Die Röhm-Revolte

 

Die Vernichtung der Röhm-Revolte vom 30. Juni innerhalb 24 Stunden bewies die Festigkeit des von Adolf Hitler geführten Staates.  Die dramatische Entwicklung spiegelt sich in den amtlichen Mitteilungen jener Tage.  Die Reichspressestelle der NSDAP meldete am 30. Juni:

  Ernst TÈhm

Seit vielen Monaten wurde von einzelnen Elementen versucht, zwischen SA und Partei sowohl wie zwischen SA und Staat Keile zu treiben und Gegensätze zu erzeugen.  Der Verdacht, dass diese Versuche einer beschränkten, bestimmt eingestellten Clique zuzuschreiben sind, wurde mehr und mehr bestätigt.  Stabschef Röhm, der vom Führer mit seltenem Vertrauen ausgestattet worden war, trat diesen Erscheinungen nicht nur nicht entgegen, sondern förderte sie unzweifelhaft.  Seine bekannte, unglückliche Veranlagung führte allmählich zu so unerträglichen Belastungen, dass der Führer der Bewegung und Oberste Führer der SA selbst in schwerste Gewissenskonflikte getrieben wurde.  Stabschef Röhm trat ohne Wissen des Führers mit General Schleicher in Beziehungen.  Er bediente sich dabei neben einem anderen SA-Führer einer von Adolf Hitler schärfstens abgelehnten, in Berlin bekannten obskuren Persönlichkeit.  Da diese Verhandlungen endlich – natürlich ebenfalls ohne Wissen des Führers – zu einer auswärtigen Macht bzw. deren Vertretung sich hinerstreckten, war sowohl vom Standpunkt der Partei wie auch vom Standpunkt des Staates ein Einschreiten nicht mehr zu umgehen.

Planmäßig provozierte Zwischenfälle führten dazu, dass der Führer heute nacht um 2 Uhr nach der Besichtigung von Arbeitslagern in Westfalen von Bonn aus im Flugzeug nach München flog, um die sofortige Absetzung und Verhaftung der am schwersten belasteten Führer anzuordnen.  Der Führer begab sich mit wenigen Begleitern persönlich nach Wiessee, um dort jeden Versuch eines Widerstandes im Keime zu ersticken....

 

Hermann Göring

Der Führer gab den Befehl zur rücksichtslosen Ausrottung dieser Pestbeule.  Er will in Zukunft nicht mehr dulden, dass Millionen anständiger Menschen durch einzelne krankhaft veranlagte Wesen belastet und kompromittiert werden.  Der Führer gab dem Preußischen Ministerpräsidenten Göring den Befehl, in Berlin eine ähnliche Aktion durchzuführen und dort insbesondere die reaktionären Verbündeten dieses politischen Komplotts auszuheben.

Mittags 12 Uhr hielt der Führer vor den in München zusammengekommenen höheren SA-Führern eine Ansprache, in der er seine unerschütterliche Verbundenheit mit der SA betonte, zugleich jedoch den Entschluß verkündete, disziplinlose und ungehorsame Subjekte sowie asoziale oder krankhafte Elemente von jetzt ab unbarmherzig auszurotten und zu vernichten.  Er wies darauf hin, dass der Dienst in der SA Ehrendienst sei, für den zehntausende brave SA-Männer die schwersten Opfer gebracht hätten.  Er erwarte von dem Führer jeder SA-Einheit, dass er sich dieser Opfer selber würdig erweise und in seinem Verbande als Vorbild lebe.

Er wies weiter darauf hin, dass er jahrelang Stabschef Röhm vor schwersten Angriffen gedeckt habe, dass aber die letzte Entwicklung ihn zwinge, über jedes persönliche Empfinden das Wohl der Bewegung und damit das des Staates zu stellen, dass er vor allem jeden Versuch, in lächerlichen Zirkeln ehrgeiziger Naturen eine neue Umwälzung zu propagieren, im Keime ersticken und ausrotten werde.

 

Die „Nationalsozialistische Parteikorrespondenz“ (NSK) brachte am gleichen Tage den Bericht eines Augenzeugen, in dem es heißt:

 

Sobald dem Führer durch die Ereignisse und die Nachrichten der letzten Tage über das gegen ihn und die Bewegung geschmiedete Komplott Gewissheit geworden war, fasste er den Entschluß zu handeln und mit aller Schärfe durchzugreifen.  Während er in Essen weilte und in den westdeutschen Gauen die Arbeitsdienstlager besichtigte, um nach außen den Eindruck absoluter Ruhe zu erwecken und die Verräter nicht zu warnen, wurde der Plan, eine gründliche Säuberung vorzunehmen, in allen Einzelheiten festgelegt.  Der Führer persönlich leitete die Aktion und zögerte keinen Augenblick, selbst den Meuterern gegenüberzutreten und sie zur Rechenschaft zu ziehen....

Trotzdem der Führer einige Tage lang fast ohne Nachtruhe gewesen war, befahl er heute um 2 Uhr nachts in Godesberg den Start vom Flugplatz Hangelar bei Bonn nach München.  Über dem milchigen Bodennebel ging im Osten die Sonne auf, als die Maschine ihre Bahn nach Süden zog.  Von unerhörter Entschlossenheit war die Haltung des Führers bei diesem nächtlichen Flug ins Ungewisse.  Als der Führer mit seinen Begleitern gegen 4 Uhr morgens auf dem Münchener Flugplatz landete, erhielt er die Nachricht, dass die Münchener SA während der Nacht von ihrer Obersten Führung alarmiert worden war unter der gemeinen und lügenhaften Parole: „Der Führer ist gegen uns, die Reichswehr ist gegen uns, SA, heraus auf die Straße.“

 

                                                                                                                                           August Schneidhuber

 

Der Bayerische Innenminister Wagner hatte inzwischen aus eigenem Entschluß Obergruppenführer Schneidhuber und Gruppenführer Schmidt die SA-Formationen entzogen und diese wieder nach Hause geschickt.  Während der Führer vom Flugplatz in das Innenministerium fuhr, waren nur noch die letzten Reste der schmählich getäuschten und wieder abziehenden SA-Formationen zu sehen.

Im bayerischen Innenministerium wurden Schneidhuber und Schmidt in Gegenwart des Führers verhaftet.  Der Führer, der ihnen allein entgegentrat, riß ihnen selbst die Rangabzeichen von der SA-Uniform.

Mit wenigen Begleitern fuhr der Führer dann unverzüglich um ½ 6Uhr nach Bad Wiessee, wo sich Röhm aufhielt.

In dem Landhaus, das Röhm bewohnte, verbrachte auch Heines die Nacht.  Der Führer betrat mit seinen Begleitern das Haus, Röhm wurde in seinem Schlafzimmer vom Führer persönlich verhaftet.  Röhm fügte sich wortlos ohne Widerstand der Haft....

Mit Röhm wurde auch der größte Teil seines Stabes verhaftet....

Nach dem Abtransport der Verhafteten fuhr der Führer die Straße Wiessee-München zurück, um eine Reihe weiterer schwer belasteter SA-Führer, die unterwegs zu der befohlenen Führerbesprechung waren, auf der Straße zu verhaften.  Die Wagen wurden während der Fahrt angehalten und ihre Insassen, soweit sie als schuldig festgestellt wurden, von der Begleitung des Führers nach München überführt.  Eine Reihe anderer an der Meuterei beteiligter SA-Führer wurde auf dem Hauptbahnhof in München aus den Zügen heraus in Haft genommen.

Nach München zurückgekehrt, begab sich der Führer zwecks kurzer Unterrichtung zum Reichsstatthalter Ritter von Epp und dann in das Innenministerium, von wo aus die weitere Aktion abgewickelt wurde.  Dann sprach der Führer zu den versammelten SA-Führern im Braunen Haus.

Die Vermutung wurde hier zur Gewissheit, dass nur ein ganz verschwindend kleiner SA-Führerklüngel hinter diesen hochverräterischen Plänen stand, die Masse der SA-Führer und die gesamte SA aber wie ein Mann, wie ein geschlossener Block in Treue zu ihrem Führer steht.

  

Am gleichen Tage verfügte der Führer:

 

„Ich habe mit dem heutigen Tage den Stabschef Röhm seiner Stellung enthoben und aus Partei und SA ausgestoßen.  Ich ernenne zum Chef des Stabes Obergruppenführer Lutze.

SA-Führer und SA-Männer, die seinen Befehlen nicht nachkommen oder zuwiderhandeln, werden aus SA und Partei entfernt bzw. verhaftet und abgeurteilt.  gez. Adolf Hitler,  Oberster Partei- und SA-Führer.“

 

 

Der neue Chef des Stabes der SA, Pg. Viktor Lutze, SA-Obergruppenführer und Oberpräsident in Hannover, ein alter nationalsozialistischer Kämpfer, erließ noch am selben Tage einen Aufruf an die SA:

 

SA-Kameraden!  Führer und Männer!

Der Führer hat mich an seine Seite als Chef des Stabes berufen.  Das mir dadurch bewiesene Vertrauen muß und werde ich rechtfertigen durch unverbrüchliche Treue zum Führer und restlosen Einsatz für den Nationalsozialismus und dadurch für unser Volk.

Als ich vor etwa 12 Jahren zum erstenmal Führer einer kleinen SA war, habe ich drei Tugenden an die Spitze meines Handelns gestellt und sie von der SA gefordert.  Diese drei Tugenden haben die SA groß gemacht, und heute, wo ich in schicksalsschwerer Stunde meinem Führer an hervorragender Stelle dienen darf, sollen sie erst recht Richtschnur für die ganze SA sein: Unbedingte Treue!  Schärfste Disziplin!  Hingebender Opfermut!  So wollen wir, die wir Nationalsozialisten sind, gemeinsam marschieren.  Ich bin überzeugt, dann kann es nur ein Marsch zur Freiheit werden.

Es lebe der Führer!  Es lebe unser Volk!

 

 

Der weitere dramatische Ablauf des 30. Juni erhellt aus folgenden Meldungen (NSK):

 

Im Zusammenhang mit dem aufgedeckten Komplott wurden nachstehende SA-Führer erschossen:

Obergruppenführer August Schneidhuber, München,

Obergruppenführer Edmund Heines, Schlesien,

Gruppenführer Karl Ernst, Berlin,

Gruppenführer Wilhelm Schmid, München,

Gruppenführer Hans Hayn, Sachsen,

Gruppenführer Hans Peter von Heydebreck, Pommern,

Standartenführer Hans Erwin Graf Spreti, München.

 

 

Völkischer Beobachter:

 

In den letzten Wochen wurde festgestellt, dass der frühere Reichswehrminister General a. D. von Schleicher mit den staatsfeindlichen Kreisen der SA-Führung und mit auswärtigen Mächten staatsgefährdende Verbindungen unerhalten hat.  Damit war bewiesen, dass er sich in Worten und Wirken gegen diesen Staat und seine Führung betätigt hatte.  Diese Tatsache machte seine Verhaftung im Zusammenhang mit der gesamten Säuberungsaktion notwendig.  Bei der Verhaftung durch Kriminalbeamte widersetzte sich General a. D. Schleicher mit der Waffe.  Durch den dabei erfolgten Schusswechsel wurden er und seine dazwischentretende Frau tödlich verletzt.

 

- und einen Tag später:

 

Dem ehemaligen Stabschef Röhm ist Gelegenheit gegeben worden, die Konsequenzen aus seinem verräterischen Handeln zu ziehen.  Er tat das nicht und wurde daraufhin erschossen.

  

Reichspräsident Paul von Himdenburg

Die Revolte war niedergeschlagen.  Entschlossenes und blitzartiges Zupacken im ganzen Reiche hatte schweres Unheil verhütet.

Der Reichspräsident von Hindenburg telegraphierte von Neudeck aus den Führer:

 

„Aus den mir erstatteten Berichten ersehe ich, dass durch Ihr entschlossenes Zugreifen und das tapfere Einsetzen Ihrer Person alle hochverräterischen Umtriebe im Keim erstickt worden sind.  Sie haben das deutsche Volk von einer schweren Gefahr gerettet.  Ich spreche Ihnen meinen tiefempfundenen Dank und meine Anerkennung aus.  Mit herzlichen Grüßen von Hindenburg, Reichspräsident.“

  

- und an Ministerpräsident Pg. Göring:

 

„Für Ihr energisches und erfolgreiches Vorgehen bei der Niederschlagung des Hochverrats- versuches spreche ich Ihnen meinen Dank und meine Anerkennung aus.  Mit kameradschaftlichen Grüßen von Hindenburg, Reichspräsident.“

  

Das Reichskabinett dankte dem Führer in einer Sitzung am 3. Juli für sein entschlossenes Eingreifen, gelobte ihm unverbrüchliche Treue – und beschloß am gleichen Tage das „Gesetz über die Maßnahmen der Staatsnotwehr“, das lautet:

 

„Die zur Niederschlagung hoch- und landesverräterischer Angriffe am 30. Juni und 1. und

2. Juli 1934 vollzogenen Maßnahmen sind als Staatsnotwehr Rechtens.“

 

Am gleichen Tage (3. Juli) erließ der Führer folgende Anordnung:

 

„Die Maßnahmen zur Niederschlagung der Röhm-Revolte sind am 1. Juli 1934 nachts abgeschlossen worden.  Wer sich auf eigene Faust – gleich aus welcher Absicht – in Verfolg dieser Aktion eine Gewalttat zuschulden kommen lässt, wird der normalen Justiz zur Verurteilung übergeben.“

 

                                                                                                                                                                             Dr. Wilhelm Frick

Reichsinnenminister Dr. Frick dankte am 7. Juli mit einem Erlaß der Polizei:

 „Bei der Niederschlagung der Revolte meuternder SA-Führer hat die Polizei im Reich in allen ihren Sparten die von ihr erwarteten Aufgaben pflichtgemäß erfüllt.  Sie hat damit zum erstenmal in aller Öffentlichkeit bewiesen, dass sie in Verbundenheit zum Volk die Befehle des Führers oder der von ihm Beauftragten rückhaltlos im nationalsozialistischen Sinne zu erfüllen bereit und in der Lage ist.  Ich spreche der Polizei im Reich hierfür meine volle Anerkennung aus.“

  

Am selben Tage sprach auch Ministerpräsident Pg. Göring seinen Dank aus:

„Die Preußische Landespolizei hat in ernsten, schweren Stunden vom höchsten Vorgesetzten bis zum jüngsten Wachtmeister in unbeirrbarer Pflichtauffassung und in alter soldatischer Disziplin ihren Dienst versehen.

Sie hat wesentlich dazu beigetragen, in kameradschaftlichem Zusammenwirken mit SS, Geheimer Staatspolizei und Feldjägerkorps die geplante Revolte im Keime zu ersticken und damit ihre unverbrüchliche Treue zu unserem Führer und zum Staat bewiesen.

Ich bin stolz auf meine Landespolizei und spreche ihr meinen Dank und meine Anerkennung aus.“

 

 

 

Und am 20. Juli erkannte der Führer Verdienst und Treue der SS und ihres Reichsführers Himmler durch folgende Verfügung an:

 

„Im Hinblick auf die großen Verdienste der SS, besonders im Zusammenhang mit den Ereignissen des 30. Juni 1934, erhebe ich dieselbe zu einer selbständigen Organisation im Rahmen der NSDAP.

Der Reichsführer der SS untersteht daher gleich dem Chef des Stabes dem Obersten SA-Führer direkt.  Der Chef des Stabes und der Reichsführer der SS bekleiden beide den parteimäßigen Rang eines Reichsleiters.“-

 

 Der verbrecherische Angriff auf den nationalsozialistischen Staat war an der Größe des Führers, der Geschlossenheit seiner Bewegung, der Festigkeit seines Staates, der Treue seines Volkes gescheitert.  Mit wuchtigen Schlägen war der Angriff im Keim erstickt worden.

Damit das ganze deutsche Volk Klarheit über die Vorgänge bekam, sprach der Führer am

13. Juli vor dem Deutschen Reichstag über Vorgeschichte, Entstehung und Überwindung der Revolte.  In dieser ergreifenden Rede, die das ungeheuerliche Geschehen und seine Hintergründe in erschütternder Klarheit aufzeichnete, sagte Adolf Hitler:

 „.... Das erst vereinzelte Geschwätz von einer neuen Revolution, von einer neuen Umwälzung, von einem neuen Aufstand wurde allmählich so intensiv, dass nur eine leichtsinnige Staatsführung darüber hätte hinwegsehen können.  Man konnte nicht mehr alles das einfach als dummes Gerede abtun, was in Hunderten und endlich Tausenden von Berichten mündlich und schriftlich darüber einging.  Noch vor drei Monaten war die Parteiführung überzeugt, dass es sich einfach um das leichtsinnige Geschwätz politischer Reaktionäre, marxistischer Anarchisten oder aller möglichen Müßiggänger handeln würde, dem jede tatsächliche Unterlage fehlte.

Mitte März habe ich veranlasst, Vorbereitungen zu treffen für eine neue Propagandawelle.  Sie sollte das deutsche Volk gegen den Versuch einer neuen Vergiftung immunisieren.  Gleichzeitig damit aber gab ich auch an einzelne der Parteidienststellen den Befehl, den immer wieder auftauchenden Gerüchten einer neuen Revolution nachzugehen und wenn möglich, die Quellen dieser Gerüchte aufzufinden.

Es ergab sich, dass in den Reihen einiger höherer SA-Führer Tendenzen auftraten, die zu ernstesten Bedenken Anlaß geben mussten.

Es waren zunächst allgemeine Erscheinungen, deren innere Zusammenhänge nicht ohne weiteres klar waren.

1. Entgegen meinem ausdrücklichen Befehl und entgegen mir gegebenen Erklärungen durch den früheren Stabschef Röhm war eine Auffüllung der SA in einem Umfange eingetreten, die die innere Homogenität dieser einzigartigen Organisation gefährden musste.

2. Die nationalsozialistische weltanschauliche Erziehung trat in den erwähnten Bereichen einzelner höherer SA-Dienststellen mehr und mehr zurück.

3.Das naturgegebene Verhältnis zwischen Partei und SA begann sich langsam zu lockern.  Mit einer gewissen Planmäßigkeit konnten Bestrebungen festgestellt werden, die SA von der ihr von mir gestellten Mission mehr und mehr zu entfernen, um sie anderen Aufgaben oder Interessen dienstbar zu machen.

4. Die Beförderung zu SA-Führern ließ bei Nachprüfung eine vollständige einseitige Bewertung eines rein äußeren Könnens oder oft auch nur einer vermeintlichen intellektuellen Befähigung erkennen.  Die große Zahl ältester und treuester SA-Männer trat immer mehr bei Führerernennungen und Stellenbesetzung zurück, während der in der Bewegung nicht sonderlich hochbegabte Jahrgang 1933 eine unverständliche Bevorzugung erfuhr.  Eine manches Mal nur wenige Monate dauernde Zugehörigkeit zur Partei, ja, nur zur SA genügte zur Beförderung in eine höhere SA-Dienststelle, die der alte SA-Führer nicht nach Jahren erreichen konnte.

5. Das Auftreten dieser zum großen Teil mit der Bewegung überhaupt nicht verwachsenen einzelnen SA-Führer war ebenso unnationalsozialistisch wie manches Mal geradezu abstoßend.  Es konnte aber nicht übersehen werden, dass gerade in diesen Kreisen eine Quelle der Beunruhigung der Bewegung auch dadurch gefunden wurde, als ihr mangelnder praktischer Nationalsozialismus sich in sehr unangebrachten neuen Revolutionsforderungen zu verschleiern versuchte.

 

Ich habe auf diese und eine Reihe weiterer Missstände den Stabschef Röhm hingewiesen, ohne dass irgendeine fühlbare Abhilfe, ja auch nur ein erkennbares Eingehen auf meine Ausstellungen eingetreten wäre.  Im Monat April und Mai nahmen diese Klagen ununter- brochen zu.  Zum ersten Male erhielt ich in dieser Zeit aber auch aktenmäßig belegte Mitteilungen über Besprechungen, die von einzelnen höheren SA-Führern abgehalten worden waren und die nicht anders als mit „grober Ungehörigkeit“ bezeichnet werden mussten.  Zum ersten Male wurde in einigen Fällen unleugbar bewiesen, dass in solchen Besprechungen Hinweise auf die Notwendigkeit einer neuen Revolution gegeben wurden, dass Führer die Aufforderung erhielten, sich für eine solche neue Revolution innerlich und sachlich vorzubereiten.

Stabschef Röhm versuchte, alle diese Vorgänge in ihrer Wirklichkeit abzustreiten, und erklärte sie als versteckte Angriffe gegen die SA.

Die Belegung einzelner dieser Vorfälle durch Angaben Beteiligter führte zur schwersten Misshandlung dieser Zeugen, die meist aus den Reihen der alten SA stammten.

 

Schon Ende April war sich die Führung der Partei sowie eine Anzahl davon berührter staatlicher Einrichtungen im klaren darüber, dass eine bestimmte Gruppe höherer SA-Führer bewusst zur Entfremdung der SA von der Partei sowie den anderen staatlichen Institutionen beitrug oder diese zumindest nicht verhinderte.  Der Versuch, auf dem normalen Dienstwege Abhilfe zu schaffen, blieb immer wieder erfolglos.  Stabschef Röhm sicherte mir persönlich immer wieder Untersuchung der Fälle und Entfernung der Schuldigen bzw. deren Maßregelung zu.  Eine sichtbare Wandlung trat nicht ein.

 

Im Monat Mai liegen bei einigen Partei- und Staatsstellen zahlreiche Anklagen über Verstöße höherer und mittlerer SA-Führer ein, die, aktenmäßig belegt, nicht abgestritten werden konnten. 

Von verhetzenden Reden bis zu unerträglichen Ausschreitungen führte hier eine gerade Linie.

Ministerpräsident Göring hatte schon vorher für Preußen sich bemüht, die Autorität der nationalsozialistischen Staatsführung über den Eigenwillen einzelner Elemente zu setzen.  In anderen Ländern waren bisweilen Parteidienststellen und Behörden gezwungen, gegen einzelne unerträgliche Ausschreitungen Stellung zu nehmen.  Einige Verantwortliche wurden verhaftet.  Ich habe früher stets betont, dass ein autoritäres Regiment besonders hohe Verpflichtungen besitzt.  Wenn vom Volke gefordert wird, dass es einer Führung blind vertraut, muß diese Führung dieses Vertrauen aber auch durch Leistung und durch besonders gute Aufführung sich verdienen.  Fehler und Irrtümer mögen im einzelnen unterlaufen, sie sind auszumerzen.  Schlechte Aufführung, Trunkenheitsexzesse, Belästigung friedlicher anständiger Menschen aber sind eines Führers unwürdig, nicht nationalsozialistisch und im höchsten Maße verabscheuungswürdig.

 

Ich habe daher auch stets gefordert, dass an das Benehmen und die Aufführung nationalsozialistischer Führer höhere Anforderungen gestellt werden als bei übrigen Volksgenossen.

Wer selbst eine höhere Achtung wünscht, muß dieser Forderung durch eine höhere Leistung entsprechen.

Das Primitivste, was von ihm gefordert werden kann, ist, dass er in seinem Leben der Mitwelt gegenüber kein schmähliches Beispiel gibt. 

Ich wünsche daher auch nicht, dass Nationalsozialisten wegen solcher Delikte milder beurteilt und bestraft werden als sonstige Volksgenossen, sondern ich erwarte, dass ein Führer, der sich so vergisst, strenger bestraft wird als im gleichen Fall ein unbekannter Mann. Und ich möchte hier keinen Unterschied wissen zwischen Führern der politischen Organisationen und Führern der Formationen unserer SA, SS, Hitler-Jugend usw.

 

Die Entschlossenheit der nationalsozialistischen Staatsführung, solchen Exzessen einzelner unwürdiger Elemente, die Partei und SA nur mit Schande beladen, ein Ende zu bereiten, führte zu heftigen Gegenwirkungen von seiten des Stabschefs.  Erste nationalsozialistische Kämpfer, die zum Teil fast 15 Jahre lang für den Sieg der Bewegung gerungen

 hatten und nun als hohe Staatsbeamte an führenden Stellen unseres Staates die Bewegung repräsentierten, wurden wegen ihres Vorgehens gegen solche unwürdigen Elemente zur Verantwortung gezogen, d. h. Stabschef Röhm versuchte, diese ältesten Streiter der Partei durch Ehrengericht – die sich zum Teil aus jüngsten Parteigenossen oder sogar aus Nichtpartei- genossen zusammensetzten – maßregeln zu lassen.  Diese Auseinandersetzungen führten zu sehr ernsten Aussprachen zwischen dem Stabschef und mir, in denen mir zum erstenmal Zweifel in die Loyalität dieses Mannes aufstiegen.  Nachdem ich viele Monate lang jeden solchen Gedanken von mir aus zurückgewiesen hatte, nachdem ich vorher jahrelang mit meiner Person diesen Mann in unerschütterlicher treuer Kameradschaft gedeckt hatte, begannen mir nun allmählich Warnungen – vor allem auch meines Stellvertreters in der Parteiführung, Rudolf Heß – Bedenken einzuflößen, die ich selbst beim besten Wollen nicht mehr zu entkräften vermochte.

 

Es konnte vom Monat Mai ab keine Zweifel mehr geben, dass Stabschef Röhm sich mit ehrgeizigen Plänen beschäftigte, die im Falle ihrer Verwirklichung nur zu schwersten Erschütterungen führen konnten.

Wenn ich in diesen Monat immer wieder zögerte, eine letzte Entscheidung zu treffen, geschah es aus zwei Gründen:

1. Ich konnte nicht so ohne weiteres mich mit dem Gedanken abfinden, dass nun ein Verhältnis, das ich auf Treue aufgebaut glaubte, nur Lüge sein sollte.

2. Ich hatte noch immer die stille Hoffnung, der Bewegung und meiner SA die Schande einer solchen Auseinandersetzung zu ersparen und die Schäden ohne schwerste Kämpfe zu beseitigen.

Allerdings brachte das Ende des Monats Mai immer bedenklichere Tatsachen an das Tageslicht.

 

Stabschef Röhm begann sich nicht nur innerlich, sondern auch mit seinem gesamten äußeren Leben von der Partei zu entfernen.  Alle die Grundsätze, durch die wir groß geworden waren, verloren ihre Geltung.

Das Leben, das der Stabschef und mit ihm ein bestimmter Kreis zu führen begann, war für jede nationalsozialistische Auffassung unerträglich.  Es war nicht nur furchtbar, dass er selbst und sein ihm zugetaner Kreis alle Gesetze von Anstand und einfacher Haltung brachen, sondern schlimmer noch, dass dieses Gift sich nunmehr in immer größeren Kreisen auszubreiten begann.  Das Schlimmste aber war, dass sich allmählich aus einer bestimmten gemeinsamen Veranlagung heraus in der SA eine Sekte zu bilden begann, die den Kern einer Verschwörung nicht nur gegen die normalen Auffassungen eines gesunden Volkes, sondern auch gegen die staatliche Sicherheit abgab.  Die im Monat Mai vorgenommenen Durch-prüfungen der Beförderungen in einigen bestimmten SA-Gebieten führten zur schrecklichen Erkenntnis, dass Menschen ohne Rücksicht auf nationalsozialistische und SA-Verdienste in SA-Stellungen befördert worden waren, nur weil sie zum Kreise dieser besonders Veranlagten gehörten.  Einzelne, Ihnen wohlbekannte Vorgänge, z. B. der des Standartenführers Schmidt in Breslau, enthüllten ein Bild von Zuständen, die als unerträglich angesehen werden mussten.  Mein Befehl, dagegen einzuschreiten, wurde theoretisch befolgt, tatsächlich aber sabotiert.

 

Allmählich entwickelten sich aus der Führung der SA drei Gruppen:

Eine kleine Gruppen von durch gleiche Veranlagung zusammengehaltenen Elementen, die, zu jeder Handlung fähig, sich blind in der Hand des Stabschefs Röhm befanden.  Es waren dies in erster Linie die SA-Führer Ernst aus Berlin, Heines aus Schlesien, Hayn in Sachsen, Heydebreck in Pommern.

Neben diesen stand eine zweite Gruppe von Führern der SA, die innerlich nicht zu diesem Kreise gehörten, allein aus einfacher soldatischer Auffassung sich dem Stabschef Röhm zum Gehorsam verpflichtet fühlten.

Und diesen gegenüber stand eine dritte Gruppe von Führern, die aus ihrer inneren Abneigung und Ablehnung kein Hehl machten, und daher zum Teil von verantwortlichen Posten entfernt worden waren, zum anderen Teil bewusst beiseite geschoben und in vieler Beziehung außer Betracht gelassen wurden.

An der Spitze dieser infolge ihrer grundsätzlichen Anständigkeit abgelehnten alten SA-Führer stand der heutige Stabschef Lutze sowie der Führer der SS Himmler.

 

Ohne mich jemals davon zu verständigen, und ohne dass ich es zunächst auch nur ahnte, hat Stabschef Röhm durch Vermittlung eines durch und durch korrupten Hochstaplers, eines Herrn von A., die Beziehung zu General Schleicher aufgenommen.  General Schleicher war der Mann, der dem inneren Wunsche des Stabschefs Röhm den äußeren Ausdruck verlieh.  Er war es, der konkret die Auffassung fixierte und vertrat, dass

1. das heutige deutsche Regiment unhaltbar sei, daß

2. vor allem die Wehrmacht und sämtliche nationalen Verbände in einer Hand zusammengefasst werden müssten, dass

3. der dafür allein gegebene Mann nur Stabschef Röhm sein könnte, dass

4. Herr von Papen entfernt werden müsste und er bereit sein würde, die Stelle eines Vizekanzlers einzunehmen.  Daß weiter auch noch andere wesentliche Veränderungen des Reichskabinetts vorgenommen werden müssten.  Wie immer in solchen Fällen begann nunmehr das Suchen nach den Männern für die neue Regierung, immer unter der Annahme, dass ich selbst in meiner Stellung, wenigstens für zunächst, belassen würde.

Die Durchführung dieser Vorschläge des Generals von Schleicher musste schon im Punkte 2 auf meinen nie zu überwindenden Widerstand stoßen.  Es wäre mir weder sachlich noch menschlich jemals möglich gewesen, meine Einwilligung zu einem Wechsel im Reichswehrministerium zu geben und die Neubesetzung durch den Stabschef Röhm vorzunehmen.

Franz von Papen

 

Erstens aus sachlichen Gründen:

Ich habe seit 14 Jahren unentwegt versichert, dass die Kampforganisationen der Partei politische Institutionen sind, die nichts zu tun haben mit dem Heere.  Es wäre sachlich in meinen Augen eine Desavouierung dieser meiner Auffassung und 14jährigen Politik gewesen, an die Spitze des Heeres nun den Führer der SA zu berufen.  Ich habe auch November 1923 an die Spitze der Armee einen Offizier vorgeschlagen und nicht meinen damaligen SA-Führer Hauptmann Göring.

Zweitens wäre es mir menschlich unmöglich gewesen, jemals in diesen Vorschlag des Generals von Schleicher einzuwilligen.  Als diese Absichten mir bewusst wurden, war mein Bild über den inneren Wert des Stabschefs Röhm schon derart, dass ich ihn vor meinem Gewissen und um der Ehre der Nation wegen erst recht niemals hätte mehr für diese Stelle zulassen können.

Vor allem aber: Die Oberste Spitze der Armee ist der Generalfeldmarschall und Reichs-präsident.  Ich habe als Kanzler in seine Hand meinen Eid abgelegt.  Seine Person ist für uns alle unantastbar.  Mein ihm gegebenes Versprechen, die Armee als unpolitisches Instrument des Reiches zu bewahren, ist für mich bindend aus innerster Überzeugung und aus meinem gegebenen Wort.

Es wäre mir aber weiter eine solche Handlung auch menschlich unmöglich gewesen gegenüber dem Wehrminister des Reiches.  Ich und wir alle sind glücklich, in ihm einen Ehrenmann sehen zu können vom Scheitel bis zur Sohle.  Er hat die Armee aus innerstem Herzen versöhnt mit den Revolutionären von einst und verbunden mit ihrer Staatsführung von heute.  Er hat in treuester Loyalität sich zu dem Prinzip bekannt, für das ich selbst mich bis zum letzten Atemzuge einsetzen werde.

Es gibt im Staate nur einen Waffenträger: die Wehrmacht.  Und nur einen Träger des politischen Willens: dies ist die Nationalsozialistische Partei.

 

General Werner von Blomberg

 

Jeder Gedanke eines Eingehens auf die Pläne des Generals von Schleicher wäre meinerseits aber nicht nur eine Treulosigkeit gegenüber dem Generalfeldmarschall und dem Reichswehrminister gewesen, sondern auch eine Treulosigkeit gegenüber der Armee.  Denn so wie General von Blomberg als Wehrminister im nationalsozialistischen Staat im höchsten Sinne des Wortes seine Pflicht erfüllt, so tun dies auch die übrigen Offiziere und Soldaten.  Ich kann von ihnen nicht fordern, dass sie im einzelnen ihre Stellung zu unserer Bewegung finden.  Aber keiner von ihnen hat seine Stellung der Pflicht dem nationalsozialistischen Staat gegenüber verloren.  Weiter aber könnte ich auch nicht ohne zwingendsten Grund die Männer entfernen lassen, die am 30. Januar mit mir das Versprechen zur Rettung des Reiches und Volkes gemeinsam abgegeben haben.  Es gibt Pflichten der Loyalität, die man nicht verletzen darf und nicht verletzen soll.  Und ich glaube, dass vor allem der Mann, der in seinem Namen die Nation zusammengeführt hat, unter keinen Umständen treulos handeln darf, wenn nicht ansonst nach innen und außen jedes Vertrauen in Treu und Glauben verschwinden müsste.

 

Da der Stabschef Röhm selbst unsicher war, ob Versuche in der bezeichneten Richtung wohl bei mir auf Widerstand stoßen würden, wurde der erste Plan festgelegt zur Erzwingung dieser Entwicklung.  Die Vorbereitungen hierzu wurden umfangreich getroffen:

1. Planmäßig sollten die psychologischen Voraussetzungen für den Ausbruch einer zweiten Revolution geschaffen werden.  Zu diesem Zwecke wurde durch SA-Propagandastellen selbst in die SA die Behauptung hineinverbreitet, die Reichswehr beabsichtige eine Auflösung der SA, und später wurde ergänzt, ich sei leider für diesen Plan auch persönlich gewonnen worden.  Eine ebenso traurige wie niederträchtige Lüge!

2. Die SA müsste nunmehr diesem Angriff zuvorkommen und in einer zweiten Revolution die Elemente der Reaktion einerseits und der Parteiwiderstände andererseits beseitigen, die Staatsgewalt aber der Führung der SA selbst anvertrauen.

3. Zu diesem Zwecke sollte die SA in kürzester Frist alle notwendigen sachlichen Vorbereitungen treffen.  Es ist dem Stabschef Röhm gelungen, unter Verschleierungen – unter anderem der lügenhaften Angabe, soziale Hilfsmaßnahmen für die SA durchführen zu wollen – Millionenbeträge diesem Zwecke zuzuführen.  Zwölf Millionen Mark sind für diese Zwecke gesammelt worden.

4. Um die entscheidendsten Schläge rücksichtslos führen zu können, wurde die Bildung bestimmter nur hierfür in Frage kommender eingeschworener Terrorgruppen unter dem Titel „Stabswachen“ gebildet.  Während der brave SA-Mann sich über ein Jahrzehnt für die Bewegung durchgehungert hatte, wurden hier besoldete Truppen gebildet, deren innerer Charakter und deren Zweckbestimmung durch nichts besser erhellt wird, als durch die geradezu furchtbaren Straflisten der darin geführten Elemente.  Wie denn überhaupt der alte und treue SA-Führer und SA-Mann nunmehr schnell in den Hintergrund trat gegenüber den für solche Aktionen mehr geeigneten, politisch ungeschulten Elementen.

 

In bestimmten Führertagungen sowohl als bei Erholungsfahrten wurden allmählich die in Frage kommenden SA-Führer zusammengezogen und individuell behandelt.  Das heißt, während die Mitglieder der inneren Sekte die eigentliche Aktion planmäßig vorbereiteten, wurden dem zweitgrößeren Kreis der SA-Führer nur allgemeine Mitteilungen gemacht des Inhalts, dass eine zweite Revolution vor der Tür stände, dass diese Revolution kein anderes Ziel besitze, als mir selbst die Handlungsfreiheit zurückzugeben, dass daher die neue und diesmal blutige Erhebung – „die Nacht der langen Messer“, wie man sie grauenvoll bezeichnete -, meinem eigenen Sinn entspräche.  Die Notwendigkeit des eigenen Vorgehens der SA wurde begründet mit dem Hinweis auf meine Entschlussunfähigkeit, die erst dann behoben sein würde, wenn Tatsachen geschaffen wären.

 

Vermutlich unter diesen unwahren Vorwänden wurde die außenpolitische Vorbereitung der Aktion Herrn von Detten übertragen.  General von Schleicher nahm das außenpolitische Spiel teilweise persönlich wahr bzw. ließ es durch seinen Kurier, General von Bredow, praktisch betreiben.  Gregor Strasser wurde beigezogen.

 

Anfangs Juni ließ ich als letzten Versuch Stabschef Röhm noch einmal kommen zu einer nahezu fünfstündigen Aussprache, die sich bis Mitternacht hinzog.

Ich teilte ihm mit, dass ich aus zahllosen Gerüchten und aus zahlreichen Versicherungen und Erklärungen alter treuer Parteigenossen und SA-Führer den Eindruck gewonnen hätte, dass von gewissenlosen Elementen eine nationalbolschewistische Aktion vorbereitet würde, die über Deutschland nur namenloses Unglück bringen könnte.  Ich erklärte ihm weiter, dass mir auch Gerüchte zu Ohren gekommen seien über die Absicht, die Armee in den Kreis dieser Pläne einzubeziehen.

Ich versicherte dem Stabschef Röhm, dass die Behauptung, die SA solle aufgelöst werden, eine niederträchtige Lüge sei, dass ich mich zur Lüge, ich selbst wolle gegen die SA vorgehen, überhaupt nicht äußern könnte, dass ich aber jeden Versuch, in Deutschland ein Chaos entstehen zu lassen, augenblicklich persönlich abwenden würde und dass jeder, der den Staat angreift, von vornherein mich zu seinen Feinden zählen müsse.

Ich beschwor ihn, zum letztenmal, von sich aus diesem Wahnsinn entgegenzutreten und seine Autorität mitanzuwenden, um eine Entwicklung zu verhindern, die nur so oder so in einer Katastrophe enden könnte.  Ich führte erneut schärfste Beschwerde wegen der sich häufenden unmöglichen Exzesse und forderte die nunmehrige restlose Ausmerzung dieser Elemente der SA, um nicht die SA selbst, Millionen anständiger Parteigenossen und hunderttausende alter Kämpfer durch einzelne minderwertige Subjekte um ihre Ehre bringen zu lassen.  Stabschef Röhm verließ diese Unterredung mit der Versicherung, die Gerüchte seien teils unwahr, teils übertrieben, er werde im übrigen alles tun, um nunmehr nach dem Rechten zu sehen.

 

Das Ergebnis der Unterredung aber war, dass Stabschef Röhm in der Erkenntnis, auf meine Person bei seinem geplanten Unternehmen unter keinen Umständen rechnen zu können, nunmehr die Beseitigung meiner Person selbst vorbereitete.

 

Zu diesem Zwecke wurde dem größeren Kreise der hinzugezogenen SA-Führer erklärt, dass ich selbst mit dem in Aussicht genommenen Unternehmen wohl einverstanden sei, aber persönlich davon nichts wissen dürfe bzw. den Wunsch hätte, zunächst auf 24 oder 48 Stunden bei Ausbruch der Erhebung in Haft genommen zu werden, um so durch die vollzogenen Tatsachen der unangenehmen Belastung enthoben zu sein, die sich im anderen Fall für mich außenpolitisch ergeben müsste.  Diese Erklärung erhält ihre letzte Illustration durch die Tatsache, dass unterdes vorsorglicherweise bereits der Mann gedungen war, der meine spätere Beseitigung durchzuführen hatte:

Standartenführer Uhl gestand noch wenige Stunden vor seinem Tod die Bereitwilligkeit zur Durchführung eines solchen Befehls.

 

Der erste Plan zum Umsturz basierte auf dem Gedanken einer Beurlaubung der SA.  In dieser Zeit sollten mangels greifbarer Verbände unfassbare Tumulte ausbrechen nach Art der Zustände im August 1932, die mich zwingen müssten, den Stabschef Röhm, der allein in der Lage wäre, die Ordnung wiederherzustellen, zu rufen, um ihn mit der vollziehenden Gewalt zu betrauen.  Nachdem sich unterdes eindeutig ergeben hatte, dass mit einer solchen Bereitwilligkeit von mir wohl unter keinen Umständen gerechnet werden konnte, wurde dieser Plan wieder verworfen und die direkte Aktion ins Auge gefasst.  Sie sollte in Berlin schlagartig einsetzen mit einem Überfall auf die Regierungsgebäude, mit einer Verhaftung meiner Person, um dann die weiteren Aktionen als in meinem Auftrag stattfindend, abrollen lassen zu können.  Die Verschwörer rechneten damit, dass in meinem Namen an die SA gegebene Befehle im gesamten Reich die SA nicht nur sofort auf den Plan rufen würden, sondern dass damit auch eine Zersplitterung aller dagegen eingesetzten sonstigen Kräfte des Staates automatisch eintreten würde.

 

Sowohl Stabschef Röhm als auch Gruppenführer Ernst, Obergruppenführer Heines, Hayn und eine Reihe anderer haben vor Zeugen erklärt, dass zunächst eine mehrtägige Auseinandersetzung blutigster Art mit ihren Widersachern stattfinden sollte.  Die Frage nach der wirtschaftlichen Seite bei einer solchen Entwicklung wurde mit geradezu wahnsinnigem Leichtsinn unter dem Hinweis abgetan, dass der blutige Terror die notwendigen Mittel so oder so schaffen würde.

 

Ich muß mich hier auch noch mit einem Gedanken auseinandersetzen, nämlich mit dem, ob nicht jede gelungene Revolution in sich eine Rechtfertigung trage.  Stabschef Röhm und seine Elemente erklärten die Notwendigkeit dieser Revolution mit dem Hinweis auf den nur damit allein gerechtfertigten Sieg des reinen Nationalsozialismus.  Ich muß an dieser Stelle aber für die Gegenwart und Nachwelt die Feststellung treffen, dass diese Männer überhaupt kein Recht mehr besaßen, sich auf den Nationalsozialismus als Weltanschauung zu berufen.  Ihr Leben war so schlecht geworden wie das Leben derjenigen, die wir im Jahre 1933 überwunden und abgelöst hatten.  Das Auftreten der Männer hat es mir unmöglich gemacht, sie bei mir einzuladen oder das Haus des Stabschefs in Berlin auch nur einmal zu betreten.  Was aus Deutschland im Falle eines Sieges dieser Sekte geworden wäre, ist schwerlich auszudenken.

 

Die größte Gefahr wurde aber erst recht erwiesen durch die Feststellungen, die nun vom Ausland nach Deutschland kamen.  Englische und französische Zeitungen begannen immer häufiger von einer bevorstehenden Umwälzung in Deutschland zu reden, und immer mehr Mitteilungen ließen erkennen, dass von den Verschwörern eine planmäßige Bearbeitung des Auslandes in dem Sinne vorgenommen wurde, dass Deutschland die Revolution der eigentlichen Nationalsozialisten vor der Türe stünde und das bestehende Regiment nicht mehr zu handeln fähig sei.  General von Bredow, der als außenpolitischer Agent des Generals von Schleicher diese Verbindungen besorgte, arbeitete nur entsprechend der Tätigkeit derjenigen reaktionären Zirkel, die, ohne mit dieser Verschwörung vielleicht direkt im Zusammenhang zu stehen – sich zum bereitwilligen unterirdischen Meldekopf für das Ausland missbrauchen ließen.

 

Ende Juni war ich daher entschlossen, dieser unmöglichen Entwicklung ein Ende zu setzen, und zwar ehe noch das Blut von zehntausend Unschuldigen die Katastrophe besiegeln würde.

 

Da die Gefahr und die auf allen lastende Spannung allmählich unerträglich geworden war und gewisse Parteistellen und Staatsstellen pflichtgemäß Abwehrmaßnahmen treffen mussten, erschien mir die eigenartige plötzliche Verlängerung des Dienstes vor dem SA-Urlaub bedenklich, und ich entschloß mich daher, Samstag, den 30. Juni, den Stabschef seines Amtes zu entheben, zunächst in Verwahrung zu nehmen und eine Anzahl von SA-Führern, deren Verbrechen klar zutage lag, zu verhaften.

 

Da es zweifelhaft war, ob angesichts der drohenden Zuspitzung Stabschef Röhm überhaupt noch nach Berlin oder anderswo hingekommen wäre, entschloß ich mich, zu einer nach Wiessee angesetzten SA-Führerbesprechung persönlich zu fahren.  Bauend auf die Autorität meiner Person und auf meine wenn notwendig immer vorhanden gewesene Entschlusskraft, wollte ich dort um 12 Uhr mittags den Stabschef seiner Stellung entheben, die hauptschuldigen SA-Führer verhaften und in einem eindringlichen Appell die übrigen zu ihrer Pflicht zurückrufen.

 

Im Laufe des 29. Juni erhielt ich aber so bedrohliche Nachrichten über die letzte Vorbereitungen zur Aktion, dass ich mittags die Besichtigung der Arbeitslager in Westfalen abbrechen musste, um mich für alle Fälle bereit zu halten.

Um 1 Uhr nachts erhielt ich aus Berlin und München zwei dringendste Alarmnachrichten.

 

Nämlich erstens, dass für Berlin um 4 Uhr nachmittags Alarm angeordnet sei, dass zum Transport der eigentlichen Stoßformationen die Requisition von Lastkraftwagen befohlen und bereits im Gange sei, und dass Schlag 5 Uhr die Aktion überfallmäßig mit der Besetzung der Regierungsgebäude ihren Anfang nehmen sollte.  Gruppenführer Ernst war zu dem Zweck auch nicht mehr nach Wiessee gereist, sondern zur persönlichen Führung der Aktion in Berlin zurückgeblieben.  Zweitens wurde in München die Alarmierung der SA bereits für 9 Uhr abends angeordnet.  Die SA-Formationen wurden nicht mehr nach Hause entlassen, sondern in die Alarmquartiere gelegt.  Das ist Meuterei!  Der Befehlshaber der SA bin ich und sonst niemand.

 

Unter diesen Umständen konnte es für mich nur noch einen einzigen Entschluß geben.  Wenn überhaupt das Unheil noch zu verhindern war, dann musste blitzschnell gehandelt werden.  Nur ein rücksichtsloses und blutiges Zugreifen war vielleicht noch in der Lage, die Ausbreitung der Revolte zu ersticken.  Und es konnte dann keine Frage sein, dass besser hundert Meuterer, Verschwörer und Konspiratoren vernichtet wurden, als zehntausend unschuldige SA-Männer auf der einen, zehntausende ebenso Unschuldige auf der anderen Seite verbluten zu lassen.  Denn wenn die Aktion des Verbrechers Ernst in Berlin erst abzurollen begann, waren die Folgen ja unausdenkbar!  Wie das Operieren mit meinem Namen gewirkt hatte, ergab sich aus der beklemmenden Tatsache, dass es diesen Meuterern zum Beispiel gelungen war, in Berlin unter Berufung auf mich von nichtsahnenden Polizeioffizieren sich für ihre Aktion vier Panzerwagen zu sichern, und dass weiter schon vorher die Verschwörer Heines und Hayn Polizeioffiziere in Sachsen und Schlesien unsicher machten, angesichts ihrer Aufforderung, bei der kommenden Auseinandersetzung sich zwischen der SA und den Hitlerfeinden zu entscheiden.  Es war mir endlich klar, dass dem Stabschef nur ein einziger Mann entgegentreten konnte und entgegentreten musste.

 

Mir brach er die Treue und ich allein musste ihn dafür zur Verantwortung ziehen!

 

Um 1 Uhr nachts erhielt ich die letzten Alarmdepeschen, um 2 Uhr morgens flog ich nach München.  Ministerpräsident Göring hatte unterdes von mir schon vorher den Auftrag bekommen, im Falle der Aktion der Reinigung seinerseits sofort die analogen Maßnahmen in Berlin und Preußen zu treffen.  Er hat mit eiserner Faust den Angriff auf den national-sozialistischen Staat niedergeschlagen, ehe er zur Entwicklung kam.  Die Notwendigkeit dieses blitzschnellen Handelns brachte es mit sich, dass mir in dieser entscheidenden Stunde nur ganz wenige Menschen zur Verfügung standen.  Im Beisein des Ministers Goebbels und des neuen Stabschefs wurde dann die Ihnen bekannte Aktion durchgeführt und in München abgeschlossen.

 

Wenn ich noch wenige Tage vorher zur Nachsicht bereit gewesen war, dann konnte es in dieser Stunde eine solche Rücksicht nicht mehr geben.  Meutereien bricht man nach ewig gleichen eisernen Gesetzen.  Wenn mir jemand den Vorwurf entgegenhält, weshalb wir nicht die ordentlichen Gerichte zur Aburteilung herangezogen hätten, dann kann ich ihm nur sagen: In dieser Stunde war ich verantwortlich für das Schicksal der deutschen Nation und damit des deutschen Volkes oberster Gerichtsherr.  Meuternde Divisionen hat man zu allen Zeiten durch Dezimierung wieder zur Ordnung gerufen.  Nur ein Staat hat von seinen Kriegsartikeln keinen Gebrauch gemacht, und dieser Staat ist dafür auch zusammen-gebrochen: Deutschland.  Ich wollte nicht das junge Reich dem Schicksal des alten ausliefern.

 

Ich habe den Befehl gegeben, die Hauptschuldigen an diesem Verrat zu erschießen, und ich gab weiter den Befehl, die Geschwüre unserer inneren Brunnenvergiftung und der Vergiftung des Auslandes auszubrennen bis auf das rohe Fleisch.  Und ich gab weiter den Befehl, bei jedem Versuch des Widerstandes der Meuterer gegen ihre Verhaftung, diese sofort mit der Waffe niederzumachen.

 

Die Nation muß wissen, dass ihre Existenz – und diese wird garantiert durch ihre innere Ordnung und Sicherheit – von niemandem ungestraft bedroht wird!  Und es soll jeder für alle Zukunft wissen, dass, wenn er die Hand zum Schlage gegen den Staat erhebt, der sichere Tod sein Los ist.  Und jeder Nationalsozialist muß wissen, dass kein Rang und keine Stellung ihn seiner persönlichen Verantwortung und damit seiner Strafe entzieht.  Ich habe Tausende unserer früheren Gegner wegen ihrer Korruption verfolgt.  Ich würde mir innere Vorwürfe machen, wenn ich gleiche Erscheinungen bei uns nun dulden würde.

Kein Volk und keine Staatsführung kann etwas dafür, wenn sich Kreaturen, wie wir sie in Deutschland als Kutisker usw. kannten, wie das französische Volk sie in einem Stavisky kennengelernt hat, und wie wir sie heute wieder erlebten, auftauchen, um sich an den Interessen einer Nation zu versündigen.  Allein, jedes Volk ist selbst schuldig, wenn es nicht die Kraft findet, solche Schädlinge zu vernichten.

Wenn mir die Meinung entgegengehalten wird, dass nur ein gerichtliches Verfahren ein genaues Abwägen von Schuld und Sühne hätte ergeben können, so lege ich gegen diese Auffassung feierlich Protest ein.  Wer sich gegen Deutschland erhebt, treibt Landesverrat.

Wer Landesverrat übt, soll nicht bestraft werden nach dem Umfang und Ausmaß seiner Tat, sondern nach seiner zutage getretenen Gesinnung.

 

Wer sich untersteht, im Innern unter Bruch von Treue und Glauben und heiligen Versprechen, eine Meuterei anzuzetteln, kann nichts anderes erwarten, dass er selbst das erste Opfer sein wird.  Ich habe nicht die Absicht, die schuldigen Kleinen erschießen zu lassen und die Großen zu schonen.  Ich habe nicht zu untersuchen, ob und wem von diesen Verschwörern, Hetzern, Destrukteuren und Brunnenvergiftern der deutschen öffentlichen Meinung und im weiteren Sinne der Weltmeinung ein zu hartes Los zugefügt wurde, sondern ich habe nur darüber zu wachen, dass das Los Deutschlands getragen werden kann.  Ein ausländischer Journalist, der bei uns das Gastrecht genießt, protestiert im Namen der Frauen und Kinder der Erschossenen und erwartet aus ihren Reihen die Vergeltung.  Ich kann diesem Ehrenmanne nur eines zur Antwort geben: Frauen und Kinder sind stets die unschuldigen Opfer verbrecherischer Handlungen der Männer gewesen.  Auch ich empfinde mit ihnen Mitleid, allein ich glaube, dass das Leid, das ihnen zugefügt worden ist durch die Schuld dieser Männer, nur ein winziger Bruchteil ist gegenüber dem Leid, das vielleicht Zehntausende an deutschen Frauen getroffen hätte, wenn diese Tat gelungen wäre.  Ein ausländischer Diplomat erklärt, dass die Zusammenkunft mit Schleicher und Röhm selbstverständlich ganz harmloser Natur gewesen wäre.  Ich habe mich darüber mit niemandem zu unterhalten.  Die Auffassungen über das, was harmlos ist und was nicht, werden sich auf politischem Gebiet niemals decken.

 

Wenn aber drei Hochverräter in Deutschland mit einem auswärtigen Staatsmann eine Zusammenkunft vereinbaren und durchführen, die sie selbst als „dienstlich“ bezeichnen, unter Fernhaltung des Personals durchführen und mir durch strengsten Befehl verheimlichen, dann lasse ich solche Männer totschießen, auch wenn es zutreffend sein sollte, dass bei einer vor mir so verborgenen Beratung nur über Witterung, alte Münzen und dergleichen gesprochen worden sein soll.

 

Die Sühne für diese Verbrechen war eine schwere und harte.  19 höhere SA-Führer, 31 SA-Führer und SA-Angehörige wurden erschossen, ebenso drei SS-Führer als Mitbeteiligte am Komplott.  13 SA-Führer und Zivilpersonen, die bei der Verhaftung Widerstand versuchten, mussten dabei ihr Leben lassen.  Drei weitere endeten durch Selbstmord.

Fünf Nicht-SA-Angehörige, aber Parteigenossen, wurden wegen Beteiligung erschossen.

Endlich wurden noch erschossen drei SS-Angehörige, die sich eine schändliche Misshandlung gegenüber Schutzhäftlingen zuschulden kommen ließen.

 

Um zu verhindern, dass die politische Leidenschaft und Empörung an weiteren Belasteten zur Lynchjustiz greifen konnte, wurde, nachdem die Gefahr beseitigt und die Revolte als niedergebrochen gelten konnte, noch am Sonntag, dem 1. Juli, der strengste Befehl gegeben, jede weitere Vergeltung zu unterlassen.  Es ist damit seit Sonntag dem 1. Juli, nachts, der normale Zustand wiederhergestellt.  Eine Anzahl von Gewalttaten, die mit dieser Aktion in keinem Zusammenhang stehen, werden den normalen Gerichten zur Aburteilung übergeben.

 

So schwer diese Opfer auch sein mögen, sie sind dann keine vergeblichen, wenn aus ihnen einmal für immer die Überzeugung kommt, dass jeder Versuch eines Hoch- und Landesverrates ohne Ansehen der Person gebrochen werden wird.

 

Ich hoffe dabei zuversichtlich, dass, wenn mich das Schicksal zu irgendeiner Stunde von meinem Platze abberufen würde, mein Nachfolger nicht anders handelt, und, falls auch dieser den Platz räumen müsste, der Dritte hinter uns mit nicht minderer Entschlossenheit die Sicherheit von Volk und Nation wahrzunehmen bereit ist. ....

 

Ich muß aber an dieser Stelle auch zugleich gestehen, dass mein Vertrauen zur Bewegung und insbesondere zur SS nie gewankt hat.  Und nun wurde auch das Vertrauen zu meiner SA mir wieder zurückgegeben. .....

Die SA hat in diesen für sie wie für mich schwersten Tagen ihre innere Treue bewahrt.  Sie hat damit zum drittenmal unter Beweis gestellt, dass sie mein ist, genau so, wie ich es jederzeit unter Beweis stellen werde, dass ich meinen SA-Männern gehöre.  In wenigen Wochen wird das Braune Hemd wieder die deutschen Straßen beherrschen und jedem eindeutig zu verstehen geben, dass das nationalsozialistische Deutschland nur noch stärker lebt, indem es eine schwere Not überwand. ....

 

So wie ich vor anderthalb Jahren unseren damaligen Gegnern die Versöhnung angeboten habe, so möchte ich auch all denen, die mitschuldig waren an dieser Wahnsinnshandlung, von jetzt ab ebenfalls das Vergessen ansagen.  Mögen sie alle in sich gehen und in Erinnerung an diese traurige Not unserer neuen deutschen Geschichte sich mit aller Kraft der Wiedergutmachung widmen.  Mögen sie jetzt sicherer als früher die große Aufgabe erkennen, die uns das Schicksal stellt und die nicht gelöst wird durch Bürgerkrieg und Chaos.  Mögen sie sich alle verantwortlich fühlen für das kostbare Gut, das es für das deutsche Volk geben kann: die innere Ordnung und den inneren und äußeren Frieden!  So wie ich bereit bin, vor der Geschichte die Verantwortung zu übernehmen für die 24 Stunden der bittersten Entschlüsse meines Lebens, in denen mich das Schicksal wieder gelehrt hat, in banger Sorge mit jedem Gedanken das Teuerste zu umkrallen, das uns auf dieser Welt gegeben ist: das deutsche Volk und Deutsche Reich!

  

Das deutsche Volk stand in diesen schweren Tagen geschlossen hinter seinem Führer und bewies ihm in zahlreichen Kundgebungen der Treue seine Liebe und Verehrung.  Und die SA war ihm nie untreu geworden.  Sie hatte mit den verbrecherischen Konspirationen eines bestimmten Führerklüngels nichts zu tun.  Der Geist der alten kämpferischen SA, die mit ihren Blutopfern die Bewegung geschützt und ihr den Sieg ermöglicht hatte, entsprach dem Geist des Befehls, den der Führer bei der Ernennung des Chefs des Stabes, Pg. Lutze, an die SA richtete:

 

„1. Ich verlange vom SA-Führer genau so wie er vom SA-Mann blinden Gehorsam und unbedingte Disziplin.

2. Ich verlange, dass jeder SA-Führer wie jeder Politische Führer sich dessen bewusst ist, dass sein Benehmen und seine Aufführung vorbildlich zu sein hat für seinen Verband, ja, für unsere gesamte Gefolgschaft.

3. Ich verlange, dass SA-Führer genau so wie die Politischen Leiter, die sich in ihrem Benehmen in der Öffentlichkeit etwas zuschulden kommen lassen, unnachsichtlich aus der Partei und der SA entfernt werden.

4. Ich verlange insbesondere vom SA-Führer, dass er ein Vorbild in der Einfachheit und nicht im Aufwand ist.  Ich wünsche nicht, dass der SA-Führer kostbare Diners gibt oder an solchen teilnimmt.  Man hat uns früher hierzu nicht eingeladen, wir haben auch jetzt dort nichts zu suchen.  Millionen unserer Volksgenossen fehlt auch heute noch das Notwendigste zum Leben, sie sind nicht neidisch dem, den das Glück mehr gesegnet hat, aber es ist eines Nationalsozialisten unwürdig, den Abstand zwischen Not und Glück, der ohnehin ungeheuer groß ist, noch besonders zu vergrößern.  Ich verbiete insbesondere, dass Mittel der Partei, der SA oder überhaupt der Öffentlichkeit für Festgelage und dergleichen Verwendung finden.  Es ist unverantwortlich, von Geldern, die zum Teil sich aus den Groschen unserer ärmsten Mitbürger ergeben, Schlemmereien abzuhalten.  Das luxuriöse Stabsquartier in Berlin, in dem, wie nunmehr festgestellt wurde, monatlich bis zu 30 000 Mark für Festessen usw. ausgegeben wurden, ist sofort aufzulösen. 

Ich untersage daher für alle Parteiinstanzen die Veranstaltung sogenannter Festessen und Diners aus irgendwelchen öffentlichen Mitteln, und ich verbiete allen Partei- und SA-Führern die Teilnahme an solchen.  Ausgenommen ist nur die Erfüllung der von Staats wegen notwendigen Verpflichtungen, für die in erster Linie der Herr Reichspräsident und dann noch der Herr Reichsaußenminister verantwortlich sind.  Ich verbiete allen SA-Führern und allen Parteiführern im allgemeinen, sogenannte diplomatische Diners zu geben.  Der SA-Führer hat keine Repräsentation zu üben, sondern seine Pflicht zu erfüllen.

5. Ich wünsche nicht, dass SA-Führer in kostbaren Limousinen oder Kabrioletts Dienstreisen unternehmen oder Dienstgelder für die Anschaffung derselben verwenden.  Dasselbe gilt für die Leiter der Poltischen Organisationen.

6. SA-Führer oder Politische Leiter, die sich vor aller Öffentlichkeit betrinken, sind unwürdig, Führer ihres Volkes zu sein.

 

Das Verbot nörgelnder Kritik verpflichtet zu vorbildlicher Haltung.  Fehler können jederzeit verziehen werden, schlechte Aufführung nicht.  SA-Führer, die sich daher vor den Augen der Öffentlichkeit unwürdig benehmen, randalieren oder gar Exzesse veranstalten, sind ohne Rücksicht sofort aus der SA zu entfernen.  Ich mache die vorgesetzten Dienststellen verantwortlich dafür, dass durchgegriffen wird.

 

7. Von den staatlichen Stellen erwarte ich, dass sie in solchen Fällen das Strafmaß höher bemessen als bei Nichtnationalsozialisten.  Der nationalsozialistische Führer und insbesondere der SA-Führer soll im Volke eine gehobene Stellung haben.  Er hat dadurch auch erhöhte Pflichten.

 

8. Ich erwarte von allen SA-Führern, dass sie mithelfen, die SA-Institution zu erhalten und zu festigen.  Ich möchte insbesondere, dass jede Mutter ihren Sohn in SA, Partei oder Hitler-Jugend geben kann, ohne Furcht, er könnte dort sittlich oder moralisch verdorben werden.  Ich wünsche daher, dass alle SA-Führer peinlichst darüber wachen, dass Verfehlungen nach § 175 mit sofortigem Ausschluß des Schuldigen aus SA und Partei beantwortet werden.  Ich will Männer als SA-Führer sehen und keine widerlichen Affen.  Ich verlange von allen SA-Führern, dass sie meine Loyalität mit ihrer eigenen beantworten und durch ihre eigene unterstützen.

 

9. Ich verlange von ihnen aber besonders, dass sie ihre Stärke auf dem Gebiet suchen, das uns gegeben ist und nicht auf Gebieten, die anderen zukommen.  Ich verlange vor allem von jedem SA-Führer, dass er in bedingungsloser Offenheit, Loyalität und Treue sein Benehmen gegenüber der Wehrmacht des Reiches einrichtet.  Ich will, dass der SA-Mann geistig und körperlich zum geschultesten Nationalsozialisten erzogen wird.  Nur in der weltanschaulichen Verankerung in der Partei liegt die einzigartige Stärke dieser Organisation.

 

10. Ich will, dass in ihr der Gehorsam, die Treue und die Kameradschaft als durchgehende Prinzipien herrschen.  Und so, wie jeder Führer von seinen Männern Gehorsam fordert, so fordere ich von den SA-Führern Achtung vor dem Gesetz und Gehorsam meinem Befehl.

 

 

Im Geiste dieses Befehls wurde jetzt die SA auch neuorganisiert.  Die Zahl wurde auf das notwendige Maß herabgesetzt, um der Verwässerung des alten SA-Geistes entgegenzuwirken, die Stäbe verringert, der vernachlässigten weltanschaulichen Schulung wieder der erforderliche Platz eingeräumt.  Ziel musste sein, die SA zur Lebensschule des deutschen Mannes werden zu lassen.  

 

„Die Partei wird in Zukunft in der SA wieder das haben, was sie früher in ihr gehabt hat“ – erklärte Pg. Heß in einer Unterredung mit der NSK (6.Juli).

Und am 31. Juli erließ der Chef des Stabes, Pg. Lutze, folgenden Tagesbefehl an die SA:  „Am 1. August ist der SA-Urlaub zu Ende.  Mit diesem Tage setzt der volle Dienstbetrieb wieder ein, gleichzeitig entfallen alle mit dem Urlaub zusammenhängenden Einschränkungen, z. B. bezüglich der Arbeit in den Stäben, des Tragens des Dienstanzuges usw.

Damit tritt die SA in unserem Volk wieder voll in Erscheinung, um sich ihrer Aufgabe mit Entschlossenheit in vorderster Front hinzugeben.

Allerdings in einem anderen Sinn, als das in den Urlaubsverfügungen der nunmehr beseitigten Verräter zum Ausdruck kam.  Die SA will und muß zurück zu dem alten Kurs, der sie groß und stark werden ließ, und von dem sie kürzlich gegen ihren Willen abgelenkt wurde.  Schlichtheit, vorbildliche Haltung in und außer Dienst, Verbundenheit mit Volk und Bewegung sind die Grundsätze der SA, in denen sie sich mit dem Führer verbunden weiß und die sie zum kraftvollen, unzerbrechlichen Instrument in seiner Hand machen.

Es lebe der Führer, es lebe Deutschland.“

 

 

Die NSDAP fühlte sich mehr denn je mit ihrer SA verbunden.

Das kam auch auf der Reichs- und Gauleitertagung der NSDAP in Flensburg (4. bis 6. Juli) zum Ausdruck, als Pg. Heß feststellte, dass die Partei jeder Beleidigung und Missachtung der SA mit aller Schärfe entgegentreten werde.  Und Pg. Dr. Ley erklärte am 10. Juli (in Frankfurt am Main):

 

„Wer die SA beleidigt, trifft gleichzeitig die Partei.  Denn die SA ist ein Teil der Partei, gleichwertig der PO, SS oder HJ.  Sie hat ihre Aufgabe in dem ihr zugewiesenen Rahmen unter tausend Kämpfen und gegen die ungeheuerlichsten Widerstände gelöst.  Ihr Ehrenschild ist rein seit der Ausmerzung der heimtückischen Verschwörer.“

 

Die Gewitterwolken waren verschwunden, die Atmosphäre gereinigt.  Und die Nation stand in Dankbarkeit zu ihrem Führer.  Und das Ausland – erholte sich allmählich von den geradezu phantastischen Schauermeldungen über den 30. Juni, die ihm seine Presse mehrere Tage lang vorgesetzt hatte.  Denn niemals vorher hatte die Sensations- und Skandalpresse der Welt die Möglichkeit gehabt, eine so „eindrucksvolle“ (und lehrreiche!) Demonstration phantasievoller, durch keine Sachkenntnis getrübter Berichterstattung vor unseren erstaunten Augen abrollen zu lassen.  Sie hat von dieser Möglichkeit ausgiebigen Gebrauch gemacht!

 

Chronologisch sah das so aus: Zuerst Abwarten, Zurückhaltung; dann – nachdem man die Rücksichtslosigkeit, mit der der Führer die Säuberungsaktion durchführte, erkannt hatte – wilde Empörung, „Mitleid“ mit den Opfern; und dann – nachdem die schlagartige, 24stündige Aktion längst abgeschlossen war – ein Verleumdungsfeldzug, der sich über Wochen hinzog und an Skrupellosigkeit der Greuelhetze anlässlich des Reichstagsbrandstifterprozesses nicht nachstand.  Es wäre müßig, heute all die sich widersprechenden Lügen, die zahlreichen Gerüchte, die angeblichen „Augenzeugenberichte“, die aus „gut informierter Quelle“ stammenden Totenlisten und noch vieles andere „Beweismaterial“ nochmals aufzuzählen.  Es genügt die Feststellung, dass eine gewisse Presse im Ausland (und dazu gehörten leider auch große und angesehene Blätter, wie „Oeuvre“, „Matin“, „Intransigeant“, „Paris Soir“, „Morning Post“, „Daily Mail“, „Daily Telegraph“) ihre Informationen nicht von amtlichen Stellen, sondern von Revolverjournalisten und verantwortungslosen Deutschenhetzern bezogen.

 

In einer Rundfunkrede am Abend des 10. Juli charakterisierte Dr. Goebbels in glänzender Weise die sich widersprechende, verlogene Berichterstattung der „Weltpresse“.  Aus dem Schluß dieser Anklagerede (die natürlich eine „schlechte Presse“ im Ausland hatte!) zitieren wir:

 

„.... Man erspare mir weitere Einzelheiten.  Der Ekel kommt einem hoch, wenn man sich jetzt, da die Auslandspresse insgesamt vorliegt, einen Überblick darüber verschafft und dann damit vergleicht, wie vornehm, nobel und anständig Vorgänge des Auslandes in der deutschen Presse behandelt werden.  Dann kann man nur mit Seelenruhe ausrufen: Ach, was sind wir Wilde doch für bessere Menschen! ....

Das deutsche Volk geht in Ruhe und Ordnung seiner täglichen Arbeit nach.  Es hat vor allen anderen Völkern, die ein Gleiches tun, nur Achtung und Respekt.  Es verfällt nicht in den Fehler, diese anderen Völker mit solchen Journalisten zu verwechseln.  Es weiß auch, dass es überall anständige und saubere Pressemänner gibt, die nach bestem Wissen und Gewissen der Wahrheit dienen wollen.  Von der hier geschilderten Art von Lügenfabrikanten aber wendet es sich mit Ekel und Abscheu ab und quittiert ihre hysterischen und pathalogischen Wut- und Hassausbrüche nur mit einem lauten und hörbaren „Pfui-Teufel“.“ 

 

Trotz aller Verdächtigungen und Verleumdungen war jedoch aus dem Chor der Auslandsstimmen ein Ton klar zu vernehmen: die fast einmütige Hochachtung vor dem Mut und der unbeugsamen Entschlossenheit des Führers und Reichskanzlers.  Die Bewunderung vor der Leistung dieses Mannes, der durch seine Tat das Reich vor einem blutigen Chaos bewahrt hatte, kam in den weitaus meisten Zeitungen des Auslandes – wie sie auch sonst zu Deutschland und den Ereignissen des 30. Juni eingestellt sein mochten – zum Ausdruck.  So begegnete auch die große Abrechnung Adolf Hitlers in seiner Reichstagsrede am 13. Juli im Ausland ausnahmslos starkem Interesse und überzeugte viele, die bisher der blitzschnellen Abwehraktion des Führers verständnislos gegenübergestanden hatten.  Philipp Barres hob im „Matin“ die Begeisterung hervor, die die Zuhörer ergriff bei der Feststellung Hitlers, dass er in diesem Augenblick der höchste Richter Deutschlands gewesen sei.

Barres schilderte seinen Eindruck mit den Worten:

 „Wer diese Worte nicht gehört hat, nicht den Saal sah, in dem sich Abgeordnete, Publikum, die Leute des Ordnungsdienstes, die Journalisten wie ein Mann erhoben und ihm zujubelten, der hat nichts gesehen von Deutschland.“ –

 

In seiner Ansprache an die Generalstaatsanwälte und Oberstaatsanwälte Preußens erklärte

Pg. Göring: „Das Recht und der Wille des Führers sind eins!“

 

(Quelle: „Das Dritte Reich – Das zweite Jahr 1934“, Gerd Rühle, Hummelverlag)