|
|
|
|
Aus der Reihe "Richtigstellungen zur Zeitgeschichte Der Große Wendig” Band 4, ISBN 978-5-87847-253-7, ISSN 0564-4186. Seite 518 Herausgegeben 2010 vom Grabert Verlag, 72006 Tübingen, Postfach 1629, Deutschland
Die Geiselerschießung von Markdorf 1945 von Rolf Kosick
Bis in die Gegenwart, und damit mehr als 65 Jahre nach Kriegsende, werden in der Bundesrepublik Deutschland noch immer Strafprozesse gegen frühere Wehrmachtangehörige geführt(1), denen vorgeworfen wird, an Geiselerschießungen machverbrecherischen und völkerrechtswidrigen Anschlägen von Partisanen auf deutsche Soldaten beteiligt gewesen zu sein. Dagegen haben Alliierte beim Einmarsch in Deutschland 1945 an vielen Orten Geiselerschießungen durchgeführt, ohne da0 nachher die Beteiligten zur Rechenschaft gezogen wurden(2).
Ein solches Beispiel ereignet sich auch in dem badischen Städtchen Markdorf nahe dem Bodensee. Ein Augenzeuge hat den Vorgang in der Stadtchronik beschrieben(3). Der damals fast 15 jährige erlebte am 29 April 1945 den Einmarsch der Franzosen in Markdorf. An den Ortsausgängen wurden französische Doppelposten aufgestellt, um jeden passierenden Zivilisten zu kontrollieren, da viele deutsche Soldaten in Zivil unterwegs waren, um in ihre Heimat zu gelangen.
Französische Siegesfeier nach der Eroberung von Konstanz am 15. April 1945. In Konstanz und Umgebung von Konstanz herrschte dann eine äußerst gespannte Situation zwischen der deutschen Bevölkerung und den Franzosen, bedingt vor allem durch Geiselerschießungen nach Sabotageakten.
„Um die Mittagszeit des 2 Mai kontrollierten die Franzosen einen deutschen Zivilisten mit Fahrrad. Statt Papiere zog er die Pistole hervor und schoß die beiden Franzosen nieder. Darauf flüchtete er mit dem Fahrrad. Es ist nicht sicher, ob er allein war, alles spielt sich sehr schnell ab“. Die an den Tatort herbeieilenden Franzosen konnten den Geflüchteten nicht mehr fassen. Sie ergriffen dafür einem völlig unbeteiligten anderen Soldaten in Zivil namens Kurt Bischof und brachte ihn sofort um. „Man band den übel zugerichteten Körper des Toten auf eine alte Tür und stellte ihn als Abschreckung gegenüber dem Rathaus am Südpfeiler der Nikolauskirche zur Schau.“
Schell gelangte die Nachricht zum Rathaus, wo der alte Bürgermeister Eugen Grieshaber, ein Parteimitglied, noch tätig war Ihm war es gelungen, in letzter Minute die Stadt kampflos den Angreifern zu übergeben. Er weigerte sich gegenüber den dieses fordernden Franzosen, Markdorfer Bürger als Geiseln zu benennen, und erklärte ihnen „Erschießen Sie mich, aber angeben werde ich niemanden“! Auch der schon zu seinem Nachfolger vorgesehene Zentrumsmann und NS-Gegner Wilhelm Kahles weigerte sich und äußerte sich ebenso.
„Offensichtlich unter dem Eindruck dieser mannhaften Weigerung reduzierten die Franzosen die Geiselzahl auf die Hälfte und beschlossen, vier gefangene Soldaten zu erschießen. Vergeblich hatte sich Stadtpfarrer Jakob Boch zweimal eingesetzt, um das Urteil rückgängig zu machen, doch es blieb unwiderruflich“.
Noch am selben Tag wurde die Geiselerschießung vorgenommen. „Kurz nach 18 Uhr, der Sperrstunde, ab der niemand auf die Straße durfte, wurden die vier unglücklichen Soldaten an der Kirchenmauer gegenüber dem Rathaus von einem Todeskommando erschossen. Stadtpfarrer Boch und der Verbindungsmann und später Bürgermeister Kahles waren beider Erschie0ung zugegen. Vom Fenster des Hauses Obertorstraße 1 sah auch ich entsetzt zu, wie die Soldaten fielen und wie dem letzten, der noch laot schrie, ein Franzosen mit der Pistole das Leben auslöschte.“
Der Augenzeuge überlieferte auch Namen der Erschossenen, meist Familienväter mit mehreren Kindern: „Die vier Erschossenen waren: Daniel Lichtenfels (9 Kinder), Wilhelm Zimmer (5 Kinder), Walter Frey (3 Kinder), und der unverheiratete Franz Bodenmüller. Alle fünf Toten wurden vom Leichenschauer Theodor Gutemann auf einem mit Ochsen bespannten Wagen in die alte Friedhofskapelle überführt und zwei Tage darauf, am Freitag, dem 4. Mai nachmittags, von Pfarrer Boch beerdigt. Auf Befehl des Kommandanten wurde noch am selben Abend im Ort ausgeschellt, daß bei einem ähnlichen Falle mindesten 20 Geiseln erschossen Würden“
An der Kirchenmauer wurden die vier unglücklichen Geiseln erschossen. Am Pfeiler des Chores wurde der erschlagene Kurt Bischof ausgestellt Aus „Die Geiselerschießung am 2. Mai 1945 (Anm. 3)
Daniel Lichtenfels Wilhelm Zimmer Walter Frey Franz Bodenmüller Grab von Kurt Bischof
Anmerkungen 1 So gegen Josef Scheungraber 2008/2009 vor dem Landgericht in München mit Urteil von 11. August 2009 oder gegen Heinrich Boere 2010 in Aachen 2 Mehrere Beispiele in die vier andere Bände dieser Bücherserie 3 „Die Geiselerschießung am 2. Mai 1945“, in: Stadt Markdorf (Hg.), Markdorf Geschichte und Gegenwart, Kehrer, Freiburg o.J., S 123f
|