Aus die Reihe "Richtstellungen zur Zeitgeschichte" von Dr Heinrich Wendig Hefte 8. Herausgegeben von Grabert Verlag, 72006 Tübingen, Postfach 1629

Adenauers Deutschland-Verrat

Dr Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, versicherte mit Worten immer sein Eintreten für die Wiedervereinigung Deutschlands, handelte aber — wenigsten in einigen beweisbaren Fällen — dagegen, ohne daß solches politisch erforderlich gewesen wäre. Man kann eine Linie von seinen separatischen Bestrebungen der zwanziger Jahre(1) bis zum Ende seiner Kanzlerzeit ziehen(2). Drei Fälle seien herausgegriffen.

1. im Herbst 1954 einigten sich Adenauer und der französische  Ministerpräsident Mendes-France in Paris auf ein europäisches Statut für das bis dahin unter französischer Verwaltung stehende Saargebiet. Danach sollte das Saarland politische Autonomie mit Vertretung durch die Westeuropäische Union "WEU) erhalten, wo bei die wirtschaftlichen Bindungen zu Frankreich (z.B. die eingeführte französische Währung, französischer Zoll usw) erhalten bleiben sollten. Das hätte das von Frankreich gewünschte und wohl endgültige Ausscheiden des Saarlandes aus Deutschland bedeutet.

Ministerpräsident Mendes-France

 

Kurz vor der für den 23 Oktober 1955 angesetzten Volksabstimmung über dieses Saarstatut rief Adenauer die Saarländer dringend öffentlich auf, diesem Saarstatut zuzustimmen, womit er eine Woge der Empörung an der Saar und in ganz Deutschland auslöste. Selbst die Saar-CDU unter dem nationalen Dr Hubert Ney wandte sich leidenschaftlich gegen Adenauer Zumutung, die sich ja an der Grenze des Landesverrates bewegte und wohl kaum mit seinem Amtseid zu vereinen war, und sorgte weiterhin mit dafür, daß am Abstimmungstag die Saarländer mit 68 Prozent das Statut ablehnten, sich damit gegen die Europäisierung unter Frankreichs Vorherrschaft entschieden und damit ihren Willen zur Rückkehr nach Deutschland ausdrückten, die dann wenig später auch erfolgen konnte und — entgegen Voraussagen — keinerlei Trübung des deutsche-französischen Verhältnisses brachte.

                                                                                                                      Dr Hubert Ney

 

 

2 Adenauer hat vor den ersten Bundestagswahlen 1949 die damals schon noch mögliche Einbeziehung West-Berlins in die Bundesrepublik hintertrieben, weil er Preußen nicht mochte und eine durch den Einschluß Berlins wohl mögliche Stärkung der SPD verhindern wollte. Als das 1959 herauskam, setzte die damals noch nationale FDP eine Große Anfrage im Bundestag durch, wobei der Abgeordnete Dr Erich Mende erklärte(3): "Ein früherer Vertrauter Dr Adenauer – gemeint soll sein Dr Kindt-Kiefer — machte uns gegenüber eine sensationelle Enthüllung. Er war vor der Bundestagswahl 1949 Zeuge eines Gesprächs zwischen Adenauer und Bindault (dem damaligen französischen Staatspräsidenten) ... Adenauer schlug vor, daß West-Berlin der Bundesrepublik angeschlossen werden solle, weil sonst die Gefahr eines sozialdemokratischen Übergewichtes in Westdeutschland entstünde . Diese Meldung ist so ungeheuerlich, daß ich den Herrn Bundeskanzler bitten muß, vor dem Plenum zu erklären, was er gegen diese Art der Unterstellung, wenn es denn eine sein sollte, zu unternehmen gedenkt."

                                                                                                             Dr Erich Mende

 

 

Adenauer beantwortete Dr Mendes Frage nicht, ließ nur seinen Außenminister von Brentamo die Vorwürfe pauschal bestreiten. Man kann also wohl davon ausgehen, daß die Vorwürfe wirklich zutrafen.

In dem Gedächnisprotokoll des Vermittlers der Zusammenkunft zwischen Adenauer und Bidault heißt es: "Konrad Adenauer brachte Geoges Bidault gegenüber eine für Frankreich leichter durchführbar Wahlhilfe in Vorschlag, dahingehend, daß Frankreich verhindern solle, daß Berlin ein Bundesland wird, um auf diese Weise mögliche Mehrheit der sozialdemokratischen Partei im kommenden Bundestag zu verhindern. ..... Das Ansinnen Konrad Adenauer schien mir ungeheuerlich und brachte mich in eine extreme Gewissensnot-"(4)

Die Aufgabe Berlins blieb auch Adenauers Politik als Kanzler. In einem Aide-mémoire vom 1. September 1950 von Bundeskanzler Adenauer und Blankenhorn an die Franzosen heißt es unter "Politische Sicherungen": "1. Berlin nicht 12. Bundesland (soz.)" (5)

3 Erst 1989 kam heraus, daß Adenauer bereits 1955 die Westanbindung der Bundesrepublik Deutschland der Wiedervereinigung vorgezogen habe. Damals wurden bis dahin gesperrte britische Akten freigegeben, darunter auch eine als "Top secret", also mit der zweihöchsten britischen Geheimhaltungsstufe, belegte Notiz des damaligen britischen Unterstaatssekretärs Sir Ivon Kirkpatrik. Dieser hatte folgendes unter der Überschrift "Deutsche Einheit" niedergelegt:

Der deutsche Botschafter, Herwarth von Bittenfeld, wünschte mir gestern vertraulich Einzelheiten zu diesem Thema mitzuteilen. Ich möchte mich erinnern, daß ich nach meiner Rückkehr von Genf zu der Schlußfolgerung gekommen war und ihm gesagt hätte, daß wir mehr Beweglichkeit und eventuell Macht haben zu positionellen Maßnahmen welche Deutschland eine einheitliche Regierung vorschreibt, die völlig freie Herrschaftsgewalt in außenpolitischen Angelegenheiten habe würde, und wir würden ein Zeichen geben, wenn sich die Möglichkeit zu einem vernünftigen Sicherheitsvertrag mit den Russen böte.

2 Der Botschafter teilte mir mit, daß er diese Angelegenheit mit dem Kanzler (Adenauer H.W.) hinsichtlich der sich eröffnenden Möglichkeiten sehr vertraulich beraten gebe: Wir mißbilligen und verurteilen das Anstreben und die Erreichung einer solchen Zielsetzung. Der Grund dazu ist, daß Dr Adenauer kein Vertrauen in das Deutsche Volk hat. ER sei erschrocken und befürchte, nach unserem Abzug von der europäischen Kontinentalszene, daß eine künftige Gesamtdeutsche Regierung ihre Macht zu einer Vertragsübereinkunft gebe er (Adenauer) der Eingliederung Westdeutschland in den Westen mehr Bedeutung als der Wiedervereinigung Deutschlands. Er wünsche uns dies zur Kenntnis zu bringen, und wir sollten alle Energien zur Erreichung dieses Zieles einsetzen, auch nach ihm, und er hoffte, daß wir alle unsere Kraft einsetzen, um ihm dabei zu helfen.

3. Diese Aussprache sei, so sagte mir der Botschafter mit Nachdruck, auf Wunsch des Kanzler erfolgt, der seine Meinung bekannt zu machen wünschte, aber es würde für den Lauf der Dinge und seine politische Stellung völlig katastrophal sein, wenn seine Ansicht, die er hier mit Offenheit vortragen ließ, jemals in Deutschland bekannt werden würde. December 16, 1955."

Kirkpatrik genehmigte den Umlauf als Kabinettsvorlage in Whitehall, datiert vom 19. 12. 1955 (Az. WG (West Germany 107I/G 1374).

Umseitig erfolgte zum Az, PO 371/118254 - 154488 der handschriftliche Eintrag Kirkpatrichs, daß das (German paper)  sowohl dem Premierminister als auch dem State department in Washingtonn zur Kenntnis gebracht werde. DieRegistrierung und Archicierung im britischen Außenministerium erfolgte am 19. 1. 1956 unter dem Archiv-Titel Deutschland Einheit, Berichtsgespräch mit dem deutschen Botschafter über die Haltung Dr Konrad Adenauers zur Deutschen Einheit oder Einbindung West Deutschland in den Westen, Action compl.Index 2/2/61.

Daß Adenauer beim Mauerbau 1961 seinen Wahlkampf zunächst ungestört weiterführte und erst Tage später und nach den Amerikanern nach Berlin kam, liegt auf derselben Ebene des Rheinbündlers, der für Berlin und Preußen wenig übrig hatte.

 

Anmerkungen

1 Vgl Peter Koch, "Konrad Adenauer", Rowohlt, Hamburg 1955, insbes. S 41; "Der Spiegel" Nr 9, 1976, S. 58-68, Unabhängige Nachrichten Nr 1, 1976 S 1 - 9.

2 Ebenda "Die Zeit", Nr 18 vom 25 April 1986, S. 23

3 Vgl. auch DI-Meldung "Adenauer gegen Berlin als Bundeskanzler", im "Korrespondenz Spiegel" des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr 130/59 vom 21. 7. 1959

4 Zitiert u.a. in "Reichsruf" vom 3. 10. 1959 unter dem Titel "Ungeheuerliche Vorwürfe gegen Adenauer"

5 Ebenda