Aus die Reihe "Richtstellungen zur Zeitgeschichte Der Große Wendig" Band 2. Seite 591 Herausgegeben von Grabert Verlag, 72006 Tübingen, Postfach 1629

Reparationen: Entführung deutscher Geisteselite

von Claus Nordbruch

Die Alliierten beschränkten sich bei ihrer Plünderung Deutschlands 1945 keineswegs nur auf den Raub deutscher Patente und Kunstwerke oder die Demontage deutscher Industrieanlagen. Besonders interessierten waren die Sieger an den Schöpfern dieser unermeßlichen Schätze(1). Der Stellvertretende Kommandeur für die Verwaltung der US-Landstreitkräfte in Europa, General Hugh Knerr. Legte dieses gewaltige Interesse der Alliierten mit einem Bekenntnis ab: "Die Besetzung deutscher wissenschaftlicher und industrieller Einrichtungen hat die Tatsache enthüllt, daß wir auf verschiedenen Gebieten der Forschung alarmierend rückständig sind. Wenn wir diese Gelegenheit nicht benutzen, den technischen Apparatur und die Köpfe, die ihn entwickelt und geleitet haben. zu ergreifen, und wenn wir die deutschen Techniker nicht sofort wieder an ihre Arbeit setzen, werden wir mehrere Jahre lang im Rückstand bleiben"(2) Folglich organisierten die Befreier auch und gerade die professionelle Jagd auf die Vertreter der deutschen Intelligenz. Es war eine genau geplante und rigoros ausgeführte Maßnahme, die mit der Vernichtung oder Neutralisierung der deutschen wissenschaftlichen Führungsschicht, der geistigen Elite Deutschlands, enden sollte.

Bekanntlich hatten die Amerikaner bei Eintritt des Waffenstillstandes am 9. Mai 1945 auch große Teile Mitteldeutschlands und des Sudetenlandes besetzt. Die dort ansässige Wissenschaftler und Techniker galt es selbstredend noch vor dem Anzug der US-Truppen zum 1. Juli 1945 für die eigenen Zwecke zu sichern. Folglich wurden in Thüringen und Sachsen Hunderte Repräsentanten der deutschen Intelligenz "überreden", zunächst einmal in die amerikanische Zone überzuwechseln. Diese Aktion liefen von April bis Juni 1945 auf Hochtouren, schließlich handelte es sich um überaus lohnende Menschenware. Im noch amerikanischen Bereich befanden sich wesentlich Vertreter der deutschen CrPme de la crPme aus Technik, Wissenschaft und Forschung. Im Merseburg stand das Forschungszentrum für die Gewinnung synthetischen Kraftstoffs, in Jena lagen die Zeiss-Optikwerke und das revolutionäre Glaswerk Schott & Genossen, die Forschungslaboratorien der IG Farben waren in Wolfen in der Nähe von Bitterfeld, die Junkerswerke in Dessau, und nicht zu vergessen waren die Eliteschulen der Nation, die Universitäten Halle, Leipzig und Jena, sowie viele andere Firmen und Einrichtungen mehr.

Als der Termin des vereinbarten Abzuges immer näher rückte, wurden sich die Amerikaner - und die Briten, die den Großteil Mecklenburg besetzt hielten und sich zum 1. Juli zurückziehen mußten - bewußt, daß der Schöpfungsreichtum der Deutschen viel zu umfangsreich war, um ihn innerhalb weniger Wochen ausgiebig plündern zu können. Folglich galt es, in den Besitz der entsprechenden Menschen selbst zu kommen. Hierzu wandte man bot allem Versprechen an Arbeitsverträge und -plätze wurden versprochen, ebenso wie Wohnungen und Häuser, hervorragende Lebensbedingungen, hochwertige Werkzeug und leistungsfähige Einrichtungen in den Laboratorien usw. Selbstverständlich sei in diesem entgegenkommenden Angaben der Umzug der Familien miteinbegriffen, und ebenso selbstverständlich würde man sein Privateigentum, seine Möbel und Haushalteinrichtungen mitnehmen können. Für das, was man jedoch zurücklassen müsse, wurde Ersatz versprochen. Universitätsprofessoren und Institutsdirektoren wurde zuerst zugesagt, ihre Assistenten, Sekretärinnen und sonstigen engen Mitarbeiter mitnehmen zu können. Industrie- und Forschungsgruppen wurde zugesagt, daß sie im geschlossenen Verband übertreten können. Es waren viele Hunderte - amerikanische Quellen zufolge über 1500(3) -, die den Verlockungen mehr oder weniger freiwillig Glauben schenken.

Nachdem die gefragten Deutschen angesichts der allgemeinen Not und der Unmöglichkeiten, unter den augenblicklichen Verhältnissen wissenschaftlich weiterzuarbeiten, notgedrungen ihre Zustimmung gegeben hatten und meist nach Darmstadt oder Heidelberg "evakuiert" wurden waren, stellte sich alsbald heraus, daß von den Versprechungen kaum etwas gehalten wurde. Die Wirklichkeit der "Gäste der amerikanischen Regierung" sah wesentlich düster aus. Die meisten Zwangsevakuierten konnten nicht in ihrem Fach arbeiten und dazu beitragen, daß Deutschland sich in den jeweiligen Branchen weiterentwickelte. Sie wurden tatsächlich in die USA verfrachtet. Einem internen Bericht des OMG, vom 12. August 1947 zufolge erhielten von den 419 zwangsevakuierten Technikern und Wissenschaftern, die in und um Heidenheim interniert worden, lediglich 14 Persönlichkeiten Arbeitsgenehmigungen in der USA. Der Rest wurde gerade nach Beendigung der Kampfhandlungen mit Japan, um die Worte von Johan Gimbel zu gebrauchen, übergangen und fallengelassen. Einige versuchten darauf ihr Glück in der französischen Zone oder in Frankreich und Britannien, einige wenige gingen in ihre Heimat zurück. Die meisten aber litten an schmerzlicher Entbehrung wirtschaftlich, moralischer und psychologischer Art die ihre Wurzeln im der unvorbereiteten und chaotischen Zwangsevakuierung aus der Heimat hatten.(4)

Im Juli 1945 lief das amerikanische "Oroject Overcoat" an. Im Zuge dieses mit der höchsten Geheimhaltungsstufe versehenen Militärunternehmens galt es, die etwa 350 auf der Welt führenden Raketenspezialisten und -ingenieure in die USA zu bringen. Im Herbst 1946 wurde dieses Vorhaben auf 1000 deutsche Gehirne erweitert und in "Project Paperclip" umbenannt. Der theoretischen Absicht sollten Taten folgen. Tatsächlich sind zwischen 1945 und 1955 nicht weniger als 765 Wissenschaftler, Ingenieure, Techniker und andere Spezialisten unter diesem Programm in der Vereinten Staaten gebracht worden(5).

Samuel Goldsmit erhält vom US-Staat einem Orden für seine "Verdienste: Unmittelbar nach der Landung der Alliierten 1944 hatte er den Auftrag erhalten, mit seiner Gruppe sämtliche wissenschaftlichen und industriellen Geheimnisse aufzustöbern bevor sie vernichtet wurden

 

Wie war das "Paperclip-Project" organisiert? Die Amerikaner ließen noch während der militärischen Kampfhandlungen ihrem Kampftruppen unter der Führung von Oberstleutnant Boris T. Pash mehrere Einheiten der sogenannten "Alsos"-Gruppe folgen, die den Auftrag hatten, deutsche Spezialisten, "Zielscheiben" genannt, ausfindig und dingfest zu machen. Der militärische Leiter war General Groves, der wissenschaftliche Leiter von Alsos war der aus Niederlanden stammende jüdische Physiker Samuel Goudsmit. Diesen Einheit, die sich hauptsächlich aus Agenten, Wissenschaftlern und Rechnikern zusammensetzten, gelang es, den Chef des Reichsforschungsrats, Dr Werner Osenberg, in Londau mit 150 seiner engsten Mitarbeiter gefangenzunehmen und so in den Besitz von Listen zu gelangen, auf denen die Namen von etwa 15.000 der führenden deutschen Wissenschaftler und Techniker verzeichnet waren. Sofern die sich in ihrem Einflußgebiet befanden, wurden diese Angehörigen der geistigen Elite des Deutschen Reiches von den Amerikanern vernommen. Diejenigen, an denen die Amerikaner besonders interessiert waren, wurden ausgesondert und in eigens hierfür eingerichteten Büros einer intensiveren Befragung unterzogen(6).

Das "Project Paperclip" war keineswegs, wie es im zeitgeisthörigen Schrifttum verniedlichend dargestellt wird, lediglich ein Aktionsprogramm, die deutsche Raketenindustrie abzubauen und für eigene Zwecke zu gebrauchen. Unter dem Project "Paperclip", das die Amerikaner als umfangreiche intellektuelle Reparationsmaßnahmen ansahen, verstand man vielmehr die Suche und Rekrutierung herausragender deutscher und österreichischer Wissenschaftler sowie Techniker aller Fachrichtungen, die unter Umgehung der üblichen Einwanderungsvorschriften mit ihren Familien im Interesse der amerikanischen Nation und im Interesse der nationalen Sicherheit (!) In die USA gebracht werden sollten. In diesem Falle verzichteten die Amerikaner großzügig auf die sonst üblichen entehrenden Entnazifizierungsmaßnahmen.(7) Viele der deutschen Spitzenwissenschaftler und Forscher waren Mitglieder in der NSDAP oder Angehörige der SA, der SS oder anderer nationalsozialistischen Organisationen, was für gewöhnliche Sterbliche ein Einreiseverbot in die USA oder aber eine Verweigerung der Aufenthaltsgenehmigung bedeutete. In diesen besonderen Fällen freilich handelte man von seiten des Amerikaner unter Umgehung der gesetzlichen Bestimmungen flexibler.

Sobald die deutschen Fachleute in die Vereinigten Staaten eingereist waren, wurden sie, ihren Forschungsbereichen entsprechend, auf amerikanische Firmen, Universitäten und Forschungszentern aufgeteilt. Diese dem deutschen Volkskörper und der deutschen Volkswirtschaft entnommenen Eliten von Können und Wissen wurden fortan für die USA genutzt. In einer ursprünglich zur Veröffentlichung freigegebenen, schließlich aber doch zurückgehaltenen Presseerklärung des US-Geheimdienstes ("Joint Intelligence Objectives Agency") vom 11. März 1946 heißt er denn auch unumwunden, daß die amerikanische Staatsführung lange vor Einstellung der Kampfhandlungen beschlossen habe, eine vollständige Ausbeutung Deutschlands in bezog auf technische Kenntnisse durchzuführen (complete exploitation of Germany for tchnical information). Die Ausbeutung machte es nötig, mehrere hundert hochqualifizierte amerikanische Techniker und Wissenschaftler dicht an den Fersen unserer erobernden Armeen nach Deutschland zu entsenden. Diese Untersuchungsbeamten haben Herstellungspläne und Betriebsanlagen, Aufzeichnungen und Dokumente geprüft sowie deutsches Personal ins Kreuzverhör genommen..... Schritte werden nun unternommen, die Ausbeutung auszudehnen: Die besten deutschen Wissenschaftler und Techniker werden hierher ins Land gebracht, damit deren Talent hier nutzbar gemacht werden können..... Viele dieser deutschen Wissenschaftler und Techniker werden in Verbindung mit der Waffenentwicklung zur Ausbeutung durch die Luftwaffe und Kriegsdienststellen aus Gründen der nationalen Sicherheit hierher gebracht ... Andere deutsche Wissenschaftler und Techniker werden für zivile Zwecke zur Ausbeutung in die Vereinten Staaten gebracht werden, vor allem für die amerikanische Industrie..... Sie werden eher auf einer uneingeschränkten Grundlage ausgebeutet. als von bestimmten Firmen angestellt werden.....Die Ausbeutung dieser hochqualifizierten Deutschen wird von enormen Wert für die Entwicklung neuer Waffensysteme sein, die die Deutschen bereits am Ende des Kriegs entworfen hatten .... Aus dem oben Genannten ist es einleuchtend geworden, daß der Regierung Staubsaugermethoden anwendet, um die gesamte technische und wissenschaftliche Kenntnis zu erhalten, über die die deutschen verfügen. Der Wert dieser Informationen für die Vereinigten Staaten wird aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwelche Reparationen in Bargeld bei weitem übersteigen."(8) In der Tat: Bereits 1947 schätze die amerikanische Besatzungsmacht die Ersparnisse durch Einsatz deutscher Raketenforscher auf mindesten 750 Millionen US-Dollar.(9)

Die Briten hatten zum Zweck der Sicherung "ihrer" deutschen Fachleute in England Büros eingerichtet. Folglich mußten die deutschen Spezialisten zu den befohlenen Befragungen direkt auf die Insel gebracht werden, von der sie, britischen Vorstellungen zufolge, nicht mehr zurückkehren sollten, um auf diese Weise dem Zugriff der Konkurrenz entzogen zu werden. Nach Britannien wurden vor allem Atomforscher und viele Luftfahrtingenieure gebracht oder vielmehr: verfrachtet. Unter diesen befand sich auch Flugbaumeister Karl Doetsch, der als Angehöriger der Elite deutscher Testpiloten jeder Flugzeugtyp der Alliierten geflogen hatte. Doetsch hatte während des Krieges "fortschrittlich Navigations- und Autopilotgeräte erfunden und getestet und bahnbrechende Arbeit in der Entwicklung von Präzisionsinstrumenten geleistet, mit denen Flugzeuge im Flug geprüft werden konnten, von denen Amerika und England noch nicht einmal träumten"(10). Auch der Pionier der Antriebtechnik Dietrich Kochemann wurde nach Britannien gebracht. Dort mauserte er sich zu einem der erfolgreichsten Konstrukteure Englands, wurde zu einem vielbewunderten und ,it Orden ausgezeichneten britischen Staatsbürger und konstruierte das Überschall-Linienflugzeug der Welt, die "Concorde".(11)

Der Franzosen waren im "deutschenklau" noch gewiefter als die Briten: Französische Agenten rekrutierten deutsche Wissenschaftler und Fachkräfte unter den Augen der Amerikaner. Sie "heuerten" deutsche Spezialisten, die vor dem Abzug der Amerikaner aus Mitteldeutschland nach Heidenheim evakuiert worden waren , direkt im amerikanischen Gewahrsam an. Auch erreichten sie es, zum Beispiel Farbfilmspezialisten der I G Farben Agfa (Wolfen), Konstrukteure von BMW sowie Windkanaltechniker, die bereits für die Abtransport in die USA ausgewählt waren, nach Frankreich zu schleusen. Diese Tätigkeit hatten derart gewaltige Ausmaße erreicht, daß im Februar 1946 die amerikanische Regierung ("Joint Chief of Staff") sich genötigt sah, den Franzosen und Russen weitere Befragungen von "wichtigen deutschen Wissenschaftlern und Technikern, die sich en der amerikanische Zone befanden, zu untersagen.(12)

Diese Maßnahmen konnte die Franzosen nicht daran hindern, ihren Teil an prominenten Beutedeutschen für sich zu sichern. Unter der entführten Geisteselite befand sich beispielsweise die Luft- und Raumfahrtkonstrukteure und Spezialisten für Überschalltriebwerke Eugen Sänger und Irene Bredt, der Flugexperte Hellmut von Zborowski, der Aerodynamiker Wilhelm Sebold und der Leiter der Forschungsabteilung bei Junker Heinrich Hertel. Auch die gesamte Mannschaft des Ballistischen Instituts in Berlin-Gatow. Das unter der Leitung von Prof. Scharden stand, fiel in französische Hände. Deutsche Fachleute arbeiteten in französischen Militärlaboratorien. mit Infrarotstrahlen, verfeinerten die Technik, flüssige Luft zu verwerten und entwickelten Raketenmotoren und fliegende Luftzielscheiben. Dank der deutschen Forscher und Ingenieure konnte das Französische Laboratorium für Forschung und Rüstung überhaupt erst entehen.(13)

 Sie wurden in die Sowjetunion verschleppt. Von links Nobelpreisträger Physik Gustav Hertz, Hellmut Grottrup, Manfred von Ardenne, Nikolaus Riehl

Die Sowjets standen ihren amerikanischen und alliierten Verbündeten in deren Gier nach deutschen Wissen und deutscher Intelligenz um nichts nach. Einige Beispiele für die Verschleppung von Fachpersonal und Entführung von Wissenschaftlern, Ärzten und Facharbeitern mögen das Ausmaß dieser Geistesbeute verdeutlichen. Im September 1945 wurde - und das ist typisch für alle Firmen, die den Sowjets indie Hände fielen - beispielsweise aus dem Lauta-Werk in Hoyerswerda, eines der größten Aluminiumwerke Deutschlands, in die Sowjetunion deportiert: die Direktoren Todt und Dr Karl Seifert, Chemiker Dr Rohricht, Oberingenieur Meyer, hauptelektriker Funke, Elektromeister Hansel, die Maschinenmeister Mrowinsk und Mischork, die Turbineningenieure Schutzel und Waldner sowie die Kesselmeister Tschunkert, Jordan und Gregert. Insgesamt fielen auf diese Weise zwei Drittel der deutschen Flugzeugindustrie in sowjetische Hände. Unter den berühmten deutschen Gehirne, die in der Sowjetunion eher mehr als weniger zwangsverpflichtet wurden, befanden sich unter anderm Nobelpreisträger Gustav Hertz und sein Mitarbeiter Heinz Barwich, der Direktor des Kaiser Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie Peter Thiesen. Der Ordinarius für physikalische Chemie an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg Max Vollmer, der Leiter des Dahlemer Kältelaboratorium L Bewilogua, der Erfinder Manfred von Ardenne, der Leipziger Kernphysiker R Dopel, der Direktor der Wissenschaftlichen Hauptstelle der Auergesellschaft Nikolaus Riehl und der Freund Werner von Brauns, Hellmut Grottrup, der zum Chef der deutschen Forschermannschaft in der Sowjetunion aufstieg.

Die Weiträumigste Entführung deutscher Wissenschaftler und Techniker, im Englischen oftmals entstellend als "mass evacuation" bezeichnet, wurde in Mitteldeutschland unter dem Codenamen "Operation Ossavakim" durchgeführt. Sie fand in der Nacht von 21 auf den 22. Oktober 1946 statt. In dieser Nacht erhielten Tausenede Facharbeiter vor allem aus den Kernbetrieben der Motoren- und Luftfahrtindustrie und der Waffentechnik den Befehl, umgehend nach Rußland "auszuwandern". Innerhalb weniger Stunden hatten sie sich mit ihren Familien für den Abtransport bereit zu halten. In jener Nacht traten etwa 20.000 deutsche Menschen - Wissenschaftler, Techniker und deren Familien - die Reise ins Ungewissen an, vor allem mit der Bahn. 92 Züge sollen es gewesen sein, die vollbepackt mit dem Beutegut Mensch über Frankfurt/Oder - Posen - Warschau - Brest - Minsk nach Moskau liefen. Es waren deutsche Menschen, deren man sich als Sklaven des 20. Jahrhundert beliebig bedienen konnte, während gleichzeitig deutsche Industrielle und Politiker vor den Tribunal der Sieger standen, sich für die während des Krieges beschäftigen Fremdarbeiter zu verantworten hatten und hierfür meist zum Tode verurteilt wurden.

 Kurt Magnus (1912 - 2003) wurde 1946 in die Sowjetunion verschleppt, wurde dort sieben Jahre lang in einem Wissenschaftslager (auf der Insel Corodomfja interniert und kehrte 1953 heim

 

Einer unter diesen aus der Sowjetischen Besatzungszone Verschleppten war der Magdeburger Professor für Angewandte Mechanik Kurt Magnus. Er schildert in seinem Buch, das den treffenden Titel "Raketensklaven" trägt, wie die sowjetischen Häscher ihre vorher genau bestimmten Opfer regelrecht überrannten und ihnen keine Chance ließen, sich ihrem Zugriff zu entziehen_ "Wir müssen Ihnen mitteilen, so fängt der Sowjetmensch ein Schriftstück vorweisend, an, "daß das sowjetische Ministerium für Bewaffnung angeordnet hat, die Zentralwerke (Magnus’ damaligen Arbeitsplatz in Bleicherorde, C.N) in die Sowjetunion zu verlegen. Die Fachkräfte des Werkes, also auch Sie, worden deshalb in den nächsten Jahren in der Sowjetunion arbeiten. Die Abreise beginnt noch heute." Ich springe vom Stuhl auf, laufe erregt hin und her. Das ist doch Unsinn! Aber nur jetzt keine Dummheiten machen - erst einmal nachdenken. Mir fällt im Augenblick nichts Besseres ein als der Hinweis auf meinen Arbeitsvertrag "Im Fall einer Verlagerung habe ich das Recht zu fristloser Kündigung. Ich machte hiermit Gebrauch davon!" Meine Gegenüber läßt sich darüber nicht beeindrucken, auch nicht durch weitergehende Erklärungen. Er überhörte alle Einwände und antwortet dann, jedes Wort betonnend: "Wir werden Befehl von Minister Ustinow ausführen. Bis zwölf Uhr mittag werden Sie mit Frau und Wohnungseinrichtung hier abgeholt und verladen. Soldaten packen ein - Sie ordnen an!" "Ich protestiere! Verlassen Sie sofort meine Wohnung"! Ein Anflug von fast mitleidigen Lächeln zeigte sich auf den sonst undurchsichtig verkniffenen Gesichtern: "Machen Sie uns und sich selbst doch keine Schwierigkeiten. Sie können jetzt nichts ändern. In Rußland werden Sie gut leben, schönes Land, große Wohnung, viel besser als hier, gutes Essen, viele gute Freunde." "Halten Sie es etwa für ein Zeichen von Freudschaft, wenn Sie uns hier nachts aus den betten holen und verschleppen wollen?" "Bitte, Sie werden sein Gast der Sowjetunion - und wir wissen, was wir Gästen schuldig sind"(14)

Oben Skizze der Insel Corodomfja; unter Magnus’ letzte Quartier in der Sowjetunion. Beide Abbildungen aus, Kurt Magnus, Raketensklaven. "Deutsche Forscher hinter rotem Stacheldraht", DVA, Stuttgart 1993

So wie in diesem geschilderten Fall, ergingen es in dieser Nacht Tausenden von Wissenschaftlern, Technikern, Konstrukteuren, Ingenieuren, Monteuren und Werksmeistern und deren Familien in Halle, Rostock, Jena, Leipzig, Schkopau, Taucha, Ost-Berlin, Merseburg, Dresden, Chemnitz, Dessau, Marienburg Städten und Ortschaften in Mitteldeutschland(15). Erst Jahrzehnte später, Anfang der neunziger Jahre, räumte man in Rußland den gewaltigen russische Forschung und Technik ein. In der Woche vom 4. bis zum 10. März 1992 erschien in der russischen Tageszeitung "Iswestija" eine entsprechende Anerkennung unter der alles bezeichneden Überschrift "Am Anfang der sowjetischen Raketen-Triumphe standen Deutsche". Nicht nur das Es waren Deutsche, die in der Sowjetunion die Atomindustrie aufbauten und jene Raketen schufen, mit denen es den Sowjetunion gelang, einen Sputnik, den ersten Erdsatelliten, in die Erdumlaufbahn zu schießen, noch bevor deutsche Wissenschaftler in den USA gleichzofen und die wenig später mit der Mondlandung, sogar übertrumpften. Für Deutschland aber bedeutete der Aderlaß des Großteils seiner herausragenden Wissenschaftler und Forscher den Bruch in der Kontinuität der wissenschaftlichen Tradition.

Anmerkungen

1 Für detaillierte Angaben siehe Claus Nordbruch "Der deutsche Aderlaß." Deutschland und Entschädigung für Deutsche," Tübingen 2003 S 341 ff

2 Zitiert nach Bernd Ruland, "Werner von Braun, Mein Leben für die Raumfahrt" Offenburg, 1969, S 362

3 Die Ende 1945 in Hessen ins Leben gerufene Interessengemeinschaft ‘Zwangsevakuierte Wissenschaftler und Techniker Mitteldeutschland gab über ihren Sprecher, Prof. Adolf Smekal, zunächst an, daß 1294 Wissenschaftler und Techniker und 4000 ihrer Familienangehörigen von diesen Maßnahmen betroffen waren. 1948 wurde diese Zahlen auf 1800 und 3500 angepaßt.

4 Vgl. John Gimbel, "US. Policz and German Scientists, Rge early Gold War", in Political Science Quarterly, No 3, 1984, S 450

5 Vgl. Linda Hunt, "US coverup of Nazu scientists", In: ‘Bulletin of the Atomic Science’. April 1985, S 16

6 Vgl. Bernd Ruland, aaO, (Anm. 2) S 265

7 Vgl. John Gimbel, Science, "Technology and Reparation and Plunder in Post-War-Germany", Stanford 1990, S 50f

8 Ebeda, S 187 ff

9 Vgl. Thomas Stamm "Zwischen Staat und Selbstverwaltung. Die deutsche Forschung im Wiederaufbau 1945 - 1965", Köln 1981, S 45

10 Tom Bower, "Verschwörung Paperclip NS-Wissenschaftler im Dienste der Siegermächte", München 1988, S 125

11 Für detaillierte Angabe siehe Claus Nordbruck "Die deutsche Aderlaß" aaO

12 Vgl. John Gimbel "Science, Technology and Reparation" aaO S. 42

13 Vgl. Michael Bar-Zomr "Die Jagd auf die deutsche Wissenschaftler (1944 1960)", berlin 1966 S 192

14 Kurt Magnus "Raketensklaven. Deutsche Forscher hinter roten Stacheldraht", DVA, Stutgart 1993, S. 38f

15 Für detaillierte Angaben siehe: Claus Nordbruch "Der deutsche Aderlaß", aaO S. 350 ff