Aus die Reihe "Richtstellungen zur Zeitgeschichte Der Große Wendig” Volume 2, Seite 302 Herausgegeben 2007 von Grabert Verlag, 72006 Tübingen, Postfach 1629

 

US-Offizier stahl Quedlinburger Domschatz

 

 

Einen besonderen Fall amerikanischen Kunstraub stellt der Diebstahl des ehemaligen Quedlinburger Domschatzes dar, der Jahrzehnte später für Millionen Dollar von dem rechtmäßigen Eigentümer zurückgekauft werden mußte – ein Rechtsskandal sondergleichen.

 

Mit über 50 prächtigen Stücken, reichverzierten Evangeliarien sowie Reliquiaren und andere kostbaren Schmucksachen, zählt der Schatz des Quedlinburger Domschatz, der früheren Stiftskirche St. Servatius, zu den wertvollsten erhaltenen Kirchenschätzen Deutschlands.  Viele Stücke stammen aus der Zeit der Sachsenkaiser, also aus der ersten Zeit des deutschen Königtums.  Um ihn im Zweiten Weltkrieg vor Zerstörung zu schützen, war er in einen Bergwerksstollen ausgelagert worden, der bewacht wurde.  1945 übernahmen US-Truppen die Bewachung.

   Joe Meador, Oberleutnant beim 87. Artillerie-Bataillon, Kunstgeschichtler und DIEB

Deren Leiter, der amerikanische Oberleutnant Joe T. Meador, hatte Kunst studiert und erkannte den Wert des Schatzes(1).  Er wählte mit Kennerblick die zwölf wertvollsten Teile aus und sandte sie dann ganz normal mit der Feldpost an seine Mutter in Texas.  Dort übergab er später Teile des Schatzes seiner Bank als Sicherheit für einen Kredit für sein Geschäft,  Im Banktresor wurden die einmaligen Kunstgegenstände dann gefunden.  Ein US-Offizier im Dienst beging damit 1945 nicht nur einen gemeinen Diebstahl, sondern auch ein Verbrechen gegen die Kultur, indem er die bedeutendsten Teile eines wertvollen Kirchenschatzes verschwinden ließ, sich selbst aneignete.  Für die rechtmäßigen Besitzer und die deutsche Öffentlichkeit galten die fehlenden Stücke – unersetzliche Kostbarkeiten wie das ganz in Gold getriebene Samuhel-Evangeliar – wie dieser Zeit als in den Kriegswirren verloren oder zerstört.

 

 

 

 

 

                                                                                             Erste Seite des Samuhel-Evangeliym

Einige Jahre nach Meadors Tod (1980) versuchten seine Geschwister Teile des ihnen zugefallenen wertvollen Erbes zu Geld zu machen.  Sie benutzten dunkle Kunstmarkverbindungen, um erstmals 1988 das kostbarste Stück des Diebesgutes, das Samuhel-Evangeliar, eine Handschrift aus dem 9. Jahrhundert und heute einer der Hauptwerke der frühmittelalterlichen Buchmalerei, für neun Millionen Dollar der Stiftung Preußischer Kulturbesitz anzubieten.  Die damals noch vorhandene Spaltung Deutschlands verhinderte jedoch zu dem Zeitpunkt das Geschäft.

 

Nach der kleinen Wiedervereinigung Deutschlands wurde das Stück dann im April 1990 der Kulturstiftung der Länder (KSL) angeboten, wobei drei Millionen Dollar als ‚Finderlohn‘ gefordert wurden.  Der Generalsekretär der Stiftung, Klaus Maurice, ging angesichts des Wertes des Stückes notgedrungen darauf ein und vereinbarte Ratenzahlung.  Nach Zahlung der ersten beiden Raten in Höhe von 1,75 Millionen Dollar konnten die unrechtmäßigen Besitzer in den Vereinigten Staaten ausgemacht und die restlichen Stücke in Texas beschlagnahmt werden.

 

Wer nun allerdings meint, darauf wäre daß Diebesgut dem rechtmäßigen Besitzer, der Lutherischen Kirche von Quedlinburg, übergegen und die Erpresser wären bestraft worden, hat vom geltenden Recht in den USA keine Ahnung.  Ein komplizierter Rechtsstreit zwischen des Quedlinburger Kirche, die nun von der KSL unterstützt wurde, und Meador-Erben begann, wobei der amerikanische Staat sich aus der ganzen Angelegenheit heraushielt, insbesondere sich auch nicht für den Diebstahl durch den Offizier in seinen Diensten entschuldigte.

 

  Illustrationen zum König Kapitel 15

Die Meador-Erben beriefen sich darauf, daß sie ihr ‚Erbe‘ doch ‚guten Glauben‘ angetreten hätten, obwohl sie genau wußten, daß ihr Bruder den Schatz gestohlen hatte, hatten sie sich doch nach Deutschland und an die dafür interessierten Stellen gewandt.  Texanisches Recht begünstigte sie als Besitzer.  Schließlich gab es anscheinend für die deutschen Vertreter nur eine Möglichkeit, um zu verhindern, daß die restlichen Stücke des Domschatzes für immer auf dem internationalen Kunstmarkt in privaten Händen verschwanden:  Sie mußten im Januar 1991 einem außergerichtlichen Vergleich zustimmen.  Darin erklärte sich KSL bereit, für den gesamten gestohlenen Schatz noch einmal 912 500 Dollar an die Erben zu zahlen.  Daraufhin kehrten die restlichen Stücke nach 45 Jahren am 29. April 1992 nach Deutschland zurück.  Von Oktober 1992 waren sie bis 30. Mai 1993 auf der Ausstellung ‚Der Quedlinburger Schatz wieder vereint‘ im Berliner Kunstgewerbemuseum zu sehen.

 

Statt den Räuber und die Hehler, die jahrzehntelang das kostbare kirchliche Gut verborgen und damit Öffentlichkeit vorenthalten hatten, zu bestrafen und solches Tun an den Pranger zu stellen, haben der amerikanische Staat und die dortige Öffentlichkeit nicht nur nicht sich entschuldigt oder Wiedergutmachung angeboten, sondern es zugelassen, daß 2 662 500 Dollar vom deutschen Eigentum erpreßt wurden, indem man schamlos das kulturelle Interesse der deutschen Stellen ausnutzte.

 

Was wäre wohl passiert, wenn ein einfacher deutscher Soldat – geschweige denn ein hochrangiger Offizier – eines solchen privaten Raubes überführt worden wäre oder seine Nachkommen nachträglich aus dem Diebstahl solches Kapital hätten schlagen wollen?  Die Welt würde noch widerhallen von solcher Barbarei der Deutschen und der Wehrmacht.  Für die als Weltbeglücker und Friedensbringer angetretenen Amerikaner ist ein solcher berechtigter Vorwurf gar kein Thema(2)

 

 

Anmerkungen:

1  Die Welt, 31 Oktober 1992

2  ZDF-Sendung „Die Sieger und das Nazi-Gold“, 3 September 2005, um 0 Uhr 15

 

Lesen Sie auch Der Jahrhundertraub von Quedlinburg