ehemaligen [sowjetischen; d. Ü.] Handelsmission in Prag mit den [inzwischen in
deutscher Hand befindlichen, d. Ü.] Skoda-Werken nach Ansicht der deutschen
Regierung "erfüllt werden müssten". "Den Skoda-Werken sind seitens der
militärischen Führung entsprechende Anweisungen erteilt worden", fuhr Schnurre
fort und versicherte: "Es sind fortan keine Hindernisse dafür ersichtlich,
dass die Firma ihre Verpflichtungen erfüllt." (18) Dies war eine klare Geste
seitens der deutschen Seite, denn noch am 17. April hatten die sowjetischen
Vertreter in Berlin gegen die "Einmischung der deutschen militärischen
Führung" in die normale kommerzielle Tätigkeit der Handelsmission protestiert.
(19) W. M. Molotow ließ sich mit seiner
Reaktion auf die deutschen Signale Zeit. Er führte über die diplomatischen
Vertreter Großbritanniens und Frankreichs weiterhin aktive Verhandlungen mit
diesen beiden Staaten. Am 8. Mai empfing der Außenminister den englischen
Botschafter W. Seeds, der ihm die Antwort seiner Regierung auf den Vorschlag
der UdSSR zum Abschluss eines Abkommens über gegenseitige Hilfeleistung
überbrachte. Die Antwort war entmutigend. Die britische Führung schlug der
Sowjetregierung vor, eine Erklärung zu publizieren, in der sie sich
verpflichtete, "für den Fall, dass Großbritannien und Frankreich in Erfüllung
der von ihnen eingegangenen Verpflichtungen in kriegerische Handlungen
verwickelt werden, ihnen sofortige militärische Unterstützung zu gewähren,
falls diese gewünscht wird". (20) Auf diese Weise drückten sich die Engländer
um eine konkrete Antwort auf die Frage nach einem Pakt und regten stattdessen
lediglich die Veröffentlichung einer neuen Erklärung an. Am selben Tag unterrichtete das
sowjetische Außenministerium seinen Botschafter in Frankreich, J. S. Suriz,
über den englischen Vorschlag und bat ihn um eine Stellungnahme zu dieser
Frage. (21) Am 10. Mai charakterisierte Suriz den erwähnten Vorschlag in einem
Telegramm an das Außenministerium wie folgt: "Er zieht uns automatisch in
einen Krieg mit Deutschland hinein." Dies sei darum der Fall, weil England und
Frankreich "ohne Abkommen und Abstimmung mit uns Verpflichtungen [gegenüber
Polen und anderen Staaten] eingegangen sind". (22) Gestützt auf diese und
ähnliche Erwägungen formulierte der Aussenminister seine Position. Am 14. Mai 1939 zitierte W. M. Molotow
den englischen Botschafter W. Seeds zu sich und händigte ihm eine Note aus,
die eine Antwort auf den englischen Vorschlag enthielt. Darin hieß es: "Die
englischen Vorschläge gegenüber der UdSSR beruhen nicht auf dem
Gegenseitigkeitsprinzip und versetzen diese in eine ungleiche Position. Die
Sowjetregierung stellt sich auf den Standpunkt, dass folgendes erforderlich
ist, damit die friedliebenden Länder eine Barriere gegen ein weiteres Ausufern
der Aggression in Europa errichten können: Ein effektiver Pakt über
gegenseitige Hilfeleistung gegen eine Aggression; eine Garantie der drei
Grossmächte für die von einer Aggression bedrohten Staaten Zentral- und
Osteuropas einschliesslich der Baltenstaaten und Finnlands; der Abschluss
eines konkreten Abkommens zwischen England, Frankreich und der UdSSR über die
Formen sowie das Ausmass der Hilfe." (23) Zu den sowjetischen Vorschlägen vom
14. Mai merkte Moskaus Botschafter in London, I. M. Maiski, in seinem Tagebuch
an, diese versetzten "die britische Regierung in eine äußerst schwierige Lage.
Unsere Vorschläge sind klar, einfach, vernünftig und vermögen an das
Bewusstsein des einfachen Menschen zu appellieren". (24) Andererseits, fuhr
der Botschafter fort, "machen die Garantien, welche Grossbritannien gegenüber
Polen, Rumänien und Griechenland abgegeben hat, eine Übereinkunft mit der
Sowjetunion unter allen Umständen unabdingbar, weil Grossbritannien und
Frankreich für Polen oder Rumänien nichts Greifbares tun können. Bis eine
britische Blockade Deutschlands für letzeres zur ernsthaften Bedrohung wird,
werden Polen und Rumänien nicht mehr existieren." (25) Erst am 25. Juli nahmen die englische
– und am Tag danach auch die französische – Regierung den sowjetischen
Vorschlag an, Verhandlungen über den Abschluss einer Militärkonvention zu
beginnen, und bekundeten ihre Bereitschaft, Vertreter nach Moskau zu
entsenden. (26) Der Auftakt zu den Verhandlungen erfolgte am 12. August. Der Ablauf dieser ergebnislos
gebliebenen Verhandlungen ist gut bekannt, so dass wir es uns schenken können,
hier lange darauf einzugehen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen lediglich die
realen Ziele, welche die daran beteiligten Seiten verfolgten. Beispielsweise
sahen die Instruktionen für die nach Moskau entsandte britische Delegation
ausdrücklich vor, "die Verhandlungen äußerst langsam zu führen" (27) und das
Eingehen konkreter Verpflichtungen zu vermeiden: "Die britische Regierung
wünscht keine Verpflichtungen einzugehen, die uns unter irgendwelchen
Umständen die Hände binden könnten. Bezüglich der Frage nach einem
militärischen Abkommen sind deshalb möglichst allgemein gehaltene
Formulierungen anzustreben." (28) Eine grundlegend andere Position nahm
die Sowjetführung ein. Das Oberhaupt der französischen Delegation, General J.
Doumenc, der das französische Kriegsministerium über den Gang der
Verhandlungen auf dem laufenden hielt, konstatierte am 17. August 1939 in
einem Telegramm: "Es unterliegt keinem Zweifel, dass die UdSSR einen
militärischen Pakt abzuschließen wünscht und nicht will, dass wir ihr
irgendein Dokument vorlegen, das keine konkrete Bedeutung hat." (29) Zum hauptsächliche Stolperstein wurde
die Frage nach dem Durchgangsrecht für sowjetische Truppen durch das
Territorium Polens und Rumäniens. Damals besaß die Sowjetunion nämlich keine
gemeinsame Grenze mit Deutschland. Unter diesen Umständen war nicht
ersichtlich, wie sowjetische Truppen überhaupt militärische Schläge gegen die
deutschen Armee führen konnten. Aus diesem Grund stellte [der sowjetische
Verteidigungsminister] K. E. Woroschilow bei einer Sitzung der militärischen
Delegationen am 14. August folgende konkrete Frage: "Im großen ganzen ist
alles verständlich, aber die Position der bewaffneten Streitkräfte der
Sowjetunion ist nicht ganz klar. Man begreift nicht so recht, auf welchem
Territorium sie sich aufhalten und wie sie physisch am allgemeinen Kampf
teilnehmen sollen." (30) Damit sich die Rote Armee schon in den ersten
Kriegstagen an den Kampfhandlungen beteiligen konnte, mussten die sowjetischen
Truppen polnisches Gebiet durchqueren. Dabei sollten die von ihnen betretenen
Zonen strikt begrenzt sein: Die Gegend um Wilnius (der sogenannte "Korridor
von Wilnius") sowie Galizien. (31) In einem Telegramm an das Kriegsministerium
in Paris unterstrich der Leiter der französischen Delegation, General J.
Doumenc, am 15. August 1939: "Ich weise darauf hin, dass folgende Tatsache
sehr wichtig ist, um die polnischen Befürchtungen zu zerstreuen: Die Russen
begrenzen die Zonen, wo der Vorstoß [der sowjetischen Truppen] stattfinden
soll, äußerst strikt, wobei sie sich ausschließlich an strategischen
Gesichtspunkten orientieren." (32) Die Polen wollten davon freilich
nichts hören. Am Abend des 19. August erklärte Marschall Rydz-Smigly: "Ohne
Rücksicht auf die Folgen wird den russischen Truppen nicht erlaubt werden,
auch nur einen Zoll polnischen Territoriums zu besetzen." (33) Und der
polnische Aussenminister J.Beck teilte dem französischen Botschafter in
Waschau L. Noël mit: "Wir werden nicht zulassen, dass über die Nutzung eines
Teils unseres Territoriums durch fremde Truppen in irgendeiner Form auch nur
diskutiert wird." (34) In einem auf den Dezember 1938
datierten Bericht der (mit Aufklärungsaktivitäten betrauten) zweiten Abteilung
des Generalstabs der polnischen Armee wurde festgehalten: "Der polnischen
Politik im Osten liegt die Zerstückelung Russlands zugrunde… Deswegen wird
unsere mögliche Position auf folgende Formel hinauslaufen: Wer wird sich an
der Aufteilung beteiligen? Polen darf sich in diesem denkwürdigen historischen
Augenblick nicht passiv verhalten. Unsere Aufgabe ist es, uns physisch und
geistig beizeiten gut vorzubereiten… Das Hauptziel besteht in der Schwächung
und Zerschlagung Russlands." (35) Bei ihren militärischen Verhandlungen
mit Großbritannien und Frankreich konnte sich die Sowjetführung ein weiteres
Mal davon überzeugen, wie recht ein litauischer Diplomat, auf den sich G. A.
Astachow in seinem Tagebuch berief, mit folgendem Ausspruch gehabt hatte: "Im
Kriegsfall wird die UdSSR den Hauptteil der Opfer zu erbringen haben, während
England und Frankreich sich eingraben und sich mit Schusswechseln und dem
Abfeuern von Raketen begnügen werden. Entscheidende Aktionen werden an der
Westfront nicht erfolgen." (36) Da die UdSSR von den Engländern und
Franzosen nichts Greifbares bekommen hatte, schloss sie einen
Nichtangriffspakt mit Deutschland ab. Jetzt brauchen wir Ihre Hilfe, damit
wir weiter aufklären können! Was den moralischen Aspekt betrifft,
sei darauf hingewiesen, dass die Vertreter der westlichen Demokratie kein
Recht haben, den Vertrag der UdSSR mit Deutschland zu verurteilen. Mit Fug und
Recht bemerkte der US-Journalist W. Shirer: "Wenn Chamberlain ehrlich und edel
verfuhr, indem er Hitler 1938 entgegenkam und ihm 1938 die Tschechoslowakei
[richtig: Das Sudetenland: d. Ü.] abtrat, warum soll sich Stalin dann
unehrlich und niederträchtig benommen haben, als er Hitler ein Jahr später
entgegenkam und ihm Polen überliess, das ohnehin jede sowjetische Hilfe
ablehnte?" (37) Dasselbe lässt sich über jene sagen,
welche die Ereignisse vom Standpunkt der sogenannten Leninschen Normen der
Außenpolitik beurteilen, von denen die Sowjetunion mit der Unterzeichnung des
Abkommens mit Deutschland angeblich abgewichen ist. Die Sowjetunion schloss
einen Nichtangriffspakt mit Deutschland, und als Ergebnis bekriegten sich
Deutschland, England und Frankreich gegenseitig, statt eine Allianz gegen die
UdSSR zu schmieden. Letztere erhielt so die Möglichkeit, nach den anderen
Mächten in den Krieg einzutreten, wobei ihr eine gewisse Freiheit der Wahl
blieb, auf welcher Seite sie kämpfen wollte. Die Sowjetführung hatte die
Entwicklung zu Beginn des Zweiten Weltkriegs analysiert und war zu jenem
Schluss gelangt, den J. W. Stalin am 7. September 1939 anlässlich einer
Unterredung mit Komintern-Führern wie folgt formulierte: "Der Krieg verläuft
zwischen zwei Gruppen kapitalistischer Staaten ... um die Umgestaltung der
Welt, um die Herrschaft über die Welt! Wir sind nicht dagegen, dass sie
einander ordentlich an die Gurgel fahren und sich gegenseitig schwächen… Wir
können manövrieren, eine Seite gegen die andere anstacheln, damit sie
möglichst gründlich zerfleischen." (38) Es gilt ferner der Tatsache Rechnung
zu tragen, dass die sowjetischen Truppen im Sommer 1939 am Fluss Chalchin-Gol
schwere Kämpfe mit den Japanern ausfochten. Da Japan durch den
Antikominternpakt mit Deutschland verbunden war, wurde der Abschluss des
sowjetisch-deutschen Vertrages in Tokio als Verrat aufgefasst. Aus diesem
Anlass meldete der temporäre Bevollmächtigte der UdSSR in Japan, N. I.
Generalow, am 24. August in einem Telegramm: "Die Nachricht vom Abschluss des
Nichtangriffspaktes zwischen der UdSSR und Deutschland hat hier einen
niederschmetternden Eindruck hinterlassen und insbesondere die Armee sowie die
faschistischen Kreise zutiefst verstört." (39) Die Beziehungen zwischen dem Dritten
Reich und seinem fernöstlichen Verbündeten wurden hierdurch einer Zerreißprobe
ausgesetzt. Infolgedessen entschieden sich die herrschenden Kreise Japans für
die "südliche Variante", die einen Krieg mit England und den USA vorsah.
Bekanntlich ist Japan nach dem deutschen Angriff auf die UdSSR nicht in den
Krieg gegen die Sowjetunion eingetreten. Somit konnte die UdSSR durch den am
19. August 1939 erfolgten Abschluss des sowjetisch-deutschen
Wirtschaftsabkommens sowie durch die Unterzeichnung des sogenannten
Molotow-Ribbentrop-Paktes vom 23. August den Krieg für einige Zeit von ihren
Grenzen fernhalten. Anmerkungen: 1)
http://www.inosmi.ru/translation/239456.html 2) Ebenda. 3) Ebenda. 4) M. I. Meltjuchow,
"Sowjetsko-polskie wojny" [Die sowjetisch-polnischen Kriege], Moskau 2004, S.
285. 5) Im Jahre 1924 waren 95% der 384.000
Bewohner Danzigs und der angrenzenden Gegenden Deutsche. "Grosse Sowjetische
Enzyklopädie", 1. Auflage, Band 20, Moskau 1930, S. 414. 6) Ebenda. 7) Siehe Anmerkung 4, S. 285. 8) Ebenda, S. 294. 9) "God krisisa" [Das Jahr der Krise],
Zwei Bände, Moskau 1990, Band 2. S. 392. 10) Ebenda, Band 1, S. 351. 11) Zitiert nach J. F. Fuller,
"Wtoraja mirowaja wojna" [Der Zweite Weltkrieg], Moskau 1956, S. 37. 12) W. Churchill, "Wtoraja mirowaja
wojna" [Der Zweite Weltkrieg], Drei Bücher, Buch 1, S. 173. 13) Siehe Anmerkung 9, Band 1, S. 6. 14) Ebenda, S. 386, 387. 15) Ebenda, Band 2, S. 391. 16) Ebenda. 17) "Dokumente der Aussenpolitik der
UdSSR: 1939. Band XXII". In zwei Büchern, Moskau 1992, Buch 1, S. 339. 18) Ebenda, S. 338. 19) Siehe Anmerkung 9, Band 1, S. 389. 20) Ebenda, S. 438, 439. 21) Siehe Anmerkung 17, Buch 1, S.
342. 22) Ebenda, S. 355. 23) Ebenda, S. 363. 24) "Otscherki istorii Ministerstwa
inostrannych del Rossi: 1802-2002" [Abrisse einer Geschichte des russischen
Aussenministeriums: 1802-2002], drei Bände, Moskau 2002, Band 2, S. 245. 25) Archiv der Aussenpolitik der
Russischen Föderation, F. 017a, Op. 1, P. 1, D. 6, L. 130. 26) Siehe Anmerkung 9, Band 2, S. 403. 27) "Dokumente und Materialien zum
Vorabend des Zweiten Weltkriegs. 1937-1939", zwei Bände, Moskau 1981, S. 168. 28) Siehe Anmerkung 9, Band 2, S. 192,
193. 29) Ebenda, S. 267. 30) Ebenda, S. 212. 31) Ebenda, S. 216. 32) Ebenda, S. 228, 229. 33) L. Mosley "Utratschennoje Wremja"
[Verlorene Zeit], Moskau 1972, S. 301. 34) Siehe Anmerkung 9, S. 279. 35) Z dziejów stosunków
polsko-radzieckich [Aus der Geschichte der polnisch-sowjetischen Beziehungen],
Band 3, Warschau 1968, S. 262, 287. 36) Siehe Anmerkung 17, Buch 1, S.
588. 37) Siehe Anmerkung 12, Band 2, S.
212. 38) "1941 god" [Das Jahr 1941], zwei
Bücher, Moskau 1998, Buch 2, S. 584. 39) Siehe Anmerkung 9, Band 2, S. 322.
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