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Printed in Switzerland Copyright 1949 by Hans Rudolf Zürich (Switzerland) Druck: E. & A. Kreutler, Zürich Vorwort des Uebersetzers „Deutschland kann als das Herz Europas betrachtet werden. Die grosse festländische Vereinigung wird ihre Unabhängigkeit nicht anders wieder zu finden vermögen als durch diejenige dieses Landes“. Madame de Staël Dieses Buch ist ein Beitrag zu der grossen Krise des Rechtsgedankens, in der das Abendland heute steht. Wie der Lichtstrahl sich durch eine Wellenbewegung fortsetzt, so verwirklicht der Sinn unseres Daseins sich durch ein Auf und Ab des Lebensstroms. Einem Wellenberg folgt ein Wellental und diesem wieder ein Wellenberg. Einer Blüte ein Verfall und diesem ein neuer Aufstieg. Kaum scheint das ferne Ziel erreicht, tritt auch die Abkehr von ihm schon wieder ein. Aeusserlich gesehen macht ein Wechselspiel von Annäherung an das Ziel und Wiederentfernung von ihm den Inhalt der Menschengeschichte aus. Aber ohne Abstieg kein Aufstieg. Wie das Licht den Punkt, nach dem es ausgesandt ist, nur in den unzählbaren Schwingungen des Aethers erreicht, so findet das Leben seine Sinnsverwirklichung nur in den ewigen Auf- und Abschwankungen zwischen Geburt und Tod, Jugend und Alter, Aufstieg und Niedergang. Aus Gegensätzen gebiert die Weltgeschichte die ewigen Werte des Daseins. Wo kein Wechsel der Jahreszeiten ist, wird das Blut träge. — 4 — Diesem Auf und Ab, hoher Geltung und völliger Missachtung ist auch das Recht unterworfen. Rechtsblüte und Rechtszerfall folgen einander wie Frühling und Herbst, Sommer und Winter. Wir finden Zeitalter, in denen der Richter sein Amt in keiner anderen Weise übt als der Arzt, der ein gebrochenes Glied «einrichtet», damit die Natur die Heilung an ihm vollziehen und es wieder gesund machen kann. Und gleich darauf begegnen wir wieder Zeiten, in denen aus Rachedurst und um der Vergeltung willen gerichtet wird und Rechtsprechung nicht dazu da ist, zu bessern und von Irrtum zu heilen, sondern um am Unterlegenen sein Mütchen zu kühlen. Schon der griechische Dichter Aeschylos beschwor in seinen Tragödien vor zweieinhalbtausend Jahren seine Zeitgenossen, der Blutrache ein Ende zu setzen. Und Plato bezeichnete strafen um zu vergelten als tierisch. Das Neue Testament schliesslich glaubte mit seinem «Richte nicht, damit nicht auch über Dich wieder das Gericht der Vergeltung kommt», der hasserfüllten Welt des Alten Testaments den Endpunkt gesetzt haben. Aber im jüngsten Wettstreit der Kontinente ist wieder ein vermeintlich längst überwundener, heilloser Geist über unsern Erdteil gekommen. Eine fremdartige Denk- und Empfindungsweise hat sich unser bemächtigt und uns mit allen Uebeln einer allgemeinen Rechtsverwilderung, eines bedenkenlosen Missbrauchs der öffentlichen Gewalt, einer Entwürdigung der menschlichen Persönlichkeit und einer alle Herzensbande auflösenden Unaufrichtigkeit geschlagen. Europa steht wieder einmal in einem Wellental. Als einziger Reichtum ist uns die Armut geblieben. Gerade sie aber bildet den Ausgang für den Wiederaufstieg zum Wellenberg. Niemand weiss die Freiheit höher zu schätzen, als wer sie verlor. Niemand setzt sich entschlossener für seine Menschenwürde ein als der, dem man sie raubte. Niemandem ist dieGerechtigkeit teurer als dem, dem Unrecht geschah. Niemandist mehr erfüllt vom Mut zur Wahrheit, als wer die Lüge am eigenen Leibe erfahren hat. Weil es den Löwenmut zur Wahrheit besitzt, haben wir das vorliegende Buch — 5 — des französischen Schriftstellers Maurice Bardèche ins Deutsche übersetzt. Möge die Fackel der Wahrheit in jedes abendländische Gewissen und Herz leuchten. Dann wird aus der Nacht wieder Tag werden! * * * Maurice Bardèche hat sich seinen Schriftstellernamen mit zwei Veröffentlichungen über Gegenstände der schönen Literatur gemacht. Die eine, 1940 erschienen, ist Balsac, diezweite 1947, Stendhal gewidmet. 1908 bei Bourges geboren, erwirbt er, in die Ecole Normale Supérieure eingetreten, 1932 die Universitätsgrade, liest 1940/41 an der Sorbonne Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts und wird 1942 an der Universität Lille zum ordentlichen Professor der französischen Literatur ernannt. Sein dortiges Wirken nimmt ein plötzliches Ende, als er im Spätsommer 1944 von der Säuberungsbewegung abgesetzt und mehrere Monate in Haft gehalten wird. Da er sich weder persönlich noch schriftstellerisch politisch betätigt hat, bleibt er von Anklage und Verurteilung verschont. Umso schwerer trifft ihn das Schicksal seines ehemaligen Schulfreundes und engen Mitarbeiters an seiner literarischen Arbeit, mit dem ihn, durch Verheiratung mit seiner Schwester, auch verwandtschaftliche Beziehungen verknüpfen, Robert Brasillach’s. Brasillach, schon in der Vorkriegszeit von neuen geistigen und politischen Gedanken bewegt und an der Wochenschrift «Je Suis Partout» tätig, wird während der deutschen Besetzungszeit deren führender Kopf, so dass das Blatt bis zu 200.000 Stück wöchentlicher Auflage erreicht und die heranwachsende französische Jugend in ihren Bann zieht. Seine Unerschrockenheit und hohe schriftstellerische Begabung — von letzterer zeugen an die zwanzig Bände Dichtungen und Abhandlungen — gereichen dem Fünfunddreissigjährigen aber zum Verhängnis. Von der Säuberungsbewegung der Zusammenarbeit mit Deutschland bezichtigt und zum Tode verurteilt, endet sein junges Leben am 6. Februar 1945 am Fuss eines Erdwalles im Fort Montrouge. — 6 — Von da an beginnt Bardèche sich mit den Dingen des öffentlichen Lebens, vor allem des öffentlichen Rechts zu befassen. 1947 erscheint die in Anredeform geschriebene Schrift «Lettre à François Mauriac». Bardèche gibt darin dem führenden Kopf französischer Rechtskreise Antwort auf dessen Frage aus dem Jahre 1945: «Anerkennen Sie jetzt, dass Sie Unrecht gehabt haben?». Zwei Jahre furchtbarster Nachkriegsenttäuschung sind verstrichen. Keine Voraussage trifft zu. Kein Versprechen geht in Erfüllung. Statt dass, wie man einer leichtgläubigen Welt eingehämmert hatte, nach der Niederwerfung des nationalsozialistischen Deutschlands Frieden und Wohlstand eintrat, steht man bereits vor einem dritten Weltkrieg. Not, Elend, Unzufriedenheit, Hass, Ungerechtigkeit über Ungerechtigkeit, Lüge, Heuchelei, Unduldsamkeit, Verfolgung Andersgesinnter, Unfreiheit . . . Die Antwort von Bardèche im Jahre 1947 lautet ganz einfach: «Anerkennen Sie jetzt, dass Sie (!!) Unrecht gehabt haben?» — Anfang 1949 kommt dann das vorliegende Buch «Nuremberg ou La Terre Promise», Nürnberg oder das Gelobte Land, heraus. * * * «Ich übernehme nicht die Verteidigung Deutschlands — leitet Bardèche sein Buch ein —; ich übernehme die Verteidigung der «Wahrheit». Und an anderer Stelle nennt er dasBuch ein «Vorwort» zur Versöhnung. Ruft aber, was ungeschminkt die Wahrheit ausspricht, nicht unter Umständen einer neuen Aufwühlung der Gefühle und damit dem Gegenteil von Versöhnung? Sind nicht Verhältnisse denkbar, wo es zweckmässiger erschiene, an den Dingen, wie sie einmal sind, nicht zu rütteln? Wäre einem mühsam hergestellten Frieden nicht vielleicht besser gedient, wenn geschwiegen und nicht geredet wird? Und ergreift schliesslich, wer für die Wahrheit Partei ergreift, tatsächlich nicht eben doch Partei für eine Partei? Diese Frage kann durchaus gestellt, es kann aber auch eine eindeutige Antwort darauf gegeben werden. Wer ein Freund des Krieges ist, dem wird immer mehr an der Macht als an der Wahrheit liegen. Und wer den — 7 — Frieden durch Versöhnung will, wird nicht ruhen, bis die Wahrheit sich durchgesetzt hat. Denn die Wahrheit ist immer die Voraussetzung, oder eben das «Vorwort» zur Versöhnung. Die Versöhnung aber ist die Aufhebung aller bisherigen Spaltung in Parteien. Allein durch sie wird einem Krieg ein wirkliches Ende gesetzt. Friede ohne Versöhnung ist blosse Hinausschiebung des nächsten Krieges. Wer von der überwindenden Macht der Wahrheit überzeugt ist, wird nie den guten Zweck mit schlechten Mitteln, die innere Versöhnung durch äussere Gewalt erreichen wollen. Daher liegt es Bardèche völlig fern, einer Aenderung der bestehenden Machtverhältnisse das Wort zu reden. Verändert muss der innere Mensch werden. Und zwar nicht nur auf der Seite der Sieger, sondern ebensosehr auf der der Besiegten. Ein grosser Friedensfreund hat einmal den strafenden Frieden als einen Frieden des Gefängnisses bezeichnet. Daher verlangt Bardèche von den Siegern, dass sie dem Besiegten nicht nur beim Wiederaufbau seiner zerstörten Städte helfen, sondern auch bei der Beseitigung des Unheils, das sie durch ihren Gefängnisfrieden in seiner Seele angerichtet haben. Er selbst will mit seinem Buch, von dem er schreibt, dass es sich an die ehrlos erklärten Besiegten, «an diese Verworfenen wendet, damit sie wissen, dass nicht die ganze Welt blind den Wahrspruch der Sieger angenommen hat», einen ersten Schritt tun. Und in Amerika, wo es manchmal Leute mit einem erstaunlichen Verständnis für die seelische Lage anderer Völker gibt, macht man sich Sorge, dass in dem seelisch misshandelten Deutschland der Zweifel an einer Gerechtigkeit und an allen geistigen Werten überhaupt Anfälligkeit für eine Politik der Verzweiflung schaffen könnte. Die abendländische Gesellschaft von heute wundert sich allerdings immer noch, dass 95 von 100 Gefängnisinsassen, die man aus der menschlichen Gemeinschaft ausgestossen hat, nach ihrer sogenannten Wiederaufnahme in diese eine «Politik der Verzweiflung» einschlagen, d. h. rückfällig werden. * * * — 8 — Eine Wandlung von der Verzweiflung und ihren Folgen hinweg wird sich im Besiegten nicht anders bewirken lassen, als indem man ihm Genugtuung dafür gibt, dass man ihn seelisch misshandelt und seine Ehre und Menschenwürde mit Füssen getreten hat. Mit anderen Worten: durch die Revision¨des Urteils, das über ihn gefällt worden ist. Gleichzeitig muss der Sieger sich aber auch Rechenschaft darüber ablegen, dass es überhaupt ein Irrtum ist, über Seinesgleichen zu Gericht zu sitzen. Er muss sich von der Vorstellung los machen, dass er mit Nürnberg irgendetwas Neues und im Vergleich zum Bisherigen gar Verdienstliches geschaffen habe. Neu an der Rechtsprechung von Nürnberg war allein, dass man die Ketzer, die man früher auf den Holzstoss warf, jetzt an den Holzpfahl hängt. Im übrigen hat man einfach alles, was einmal im Abendland als Recht galt, und von dem das heutige Geschlecht bald nur noch vom Hörensagen weiss, über Bord geworfen. Mit den Moskauerprozessen der dreissiger Jahre fing es an. In Nürnberg erreichte es eine bisher nie gesehene Höhe. Man unterschied zwischen Handlung und Handelndem. Was beim Einen gottgefälliges Werk, war beim Anderen todeswürdiges Verbrechen. Man bestrafte nicht die Verfehlung, sondern die Andersgläubigkeit. Rechtskundige Leute mit unrechtskundigem Gewissen mussten eigens für diesen Zweck Gesetze herstellen. Schliesslich stellte man den Verurteilten, zur Erhöhung des eigenen Ruhmes öffentlich zur Schau. An die Stelle der Menschenachtung trat die Leichenschändung. — Und wie hatte es doch früher geheissen? Unabänderliche Festlegung im Gesetz, was strafbare Handlung ist. Unabhängigkeit der Bestrafung von der Person. Durch die Rücksichtnahme auf die Absicht des Beschuldigten war die Rechtsfindung zu einer Erforschung der seelischen Ursachen der Verfehlung und die Strafe zu einem Mittel der Erziehung geworden. Der Mensch galt nicht als ein in Sünde geborenes und zu ewiger Verdammnis bestimmtes Wesen, sondern als ein zu Einsicht und Umkehr fähiger Irrender. Wer sich verfehlte, den merzte man nicht einfach aus. Und selbst noch im schlimmsten Verbrecher wurde, in — 9 — dem man ihn der Erlösung teilhaftig werden liess, die menschliche Persönlichkeit geachtet. Also ein paar Jahrtausende zurück ist man in Nürnberg gegangen. Und das gilt auch für das «Gelobte Land», nach dessen Vorstellungen der Friede gebaut werden sollte. Es ist ein Land ewiger Versprechung und niemaliger Erfüllung. Buchstabengläubigkeit, Unduldsamkeit, Feindeshass, Rachebedürfnis und Auserwähltheitsglaube kennzeichnen es. Ihm ist jene erlösende und versöhnende Kraft fremd, die allein im Menschen den Schöpfergeist entbindet und ihn mit seinem Schöpfungsgrund versöhnt. Darum hat der Hassfriedensplan von Nürnberg seinen Ursprung letztlich im Hass aus Unvermögen. Hass aus dem Unfrieden des eigenen Herzens. Darum ginge dieser weltliche Ueberstaat, dieses wiederauferstehende messianische Reich, das die Gewissen allein durch die Furcht vor Strafe und Vergeltung beherrscht und sich als Verkörperung des Weltgewissens ausgeben möchte, nie aus der freien Zustimmung seiner Glieder hervor. Es wäre ein den Völkern übergeworfenes Netz, in dem diese ohnmächtig ihr Sklavendasein dahinleben müssten. Das geistige Reich, das nur ein inneres Reich ist, würde als Vorspann vor Zwecken und Zielen weltlicher Herrschaft missbraucht. Sein Amt, durch die Herrschaft des Herzens den Menschen den Weg durch den weltlichen Bereich zu weisen, fiele dahin und mit ihm der höhere Sinn unseres Erdenlebens. * * * Bardèche setzt würdig eine alte Ueberlieferung seines Landes fort. Er führt seinen geistigen Kampf für die Gesundung einer kranken Welt und eines Erdteiles vor allem, der heute sein überliefertes Gut vertan und seine Seele verspielt hat, mit dem schneidenden Schwert der Ironie. Aber daneben bricht auch immer wieder der Dichter durch. Aus seinem Buch weht uns das Heimweh nach der einstigen Heimat entgegen, nach der Mutter Erde und dem erdverbundenen Menschen und seinen einfachsten gesellschaftlichen Lebens —10 — formen der Familie und der Gemeinde. Die stillen Bauerngehöfte inmitten der weiten Felder, die verträumt dahinziehenden Flussläufe, die im vollen Lichtglanz flimmernde Landschaft der «doulce France» erstehen vor unserem geistigen Auge. Wir hören das Rauschen ihrer Bäume und das Läuten ihrer Glocken, für das dem vermeintlichen Weltbürger, wie er aus dem Gesetz von Nürnberg hervorgehen sollte, für alle Zeiten das Gehör gefehlt hätte. Zürich, im Sommer 1949. H. R. Salomon zählte alle Fremden, die im Lande waren, nach der Zählung, die David, sein Vater angeordnet hatte. Man fand deren hundertdreiundfünfzigtausendsechshundert. Und er nahm davon siebzigtausend zum Lastentragen, aehtzigtausend, um in den Bergen Stein zu hauen, und dreitausendsechshundert, um das Volk zu überwachen und zur Arbeit anzuhalten. Altes Testament, 2. Buch Chronika 2, 17-18 Ich übernehme nicht die Verteidigung Deutschlands. Ich übernehme die Verteidigung der Wahrheit. Ich weiss nicht, ob die Wahrheit besteht. Und viele Leute führen sogar eine Reihe von Gründen an, um mir zu beweisen, dass sie nicht besteht. Aber ich weiss, dass die Lüge besteht. Ich weiss, dass die planmässige Entstellung der Tatsachen besteht. Wir leben seit drei Jahren auf einer Fälschung der Geschichte. Diese Fälschung ist geschickt: sie reisst die Einbildungskraft mit sich fort. Dann stützt sie sich auf das Einverständnis der Einbildungskraft. Man begann damit, zu sagen: seht, das alles habt Ihr erlitten. Dann sagt man: erinnert Ihr Euch dessen, was Ihr erlitten habt? Man hat sogar eine Philosophie dieser Fälschung erfunden. Sie besteht daran, uns zu erklären, dass das was wir wirklich waren, keinerlei Bedeutung hat, sondern dass allein das Bild zählt, das man sich von uns machte. Es scheint, dass diese Umstellung die einzige Wirklichkeit ist. Der jungen GruppeRotschild ist so zu einem metaphysischen Dasein verholfen worden. Ich glaube starr an die Wahrheit. Ich glaube sogar, dass sie schliesslich über alles und selbst über das Bild, das man von uns macht, den Sieg davonträgt. Das jämmerliche Schicksal der von der Resistance erfundenen Fälschung hat uns bereits den Beweis dafür erbracht. Heute ist der Block zerbrochen. Die Farben blättern ab: Reklameflächen überdauern nur wenige Jahreszeiten. Aber wenn nun die Propaganda der Demokratien drei Jahre lang über uns gelogen hat; wenn sie verschleiert hat, was wir getan haben: dürfen wir ihr — 12 — dann glauben, wenn sie uns von Deutschland spricht? Hat sie nicht die Geschichte der Besetzung gefälscht, so wie sie die Tätigkeit der französischen Regierung falsch dargestellt hat? Die Oeffentlichkeit beginnt ihr Urteil über die Säuberung zu berichtigen. Müssen wir uns nicht fragen, ob die gleiche Berichtigung nicht auch notwendig ist in Bezug auf das Urteil, das von den gleichen Richtern in Nürnberg gesprochen wurde? Ist es nicht wenigstens ehrlich, ist es nicht notwendig, diese Frage zu stellen? Wenn das richterliche Verfahren, das Tausende von Franzosen getroffen hat, ein Betrug ist: wer beweist uns, dass dasjenige, das Tausende von Deutschen betroffen hat, nicht auch einer ist? Haben wir das Recht, daran achtlos, ohne Rücksicht auf unsere eigenen Belange vorbeizugehen? Werden wir dulden, dass Tausende von Menschen in dieser Zeit leiden und sich empören über unsere Weigerung, Zeugnis abzulegen, über unsere Feigheit, unser falsches Mitleid? Sie weisen die Zwangsjacke zurück, die wir ihrer Stimme und ihrer Vergangenheit anziehen wollen. Sie wissen, dass unsere Zeitungen lügen, dass unsere Filme lügen, dass unsere Schriftsteller lügen. Sie wissen es und werden es nicht vergessen: werden wir diesen Blick der Verachtung, den sie uns mit Recht zuwerfen, auf uns fallen lassen? Wirwissen es: die ganze Geschichte dieses Krieges muss neu geschrieben werden! Werden wir unsere Türe der Wahrheit verschliessen? Wir haben diese Menschen, die sich in unsern Häusern und Städten niedergelassen hatten, gesehen. Sie waren unsere Feinde, und was noch grausamer ist, sie waren die Herren bei uns. Das beraubt sie aber nicht des Anrechtes, das alle Menschen auf die Wahrheit und die Gerechtigkeit haben; ihres Anrechtes auf die Aufrichtigkeit der anderen Menschen. Sie haben mit Mut gekämpft. Sie haben das Geschick des Krieges erlitten, den sie angenommen hatten. Heute sind ihre Städte zerstört. Sie wohnen in Löchern inmitten derRuinen. Sie haben nichts mehr. Sie leben wie Bettler von dem, was der Sieger ihnen bewilligt. Ihre Kinder sterben — 13 — und ihre Töchter sind die Beute des Fremden. Ihre Not übersteigt alles, was jemals vor die Vorstellungskraft der Menschen gekommen ist. Werden wir ihnen das Brot und das Salz verweigern? Und wenn diese Bettler, aus denen wir Geächtete machen, keine anderen Menschen wären als wir? Wenn unsere Hände nicht reiner wären als ihre Hände? Wenn unsere Gewissen nicht leichter wären als ihre Gewissen? Wenn wir uns getäuscht hätten? Wenn man uns belogen hätte? Und doch verlangen die Sieger von uns, das Zwiegespräch mit Deutschland auf dieses Urteil ohne Berufung zu gründen, oder besser, zu verweigern. Sie haben sich des Schwertes Jehovas bemächtigt und Deutschland aus den menschlichen Gefilden vertrieben. Der Zusammenbruch Deutschlands genügte den Siegern nicht. Die Deutschen waren nicht nur Besiegte. Sie waren keine gewöhnliche Besiegte. Das Schlechte war in ihnen besiegt worden: man musste sie lehren, dass sie Barbaren, Barbaren seien! Was über sie kam, der letzte Grad der Not, die Verzweiflung wie am Tage der Sündflut, ihr Land verschlungen wie Gomorrha und sie verlassen umherirrend, betäubt inmitten der Ruinen wie am Tag nach dem Untergang der Welt — man musste sie lehren, dass ihnen recht geschah, wie die Kinder sagen! Es war eine gerechte Strafe des Himmels! Sie, die Deutschen, sollten sich auf ihre Ruinen setzen und sich die Brust schlagen. Denn sie waren Ungeheuer gewesen. Und es ist gerecht, dass die Städte der Ungeheuer zerstört wurden und auch die Frauen der Ungeheuer und ihre kleinen Kinder. Und der Rundfunk aller Völker der Welt, und die Presse aller Völker der Welt, und Millionen von Stimmen aller Himmelsrichtungen der Welt, ohne Ausnahme, ohne falsche Note, machten sich daran, dem Menschen, der auf seinen Ruinen sass, zu erklären, warum er ein Ungeheuer gewesen war. Dieses Buch ist an diese Verworfenen gerichtet. Denn sie sollen wissen, dass nicht die ganze Welt den Wahrspruch der Sieger blind angenommen hat. Die Zeit, um Berufung einzulegen, wird eines Tages kommen. Die aus dem Sieg der Waf — 14 — fen hervorgegangenen Gerichte fällen nur vergängliche Urteile. Die politische Zweckmässigkeit und die Furcht widerrufen bereits diese Urteilssprüche. Unsere Meinung über Deutschland und das nationalsozialistische Regime ist unabhängig von diesen Zufälligkeiten. Unser einziger Ehrgeiz bei der Niederschrift dieses Buches war, es noch in fünfzehn Jahren ohne Scham lesen zu können. Wenn wir finden, dass die deutsche Armee oder die nationalsozialistische Partei Verbrechen begangen haben, werden wir diese natürlich Verbrechen nennen. Aber wenn wir denken, dass man sie mit Hilfe von Trugschlüssen oder Lügen anklagt, werden wir diese Trugschlüsse und diese Lügen zur Anzeige bringen. Denn all das sieht viel zu viel einer Theaterbeleuchtung ähnlich: man richtet die Scheinwerfer und beleuchtet während dieser Zeit nur eine einzige Szene. Alles Uebrige bleibt im Dunkeln. Es ist Zeit, dass man die Leuchter anzündet und den Zuschauern ein wenig ins Gesicht sieht! * * * Bemerken wir zuerst einleitend, dass dieser Prozess, den man Deutschland oder genauer dem Nationalsozialismus macht, eine feste Grundlage hat, eine viel festere Grundlage, als man allgemein glaubt. Bloss ist es nicht diejenige, die man angibt. Und die Dinge sind in Wahrheit viel ergreifender und die Begründung der Anklage und der Beweggrund zur Anklage viel beängstigender für die Sieger, als man sagt. Die Oeffentlichkeit und die Ankläger der Siegermächte behaupten, dass sie sich zu Richtern aufgeworfen haben, weil sie die Zivilisation vertreten. Das ist die amtliche Darlegung. Aber das ist auch der amtliche Trugschluss. Denn das heisst, dasjenige zum Grundsatz und zur festen Grundlage nehmen, was gerade in Frage steht. Erst am Schlusse des zwischenDeutschland und den Alliierten eröffneten Prozesses wird man sagen können, welches Lager die Zivilisation vertrat. Aber man kann es nicht am Anfang sagen, und vor allem kann es nicht eine der in Frage stehenden Parteien sagen. Die Vereinigten Staaten, England und die USSR haben ihre gelehrtesten Juristen eingesetzt, um dieses Schlussverfahren — 15 — kleiner Kinder zu verteidigen: «Seit vier Jahren wiederholt unser Rundfunk, dass Ihr Barbaren seid; Ihr seid besiegt worden; also seid Ihr Barbaren!» Denn es ist klar, dass Herr Shawcross, Herr Jackson und Herr Rudenko am Pult von Nürnberg nichts anderes sagen, wenn sie sich auf die einmütige Entrüstung der zivilisierten Welt berufen. Eine Entrüstung, die ihre eigene Propaganda hervorgerufen, unterstützt und geführt hat, und die nach ihrem Belieben, wie eine Wolke von Heuschrecken, auf jede Art von politischem Leben, das ihnen missfällt, gelenkt werden kann. Aber lassen wir uns nicht irreführen: diese gemachte Entrüstung war lange Zeit und ist, im ganzen gesehen, immer noch die hauptsächliche Begründung der Anklage gegen das deutsche Regime. Diese Entrüstung der zivilisierten Welt ist es, die den Prozess verlangt. Sie ist es ebenfalls, die seine Führung unterstützt. Und schliesslich ist sie alles: die Richter von Nürnberg sind nur die Geschäftsführer, die Schriftgelehrten dieser Einmütigkeit. Man setzt uns mit Gewalt rote Brillen auf und lädt uns daraufhin ein, zu erklären, dass die Dinge rot sind. Das ist ein Zukunftsprogramm, dessen philosophische Verdienste aufzuzählen wir noch nicht am Ende sind. Aber die Wahrheit ist ganz anders. Der wahre Grund des Prozesses von Nürnberg, derjenige, den man nie zu nennen gewagt hat, ich befürchte sehr, dass es die Furcht sei: es ist der Anblick der Ruinen, der Schrecken der Sieger. Es ist notwendig, dass die Anderen Unrecht haben! Es ist notwendig, denn wenn sie zufällig keine Ungeheuer gewesen wären: was für eine Last würden diese zerstörten Städte und diese Tausende von Phosphorbomben bedeuten? Der Schreck und die Verzweiflung der Sieger bilden den wahren Grund des Prozesses. Sie haben sich das Gesicht verschleiert vor dem, was sie gezwungen waren zu tun. Und um sich Mut zu geben, haben sie ihre Blutbäder in Kreuzzüge verwandelt. Sie haben nachträglich ein Recht zum Blutbad im Namen der Achtung vor der Menschlichkeit erfunden. Da sie Totschläger waren, haben sie sich zu Polizisten befördert. Wir wissen, dass von einer gewissen Zahl von Toten an jeder Krieg verbindlich — 16 — zu einem Kriege des Rechts wird. Der Sieg ist also nur vollständig, wenn man, nachdem die Burg bezwungen ist, auch die Gewissen bezwingt. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Prozess von Nürnberg ein Werkzeug des neuzeitlichen Krieges, das als Bomber beschrieben zu werden verdient. Wir hatten schon 1918 die gleiche Sache versuchen wollen. Aber da damals der Krieg nur eine kostspielige militärische Unternehmung war, begnügte man sich, den Deutschen die Karte des Angreifers zuzuschieben. Niemand wollte für die Toten verantwortlich sein. Man belastete die Besiegten damit, indem man ihre Unterhändler nötigte, zu unterschreiben, dass ihr Land für diesen Krieg verantwortlich sei. Diesmal, nachdem der Krieg auf beiden Seiten zu einem Blutbad der Unschuldigen geworden war, genügte es nicht, dass die Besiegten sich als Angreifer bekannten. Um die Verbrechen zu entschuldigen, die in der Kriegführung auf der eigenen Seite begangen wurden, war es unbedingt notwendig, auf der anderen Seite noch schwerere Verbrechen zu entdecken. Es war unbedingt notwendig, dass die englischen und amerikanischen Bomber als das Schwert des Herrn erschienen. Die Alliierten hatten keine Wahl. Wenn sie nicht feierlich bestätigten, wenn sie nicht durch gleichgültig was für ein Mittel bewiesen, dass sie die Retter der Menschheit gewesen waren, waren sie nichts weiter als Mörder. Würden die Menschen, wenn sie eines Tages aufhörten, an die deutsche Ungeheuerlichkeit zu glauben, nicht Rechnung stellen für die verschwundenen Städte? Es besteht also ein offensichtliches Interesse der britischen und amerikanischen Propaganda und, in einem geringeren Grade der sowjetrussischen Propaganda, die Lehre von den deutschen Verbrechen zu unterstützen. Man erkennt das noch besser, wenn man sich klar macht, dass diese Lehre sich trotz ihres öffentlichen Interesses, erst spät in ihrer endgültigen Form gebildet hat. Am Anfang glaubte niemand daran. Der Rundfunk bemühte sich, den Eintritt in den Krieg zu rechtfertigen. Die Oeffentlichkeit fürchtete tatsächlich eine deutsche Vorherr — 17 — schaft, aber sie glaubte nicht an eine deutsche Ungeheuerlichkeit. «Man wird uns den Streich mit den deutschen Grausamkeiten nicht wiederholen», sagten die Offiziere in den ersten Monaten der Besetzung. Die Bombardierungen vonCoventry und London, die ersten Luftbombardierungen von Zivilbevölkerungen — verdarben diese Weisheit. Und ein wenig später der Unterseebootskrieg. Dann die Besetzung, die Geiseln, die Vergeltungsmassnahmen. Jetzt gelang dem Rundfunk der erste Grad der Vergiftung der öffentlichen Meinung. Die Deutschen waren Ungeheuer, weil sie unehrliche Gegner waren und nur an das Gesetz des Stärkeren glaubten. Ihnen gegenüber anständige Völker, die immer geschlagen wurden, weil sie sich in allem ehrlich betrugen. Aber die Völker glaubten nicht, dass die Deutschen Ungeheuer waren. Sie kannten nur die Schlagworte der Propaganda aus der Zeit des Kaisers und der dicken Berta. Die Besetzung der Länder des Ostens und der gleichzeitig in ganz Europa gegen den Terrorismus und die Sabotage unternommene Kampf lieferten weitere Beweise. Die Deutschen waren Ungeheuer, weil ihnen überall ihre Totschläger folgten. Man setzte die Sage von der Gestapo auf ihren Sockel: in ganz Europa richteten die deutschen Armeen die Schreckensherrschaft auf. Die Nächte waren erfüllt von Stiefelgeklapper. Die Gefängnisse waren voll. Und bei jedem Tagesanbruch krachten die Salven. Der Sinn des Krieges wurde klar: Millionen von Menschen von einem zum anderen Ende des Festlandes kämpften für die Befreiung der neuen Sklaven. Die Bomber nannten sich Befreier, «Liberator». Das war die Zeit, als Amerika in den Krieg eintrat. Die Völker glaubten noch nicht, dass die Deutschen Ungeheuer waren. Aber schon fassten sie diesen Krieg als einen Kreuzzug für die Freiheit auf. Das war der zweite Grad der Vergiftung. Doch stimmten diese Bilder noch nicht mit der Hochspannung unserer gegenwärtigen Propaganda überein. Der Rückzug der deutschen Armeen im Osten erlaubte schliesslich das Stichwort auszusprechen. Das war der erwartete Augen — 18 — blick: denn der deutsche Rückzug hinterliess Strandgut. Man sprach von Kriegsverbrechen. Und eine Erklärung vom 30. Oktober 1943 erlaubte zur allgemeinen Genugtuung, die öffentliche Meinung auf diese Verbrechen aufmerksam zu machen und die Strafe dafür vorauszusehen. Dieses Mal waren die Deutschen richtige Ungeheuer. Sie schnitten die Hände der kleinen Kinder ab, wie man es immer behauptet hatte. Es war nicht mehr die Gewalt. Es war die Barbarei. Von diesem Augenblick an hatte die zivilisierte Welt ihnen gegenüber Rechte: denn schliesslich gibt es empfindsame Gewissen, die nicht dulden, dass man die Unehrlichkeit mit Luftbombardementen bestraft, noch dass man ein autoritäres Regime als ein gemeinrechtliches Vergehen betrachtet, wogegen die ganze Welt bereit ist, die Schlächter von Kindern ausserhalb der Kriegsrechte zu stellen. Jetzt hatte man «die frische Tat». Man verbreitete sie. Man wertete sie aus. Die Völker begannen zu überlegen, dass die Deutschen sehr wohl Ungeheuer sein konnten. Und man kam zur dritten Stufe der Vergiftung, die darin besteht, zu vergessen, was man jede Nacht auf den Flügen anrichtet, und umsomehr an das zu denken, was jeden Tag in den Gefängnissen vor sich geht. Das war das militärische Ziel, zu dem man von Anfang an die Gewissen führen zu können wünschte. Das war der Zustand, in dem man sie erhalten musste. Man musste das umso mehr, als bald nach diesem Zeitpunkt, im Dezember 1943, die Art der Bombardierungen sich änderte: anstatt militärische Gegenstände ins Ziel zu fassen, erhielten die alliierten Flieger den Befehl, die Taktik der Bombenteppiche anzuwenden, die ganze Städte vernichtete. Und diese an einen Weltuntergang gemahnenden Zerstörungen verlangten ganz offensichtlich eine entsprechende Ungeheuerlichkeit. Man fühlte deren Notwendigkeit so sehr, dass man von diesem Zeitpunkt an eine mächtige Einrichtung zur Feststellung der deutschen Verbrechen schuf, die die Aufgabe hatte, sich in den Fusstapfen der ersten Besetzungswelle einzurichten, ähnlich wie in Russland die Polizeiformationen dem Vor — 19 — gehen der Panzertruppen folgten. Diese Annäherung ist sinnvoll: die Deutschen säuberten, die Amerikaner beschuldigten. Jeder verrichtete, was am dringlichsten war. Diese Nachforschungen waren, wie man weiss, von Erfolg gekrönt. Man hatte das grosse Glück, im Januar 1945 jene Konzentrationslager zu entdecken, von denen bisher niemand sprechen gehört hatte und die der Beweis wurden, dessen man gerade bedurfte: die frische Tat im Reinzustand, das Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das alles rechtfertigte. Man photographierte sie, filmte sie, veröffentlichte sie, machte sie durch eine riesenhafte Oeffentlichkeit wie eine neue Füllfedermarke bekannt. Der moralische Krieg war gewonnen. Die deutsche Scheusslichkeit war durch diese kostbaren Beweisstücke erwiesen. Das Volk, das solches erfunden hatte, besass kein Recht, sich über irgend etwas zu beklagen. Und das Stillschweigen war derart, der Vorhang so geschickt und plötzlich weggerissen, dass nicht eine Stimme zu sagen wagte, dass alles das zu schön sei um wirklich wahr zu sein. So wurde die deutsche Straffälligkeit durch je nach den Zeiten sehr verschiedene Gründe bestätigt: und bemerkenswert ist nur, dass diese Straffälligkeit in dem Masse wächst, in dem die Bombardierungen gegen die Zivilbevölkerung zunehmen. Dieses zeitliche Zusammenfallen ist an sich recht verdächtig. Und es ist zu klar, dass wir nicht ohne Vorsicht die Anschuldigungen der Regierungen hinnehmen dürfen, die ein so offensichtliches Bedürfnis nach einem Wechselgeld haben. Es ist vielleicht nicht unnütz, sich auf diese bewundernswerte technische Aufmachung zu berufen. Nachdem wir den Technikern, zur Hauptsache Juden, die dieses Programm orchestrierten, unsere Anerkennung übermittelt haben, besitzen wir den Wunsch, klar zu sehen und dieses Theaterstück anzuschauen, in dem die Anschuldigungen, gleich den Theaterstreichen im Melodrama, wie gerufen kommen! Dieser Aufgabe also wollen wir uns widmen. Sicherlich kann dieses kleine Buch nur ein erster Stein sein. Es enthält mehr Fragen als Antworten. Mehr Untersuchungen als — 20 — Beweisstücke. Aber ist es nicht bereits etwas, wenn man ein wenig Ordnung in einen Gegenstand bringt, den man absichtlich mit Verwirrung dargestellt hat? Die Arbeit ist so gut gemacht worden, dass heute niemand mehr wagt, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen. Man hat alles zugleich als ungeheuerlich bezeichnet: die Handlungen, die Menschen, die Begriffe. Alle Gedanken sind jetzt wie von Betäubung befallen. Sie sind erstarrt, unfruchtbar. Sie tappen in einer Watte von Lügen herum. Und manchmal wenden sie sich, wenn sie Wahrheiten begegnen, mit Schrecken davon ab, weil diese Wahrheiten geächtet sind. Der erste Gegenstand dieser Ueberlegungen wird daher eine Art Wiederherstellung der Gewissheit sein. Doch darf sich diese Arbeit der Berichtigung nicht auf die Tatsachen beschränken. Der Gerichtshof von Nürnberg hat im Namen einer gewissen Anzahl von Grundsätzen, im Namen einer gewissen politischen Moral gerichtet. Alle diese Beschuldigungen haben eine Kehrseite. Man schlägt uns eine Zukunft vor. Man bringt sie zu Ansehen, indem man die Vergangenheit verdammt. Wir wollen aber auch in diese Zukunft klar sehen. Wir möchten diese Grundsätze von Angesicht sehen. Denn schon ahnen wir, dass diese neue Sittlichkeit sich auf eine befremdliche Welt bezieht, auf eine Welt, ähnlich der Welt eines Kranken, eine dehnbare Welt, die unser Blick nicht mehr erkennt: aber eine Welt, die diejenige der Anderen ist. Gerade diejenige, die Bernanos voraussah, als er den Tag fürchtete, an dem sich die, in dem duckmäuserischen Gehirn des kleinen negerhaften Schuhputzers des New Yorker Ghettos eingeschlossenen Träume verwirklichen würden. Jetzt sind wir soweit! Man hat den Gewissen zu viel Arznei verabreicht. Man hat uns den Schlag der Circe versetzt. Wir sind alle Juden geworden! * * * Beginnen wir also diesen Prozess von Nürnberg zu beschreiben, auf dessen Gipfel sich die Burg dieses neuen Gemeinwesenserhebt. Hier enden die Beschuldigungen und hier beginnt die künftige Welt. — 21 — Die Geschäftsstelle des internationalen Militärgerichts hat seit dem letzten Jahr mit der Veröffentlichung der stenographischen Aufnahme des Nürnberger Prozesses begonnen. Diese Veröffentlichung soll vierundzwanzig Bände von ungefähr 500 bis 700 Seiten umfassen. Die französische Ausgabe umfasst gegenwärtig zwölf Bände, die vor allem den Beweisstücken der Anklage entsprechen. Dieser Teil der Arbeit genügt uns. Denn die Anklage richtet sich selbst durch das, was sie sagt. Es scheint unnütz, die Verteidigung zuhören. Rufen wir zuerst einige Bestandteile des Bauwerkes in Erinnerung. Der internationale Militärgerichtshof wurde errichtet auf Grund der Vereinbarung von London vom 8. August 1945, die zwischen Frankreich, den Vereinigten Staaten, Grossbritannien und der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken geschlossen wurde. Dieser Vereinbarung war eine Satzung des Gerichtshofes beigeschlossen, die zugleich die Zusammensetzung, das Verfahren, die Rechtssprechung des Gerichtshofes und die Liste der Handlungen, die als verbrecherisch zu betrachten sind, feststellt. Man erfuhr also durch diese am 8. August 1945 veröffentlichte Satzung zum ersten Mal, dass gewisse Handlungen, die bisher in den Texten des Völkerrechts nicht erwähnt worden waren, als verbrecherisch betrachtet wurden, und dass die Angeklagten sich dieser Handlungen als solcher zu verantworten hatten, trotzdem es vorher nirgendwo jemals geschrieben war, dass sie verbrecherisch seien. Man erfuhr dort ausserdem, dass die Straffreiheit, die denjenigen, der einen erhaltenen Befehl ausführt, schirmte, nicht in Berücksichtigung gezogen werde. Und dass anderseits das Gericht erklären konnte, dass eine so oder so beschaffene politische Organisation, die vor das Gericht gefordert war, keine politische Organisation darstellte, sondern eine Vereinigung von Uebeltätern, die sich gebildet hatte, um eine Verschwörung oder ein Verbrechen zu verüben. Und dass infolgedessen alle ihre Mitglieder als Verschwörer oder Verbrecher behandelt werden konnten. Der Prozess rollte während eines Jahres, vom Oktober — 22 — 1945 bis zum Monat Oktober 1946 ab. Der Gerichtshof wurde durch drei Richter gebildet, von denen der eine ein Amerikaner, der zweite ein Franzose, der dritte ein Russe war, und dem ein hoher britischer Beamter, Lord Justice Lawrence vorstand. Die Anklage wurde erhoben durch vier Hauptankläger, verbeiständigt durch neunundvierzig Rechtsgelehrte in Uniform. Eine gewichtige Geschäftsstelle war mit der Sammlung und Ordnung der Beweisstücke beauftragt. Die vier Hauptanklagepunkte lauteten: auf Verschwörung (das ist die politische Tätigkeit der nationalsozialistischen Partei seit ihrem Beginn, die mit einer Verschwörung gleichgesetzt wird) ; auf Verbrechen gegen den Frieden (das ist die Anklage, den Krieg veranlasst zu haben) ; auf Kriegsverbrechen und auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Anklage wurde erhoben mittels einer Reihe von Darlegungen des Staatsanwaltes. Jede dieser Darlegungen stützte sich auf die Beibringung von Beweisstücken, die im Laufe des Prozesses veröffentlicht worden sind. Jedermann weiss es, denn die Presse hat es des langen erklärt, dass diese Darlegungen vor einem Mikrophon gesprochen wurden. Sie mussten langsam gesprochen werden. Jeder Satz war vom nachfolgenden durch eine Pause getrennt. Uebersetzer übertrugen an Ort und Stelle. Die Angeklagten, ihre Verteidiger und die Mitglieder der Staatsanwaltschaft verfügten über Hörer, die ihnen ermöglichten, die Ausführungen in ihrer Sprache zu hören, indem sie auf die Wellenlänge einstellten, die der Sendung ihres eigenen Uebersetzers entsprach. Diese technische Meisterhaftigkeit machte auf die Einbildungskraft den stärksten Eindruck. Und doch, wenn man überlegt, war das nicht das Ueberraschendste an diesem Prozess. Der Anschein der Rechtsmässigkeit wurde vollkommen gewahrt. Die Verteidigung hatte wenig Rechte, aber diese Rechte wurden geachtet. Einige eifrige Hilfskräfte des öffentlichen Anklägers wurden zur Ordnung gerufen, als sie sich erlaubten, die Handlungen, über die sie berichteten, voreilig zu benennen. Der internationale Gerichtshof unterbrach die Darlegungen des französischen Anklägers auf — 23 — Grund ihres unaufrichtigen und weitschweifigen Charakters und weigerte sich, ihre Fortsetzung zu hören. Mehrere Angeklagte wurden freigesprochen. Schliesslich waren die Formen vollendet und niemals wurde zweifelhaftes Recht mit mehr Anstand gesprochen. Denn dieses neuzeitliche Maschinenwesen hatte, wie man weiss, zum Ergebnis, die Rechtsprechung der Negerstämme wieder zum Leben zu erwecken. Der siegreiche König richtet sich auf seinem Thron ein und lässt seine Hexenmeister rufen: und unter Beisein der auf ihren Absätzen sitzenden Krieger erwürgt man die besiegten Häuptlinge. Wir beginnen zu vermuten, dass alles übrige Komödie darstellt, und die Zuschauerschaft, nach achtzehn Monaten, schon nicht mehr der Getäuschte dieser Inszenesetzung ist. Man erwürgt sie, weil sie besiegt worden sind. Die Grausamkeiten, die man ihnen vorwirft — kein gerechter Mensch kann vermeiden, sich zu sagen, dass sie ebensoschwere den Befehlshabern der alliierten Armeen vorwerfen können: die Phosphorbomben sind bestimmt der Konzentrationslager würdig! Ein amerikanisches Gericht, das Goering zum Tode verurteilt, hat nicht mehr Ansehen in den Augen der Menschen als ein deutsches Gericht, das sich angemasst hätte, Roosevelt zu verurteilen. Ein Gericht, das das Gesetz macht, nachdem es sich auf seinen Sitz gesetzt hat, führt an die Anfänge der Geschichte zurück. Zur Zeit Chilperichs wagte man nicht, so zu richten! Das Recht des Stärkeren ist eine anständigere Handlung. Wenn der Gallier Vae victis ausruft, hält er sich wenigstens nicht für Salomon. Aber diesem Gericht ist es gelungen, eine Versammlung von Negern im Stehkragen zu sein: das ist das Programm unserer kommenden Zivilisation! Es ist ein Maskenspiel, ein Albdruck: sie haben sich als Richter verkleidet! Sie sind ernst. Sie haben sich mit ihren Hörern geschmückt. Sie haben die Köpfe von Patriarchen. Sie verlesen Schriftstücke mit süsslicher Stimme in vier Sprachen zugleich. Und in Wirklichkeit sind es Negerkönige. Das ist eine Verkleidung von Negerkönigen. Und im gelangweilten und ehrwürdigen Saal hört man gedämpft die Kriegs — 24 — trommel der Stämme. Es sind sehr saubere und vollkommen verneuzeitlichte Neger. Sie haben, ohne es in ihrer negerhaften Einfachheit, in ihrer negerhaften Unbewusstheit zu merken, ein Ergebnis gezeitigt, das ohne Zweifel keiner von ihnen erwartete: sie haben durch ihre Schlechtgläubigkeit sogar jene wieder zu Ehren gebracht, deren Verteidigung beinahe unmöglich war. Und sie haben Millionen von Deutschen, die in ihrem Unglück geflüchtet und an ihrer Niederlage und durch ihr Besiegtenlos gewachsen sind, das Recht gegeben, sie zu verachten! Goering, ein spöttischer Spassmacher, wusste wohl, dass sie ihm in jeder Sache recht gaben, weil sie mit ihrer Richterrüstung dem Gesetz des Stärkerenhuldigten, das er selbst zu seinem Gesetz gemacht hatte. Und Goering betrachtete lachend den als Richter verkleideten Goering, der den als Galeerensklaven verkleideten Goering verurteilte. Im übrigen ist der innere und äussere Anblick dieser Gerichtskomödie nicht das, was uns interessiert. Dass die Verurteilung der deutschen Führer durch die amerikanischen Führer ein politischer Fehlgriff war, ist ein Punkt, in dem ein grosser Teil der öffentlichen Meinung heute einig geht, einschliesslich eines Teiles der amerikanischen Presse. Doch ist das nur ein politischer Fehler unter vielen anderen. Wag das Nürnberger Gericht imgrunde gewesen ist: eine Form summarischer Rechtssprechung, hat wenig Bedeutung. Aber was uns im Gegenteil viel wichtiger ist, was wir den Richtern von Nürnberg viel mehr vorwerfen, das ist, sich nicht damit begnügt zu haben, eine summarische Rechtssprechung zu sein: es ist ihre Anmassung, wirklich Richter zu sein, die wir bestreiten. Es ist das, was ihre Verteidiger an ihnen verteidigen, was wir angreifen. Wir werden also ihre Anmassung, Richter zu sein, prüfen. Wir fordern nicht amerikanische Staatsmänner vor das Gericht der Wahrheit, die den Irrtum begingen, den deutschen Staatsmann zu verurteilen, der mit ihnen den Uebergabevertrag geschlossen hat, sondern das Weltgewissen auf seinem Sitze. Weil sie sagen, dass sie die Weisheit sind, werden wir tatsächlich so vorgehen, — 25 — als ob wir sie für Weise halten. Weil sie sagen, dass sie das Gesetz sind, nehmen wir sie für den Augenblick als Gesetzgeber an: dringen wir also in Begleitung der Herren Shawcross, Justice Jackson und Rudenko in die Gärten des neuen Rechts ein: es ist eine von Wundern bevölkerte Erde! * * * Beginnen wir mit der Bemerkung, dass es uns nicht erlaubt ist, sie zu übersehen. Die Entdeckungsreise, die wir zu machen im Begriff sind, hat etwas Ergreifendes, weil diese Welt nicht übersehen werden darf. Es ist diejenige, in der wir leben werden. Es sind die Deutschen, die angeklagt sind. Aber die ganze Welt, und schliesslich wir selbst sind die Unterworfenen: denn alles was wir gegen die Rechtssprechung von Nürnberg unternehmen, ist fortan ein Verbrechen und kann uns als Verbrechen zugerechnet werden. Dieser Prozess hat das Gesetz der Völker gesprochen, was zu übersehen niemandem erlaubt ist. Achthunderttausend Chinesen werden vielleicht in zehn Jahren im Namen der Satzung von Nürnberg gehängt, da sich nun einmal zweihunderttausend Deutsche zu Ehren des Briand-Kellog-Paktes in Konzentrationslagern befinden, von dem sie vielleicht niemals haben sprechen hören. Die erste Terrasse, auf der sich die neuen Gärten des Rechts ausdehnen, ist eine ganz neuzeitliche Auffassung der Verantwortlichkeit. Wir hatten bisher geglaubt, dass wir nur für unsere eigenen Handlungen einzustehen hätten. Auf diesen Grundsatz hatten wir unsere bescheidenen Glaubensformen gegründet. Dieser Grundsatz ist heute überholt. Um der Moral der Völker eine sichere Grundlage zu geben, hat man sie auf die Kollektivverantwortlichkeit gegründet. Verstehen wir uns über diesen Punkt! Die Richter von Nürnberg haben niemals gesagt, dass das deutsche Volk gesamthaft für die Handlungen des nationalsozialistischen Regimes verantwortlich sei. Sie haben sogar mehrmals das Gegenteil versichert. Das deutsche Volk ist von der öffentlichen Meinung der zivilisierten Völker gesamthaft verurteilt wor — 26 — den. Es flösst Schrecken ein. Aber die Richter spielen die olympische Ruhe und klagen es nicht amtlich in seiner Gesamtheit an. Immerhin ist das Völkerrecht wie die Steuer. Es bedarf eines Gegenstandes, dem man etwas auferlegen kann: eine Verurteilung ist nur dann möglich, wenn es zuvor Schuldige gegeben hat! Und es ist unerträglich, dass man schliesslich nur einen Stufenbau findet, der in einen einzigen verantwortlichen Führer ausmündet, der Euch den übeln Streich spielt, sich das Leben zu nehmen. Daher beschreibt das neue Recht zuerst die seiner Gerichtsbarkeit Unterstehenden. Schuldig sind alle diejenigen, die Teil einer «verbrecherischen Organisation» bilden. Nichts Vernünftigeres! Doch beginnen hier die Schwierigkeiten. Denn diese Begriffe des neuen Rechts haben alle etwas Unbestimmtes. Sie sind bis ins Unendliche dehnbar. Eine verbrecherische Organisation hat etwas Gemeinsames mit einem Kriminalroman: erst am Ende kennt Ihr den Schuldigen. So bilden die Kader der nationalsozialistischen Partei eine verbrecherische Organisation. Aber die Kader der kommunistischen Partei, die ihnen sehr gleichen, bilden keine verbrecherische Organisation. Die Menschen allerdings haben in beiden Fällen dieselbe Gemütsart. Sie wenden die gleichen Verfahrensweisen an und in beiden Fällen mit der gleichen Leidenschaftlichkeit: sie stellen sich ebenfalls das gleiche Ziel, das die Gewaltherrschaft der Partei ist. Es gibt also nichts in ihrer Zusammensetzung, oder, wie die Philosophen sagen, in ihrem Wesen, das diese beiden Gruppen voneinander unterscheidet. Es gibt auch in ihrem Verhalten nichts, da der Geschichtsforscher behauptet, dass die Verantwortlichen der kommunistischen Partei nicht behutsamer mit dem Leben und der menschlichen Freiheit umgehen wie die Verantwortlichen der nationalsozialistischen Partei. Werden wir die Demütigung haben, schliessen zu müssen, dass wir die einen verurteilen, weil wir sie unter unserm Stiefel halten, und dass wir den Andern keinen Prozess machen, weil sie unser spotten können? Immerhin ist das eine Annahme, die wir nicht ausschalten können. Die Gerichtsbarkeit der zwischenstaatlichen Rechtssprechung beschränkt —27 — sich auf die schwachen oder besiegten Länder. Sie nennt Nachteil bei den starken Völkern, was sie bei den besiegten Verbrechen nennt. Sie ist völlig verschieden von der straf- oder zivilrechtlichen Rechtsprechung, in dem Sinne, dass sie bestimmte Handlungen nicht treffen kann, und infolgedessen ohnmächtig ist, eine wirklich allgemeine Bezeichnung der Handlungen aufzustellen. Diese Rechtsprechung ist wie das Tageslicht: es beleuchtet nie mehr als die Hälfte der bewohnten Erde. Ihre Ohnmacht ist ihr geringerer Fehler. Denn es gibt guten Glauben auch in der Ohnmacht. Aber das zwischenstaatliche Gesetz ist ausserdem ein Sklave der politischen Zufälligkeiten: es gibt Verurteilungen, die es nicht aussprechen will! Der Kreis der politischen Leiter der kommunistischen Partei könnte auf dem Papier sehr wohl durch ein Gericht verurteilt werden, das ohnmächtig wäre, seinem Urteil Nachachtung zu verschaffen: das wäre weniger schwerwiegend, als ein Gericht zu sehen, das mit Vorbedacht die offensichtliche Verwandtschaft des Kreises der kommunistischen Leiter mit dem Kreis der nationalsozialistischen Leiter übersieht. Es ist hier zu klar, dass es darin keine Gerechtigkeit für Alle gibt, noch geben kann. Es heisst nicht mehr: «Jenachdem Ihr mächtig oder elend seid», sondern: «Jenachdem Ihr im einen oder im andern Lager steht». Man merkt dann, dass die verbrecherische Eigenschaft vom Wesen auf den Zweck verlagert wird, und sogar nicht auf den wirklichen Zweck der Organisation, auf ihren entfernten Zweck, weil das Gericht weit davon entfernt, amtlich den fortschrittlichen Charakter der Stalinischen Diktatur gelten zu lassen, sondern auf einen naheliegenden Zweck, dessen einziger Richter das Gericht ist. Die selben Handlungen sind nicht mehr verbrecherisch durch ihre Bestimmung und in sich selbst. Sie sind oder sind nicht verbrecherisch je nach dem Gesichtswinkel: die Verschickungen, die schlussendlich der Sache der Demokratie dienen, werden von der neuen Rechtsprechung nicht als verbrecherische Handlungen verfolgt, — 28 — während jede Verschickung verbrecherisch ist im Lager der Feinde der Demokratie. So sieht das Gericht die Handlungen mit einem Anzeichen von Brechung, wie Stöcke, die man im Wasser betrachtet: unter dem einen Winkel sind sie gerade, unter einem andern krumm. Das macht das Leben für uns Privatpersonen recht schwierig. Denn es geht daraus hervor, dass niemand niemals ganz sicher ist, nicht Teil einer verbrecherischen Organisation zu bilden. Der deutsche Schuhmacher, Vater von drei kleinen Kindern, alter Kämpfer von Verdun, der 1934 eine Mitgliedkarte bei der nationalsozialistischen Partei gefasst hat, ist vom öffentlichen Kläger angeklagt worden, einer verbrecherischen Organisation anzugehören. Was machte der französische Kaufmann, Vater von drei Kindern, alter Kämpfer von Verdun, der in die Bewegung der Croix de Feu eingetreten war, anderes? Der eine wie der andere glaubte eine politische Bewegung zu unterstützen, die tauglich wäre, die Wiedererhebung seines Landes sicherzustellen. Der eine wie der andere hat dieselbe Handlung begangen: und trotzdem haben die Ereignisse jeder der beiden Handlungen einen verschiedenen Wert gegeben. Der eine ist ein Patriot (unter der Bedingung, dass er den englischen Rundfunk gehört hat, wohlverstanden), aber der andere wird von den Vertretern des Weltgewissens angeklagt. Diese Schwierigkeiten sind von grösster Wichtigkeit. Der Boden flieht uns unter den Füssen weg. Unsere weisen Rechtsgelehrten geben sich vielleicht nicht Rechenschaft, aber sie greifen da eine völlig neuzeitliche Auffassung der Rechtspflege auf, diejenige, die in Sowjetrussland den Prozessen von Moskau als Grundlage gedient hat. Unsere Auffassung der Rechtspflege war bisher römisch und christlich gewesen: römisch in der Forderung, dass jede strafbare Handlung eine unveränderliche Bezeichnung erhält, die sich auf das Wesen der Handlung selbst bezieht, gleichgültig wo und von wem sie begangen wurde; christlich darin, dass die Absicht immer in Rücksicht gezogen werden musste, sei es um die Umstände der als verbrecherisch bezeichneten — 29 — Handlung zu erschweren oder zu erleichtern. Aber es gibt eine andere Auffassung von Schuld, die aus verschiedenen Gründen, als marxistisch bezeichnet werden kann, und die in dem Gedanken besteht, dass eine bestimmte Handlung, die an sich und nach ihrer Absicht im Augenblick, wo sie begangen wurde, nicht strafbar war, unter einer bestimmten späteren Betrachtungsweise der Ereignisse, gesetzlich als strafbar erscheinen kann. Ich treibe hier keine Gleichschaltung. Die Marxisten sind guten Glaubens, wenn sie das sagen. Denn sie leben in einer Art nicht-euklidischer Welt, wo die Linien der Geschichte durch den marxistischen Gesichtspunkt gruppiert und entstellt, oder wenn man will, harmonisiert erscheinen. Während die Herren Shawcross und Justice Jackson, die englischen und amerikanischen Ankläger, in einer euklidischen Welt leben, wo alles sicher ist, wo alles klar ist, wo alles es wenigstens sein sollte, und wo die Tatsachen die Tatsachen sein sollten und sonst nichts. Allein ihr schlechter Glaube führt uns in eine Welt, wo nichts sicher ist. Unsere Absichten zählen nicht mehr. Selbst unsere Handlungen zählen nicht mehr. Was wir wirklich sind, zählt nicht mehr. Sondern unsere eigene Geschichte und unser eigenes Leben können fortan durch eine Art von politischem Demiurgen, durch einen Töpfer, der ihnen eine Form verleiht, die sie nie gehabt haben, geknetet, ausgewalzt und aufgeblasen werden. Jede unserer Handlungen in der Welt, die sich vorbereitet, ist wie eine Seifenblase, die die Geschichte am Ende ihres Strohhalmes hält: sie kann ihr die Gestalt und die Farbe geben, die sie schlussendlich will. Und der Richter nähert sich dann und sagt zu uns: «Ihr seid nicht mehr ein deutscher Schuhmacher, oder ein französischer Kaufmann, wie Ihr zu sein glaubtet; Ihr seid ein Ungeheuer. Ihr habt einer Vereinigung von Uebeltätern angehört, Ihr habt teilgenommen an einer Verschwörung gegen den Frieden, wie es sehr deutlich aus dem ersten Teil meiner Anklagerede hervorgeht». Was werden wir den Deutschen antworten, wenn sie uns eines Tages sagen, dass sie nichts Ungeheuerliches im Nationalsozialismus selbst sehen? —30 — Dass Ausschreitungen durch diese Herrschaftsordnung haben begangen werden können, wie sie in allen Kriegen und jedes Mal vorkommen, wenn eine Herrschaftsordnung die Aufgabe, sie gegen Sabotage zu schützen, Polizeielementen anvertrauen muss. Aber dass nichts von an all dem das Wesen des Nationalsozialismus berührt. Und dass sie weiterhin überzeugt sind, für Gerechtigkeit und Wahrheit gekämpft zu haben, d. h. für das, was sie damals als Gerechtigkeit und Wahrheit ansahen und zu sehen fortfahren. Was werden wir diesen Menschen antworten, gegen die wir einen Glaubenskrieg geführt haben? Auch sie haben ihre Heiligen. Was werden wir ihren Heiligen antworten? Wenn einer unter ihnen uns diese gewaltige Ernte an Grösse und Aufopferung in Erinnerung ruft, die das junge Deutschland mit all seinen Kräften dargebracht hat, wenn uns die Tausende dieser so schönen Aehren vor der neuen Ernte dargeboten werden: was werden wir, wir Mitschuldige der Richter, Mitschuldige der Lüge, sagen? Wir haben im Namen eines gewissen Begriffes von menschlichem Fortschritt verurteilt. Wer gibt uns die Gewähr, dass dieser Begriff richtig ist? Er ist nur ein Glaube wie ein anderer. Wer gibt uns die Gewähr, dass dieser Glaube wahr ist? Die Hälfte der Menschen sagt uns bereits, dass er falsch ist, dass auch sie bereit sind zu sterben — als Zeugen eines anderen Glaubens! Was ist dann wahr? Ist es unser Glaube oder derjenige der sozialistischen sowjetischen Republiken Russlands? Und wenn schon niemand wissen kann, welche unter den Richtern die Wahrheit innehatten, was ist dieses Unbedingte wert, in dessen Namen wir die Zerstörung und das Unglück verbreitet haben? Wer beweist uns, dass der Nationalsozialismus nicht auch die Wahrheit war? Wer beweist uns, dass wir nicht Zufälligkeiten, unvermeidliche Zwischenfälle im Kampfe, für das Wesentliche genommen haben, wie wir es vielleicht beim Kommunismus tun? Oder noch einfacher, wenn wir gelogen hätten? Und wenn der Nationalsozialismus in Wirklichkeit die Wahrheit und der Fortschritt, oder wenigstens eine Art von Wahrheit und — 31 — Fortschritt gewesen wäre? Wenn die kommende Welt sich nur durch eine Wahl zwischen dem Kommunismus und dem autoritären Nationalismus errichten liesse? Wenn die demokratische Auffassung nicht gangbar, wenn sie durch die Geschichte verurteilt wäre? Wir lassen gelten, dass man Städte zermalmen kann, um das Wesentliche obsiegen zu lassen, um die Zivilisation zu retten: und wenn der Nationalsozialismus auch einer dieser Kampfwagen wäre, die die Götter tragen und deren Räder, wenn nötig, über Tausende von Körpern rollen müssen? Die Bomben beweisen nichts gegen eine Idee. Wenn wir eines Tages Sowjetrussland zermalmen, ist der Kommunismus weniger wahr? Wer kann sicher sein, dass Gott in seinem Lager ist? Im Grunde geht es bei dieser Auseinandersetzung nur um eine Kirche, die eine andere Kirche anklagt. Jenseitige Lehren beweisen sich nicht. Doch führen uns diese Fragen zu weit. Sie haben an dieser Stelle nur einen Daseinsgrund: sie machen uns auf andere Art und ein Mal mehr verständlich, dass die Lage der Sieger beunruhigend und heikel, und die Ungerechtigkeit für sie unbedingt notwendig ist! Es handelt sich um eine zweite Affäre Dreyfuss! Wenn der Angeklagte unschuldig ist, schwankt ihre Welt in den Grundfesten. Nehmen wir uns in acht, wenn wir sie hören, und kehren zu unseren Rechtsbetrachtungen zurück, d. h. zu diesem deutschen Schuhmacher, der sich, ohne es zu wissen, nach seinem Uebergang in eine richterliche Maschinerie, die stark den Zerrspiegeln des Museums Grévin gleicht, als Mitschuldiger einer Vereinigung von Uebeltätern fand. Man wird im weiteren feststellen, dass diese neue Art, das Recht aufzufassen, ein Abgehen von der christlichen Welt bedeutet, die zwar keine euklidische Welt war — die römische Welt, das römische Recht ist euklidisch —, die uns aber die Möglichkeit zur Besserung in umgekehrter Richtung brachte. Nach der christlichen Auffassung des Rechts konnte der Mensch immer die Absicht verteidigen. Sogar wenn seine eigenen Handlungen ihn selbst erschreckten: denn die — 32 — Erscheinung des Gesichtswinkels, die im neuen Recht so grosse Bedeutung erhält, ist eine Wirklichkeit. An einer Wegbiegung, die das Geschehen macht, können unsere Handlungen mit einem Gesicht erscheinen, das wir nicht wieder erkennen. Die fremden Handlungen, die sie umgeben, färben auf ihre Erscheinung ab. Handlungen, für die wir nicht verantwortlich sind, drücken durch ihre Nähe auf den Bereich unserer eigenen Verantwortlichkeit. Was wir selbst waren, ist dann verwandelt durch das Spiel von Schatten, Licht und Abstand. Ein Fremder erhebt sich in der Vergangenheit, und dieser Fremde sind wir selbst. Das christliche Recht war in dieser Hinsicht ein Recht der Wiederherstellung der Persönlichkeit gegenüber dem römischen Recht, das geometrisch, wissenschaftlich und gegenständlich war. Es hatte das Bestehen dieses Gesichtswinkels des Geschehens erfahren und gab dem Menschen das Recht zum Aufschrei: «Das hatte ich nicht gewollt!» Es hatte in das Recht sogar einen seelischen Bestandteil eingeführt, der es gestattete, der Gegenständlichkeit der Tatsachen eine seelische Gegenständlichkeit gegenüberzustellen, die diesen oft widersprach. Das menschliche Recht war vor allem ein Erforschen der Ursachen geworden. Es näherte sich so nah wie möglich der Handlung: es neigte sich über die Gesichter! Es genügt, diese Grundsätze in Erinnerung zu rufen, um zu sehen, was wir mit einem Schlag ausgelöscht haben. Nürnberg will nicht mehr die Gesichter sehen. Nürnberg will nicht einmal die Handlungen auf den Einzelnen beziehen: Nürnberg sieht Massen, denkt in Massen und Statistiken und liefert dem weltlichen Arm aus. Man richtet nicht mehr. Das ist aus der Mode gekommen. Man putzt aus, man schneidet aus! Diese Umwandlung des Rechts hat sich mit Unterstützung der Christen selbst vollzogen, oder wenigstens von einigen von ihnen und zum hohen Ruhme der Gottheit! Es handelt sich, man erinnert sich vielleicht daran, um die Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit. Ich bin nicht sicher, ob diese Christen sich Rechenschaft gaben, dass dieses Rückwärtsschreiten des Rechts eine Absage an den christlichen Gedanken selbst war. — 33 — Dass sie durch diese Zusammenarbeit die geduldige Arbeit der gemeinsamen Nennerbestimmung zwischen der Christuslehre und dem römischen Recht vernichteten und umgekehrt Stellungen stärkten, die anzuprangern sie nicht müde geworden waren. Diese durch Leidenschaft und Furcht verursachte falsche Parteinahme hat viel schwerere Folgen als man vorerst glaubt. Die Kirche tritt heute als Verteidigerin von Leuten gegenüber Regierungen auf, die bei sich nur eine Ordnung zur Anwendung gebracht haben, deren Allgemeinheit durch das Urteil von Nürnberg verkündet worden war. Sie findet darin den Zusammenhang mit der christlichen Ueberlieferung wieder. Aber müsste sie sich dann nicht eines Tages gegen die Zweideutigkeiten erheben und überall die Kollektivurteile verurteilen, wo sie ausgesprochen worden sind und nicht nur in gewissen Ländern Europas? Und ihre Zustimmung zum neuen aus Nürnberg hervorgegangenen Recht, die sie vorerst gegeben zu haben schien, zurückziehen? Man muss wählen, wie Christus zu sprechen oder wie Herr François de Menthon. Man muss indessen anerkennen, dass unsere Rechtsgelehrten Heilmittel für alles haben und selbst für das gefährliche Leben, das zu führen sie uns gegenwärtig zwingen. In Wirklichkeit sind diese Heilmittel nicht in den Schuldspruch geschrieben. Sie wurden nicht in der Gerichtsverhandlung enthüllt. Sie ergeben sich aus dem Wesen, aus dem Geist, wenn man so sagen darf, von Nürnberg. Und schliesslich aus der Art, wie dieses Urteil dargestellt und ausgelegt wurde. Aber wäre unsere Auslegung vollständig, wenn wir die Ratschläge übersähen, die uns am Ausgang der Gerichtsverhandlungen durch berufene Stimmen erteilt wurden? Wir haben seit drei Jahren erfahren, dass die Begleittexte der Gerichtsberichterstatter nicht weniger Einfluss auf das Los der Angeklagten hatten als die Artikel des Strafgesetzbuches. Seht Ihr, so sagen die Schreiber unserer neuen Rechtsgelehrten, es gibt ein sehr einfaches Mittel, zu erkennen, ob die Organisation, der Ihr angehört, eines Tages Gefahr läuft, als verbrecherisch erklärt zu werden. Ihr müsst Euch — 34 — grundsätzlich hüten vor der Entschlusskraft. Wenn Ihr irgendwo das Eigenschaftswort nationalistisch hört, wenn man Euch auffordert, Herr im eigenen Hause zu sein, wenn man Euch von Einigkeit, von Selbstzucht, von Kraft und Grösse spricht: Ihr könnt nicht leugnen, dass das ein wenig demokratischer Wortschatz ist und Ihr infolgedessen Gefahr lauft, Eure Organisation eines Tages verbrecherisch werden zu sehen. Hütet Euch also vor den schlechten Gedanken und wisst, dass das, was wir verbrecherisch nennen, immer durch die gleichen Absichten abgesteckt ist. Die Schreiber gehen hier mit dem Schuldspruch einig. Das Urteil, das im ersten Band des Prozesses zu finden ist, stellt das Bestehen einer «Verschwörung oder eines verabredeten Planes gegen den Frieden» fest. Diese Erklärung ruft mancherlei Auslegungen. Aber es ist auf jeden Fall klar, dass die Verschwörung mit der Entstehung der Partei beginnt: die Partei selbst ist das Werkzeug der Verschwörung und letztendlich die Verschwörung. Dieser Entscheid hat einzigartige Folgen. Er kommt in Wirklichkeit dem Verbot gleich, sich zu bestimmten Zwecken und unter Annahme bestimmter Verfahrensweisen zu vereinigen. Gerade das will das Gericht sagen: Ihr lauft Gefahr, sagt es, eines Tages Verbrechen gegen den Frieden oder Verbrechen gegen die Menschheit zu begehen. Und Ihr könnt nicht vorgeben, dass Ihr es nicht wusstet, da man ja Mein Kampf für Euch geschrieben hatte! Die Verurteilung gilt also letztendlich dem Parteiprogramm! Und dadurch bildet das Urteil für die Zukunft einen Eingriff in jede nationale Selbständigkeit. Eure Regierung ist schlecht, sagen uns die Rechtsgelehrten. Ihr seid frei, sie zu wechseln: aber Ihr habt nur das Recht, sie nach bestimmten Regeln zu ändern. Ihr denkt, dass die Organisation der Welt nicht vollkommen ist: Ihr könnt versuchen, sie zu ändern. Aber es ist Euch verboten, Euch dabei auf bestimmte Grundsätze zu berufen. Dabei findet es sich, dass die Regeln, die man uns auferlegt, solche sind, die die Ohnmacht verewigen, oder dass die Grundsätze, an die zu denken man uns untersagt, solche sind, die — 35 — die Unordnung beseitigen würden. Diese Anklage wegen Verschwörung ist eine hervorragende Erfindung. Die Welt ist fortan auf ewig demokratisch. Sie ist demokratisch durch Rechtsentscheid. Fortan lastet auf jeder Art nationaler Wiedergeburt ein richterlicher Vorentscheid. Und das ist unendlich schwerwiegend. Denn in Wirklichkeit ist jede Partei ihrer Begriffsbestimmung nach eine Verschwörung oder ein verabredeter Plan, weil jede Partei eine Verbindung von Menschen darstellt, die sich vornehmen, die Macht zu ergreifen und ihren Plan, den sie Programm nennen, auszuführen, oder wenigstens den grösstmöglichen Teil davon. Der Entscheid von Nürnberg besteht also darin, eine vorgängige Auswahl unter den Parteien zu treffen. Die einen sind verfassungsmässig und die anderen verdächtig. Die einen sind in der Linie des demokratischen Geistes und haben infolgedessen das Recht, die Macht zu ergreifen und einen verabredeten Plan zu haben, da man sicher ist, dass dieser verabredete Plan niemals die Demokratie und den Frieden bedrohen wird. Die Anderen umgekehrt haben nicht das Recht zur Macht und infolgedessen ist es unnütz, dass sie bestehen: es versteht sich, dass sie im Keime alle Arten von Verbrechen gegen den Frieden und die Menschlichkeit enthalten. Nach solchem ist es erstaunlich, dass die Amerikaner die Politik des Herrn Gottwald nicht verstehen: denn Herr Gottwald macht nichts anderes, als in seinem Land die weisen, durch das neue Recht eingegebenen Vorsichtsmassnahmen anzuwenden, wobei er bloss dem Wort demokratisch einen etwas besonderen Sinn gibt. Es liegt in dieser einfachen Erklärung also ein Grundsatz der Einmischung. Nun hat diese Einmischung aber die Eigentümlichkeit, dass kein feststellbarer Wille aus ihr spricht, oder wenigstens zu sprechen scheint. Es ist nicht diese Grossmacht im besonderen oder jene Gruppe von Grossmächten, die sich der Wiederherstellung nationaler Bewegungen widersetzt. Es ist eine viel unbestimmtere Wesenheit. Es ist ein Wesen ohne Macht und Geschäfts — 36 — räume. Es ist das Gewissen der Menschheit. «Wir wollen solches nicht wiedersehen», sagt das Gewissen der Menschheit. Wir werden sehen, doch niemand weiss genau, was das ist: solches. Aber diese Stimme der Menschheit ist sehr bequem. Diese namenlose Macht ist nur ein Grundsatz der Ohnmacht. Sie erlegt nicht auf. Sie beansprucht nicht, irgendetwas aufzuerlegen. Ob eine dem Nationalsozialismus entsprechende Bewegung sich morgen bildet: es ist ganz sicher, dass die UNO nicht eingreifen wird, um ihre Unterdrückung zu verlangen. Aber das Weltgewissen wird jeder Regierung beistimmen, die das Verbot einer solchen Partei ausspricht, oder zu ihrer Bequemlichkeit, jeder Partei, die sie beschuldigt, dem Nationalsozialismus zu gleichen. Jede nationale Erhebung, jede Politik der Entschlusskraft oder einfach der Sauberkeit, wird so verdächtigt. Man hat die Gewissen verrenkt und sieht uns jetzt hinken. Wer hat das getan? Wer hat das gewollt? Es ist Niemand, wie der Zyklop schrie. Der Ueberstaat besteht nicht. Aber die Einspracherechte des Ueberstaates bestehen: sie sind im Schuldspruch von Nürnberg enthalten. Der Ueberstaat fügt das Uebel, das er zufügen kann, zu, bevor er fähig ist, Dienste zu leisten. Das Uebel, das er zufügen kann, besteht darin, uns gegenüber allem zu entwaffnen. Seinen Feinden gegenüber ebenso wie den unsrigen gegenüber. Das ist eine einzigartige Lage. Wir sind entwaffnet und bedroht durch eine Idee, durch nichts anderes als eine Idee! Nichts ist verboten. Aber wir sind gewarnt, dass eine bestimmte Denkweise nicht gut ist! Wir sind eingeladen, in uns gewisse Zuneigungen vorzubereiten und in uns mehrere endgültige Ablehnungen einzurichten. Man lehrt uns, wie die Kinder, Worte zu verbinden: «Herr Mandel ist ein grosser Patriot; Herr Roosevelt ist ein grosser Bürger der Welt; Herr Jean Richard Bloch ist ein grosser Schriftsteller; Herr Benda ist ein Denker». Und umgekehrt: «Ich werde nie Anhänger der Rassenlehre sein; ich werde Herrn Kriegel-Valrimont sehr lieben; ich werde auf ewig die SS, Charles Maurras und Je Suis Partout verdammen». Und diejenigen, — 37 — deren Geist für solche Zuneigungen nicht empfänglich ist oder die solche Ablehnungen verwerfen? Diejenigen, deren Herz auf andere Anrufe antwortet? Diejenigen, deren Geist in anderen Kategorien denkt? Diejenigen, die anders gemacht sind? Ich habe hier den gleichen Eindruck wie beim Lesen gewisser marxistischer Texte: diese Leute haben nicht das gleiche Gehirn wie ich. Es ist eine andere Rasse. Und dieser Vergleich hilft uns auf den Weg. Es gibt eine vor lauter demokratischem «Idealismus» blinde Welt, die gleicher Art ist, wie die vor Marxismus blinde Welt. Es ist nicht erstaunlich, wenn ihre Verfahrensweisen allmählich übereinstimmen, wenn ihr Recht schliesslich das gleiche wird, obwohl die Worte bei ihnen nicht den gleichen Sinn haben. Es ist auch ein Glaube. Es ist das gleiche Unternehmen auf die Seelen. Wenn sie den Nationalismus verdammen, wissen sie sehr gut, was sie tun. Es ist die Grundlage ihres Gesetzes. Sie verdammen unsere Wahrheit. Sie erklären sie für vollständig falsch. Sie verdammen unser Fühlen, unsere Wurzeln sogar, unsere tiefste Art zu sehen und zu empfinden. Sie erklären uns, dass unser Gehirn nicht so gemacht ist, wie es sein sollte: Wir haben das Gehirn von Barbaren. Diese ständige Warnung bereitet uns zu einer Art von politischem Leben, die wir nicht übersehen dürfen und die zu übersehen uns übrigens drei Jahre festländischer Erfahrung nicht erlauben. Die Verurteilung der nationalsozialistischen Partei geht viel weiter als es den Anschein hat. Sie trifft in Wirklichkeit alle dauerhaften Formen, alle geologischen Formen des politischen Lebens. Jedes Volk, jede Partei, die sich des Bodens, der Ueberlieferung, des Berufs, der Rasse erinnern, sind verdächtig. Wer immer das Recht des Zuerstgekommenen beansprucht und so offensichtliche Sachen wie das Eigentum des Gemeinwesens bejaht, beleidigt eine Weltmoral, die das Recht der Völker, ihre Gesetze zu verfassen, leugnet. Nicht nur die Deutschen, wir alle sind enteignet! Niemand hat mehr das Recht, sich auf seinen Acker zu setzen und zu sagen: «Diese Erde gehört — 38 — mir». Niemand hat mehr das Recht, sich im Gemeinwesen zu erheben und zu sagen: «Wir sind die Alten. Wir haben die Häuser dieser Stadt gebaut. Wer den Gesetzen nicht gehorchen will, verlasse uns!» Es steht nunmehr geschrieben, dass ein Konzil von unspürbaren Wesen die Macht hat, zu wissen, was sich in unseren Häusern und unseren Städten zuträgt. Verbrechen gegen die Menschheit: dieses Gesetz ist gut! Dieses hier ist nicht gut. Die Zivilisation hat ein Recht zur Einsprache! Wir lebten bisher in einer festen Welt, deren Geschlechterfolgen eine nach der anderen die Schichtungen angesetzt hatten. Alles war klar: der Vater war der Vater; das Gesetz war das Gesetz; der Fremde war der Fremde! Man hatte das Recht zu sagen, dass das Gesetz hart war, aber es war das Gesetz. Heute sind diese festen Grundlagen des politischen Lebens vom Bannstrahl getroffen. Denn diese Wahrheiten bilden das Programm einer rassisch eingestellten Partei, die vor dem Gerichtshof der Menschheit verdammt worden ist. Umgekehrt empfiehlt der Fremde eine Welt nach seinen Träumen. Es gibt keine Grenzen mehr. Es gibt keine Gemeinwesen mehr. Vom einen zum andern Ende des Festlandes sind die Gesetze die gleichen. Und auch die Pässe. Und auch die Richter und selbst die Geldsorten. Eine Polizei und ein Gehirn: der Senator von Milwaukee prüft und beschliesst! Wodurch der Handel frei wird. Endlich ist der Handel frei! Wir pflanzen Rüben, die sich zufällig nie gut verkaufen, und kaufen Maschinenpflüge, die wie sich zeigt, immer viel kosten. Und wir sind frei, Einspruch zu erheben. Frei, unendlich frei, zu schreiben, zu stimmen, öffentlich zu sprechen, vorausgesetzt, dass wir niemals Massnahmen treffen, die alles ändern könnten. Wir sind frei, uns in einer Welt von Watte zu bewegen und zu schlagen. Man weiss nicht recht, wo unsere Freiheit endet, wo unsere Nationalität endet. Man weiss nicht recht, wo das endet, was erlaubt ist! Es ist eine dehnbare Welt. Man weiss nicht mehr, wo seine Füsse hinstellen. Man weiss selbst nicht mehr, ob man Füsse hat. Man fühlt sich ganz — 39 — leicht, wie wenn man seinen Körper verloren hätte. Aber für diejenigen, die dieser einfachen Abtrennung zustimmen: was für unendliche Vergütungen, welche Masse von Trinkgeldern! Diese Welt, die man vor unseren Augen erglänzen lässt, ist einigen Palästen der Atlantis ähnlich. Ueberall finden sich Nippsachen, falsche Marmorsäulen, Inschriften, geheimnisvolle Früchte. Beim Eintritt in diesen Palast legt Ihr Eure Macht ab. Zum Entgelt habt Ihr das Recht, die goldenen Aepfel zu berühren und die Inschriften zu lesen. Ihr seid nichts mehr. Ihr fühlt das Gewicht Eures Körpers nicht mehr. Ihr habt aufgehört, Mensch zu sein: Ihr seid Gläubige der Menschheitsreligion. Im Hintergrund des Heiligtums sitzt ein Negergott. Ihr habt alle Rechte, ausgenommen, Schlechtes über den Gott zu sagen! * * * Der zweite Teil der Anklage betrifft die «Verbrechen gegen den Frieden». Bekanntlich klagen die Vereinten Nationen die deutsche Regierung an, mit ihrem Einfall in polnisches Gebiet den Weltkrieg hervorgerufen zu haben. Ein Einfall, der Frankreich und England zwang, sich ihren Verpflichtungen entsprechend, als mit Deutschland im Kriegszustand zu erklären. Sie machen die deutsche Regierung ausserdem wegen ihrer Angriffe auf neutrale Länder für die Ausdehnung des Krieges verantwortlich. Weiter behauptet die Anklage, mittels zweier vertraulicher Schriftstücke, die in den deutschen Archiven gefunden wurden, die Vorsätzlichkeit festzustellen. Schriftstücke, deren Echtheit angesichts der Vorsicht, mit der sie geprüft wurden, nicht geleugnet werden kann. Das eine ist unter dem Namen Note Hossbach, das andere unter dem Namen Dossier Schmundt bekannt. Die Note Hossbach ist das durch den Ordonnanzoffizier Hitlers aufgenommene Protokoll einer Konferenz, die in der Reichskanzlei am 5. November 1937 vor den hauptsächlichen nationalsozialistischen Leitern abgehalten wurde und die man als politisches Testament Hitlers hinstellt. Es ist eine übrigens sehr eindringliche Darlegung der Lehren vom — 40 — Lebensraum und ihrer Folgen: Hitler zeigt darin das dem Erstickungstod geweihte und zur Auffindung von Land verurteilte nationalsozialistische Deutschland. Er bezeichnet den Osten als den Weg zur notwendigen kolonialen Ausdehnung des Reiches. Und er erklärt, dass diese Ausdehnung nicht ohne eine Reihe von Kriegen geschehen kann, zu denen Deutschland sich unerbittlich gezwungen sieht. Wir werden weiter unten Anmerkungen zu dieser Darlegung machen. Wenn sie ausgelegt werden muss, wie die Anklage sie ausgelegt hat — die Angeklagten und vor allem Goering bestreiten aber diese Auslegung —, würde sie den Beweis erbringen, dass Hitler die Möglichkeit des Krieges sah und annahm. Das Dossier Schmundt ist das, ebenfalls vom Ordonnanzoffizier Hitlers — zu diesem Zeitpunkt Oberst Schmundt — abgefasste Protokoll einer Konferenz, die in der Reichskanzlei am 28. Mai 1939 in Anwesenheit der Leiter der Partei und der Verantwortlichen des Generalstabes abgehalten wurde. Diese Konferenz besteht zur Hauptsache in einer Darlegung Hitlers, die die Unvermeidlichkeit eines Krieges mit Polen als ersten Schritt der Unternehmung zur kolonialen Ausdehnung bestätigt: bei Untersuchung der Folgen dieses Krieges sieht Hitler die Ausdehnung auf ganz Europa voraus. Und er gibt seinen Generälen durch eine ebenso packende Untersuchung wie die vorausgehende zu verstehen, dass der Krieg, der zu entstehen im Begriff ist, nicht ein lokales Unternehmen, sondern wahrscheinlich der Beginn eines Kampfes auf Tod und Leben mit England sein wird, dessen Ausgang niemand voraussehen kann. Auch hier drängen sich Einwände und Anmerkungen auf und die Verteidigung bestreitet ebenfalls die Tragweite des Dossiers Schmundt. Unter diesem Vorbehalt hat das Dossier Schmundt den gleichen Sinn wie die Note Hossbach, von der es imgrunde nichts anderes als eine Anwendung darstellt. Es würde auf gleiche Art beweisen, dass Hitler die Folgen seiner Politik keineswegs verkannte und mit der Möglichkeit des europäischen Krieges rechnete, auch wenn er die — 41 — Hoffnung hegte, ihm entrinnen zu können. Wenn diese Schriftstücke richtig ausgelegt worden sind, ist es schwer zu behaupten, dass Deutschland an der Verantwortung für den Krieg keinen Anteil hat. Die Anklage legt weiter eine sehr grosse Zahl von Generalstabsbesprechungen, von Feldzugsplänen und Operationsstudien vor, deren Einzelheiten wir hier nicht wiedergeben können und in denen sie ebenfalls Beweise für die Vorsätzlichkeit sieht. Da diese Schriftstücke einen weniger Aufsehen erregenden Charakter haben als die Dossier Hossbach und Schmundt, und da es anderseits oft schwierig ist, die theoretische Untersuchung von einer taktischen Annahme und vom Operationsplan zu unterscheiden, den man als den Handlungsbeginn oder als eine ausgesprochene Vorsätzlichkeit bezeichnen kann, denken wir, dass es genügt, dem Leser das Bestehen dieser Schriftstücke anzuzeigen, ohne sie zu besprechen. Die deutschen Geschichtsschreiber werden übrigens anerkennen müssen, dass die deutschen Armeen als erste in polnisches Gebiet eingedrungen sind, ohne dass die deutsche Regierung den schwebenden Verhandlungen Zeit gelassen hätte, sich zu entwickeln. Sie werden nicht verfehlen, die blutigen polnischen Herausforderungen ins Licht zu rücken, die die Anklage mit Stillschweigen übergeht, und den trügerischen Charakter der Verhandlungen hervorzuheben, die das englische Kabinett, wie es scheint, mit der Hoffnung führte, sie scheitern zu sehen. Sie werden auch sagen, dass die polnische Regierung sich angestrengt hat, die Verhandlungen und den Vergleich zu verhindern. Das sind da ganz wichtige Umstände, die kein Urteil über die Verantwortlichkeit des Krieges auslassen darf und die nicht zu erwähnen das Gericht von Nürnberg sicherlich Unrecht hat. Es ist ferner nicht weniger wahr, dass es die deutsche Armee ist, die die ersten Kanonenschüsse abgefeuert hat. Am 1. September 1939 konnte ein Telegramm noch alles retten: dieses Telegramm konnte nur von Berlin aus abgehen. Nachdem das gesagt ist, beginnt hier nun aber der — 42 — schlechte Glaube. Auf der einen Seite durchblättert man alle Archive, tastet die Mauern ab, erforscht die Ratschläge, zieht Nutzen aus vertrauensvollen Mitteilungen: alles liegt zu Tage, die geheimsten Unterredungen der deutschen Staatsmänner sind auf dem Tisch der Beweisstücke ausgebreitet. Man hat selbst die telephonischen Abhörungen nicht vergessen. Auf der anderen Seite das Stillschweigen! Man wirft dem deutschen Generalstab Operationsstudien vor, die man in seinen Archiven gefunden hat: Ihr habt den Krieg vorbereitet, sagt man ihm. Wem wird man weis machen, dass in der gleichen Zeit die anderen europäischen Generalstäbe keinen irgendwelchen Plan machten? Sich nicht vorbereiteten, um irgendwelchem strategischen Fall begegnen zu können? Wem will man weis machen, dass die europäischen Staatsmänner sich nicht verabredeten? Wem will man weis machen, dass die Schubladen von London und Paris leer sind und dass die deutschen Vorbereitungn Lämmer überrascht haben, die nur vom Frieden träumten? Als die Verteidigung vom Gericht verlangt, ähnliche Schriftstücke einzulegen über die französische Politik der Kriegsausweitung, über die englische Politik der Kriegsausweitung, über die Pläne des französischen Generalstabes, über die alliierten Kriegsverbrechen, über die vom englischen Generalstab an die «Kommandos » gegebenen Anweisungen, über den Krieg der Partisanen in Russland, antwortet man ihr, dass das den Gerichtshof nicht interessiert und dass das gestellte Begehren «völlig ausserhalb des Gegenstandes liegt». Es sind nicht die Vereinten Staaten, die sich in Anklagezustand befinden, sagt man ihnen. Das ist sehr richtig: aber warum dann Geschichte nennen, was nur eine kunstvolle Szenenbeleuchtungist? Auch hier wird nur die Hälfte der Erde beleuchtet. Auf solchen Schein stützte man sich, als man früher leugnete, dass die Erde rund sei. Die Geschichte beginnt, wenn man das Licht gleicherweise verteilt, wenn jeder seine Beweisstücke auf den Tisch legt und sagt: urteilt! Alles andere ist Propaganda! Ist es ehrlich, diese Vorlegung der Tatsachen abzulehnen? Ist es ehrenhaft, sie so zu verstümmeln? — 43 — Es ist gerechter und entspricht letztendlich dem Belang unserer eigenen Länder besser, sofort zu sagen, dass dieses Aufgebot der Hüter der Archive uns nicht täuscht. Denn dieses Wissen um die Beleuchtung überwiegt keineswegs die Gewissheit. Es ist England, das sich am 3. September 1939, 11 Uhr vormittags als im Kriegszustand mit Deutschland befindlich erklärt hat. Es ist Frankreich, das die selbe Erklärung um 5 Uhr abends gemacht hat. England und Frankreich hatten Rechtsgründe, diese Erklärungen zu machen. Aber schliesslich ist es gewiss, dass sie sie gemacht haben. Man befindet sich in schlechter Lage, um jede Verantwortlichkeit an einem Kriege abzulehnen, wenn man als erster einem anderen Staat mitgeteilt hat, dass man sich als mit ihm in Kriegszustand befindlich betrachtet. Ausserdem gab es in Frankreich und in England eine Kriegspartei. Man verbirgt es uns heute nicht. Man wirft Staatsmännern vor, Anhänger von München gewesen zu sein, d. h. eine Verständigung gesucht zu haben: das heisst, man wollte keine Verständigung! Das heisst, man nahm diesen Krieg an, ja sogar, dass man ihn wünschte! Das wiegt wohl die Note Hossbach auf, scheint mir. Schliesslich weiss die ganze Welt, dass nach der Niederlage Polens, Deutschland Verhandlungen anzubahnen versuchte auf der Grundlage der vollendeten Tatsache. Das ist vielleicht unmoralisch. Aber es war noch ein Weg, einen europäischen Krieg zu vermeiden. Diese Eröffnungen wurden nicht angenommen. Man hielt auf diesen Krieg. Man war fest entschlossen, ihn nicht fahren zu lassen. Das sind ein wenig zu starke Augenscheinlichkeiten, als dass man sie schweigend übergehen kann. Trotz der Inszenesetzung von Nürnberg wird die Zukunft leicht die Wahrheit wieder herstellen: Hitler hat es auf sich genommen, für eine Eroberung, die er für lebenswichtig hielt, einen Krieg zu wagen. England hat beschlossen, ihm den Krieg als Preis dieser Eroberung aufzuzwingen. Hitler dachte höchstens eine örtliche militärische Unternehmung auszulösen. England hat daraus gewollt einen Weltkrieg hervorgehen lassen. — 44 — Ein Wort noch, um mit der Prüfung unserer Beschwerden zu schliessen. Die Anklage hat den Ueberfällen wichtige Darlegungen gewidmet, die während des Verlaufs der Kriegshandlungen stattfanden. In diesem Punkt ist die Stellung der Anklage, wenn man sich auf die Feststellung der Tatsachen beschränkt, sehr stark. Diese Ueberfälle sind sicher. Aber hat man das Recht, strategische Ueberfälle und die Entfesselung eines Weltkrieges genau auf die gleiche Ebene, genau als Unternehmen gleichen Gewichts hinzustellen? Es ist sicherlich wider das Recht, wider die Gerechtigkeit, wider die Verträge, vier Uhr morgens eine Panzerdivision in Kopenhagen oder Oslo auftauchen zu lassen. Ist es aber eine Handlung gleicher Grössenordnung, wie die Verantwortung, das Feuer an Europa zu legen? Die wahren Verantwortlichen des Krieges sind im gleichen Masse mittelbar für die örtlichen Angriffshandlungen verantwortlich, die der Verlauf des Krieges unvermeidlich machte. Wenn England nicht den Krieg erklärt hätte, wäre Norwegen niemals besetzt worden. Es ist der 3. September, an dem Kopenhagen und Oslo zu zittern begannen! Und auch dann noch bringen einen, bei Ueberlegung, gewisse Vergleiche in Verlegenheit. Wenn ein englischer Diplomat Ränke schmiedet, um gewisse wirtschaftliche Zugeständnisse zu erhalten oder um eine gewisse politische Bereitschaft hervorzurufen oder aufrechtzuerhalten, dann ist das ein freies Spiel von Einflüssen. Es ist kein Ueberfall. Es ist kein Druck. Es ist nach dem Völkerrecht nichts Unzulässiges: und doch, ist es nicht eine Art Abstecken der politischen Karte? Die Schaffung einer Einflusszone ohne militärischen Eingriff? Und wenn die selbe Diplomatie sich nicht mehr damit zufrieden gibt, zu beeinflussen, zu raten, sondern gewaltsam eine Ministerkrise hervorruft, die zur Verabschiedung des deutschfreundlichen Ministers führt, dann ist das immer das selbe freie Spiel von Einflüssen. Das nennt sich ebenfalls nicht Tatbestand der Einmischung: unddoch, ist es nicht ein verstecktes politisches Sicheinrichten, ähnlich jenen Einmischungen, die man jetzt dem Sowjet
— 45 — regime vorwirft? Und welche Gewähr hat man, dass dieses politische Sicheinrichten nicht ein militärisches Sicheinrichten vorbereitet und diesem vorangeht? Es ist so leicht, sich zu Hilfe rufen zu lassen! Die britische Presse, die sehr ungehalten ist über solche Verfahrensweisen, wenn sie von den sowjetischen oder deutschen Diplomaten geübt werden, neigt immer dazu, sie sehr nützlich zu finden, wenn sie von der britischen Botschaft angewandt werden. Es besteht da offensichtlich eine Lücke im Völkerrecht. Und eine Lücke, die sehr schwierig auszufüllen ist. Aber dann muss man die Folgerungen daraus ziehen. Die Ueberfälle, die man Deutschland vorhält (ich lasse den Angriff auf Russland bei Seite), sind in Wirklichkeit zuvorkommende Eingriffe. England hat z. B. nichts anderes getan in Syrien. Es besteht im Kriegsfall ein unentrinnbares Verhängnis der schwachen Zonen. Ein schlecht verteidigtes Gebiet wird zur Beute: es handelt sich, darum, der Erstbesetzende zu sein. Das unbedingt Richtige wäre ein völliges Abstandhalten: das ist der Geist des Völkerrechts. Aber das kann auf diesem Gebiet fast nicht angewandt werden. Die diplomatischen Methoden verdrehen das Gesetz, die strategischen gehen darüber hinweg. Aber all das kommt schlussendlich auf dasselbe hinaus. Es ist nicht gut, ein strategisch interessanter Neutraler zu sein! So bemerkt man, dass auf diesem Gebiet, wo die Tatsachen die deutsche Regierung zu belasten scheinen, die Wirklichkeit nicht so einfach war. Die Tatsachen ohne die Umstände darstellen, ist eine Art zu lügen. Es gibt keine nackte Tatsache. Es gibt keinen Beweis ohne Umstände: diese Umstände planmässig übersehen, heisst die Wahrheit entstellen. Unsere Lügen dauern nicht ewig. Morgen wird das deutsche Volk seine Stimme seinerseits erheben. Und wir wissen bereits, dass die Welt gezwungen sein wird, dieser Stimme Rechnung zu tragen. Sie wird uns sagen, dass wenn Hitler tatsächlich Polen angegriffen hat, andere Leute diesen Angriff voll Bangen erwarteten, diesen Angriff wünschten und beteten, dass er stattfinden möge! Diese Leute — 46 — nannten sich Mandel, Churchill, Hore Belisha, Paul Reynaud. Die jüdisch-reaktionäre Allianz wollte «ihren» Krieg, der für sie ein heiliger Krieg war: sie wusste, dass nur ein ausgesprochener Ueberfall ihr erlaubte, die öffentliche Meinung mitzureissen. Die deutschen Archivare werden kaum Mühe haben, uns zu beweisen, dass sie kalt die Bedingungen dieses Ueberfalls vorbereiteten. Fürchtet den Tag, an dem die Geschichte dieses Krieges geschrieben wird! In diesem Augenblick werden die Umstände der örtlichen Ueberfälle klar zu Tage treten. Man wird sehen, dass sie unterlassen haben zu sagen, dass ihre Machenschaften und Ränke die Eingriffe unvermeidlich machten. Ihre Heuchelei wird in vollem Licht erscheinen. Und ihre gewaltige richterliche Maschine wird sich gegen sie selbst wenden, weil derjenige, der Gift eingiesst nicht weniger schuldhaft ist als derjenige, der zuschlägt! Aber die Methoden von Nürnberg sind eine schöne Sache. Das Fehlen jeglichen alliierten Beweisstückes erlaubt, das Gift zu leugnen. Und das Völkerrecht erlaubt, denjenigen als Schuldigen zu bezeichnen, der zuerst ankommt. Das ist die Verbindung einer zweifachen Unehrlichkeit: die eine, die sich auf die Untersuchung bezieht, die andere, die aus dem Strafgesetzbuch kommt. Wir wissen, dass man mit einem schlechten Recht und unehrlichen Polizisten weit gehen kann. Diese Wahrheit ist uns auf unsere eigene Rechnung bewiesen worden. So sind wir also zu diesem ersten Schluss geführt worden, dass der Prozess von Nürnberg kein reiner Kristall ist. Die nationalsozialistische Verschwörung endigte mit einem starken Deutschland. Aber dieses starke Deutschland führte nicht notwendigerweise zum Krieg. Es verlangte das Recht zu leben. Es verlangte es mit Verfahrensweisen, die aufreizend waren. Aber man konnte reden. Deutschland befand sich in einem Dauerzustand der Auflehnung gegen den internationalen Zwang. Es befand sich nicht in einem Dauerzustand des Verbrechens gegen den Frieden! An der Entfesselung des Krieges ist eine viel mannigfaltigere Mitwirkung von Umständen schuldig, als die amtliche Auffassung — 47 — Wort haben will. Jeder hat daran seinen Anteil gehabt. Und jeder hatte auch ausgezeichnete Gründe: die USSR, nur an sich zu denken und eine Falle zu vermeiden, England und Frankreich, ein endgültiges Halt zu gebieten, Deutschland, eine Politik der Erstickung zu brechen. Und jeder hatte auch Hintergedanken. Wäre es nicht vernünftiger, daraus ein allgemeines Geständnis zu machen? Niemand ist unschuldig in dieser Angelegenheit. Aber es gibt Dinge, die man nicht gerne ausspricht: es ist sehr viel bequemer, einen Verbrecher zu haben! Unsere Propaganda hat bei der Beschreibung der Verantwortlichkeit für den Krieg also durch Auslassung und Abänderung gelogen. Und anderseits bemerkt man, wenn man von den Tatsachen zu den Grundsätzen aufsteigt, dass wir, um die Anklage fest zu gründen, dahin geführt worden sind, eine Denkweise wieder zu erwecken, die nie zur Ausführung ihrer Aufgabe fähig war und die durch die Tatsachen vielfach verurteilt worden ist, und eine hirnverbrannte und gefährliche Lehre, die uns in der Zukunft vor unlösbare Schwierigkeiten stellt, gegen die Erfahrung und die Natur der Dinge aufrechtzuerhalten. Diese Denkweise hat einen Vorteil: sie erlaubt uns, uns zu rechtfertigen. Aber um uns diese Befriedigung zu geben, nehmen wir alle tödlichen Folgen falscher Ideen in Kauf. Denn man kann die Geschichte fälschen: aber die Wirklichkeit lässt sich nicht so leicht vergewaltigen. Diese Denkweise ist diejenige des unteilbaren Friedens und der Unabänderlichkeit der Verträge. Es ist eine Art geologischer Auffassung der Politik. Man nimmt an, dass die politische Welt, die während einer gewissen Zahl von Jahrhunderten in Fluss war wie die Oberfläche unseres Planeten, plötzlich ihren Zustand der Erkaltung erreicht hat. Sie hat ihn erreicht kraft eines Beschlusses der Diplomaten. Von der Masse der Kräfte wird angenommen, dass sie sich verdichtet hat. Sie hat sich nach gewissen endgültigen Kraftlinien verdichtet. Diese unveränderliche Erscheinungsweise der politischen Welt, dieser fortan feste und ewige — 48 — Lavastrom ist das, was man die Rüstung der Verträge nennt. Wenn eine Spalte sich auftut, wenn irgendwo ein Gleiten eintritt, müssen wir Alle zu Hilfe kommen, da die ganze Erdrinde bedroht ist. Die Geschichte der Reiche ist abgeschlossen. Von nun an gibt es nur noch fliegende Rettungsmannschaften, die man ruft für Ausebnungs- und Sicherungsarbeiten. Dieser feierliche Stillstand der Geschichte, wie er allgemein am Morgen nach einem Zusammenbruch verkündet wird, zeitigt in Wirklichkeit folgendes: Ein Volk ist in einem Krieg besiegt worden. Man besetzt sein Gebiet. Man raubt seine Werkstätten aus. Man macht ihm jedes Leben unmöglich. Dann sagt man ihm: unterschreib nur diesen Vertrag, und wir gehen weg. Ihr seid für Euch. Das Leben beginnt von Neuem. Diese Beredsamkeit ist überzeugend. Man findet schliesslich immer einen Regierungschef, der unterzeichnet: er bestreut sein Haupt mit Asche. Er weint. Er schwört, dass seine Hand gezwungen ist. Er beruft sich auf die düstere Zukunft. Aber er unterschreibt! Von da an ist es aus. Shylok hält sein Pfund Fleisch in der Hand. Dieser Vertrag ist ohne Berufung. Dieser Vertrag ist das Gesetz. Ihr könnt lange flehen. Ihr könnt lange zeigen, dass diese Ketten Euch das Leben unmöglich machen: das ist alles vergebens! Dieser Vertrag ist die endgültige Grundlage Eurer Beziehungen mit der internationalen Gemeinschaft geworden. Er verpflichtet nicht nur diejenigen, die unterzeichnen mussten, sondern ihre ganze Nachkommenschaft. Niemand hat das Recht, zu sagen, er solle ihn zurückweisen. Wer ihn überschreitet, begeht ein Verbrechen. Dieses Verbrechen heisst Verbrechen gegen den Frieden. Und es gibt nicht eine einzige Verletzung des Versailler Vertrages, die nicht in dieser Kolonne auf die Rechnung der deutschen Leiter gesetzt worden wäre. Die Anklage drückt das so aus: an dem und dem Tag von dem und dem Jahr habt Ihr die und die Handlung im Widerspruch zum Versailler Vertrag, Paragraph so und so, begangen! Verdichtet in ihrer unwiderruflichen Bestimmung, mit Gewalt — 49 — in Stahllungen eingeschlossen, wo sie mit Mühe atmen, flehen die besiegten Völker. Sie verlangen zu leben. Hier zeigen sich die Vorteile der geologischen Starrheit. Man ist nicht unmenschlich, man hört auf sie: aber man gibt ihnen zu verstehen, dass der Vertrag für sie ein Gebiss ist. Wenn sie vernünftig sind, wenn sie das Fremde annehmen, wenn sie ihre Unabhängigkeit aufgeben, dann kann dieses Gebiss gelockert werden. Man kann von Entgegenkommen, vielleicht selbst von Abänderung reden. Kaffee und Orangen im Austausch gegen eine demokratische Regierung; ein Neger ein Schiff Reis; zwei Neger zwei Schiffe Reis; eine Synagoge ein ganzer Geleitzug! Aber wenn sie sich nach ihrem Gutdünken regieren wollen, das Gesetz! Wir werden keine anderen Beweisstücke wählen, um diese Lage zu erhellen, als dasjenige, das von der Anklage selbst angeführt wird: die dramatische Konferenz vom 5. November 1937, wie sie in der Note Hossbach beschrieben wird. Alle Ausführungen Hitlers haben diese Gegenüberstellung zur Grundlage: entweder geben wir die Macht auf und dann sind die Angelsachsen vielleicht bereit, Erleichterungen im Versailler Vertrag ins Auge zu fassen, die Deutschland zu leben erlauben, aber tributpflichtig zu leben — oder wir bleiben an der Macht und dann ist unsere Herrschaft dem Untergang geweiht, weil man uns die Rohstoffe, die Ausgänge und die Gebiete verweigert, die uns unentbehrlich sind. Dieser Erpressungsversuch ist völlig gesetzlich: dahin gelangt man mit dem Unabänderlichkeitscharakter der Verträge. Dieses Ende ist logisch, aber es ist ungenügend, wie uns die Erfahrung gezeigt hat. Wenn man ruhig auf dem Eismeer gehen will, muss man unbedingt sicher sein, dass sich während dieser Zeit keine unterirdische Arbeit vollzieht. Die halbe Untertänigkeit ist eine Fehlrechnung. Wenn wir wollen, dass die Welt unbeweglich sei, muss man diese Unbeweglichkeit überwachen. Die vollständige und bewusste Anwendung dieser Denkweise hätte uns dahin führen müssen, die deutsche Industrie zu überwachen, die deutsche Arbeiterschaft, die deutsche Bevölkerung, die deutsche Nahrung, die — 50 — deutschen Wahlen, und diese Ueberwachung im Namen der in der Unteilbarkeit des Friedens einigen Völker zu bewerkstelligen. Wenn man das Leben bekämpft, muss man es bis zum Ende bekämpfen. Wenn Ihr nicht wollt, dass es seine Vergeltung nimmt, dann ist die einzige Lösung ein blutmässiger und wirtschaftlicher Malthusianismus, den man am besten durch die Auswanderung und die Ausfuhr erleichtern kann: die besiegten Völker stellen für die Anderen Waren und Sklaven her. Und es wird klug sein, sie während sehr langer Zeit durch eine verkappte Besetzung zu überwachen. Der Vertrag von Versailles verurteilte uns dazu, Deutschland in Sklaverei zu halten. Er auferlegte uns und der ganzen Welt eine dauernde Geschäftsführung, die wir nicht ausgeübt haben. Zwanzig Jahre politische Erfahrung haben uns mit Gewalt bewiesen, dass es keine mittlere Grenze gibt zwischen der völligen Freiheit und der Knechtschaft der Besiegten. Trotzdem weigert der internationale Gerichtshof sich, das zu sehen. Die Logik macht ihm Angst. Er stellt die Vordersätze auf, weil sie ihm unentbehrlich sind für die Anklage. Aber hierauf verhüllt er sich das Gesicht und stimmt der Schlussfolgerung nicht zu. Er besteht eigensinnig darauf, wie ein Kind. Er antwortet wie ein Kind. Er flüchtet sich in das Ungewisse und schützt sich hinter Worten. Und alles was man aus den Klägern angesichts dieser schweren Frage herausziehen kann, ist dieser an Folgewidrigkeit und Kinderei erstaunliche Satz: «Es ist möglich, dass Deutschland von 1920 bis 1930 verzweifelten Fragestellungen gegenüber stand, Fragestellungen, die die kühnsten Massnahmen gerechtfertigt hätten, mit Ausnahme des Krieges. Alle anderen Verfahrensweisen, Ueberredung, Propaganda, wirtschaftlicher Wettbewerb, Diplomatie, waren einem verwundeten Volk offen, aber der Angriffskrieg blieb geächtet». Das ist wirklich das, was wir während zwanzig Jahren Deutschland und Italien wiederholt haben: häuft Euch, entwirrt Euch, aber kommt nicht unsere Gärten zertreten! Unsere Rechtsgelehrten von Nürnberg sind also nicht einen — 51 — Schritt vorwärts gekommen. Indem sie die alte Lehre von der unwandelbaren Aufteilung der Welt aus ihrem Schlaf aufwecken, finden sie all deren Schwierigkeiten wieder. Und sie wagen nicht, ihre Denkweise zu Ende zu denken. Sie wagen nicht zu wählen. Sie können nicht wählen. Wenn sie für die dauernde Knechtschaft der Besiegten entscheiden, für eine eingestandene, erklärte Knechtschaft, setzen sie sich in Widerspruch zu ihrer Kriegsideologie. Wenn sie darauf verzichten, die Atmung und die Ausdehnung der Reiche mit Gewalt zu verhindern, die die Macht und den unverjährbaren Charakter von Lebensgesetzen haben, dann geben sie Deutschland recht und müssen die Verantwortung für den Krieg auf sich nehmen. Sie befinden sich vor dieser Augenscheinlichkeit: die alte Diplomatie hätte wahrscheinlich die Teilung Polens geduldet — es war nicht das erste Mal — und der Weltkrieg wäre vermieden worden. Waren die Angliederung Aethiopiens, das Verschwinden der Tschechoslovakei nicht unendlich weniger kostspielig für die Menschheit, als die Entfesselung eines Weltkrieges? Es war nicht gerecht? Aber ist die Abtrennung eines Viertels von Deutschland zugunsten des slawischen Imperialismus, die schreckliche Ueberführung von Millionen menschlicher Wesen, die man seit vier Jahren wie Vieh behandelt, gerecht? Die früheren Staatsmänner wussten, dass man einen allgemeinen Krieg nur aus unendlich schweren Gründen, die das Bestehen aller Völker in Gefahr bringen, wagen darf. Und sie wussten auch, dass man den unverjährbaren Gesetzen des Lebens etwas bewilligen muss. Waren wir durch die Teilung Polens einer tödlichen Gefahr ausgesetzt? Ist die Gefahr, die die demokratischen Staatsmänner mit ihren eigenen Händen hergestellt haben, nicht unendlich viel schwerer? Ist unsere Lage nicht unendlich viel ergreifender? Wer sagt sich heute nicht, dass Europa im Monat August 1939 schön war? Die Ereignisse haben Choiseul recht gegeben. Die politischen Kräfte sind Naturkräfte wie das Wasser und wie der Wind: man muss sie durch genaue und mächtige Einrichtungen kanalisieren. Oder man muss mit dem Segel — 52 — steuern. Wenn wir nach dem Kriege nicht die Knechtschaft, die eine der Formen des Naturgesetzes ist, auferlegen wollen, muss man die andere wählen, gangbare Verträge zu machen und die kräftigen Völker sich entwickeln zu lassen: die Nachteile, die aus ihrem Wachstum entstehen, sind schliesslich viel weniger schwer als das Ereignis eines allgemeinen Krieges, von dessen Ausgang nur diejenigen Nutzen ziehen, die unsere Zivilisation bedrohen. In Verlegenheit zwischen Freiheit und Knechtschaft haben unsere neuen Rechtsgelehrten sich dann auf eine Zwischenlehre festgelegt, deren Vergangenheit ihnen Bestandteile bot und der sie einen erhabenen Geltungsbereich gaben. Die Verträge sind unwiderruflich, der Friede ist unteilbar: aber, sagen sie uns, beunruhigt Euch nicht über den Schein von Knechtschaft, der diesen Sätzen anhaftet, denn sie sind in Wirklichkeit die Grundlage einer demokratischen Welt, in der alle Völker gleiche Rechte und die Wohltaten der Freiheit geniessen werden. Gewiss werdet Ihr ein ganz wenig Sklaven sein. Aber das ist der beste Weg zu Euer Aller Freiheit.
Um zu dieser erfindungsreichen Lehre zu kommen, war die Anklage genötigt, den Versaillervertrag, den seine Gegner mit dem gemeinen Wort Diktat bezeichneten und der in der Tat nach dem Pulver des Stärkeren roch, ein wenig im Schatten zu lassen. Dafür gruben sie im diplomatischen Zeughaus eine Anzahl abgenutzter Verträge aus, die ein sehr friedliches Aussehen hatten und sich ungefähr mit dem Gedanken einer freiwilligen Zustimmung vertrugen. In der Tat, sagen unsere Rechtsgelehrten, haben die Deutschen nicht nur den Versailler Vertrag verletzt. Sie haben auch Verträge verletzt, die sie freiwillig unterzeichnet hatten, die Haager Abkommen, den Pakt von Locarno, den Völkerbundsvertrag, den Briand-Kellog Pakt. Wir werden uns hier nicht bei den Haager Abkommen aufhalten; sie sind, wenigstens was den Angriff anbetrifft, unklar. Und wir haben den Worten des britischen Staatsanwaltes Sir Hartley Shawcross nichts beizufügen: «Diese ersten Abkommen waren weit entfernt — 53 — davon, den Krieg ausserhalb des Gesetzes zu stellen und eine verbindliche Form des Schiedsspruchs zu schaffen. Ich werde sicherlich vom Gerichtshof nicht verlangen, zu erklären, dass durch die Verletzung dieser Abkommen irgend ein Verbrechen begangen wurde». Aber der Pakt von Locarno, aber der Briand-Kellog Pakt — man wiederholt es uns zwanzig Mal —, das ist etwas anderes! Das sind heilige Texte, das ist die Stiftshütte! Und derselbe Sir Hartley Shawcross umschrieb ihre wesentliche Bedeutung mit den Worten: Der Vertrag von Locarno «begründete den allgemeinen Verzicht auf den Krieg», und der Briand-Kellog Pakt begründete einen weiteren, so schweren und so feierlichen Verzicht, dass von diesem Zeitpunkt an «das Recht zum Krieg keinen Teil des Wesens der Selbständigkeit mehr bildete». Übrigens befanden sich England und Frankreich in Anwendung dieses Vertrages im Krieg, fügt Sir Hartley Shawcross bei. Sie brauchten den Krieg nicht zu erklären. Sie waren im Krieg, weil «eine Verletzung des Vertrages gegenüber einem einzigen Unterzeichner einen Angriff gegen alle anderen Unterzeichner bildete; und sie waren im Recht, sie als solche zu behandeln». Diese Erklärungen verdienen aus der Nähe betrachtet zu werden. Man wird sie vorerst wegen ihres Scharfsinns loben. Sie stellen eine sehr elegante Art dar, die Frage der Kriegserklärung zu lösen. Es ist sehr einfach: wer den ersten Kanonenschuss abfeuert, versetzt sich in Kriegszustand mit der ganzen Welt. Die deutschen Geschichtsschreiber werden uns vielleicht fragen, warum von allen Unterzeichnern allein England und Frankreich diesen Eifer gezeigt haben: wir werden ihnen antworten, dass sie übelwollende und persönliche Feinde von Sir Hartley Shawcross sind. Aber das ist nicht alles. Vor allem auf der politischen Ebene sind diese Sätze von einer grossen Schönheit und einer grossen Festigkeit der Lehre. «Ihr habt zugestimmt, sagt im wesentlichen unser Gesetzgeber, Teil eines Ueberstaates zu bilden. Ihr habt in dieser Hinsicht auf einen Teil Eurer Selbständigkeit verzichtet. Ihr habt nicht mehr das Recht, Euch davon loszusagen. — 54 — Dies ist unwiderruflich und Eure Unterschrift kann gegen Euch angerufen werden». Dazu wäre unter geschichtlichem Gesichtspunkt viel zu sagen. Deutschland hat sich aus dem Völkerbund zurückgezogen. Es war durch die Arbeiten und die Beschlüsse des Völkerbundes nicht mehr gebunden. Es hat den Pakt von Locarno, der 1934 ein erstes Mal für eine Zeitdauer von fünf Jahren erneuert wurde, abgelehnt und nach Ablauf dieser Zeitdauer nicht erneuert; es war also durch die Verpflichtung von Locarno nicht mehr gebunden. Es lehnte den Briand-Kellog Pakt nicht ab, der übrigens keine Auflösungsklausel zuliess. Aber wer konnte sich durch den Briand-Kellog Pakt wirklich gebunden fühlen, da dieser Pakt sich im Zusammenhang mit dem äthiopischen Krieg als unanwendbar erwiesen hatte? Das macht nichts aus, sagt die Anklage. Diese Widerrufe haben, da sie einseitig waren, keinerlei Wert für uns: Deutschland, das dem Völkerbund nicht mehr angehört, ist in unsern Augen genau so schuldig, wie wenn es ihm noch angehörte. Der Vertrag von Locarno hat für uns den gleichen Wert, wie wenn er nie gekündigt worden wäre. Und der Briand-Kellog Pakt, der keine Bedeutung hat, wenn es sich um Aethiopien handelt, verpflichtet Europa gebieterisch, Krieg zu beginnen, wenn es sich um Polen handelt. Die zwischenstaatlichen Verträge haben etwas von priesterlichem Wesen an sich: sie weihen für die Ewigkeit! Aber nicht der geschichtliche Gesichtspunkt der Angelegenheit geht uns in diesem Augenblick an. Lassen wir zu, dass der Briand-Kellog Pakt ein Vertrag ist, im gleichen Sinne wie Versailles ein Vertrag ist. Lassen wir zu, dass er von der Oeffentlichkeit und von den Mächten ernst genommen wird und lassen wir zu, dass dieser Vertrag von Deutschland verletzt worden sei. Wichtig, eine gründliche Veränderung ist die Bedeutung, die dieser Vertrag plötzlich unter den anderen Verträgen bekommt, ist die plötzliche Beförderung, die Wesensveränderung, die aus ihm nicht einen Vertrag wie die andern macht, sondern ein Gesetz, ein endgültiges Urteil Gottes. — 55 — Hier tritt die Denkweise, die der Anklage als Grundlage dient, und im besonderen die Einheit dieser Denkweise in Erscheinung. Im ersten Abschnitt der Anklageakte versichert der Ankläger, dass ein Weltgewissen, eine internationale Moral besteht, die sich allen auferlegt und dass diese internationale Moral bestimmte Formen politischen Handelns verbietet. Hier versichert er nicht nur, dass die internationale Moral besteht, sondern dass sie Organe hat, berufene Wortträger und eine gesetzgebende Gewalt, die die gleiche zwingende Kraft besitzt wie die nationalen, gesetzgebenden Gewalten. Ihr hattet nicht das Recht, sagt die Anklage, Krieg zu machen. Denn der Völkerbund verbietet ihn auf Grund eines gesetzgebenden Textes, unter dem sich die Unterschrift Eurer Vertreter befindet. Nur unter diesem Gesichtspunkt hört der Briand-Kellog Pakt auf, eine blosse Erklärung zu sein, die behauptet, dass der Krieg eine höchst gemeine Sache ist, und wird ein Erlass, der den Krieg verbietet. Damit der Briand-Kellog Pakt diese Bedeutung hat, muss man zulassen, dass der Völkerbund Richelieu war: er verbietet den Krieg, wie Richelieu das Duell verbietet. Und er hat Ribbentrop hängen lassen, wie Richelieu Montmorency-Boutteville den Kopf abschlagen liess. Der Völkerbund war also eine Macht, deren Verfassung Deutschland verletzt hat. England und Frankreich, und nicht nur England und Frankreich, sondern alle Staaten, die den Völkerbund anerkannt haben, befinden sich selbsttätig im Krieg gegen es, wie alle Staaten die den amerikanischen Bundesstaat bilden, sich im Krieg mit Kalifornien befinden würden, wenn Kalifornien sich gegen die Bundesgewalt erhöbe. So werden die Einheit und die Macht der internationalen Moral wahrnehmbar. Das Weltgewissen, oder wenn man will, die internationale Moral wird eine Gewalt. Sie verbietet den Nationalismus aus eigener Machtvollkommenheit wie die Bundesrechte den Schleichhandel mit Alkohol verbieten. Und sie bestraft den Krieg wie eine Meuterei. Diese Beförderung des Weltgewissens gestattet uns, weiter in den Geist unserer neuen Gesetzgeber einzudringen. Alles liegt — 56 — bei ihnen und die zweite Abteilung der Anklageakte ist vollständig auf die erste abgestimmt. Die Haltung der Anklage besteht darin, das Bestehen dessen zu verneinen, was besteht und das Bestehen dessen zu versichern, was nicht besteht. Für sie besteht die internationale Moral und sie hat die Gewalt, geschriebene Gesetze zu machen oder nicht zu machen, die den geschriebenen Gesetzen der Völker vorangehen. Und ebenso besteht der Völkerbund, der nicht mehr besteht, und seine Polizeigewalt, die nie bestanden hat, besteht irgendwo im Grenzenlosen. Sie ist die Hand Gottes. Und ihr Hoheitsrecht besteht, obschon es nie irgendwo bestätigt worden ist. Diese Betrachtungsweise ist eine noch scharfsinnigere Form von rückwirkender Kraft, als die anderen: denn im ganzen urteilt der Gerichtshof im Namen eines Ueberstaates, der 1945 ein gewisses Dasein hat, vorausgesetzt dass man an die UNO glaubt, der aber 1939 kein Dasein hatte. Es ist ein Erwachen der Hirngespinste. Aber vor allem der Sieg der reinen Wesen. Alle allgemeinen Gedanken sind im Begriff, ein Schwert zu haben. Die Wolken machen das Gesetz. Sie sagen, dass sie bestehen und dass sie allein bestehen. Es ist die Höhle Platos: unsere Wirklichkeiten sind nur noch Schatten. Unsere Gesetze sind nur noch Schatten. Und die Schatten sagen, dass sie die Wirklichkeit und die wirklichen Gesetze sind. Es ist der Sieg der Weltalle. Und wir, die wir an das glauben, was besteht, betrachten betäubt die Entfesselung des Ungreifbaren. Denn schliesslich muss man sehen, wohin uns das führt. Ich spreche hier nicht von dem schändlichen Gebrauch, der im Prozess von Nürnberg vom Briand-Kellog Pakt gemacht worden ist, in dessen Namen man gefordert hat, alles in gemeinrechtliche Verbrechen umzuwandeln, was die deutschen Heerführer getan hatten, unter dem Vorwand, dass, da ihr Krieg ungesetzlich war, es von ihrer Seite keine Kriegshandlungen mehr gab und geben konnte. Ich denke hier an die Folgen dieser Herrschaft der Wolken. Die hauptsächlichste ist auf Seite aller Völker, ob sie Vertrags — 57 — teilhaber sind oder nicht (da sie immer Teilhaber an der Moral sind), ein Verzicht auf die Selbständigkeit zugunsten der internationalen Gemeinschaft. Dieser Gedanke ist als Begründung der kommenden Welt so weit verbreitet, dass man uns alle Tage einlädt, uns daran zu gewöhnen. Und er ist so offensichtlich, dass Litwinow ihn schon vor zwanzig Jahren wie folgt formulierte: «Die unbedingte Selbständigkeit, die volle Handlungsfreiheit kommt nur denjenigen Staaten zu, die keine internationalen Verpflichtungen unterschrieben haben». Wie geschieht diese Uebertragung der Selbständigkeit? Bemerken wir vorerst, dass es kein gewöhnlicher Verzicht auf die Selbständigkeit ist. Es kommt vor, dass ein Volk auf gewisse Souveränitätsrechte verzichtet. Zum Beispiel überträgt es jemand anderem die Aufgabe, seine Angehörigen im Heiligen Land zu beschützen, seine Rechte an der Verwaltung des Suezkanals zur Geltung zu bringen oder die Schifffahrt auf der Donau zu regeln. Nicht um das handelt es sich hier. Wir sind weit entfernt davon. Die Völker werden zu dem einzigartigen, unglaublichen Rücktritt eingeladen; sie treten das Recht, zu sagen, was erträglich und was unerträglich, die Grenzen festzusetzen zwischen dem, was sie dulden und was sie nicht dulden werden, an eine höhere Gewalt ab, d. h. sie entsagen in Wirklichkeit jeder obersten Gewalt. Denn was ist ein Gewaltinhaber, den man beschimpft, den man prellt und der nicht das Recht hat, sich zu erheben und zu sagen: es ist genug? Ein solcher Gewaltinhaber hört auf, die Eigenschaft der Souveränität zu besitzen. Er handelt wie eine Privatperson, die antwortet: «Mein Herr, es gibt Gerichte; es gibt die Gerichte des Königs». Er ist nicht mehr Gewaltinhaber, da er einen König anerkennt. Die Völker geben also nicht einen Teil ihrer Gewalt auf. Sie verzichten auf ihre Gewalt überhaupt. Jedes unter ihnen ist nur noch ein Bürger eines Weltreiches. Und diese Lage ist so klar, dass jedes Volk nicht nur Bürgerrechte annimmt, sondern auch Bürgerpflichten übernimmt. Es übernimmt besonders die eigentliche Bürgerpflicht, diejenige, die man — 58 — dem Gewaltinhaber unerlässlich schuldet, die Militärdienstpflicht. Es nimmt an, aufgeboten zu werden. Es wird Weltbürger und verpflichtet sich, seinerseits auf Befehl des Rates auf die Wache zu ziehen und auf Kommando seinen Helm aufzusetzen. Jedes Volk ist fortan ein Nationalgardist, wie die Zeitgenossen Louis-Philipps. Diese Abdankung der Völker sehen wir in ihrer ganzen Ausdehnung nur, wenn wir uns dessen erinnern, was im ersten Abschnitt der Anklageakte gesagt worden ist. Denn man stellt fest, dass die Völker nicht nur auf das Recht verzichten, selbst zu unterscheiden, was erträglich und was unerträglich ist. Sie übertragen in Wirklichkeit das Recht, zu sagen, was gerecht und was ungerecht ist. Es kommt jemand anderem zu, nicht nur sagen, ob sie verletzt sind, sondern ob sie der Moral gemäss leben. Sie fragen für alles um Erlaubnis. Dafür, Krieg zu führen oder nicht Krieg zu führen. Dafür, stark zu sein nach dieser oder jener Methode. Dafür, die Regierung zu wechseln. Dafür, über dieses Gesetz oder jene Kontingentierung abzustimmen. Und es ist nicht erstaunlich, dass man ihnen jetzt Empfehlungen über ihr Geld, über ihren Handel, über ihren Haushalt, über ihre Bewaffnung, über ihren demokratischen Stimmaufwand macht. All das war im Geist von Nürnberg enthalten. Und erstaunlich wäre, wenn man es ihnen nicht machte! So wird die Einmischung, die zuerst versteckt und rein geistig war, wenn es sich um politische Rechte handelte, genau, rechtlich, bedingt durch Einrichtungen und Texte, wenn man auf das internationale Gebiet hinübergeht. Die Annäherung des Briand-Kellog Paktes an einen Erlass lässt so recht den gerichtsbarkeitlichen Charakter der internationalen Gewalt erkennen, und die Annäherung der Staaten an den Stand des Bürgers lässt recht ihre Entthronung erkennen. Der packende Uebergang, dem wir beiwohnen, hat alle Merkmale der Entstehungsabschnitte neuer Gewalten. Die gleichen Erscheinungen sind in dem Italien des 16. Jahrhunderts aufgetreten, als die Staaten ihre rechtliche Gewalt den Lehensfürsten aufdrängen wollten. Die Orsini, die — 59 — Malatesta, die Colonna behaupteten, die Rechtsgewalt über ihre Länder zu haben. Sie verstanden nichts von den Strafprozessen, die die Republik von Venedig oder der Papst ihnen anhängig machten. Und sie starben von ihrem guten Recht überzeugt. Und überzeugt, dass ihre Feinde sich ihrer entledigten (was wahr war), indem sie ihnen Albernheiten erzählten. Man könnte aus diesem Vergleich schliessen, dass der Prozess von Nürnberg die erste Bekundung eines neuen Rechts ist, das in zweihundert Jahren selbstverständlich erscheinen wird. Das ist möglich. Aber noch sicherer ist, dass die Orsini, die Malatesta und die Colonna sofort nachher als selbständige Gewalten verschwunden und ihre Kinder gehorsame Untergebene des Papstes und des Grossherzogs von Toscana geworden sind. Wenn Nürnberg das Recht für die Zukunft spricht, wenn das internationale Recht sich endgültig seinen Platz, der gegenwärtig von ihm gefordert wird, sichert, werden unsere Völker wie die italienischen Lehensfürsten enden. Diese Texte verewigen ihre Unterwerfung und ihr Verschwinden. An diesem Punkt unserer Untersuchung sehen wir das Panorama der neuen Ordnung sich aufbauen. Es ist im ganzen eine Art Umstellung. Die Unwiderruflichkeit der Verträge und die Unteilbarkeit des Friedens führt uns nicht zur Knechtschaft und zu all ihren abstossenden Folgen wie Malthusianismus, Ueberwachung, Besetzung. Aber sie gewöhnen uns ganz allmählich an einen gemässigten Grad dieser Erscheinungen, an eine erträgliche Uebersetzung dieses Wortschatzes der Unterwerfung. Es handelt sich nicht mehr um Knechtschaft, sondern um Einmischung. Es ist nicht die Rede von Ueberwachung, sondern von Planung. Nicht weiter von Malthusianismus, sondern von Organisation der Ausfuhren. Und noch weniger von Besetzung, als blos von internationalen Konferenzen, die wie ärtzliche Untersuchungen über unsere demokratische Temperatur sind. Die ganze Welt ist um den Tisch versammelt. Jeder hat seinen Stimmzettel. Es gibt nicht Sieger noch Besiegte. Die Freiheit herrscht und jeder atmet: nicht wie man in einer künst — 60 — lichen Lunge atmet, sondern wie man in der Kabine eines Unterseebootes oder eines Luftschiffes atmet, wo der Sauerstoffgehalt durch einen sinnreichen Zutrittsmechanismus geregelt wird. Jedermann hat beim Eintritt eine gewisse Zahl falscher Ideen und überflüssiger Ansprüche abgelegt, wie die Mohammedaner ihre Pantoffeln ablegen, bevor sie die Moschee betreten. Jedermann ist frei, weil jeder vor dem Eintritt geschworen hat, dass man für ewig die demokratischen Grundsätze hochhalten wird, d. h. dass man vor allen Dingen ein ewiges Abonnement auf die Verfassung der Vereinten Nationen zeichnet. Ist das nicht das Glück auf dieser Welt? Ist es nicht ein glücklicher Ausgleich zwischen den zwei Schwierigkeiten, die uns soeben aufhielten? So wird die Quadratur des Zirkels gelöst. Deutschland wird nicht nur verurteilt, weil es den Versailler-Vertrag verletzt hat, sondern im wesentlichen, weil es wider den Geist und die Befehle des Weltgewissens, d. h. der Demokratie gehandelt hat: und es nimmt seinen Rang unter den Völkern wieder ein, vorausgesetzt, dass es der Göttin, die es verletzt hat, Treue schwört! Nur muss man diese neuen Anordnungen in allen ihren Folgen sehen. Diese Zurückführung der Staaten auf den Stand von Privatpersonen hat zum ersten Ergebnis, die gegenwärtige Verteilung der Reichtümer der Welt zu verewigen. Die gesellschaftliche Ungleichheit wiederholt sich auf der Stufe der Staaten und im gleichen Verhältnis mit den rechtlichen Einrichtungen. Das heisst, dass der Bürger zum Wächter über die Ungleichheit ernannt wird, die ihn zu Boden drückt. Nun wird in den Gemeinwesen die statische Lage ständig durch die politischen Kämpfe geändert. In regelmässigen Zeitabständen lässt der Bürger wissen, und oft mit einer gewissen Gewaltsamkeit, dass er seine Wächterrolle nur weiter spielen will, wenn die anfängliche Ungleichheit zu seinen Gunsten verbessert wird. Der Gesellschaftsvertrag wird so ständig einer Durchsicht unterzogen. Aber was für eine Entsprechung hat dieses Mittel, das die politische Tätigkeit den Bürgern verleiht, auf der — 61 — Stufe der Staaten? Aller politische Kampf in diesem Bereich ist Krieg oder Vorspiel zum Krieg. Und dieser Krieg kann in der neuen Ordnung nur noch ein Weltkrieg sein. Ihr seid frei, sagt man uns, aber frei unter der Bedingung, dass Ihr Euer Los anerkennt. Ihr habt gleiche Rechte wie die andern. Aber man muss eben wissen, dass die andern darauf verzichtet haben, das Wesentliche noch in Frage zu stellen. Das ist eine versteckte Art, den Malthusianismus wieder einzuführen. Die Verfassungsurkunde der Vereinten Nationen sichert die Massenarmut, wie der Briand-Kellog Pakt Versailles sicherte. Es sind sogar keine Annexionen mehr nötig. Es ist kein Zwang mehr nötig. Es genügt, den demokratischen Geist zur Annahme zu bringen, der denselben Dienst leistet wie alle Zwangsnahmen. Die Reichen schreien «Hosianna». Sie danken, nachdem sie Lobgesänge auf die Potomac gesungen haben. Und sie verkünden, dass ihr Sieg der Sieg der Gerechtigkeit und des Friedens ist. Das ist bewundernswert. Es ist nicht einmal mehr notwendig, von Ungeheuern zu sprechen. Die Ungeheuer sind verschwunden. Das ist fertig. Man hat nicht nötig, ihnen ihre Kolonien wegzunehmen — um sie an ihrem Platz auszubeuten. Sie haben keine Kolonien mehr, noch ihre Handelsflotte — um ihnen Schiffe vermieten zu können. Sie haben keine Schiffe mehr, noch ihre Industrie — um sie die in Detroit, oder in Essen von den Kapitalisten von Detroit, hergestellten Töpfe höchst teuer zahlen zu lassen. Sie haben keine Fabriken mehr. Es genügt, sie zu überreden, den gegenwärtigen Zustand der Dinge vorzüglich zu finden. Ihn als eine dieser Schicksalsfügungen zu betrachten, gegen die man nichts vermag. Die Verfassungsurkunde der Vereinten Nationen besorgt die Ordnung eines Diktates. Versailles ist eine Kinderei, da wir den Briand-Kellog Pakt haben. Demokratie und Unbeweglichkeit ist unser Kampfruf: mit dem man, da in der besten aller Welten alles zum Besten bestellt ist, die Gerupften einlädt, vor dem Erbe der Gerechten die Wache aufzuziehen! So treffen und durchdringen sich zwei Bereiche, die ein — 62 — ander vorerst fremd erscheinen, die Moral und die Wirtschaft. Nürnberg gibt vor, den Frieden sicherzustellen. Es findet sich, dass der Friede und das Weltgewissen, trotzdem sie im Himmel sitzen, wie Könige sind, von denen Montaigne sagt: trotzdem sie auf Thronen sassen, sassen sie doch nur auf ihrem Hintern. So müssen die reinen Ideen, die ungreifbaren Ideen, die sich an Stelle der Gewaltinhaber in Fleisch und Blut verwandeln, Hand anlegen an die unreinen Arbeiten der Kunst des Fürsten. Ihre Regierung besteht letztlich darin, Reichtümer auszuteilen. Man kann die Regierung des Geistigen nicht übernehmen, ohne die Regierung des Zeitlichen zu überragen. Man kann die Gewalten des Geistigen nicht entthronen, ohne auch einen Teil des Zeitlichen zu entthronen, das mitkommt, wie die Erde mit den Wurzeln mitkommt. Also können wir ihnen sagen: «ReineIdeen, unangreifbare Ideen, welches sind Eure Diener? Welchen Statthaltern, welchen Kanzlern, welchen Junkern Eurer Gewalt, habt Ihr die Regierung des Zeitlichen übertragen, mit der Ihr Euch nicht befasst? Welche Ordensgemeinschaft herrscht über uns? Wenn Ihr von uns verlangt, die Wache aufzuziehen, möchten wir gerne wissen, vor wem wir die Wache aufziehen? Wenn Ihr von uns verlangt, am Tore zu grüssen, möchten wir gerne wissen, wer in Euren Kutschen sitzt?» Aber der Gerichtshof antwortet im zweiten Abschnitt seiner Anklageakte noch nicht auf diese Frage. Er gibt sich zufrieden, die Grundsätze aufzustellen, die wir beschrieben haben und aus welchen wir unsere Zukunft zu lesen versuchen.
Denn wir, die die Gärten des neuen Eden durchschreiten, sehen die Formen und den Umriss der künftigen Welt sich etwas genauer abzeichnen. Dieses neue Gesetz ist bestimmt eine schöne Sache. Der erste Abschnitt der Anklageakte verjagte uns aus dem Gemeinwesen. Er verjagte uns zunächst praktisch daraus. Der zweite Abschnitt verjagte uns rechtlich daraus, indem er uns den Titel eines Weltbürgers gab. Wir haben vorerst gehört, dass wir nicht mehr das Recht haben, uns auf dem Platz vor dem Haus des Kadi zu versammeln
— 63 — und zu sagen: diese Stadt gehörte unsern Vätern und sie gehört uns. Diese Aecker gehörten unsern Vätern und sie gehören uns. Und jetzt hat der Kadi nicht mehr das Recht, mit dem Schwert vor sich einherzuschreiten: er hat seine Gewalt aufgegeben. Es kommen schöne Beamte mit einer weissen Mütze auf dem Kopf, die den Frieden und den Wohlstand verkünden. Willkommen, Ihr schönen Beamten unseres Herrn! Ihr wacht nicht nur über unsern Schlaf. Ihr regelt alle Arten verschiedenartigen Verkehrs, den unserer Maschinen, den unserer Gedanken, den unseres Geldes und bald den unserer Truppen. Unser Kadi tritt jeden Tag von seinen schönen Reitern begleitet aus seinem Palast hervor, um zum Gebet zu gehen. Er tut so, als ob er Euch nicht sähe. Und wir denken, indem wir einen Rückblick auf uns selbst werfen, mit Bitterkeit an die Sultane, die wir so vor uns vorbei marschieren liessen. Die Welt, die wir eben noch so flüssig, sich jeder Bestimmung, jeder Sicherheit entziehend empfanden, hat also schliesslich etwas Beständiges, Bestimmtes, Unwiderrufliches: die Gesetze machen uns abgabepflichtig. Bei uns, in unsern Gemeinschaften, nichts mehr Sicheres, keine sichern Grenzen zwischen Gut und Böse mehr. Keine Erde mehr, auf der unsere Füsse ausruhen können. Aber was für eine kräftige Baukunst beginnt sich über uns abzuzeichnen. Der französische, der deutsche, der spanische, der italienische Bürger weiss nicht recht, was für ein Geschick ihm beschieden ist. Aber der Bürger der Welt weiss, dass der harmonische Gerüstbau der Verträge sich für ihn erhebt. Seine Person ist geheiligt, seine Waren sind geheiligt. Seine Herstellungskosten sind geheiligt. Seine Gewinnanteile sind geheiligt. Die Weltrepublik ist die Republik der Händler! Das Glücksspiel der Geschichte ist ein für allemal eingestellt. Es gibt nur noch ein Gesetz, dasjenige, das die Erhaltung der Gewinne gestattet. Alles ist erlaubt, ausser was darin besteht, darauf zurückzukommen. Die Verteilung der Lose ist endgültig. Ihr seid Verkäufer auf ewig oder Käufer auf ewig. Reich oder arm für immer. Herr oder Abgabepflichtiger — 64 — bis an das Ende der Zeiten. Da wo die nationalen Gewalten auslöschen, beginnt die wirtschaftliche Weltherrschaft zu leuchten. Ein Volk vermag nichts gegen die Händler, nachdem es auf das Recht verzichtet hat, zu sagen: hier sind die Verträge so, die Gebräuche so. Und Ihr zahlt einen so und so hohen Zehnten, um Euch niedersetzen zu dürfen. Die Vereinten Staaten der Welt sind nur zum Schein eine politische Auffassung: in Wirklichkeit ist es eine wirtschaftliche Auffassung! Diese unbewegliche Welt wird nur noch eine gewaltige Börse sein: Winnipeg bestimmt den Kurs des Getreides, New York den des Kupfers, Pretoria den des Goldes, Amsterdam den des Diamanten. Was für eine Berufungsmöglichkeit haben wir, wenn wir nicht einig gehen? Die Auseinandersetzung zwischen Reich und Arm? Wir wissen, was das gibt. Die schlechte Laune, das Verschliessen der Häfen? Man hat hundert Mittel, es uns bereuen zu lassen. Wer auf das Recht verzichtet, den Ausländer zu besteuern, ihn aus der Stadt hinauszuweisen mit seinen Waren, seine Häfen den Missionaren zu verschliessen, verzichtet auf die Freiheit und alle ihre Güter. Was ist ein Streik, was ist eine soziale Errungenschaft in einem Land, das gezwungen wird, seine Preise denen des Auslandes anzupassen? Diese Frage gibt uns den Schlüssel zu unsern gegenwärtigen Schwierigkeiten: man sichert seinem eigenen Volk das Leben nur, wenn man Meister im eigenen Haus ist und den Fremden höflich hinauskomplimentiert. Aber die neue «Verfassung der Welt», wie Präsident Truman sich ausdrückt, fordert uns auf, das Gegenteil zu tun. Diese Politik hat einen Namen: vor dreiviertel Jahrhunderten nannte man sie züchtig «die Politik der offenen Türe». Wir sind China geworden. Die Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten bedeutet mehr für uns, als unsere eigenen Ministerkrisen.
Aber wir haben einen Trost: es ist das Weltgewissen, das uns regiert. Vollkommen geschliffene Rechtsgelehrte bringen uns fixfertige Gesetze. Sie sind die Hüter der Vestalin Demokratie. Aehnlich den dicken Eunuchen, die die Strasse zum Harem bewachen, haben sie ein unbekanntes Gesicht — 65 — und sprechen eine Sprache, die wir nicht verstehen! Sie sind die Ausleger der Wolken. Ihre Tätigkeit besteht darin, die kostbaren Geheimnisse der Freiheit, des Friedens, der Wahrheit in unsere Reichweite zu bringen: sie erklären uns, was die Vaterlandsliebe ist, worin der Verrat besteht, der Mut, die Bürgerpflicht. Sie erklären uns unsere neue Ehre und das Gesicht unseres neuen Vaterlandes. O Gesetz des Gemeinwesens, Gesetz unserer Stadt! Volle und reiche Gesetze, Gesetze, die nach unserem Fleisch, nach unserem Geruch riechen! Gesetze unserer Erde! O Gesetze des Fürsten, die der Herold in den Flecken ausrief! Verordnungen, über die die Räte, die viereckige Mütze in der Hand, ihre Meinung äusserten! O altes Königreich, Zeit der Korsaren, wo seid Ihr? O kriegerische Gesetze, mörderische Gesetze, wir wissen jetzt, dass Ihr Gesetze des Friedens und der Liebe wart! O ungerechte Gesetze, Ihr wart Gesetze der Gerechtigkeit! O Gesetze der Aechtung, Ihr wart Gesetze des Heils! O Gesetze der Plünderung, Ihr wart Gesetze der Vormundschaft! O Gesetze, Ihr wart unser eigenes Leben und unser Atem. Ihr wart das Mass unserer Kraft. Und selbst im Schlechten noch blieb unser Schwung aufbehalten. Ihr wart unser eigenes Blut und Ihr wart unsere Seele. Ihr wart unser Gesicht. Und wir erkennen Euch wieder. Ja wir erkennen Euch wieder: und selbst die gewaltsamsten, selbst jene, die wir heute ungerecht nennen, selbst der Widerruf des Ediktes von Nantes, das man uns zu verfluchen lehrt, wie erscheinen sie uns Gesetze der Mässigung und der Weisheit im Vergleich zu den Gesetzen des Auslandes! Jetzt ist die Zeit des Gesetzes ohne Gesicht gekommen, die Zeit der Fälschungen und des Gesetz genannten Mörders. Heute hat eine Maschine zur Fabrikation der Welt den Platz unserer Räte eingenommen. Von Zeit zu Zeit setzt sie ein ungeheurliches, trockenes, hygienisches, unmenschliches Erzeugnis in Umlauf, das wir betäubt betrachten wie einen Meteorstein. Und unsere neuen Gesetzgeber erklären uns, dass man alle deutschen Soldaten als gemeinrechtliche Mörder hätte hängen und alle französischen Bürger wegen Einverständnisses mit — 66 — dem Feind hätte erschiessen können, aber dass man einen Beweis von Nachsicht geliefert hat. O barbarische Gesetze des 13. Jahrhunderts, Gebrauch von Poitou, Duell mit dem Knüppel, Kongress, Gottesurteil; heute strahlt die Gerechtigkeit, die Gerechtigkeit und die Milde auf Euren Gesichtern. Unsichtbare Baumeister entwerfen unsere Welt mit der Messchnur! Wir hatten ein Haus. Wir werden an seiner Stelle einen schönen Entwurf haben. Ein Auge in der Mitte eines Dreiecks, wie auf dem Einband des Katechismus, regiert die neue politische Schöpfung. Die Idealisten sind entfesselt. Alles was Ungeheuer geboren hat, hat das Wort. Unsere Welt wird weiss sein wie eine Klinik, schweigsam wie ein Leichenschauhaus. Es ist das Jahrhundert des Albdruckes. Ich hasse Euch, Idealismen! Denn man kann uns lang bei allen Gelegenheiten hohle Worte über unsere Unabhängigkeit machen, die Wirklichkeit ist so. Die Sieger, heute durch die Folgen dessen, was sie getan haben, tief erschreckt, können uns lange versichern, dass all das nicht so schwer ist. Dass man die Städte wieder aufbauen wird. Dass man Kohle, Maschinen, Treibstoff, Baumwolle verteilen wird — nicht den Bösen, wohlverstanden, nicht den spanischen Faschisten zum Beispiel —. Dass wir das Recht haben werden, Nationalisten zu sein, so viel uns gefällt. Schlechte Köpfe, wenn wir wollen. Gegner von wem wir wollen. Dass nichts geändert ist: wir wissen, wir, dass das nur eine Augentäuschung ist. Und dass alle wirtschaftlichen Pläne der Welt die politischen Rechte nicht ersetzen können, die man uns genommen hat. Die Völker sind entmannt. Die Lehre von den Vereinten Staaten der Welt ist ein Betrug, solange sie sich auf eine politische Forderung gründet. Und die Behauptung von der Vortrefflichkeit der Demokratie ist eine Behauptung, die genau derjenigen von der Vortrefflichkeit des Marxismus gleicht. Auch sie ist ein Mittel zur Einmischung genau wie der Marxismus. Wir sind keine freien Menschen mehr: und wir sind es nicht mehr, seit der Gerichtshof von Nürnberg verkündigt hat, dass es über unserem nationalen Willen einen — 67 — Weltwillen gebe, der allein das Vermögen habe, die wahren Gesetze zu schreiben. Nicht der Marshall-Plan bedroht unsere Unabhängigkeit. Es sind die Grundsätze von Nürnberg. Jene, die heute den Marshallplan angreifen, wissen es nicht oder wollen es nicht sagen, aber in Wirklichkeit greifen sie die Moral von Nürnberg an: die Hälfte des französischen Volkes erhebt heute, ohne es zu wissen, Einspruch dagegen, dass Goering gehängt worden ist,
Wir wissen übrigens, wohin das führt. Um sich ihre Anklage bequem zu machen, haben die Vereinten Nationen eine zweideutige Lehre verkündet, die sie heute vor die grössten Schwierigkeiten stellt. Jene, die überzeugt sind von dem guten Glauben der Sowjets, haben nicht Unrecht. Ist dieser gute Glaube grundsätzlich nicht augenscheinlich? Man verlangt von ihnen, Deutschland des Verbrechens gegen die Demokratie anzuklagen. In diesem Punkt waren sie völlig einig. Man schlägt ihnen vor, zu verkünden, dass in Zukunft die Welt im Geiste der Demokratie regiert werde. Das passte ihnen vollständig. Man bemerkte die Zweideutigkeit erst, als man zur Anwendung übergehen wollte. Die Russen dachten offensichtlich, dass sie sich verpflichtet hätten, die sowjetische Verfassung auszuführen, die nach ihren Gesichtspunkten die demokratischste der Welt ist. Sie waren durchaus Anhänger der Einmischung, aber durch die Vermittlung der kommunistischen Parteien. Sie wollten durchaus Pläne, unter der Bedingung, dass sie dreijährig, vierjährig, fünfjährig seien. Ausfuhren, vorausgesetzt, dass sie nach dem Osten geleitet würden. Und internationale Konferenzen, wenn sie folgsam auf Herrn Wyschinski hörten. Sie hatten verstanden, dass der demokratische Geist, von Moskau ausgehend und sich in Gegenuhrzeigerrichtung bewegend, über die Welt zu wehen begann. Als man ihnen erläuterte, dass es sich nicht um das handelte, sondern dass man die amerikanische Verfassung zu verbreiten, den Dollar und die Wahl mit geheimen Stimmzetteln auszubreiten, die Inspektionen des Roten Kreuzes zu begünstigen und sich im Esszimmer von Herrn Marshall zu versammeln beginne, erklärten —68 — sie, dass es sich um ein schweres Missverständnis handle. Versetzt Euch an ihren Platz! Sie hatten den Krieg nicht geführt, damit der amerikanische Botschafter in Warschau den Regen und das schöne Wetter machen konnte.
Das ist die Gefahr der unbestimmten Formulierungen und der falschen Ideen. Wir bemerken heute, dass der harmlose Briand-Kellogg-Pakt viel Explosivstoffe enthielt, die man nicht darin vermutete. Er war vorzüglich, um Deutschland zu verurteilen. Aber er war sehr schlecht, um die Welt zu regieren. Heute müssen die Richter von Nürnberg, wenn sie sich selbst gegenüber logisch sein wollen, die Staaten, die bei sich nicht die Demokratie nach amerikanischem Muster anwenden, als Feinde des Weltgewissens zur Anzeige bringen. Sie müssen sie aus der internationalen Gemeinschaft ausschliessen. Und das Weltgewissen muss selbstherrlich den Bann gegen die Rebellen schleudern! So stellen uns die Grundsätze von Nürnberg nicht nur unter Vormundschaft, sondern verurteilen uns auch zu einem weiteren Krieg. Zu einem dem vorhergehenden ganz gleichen Krieg. Zu einem Krieg ohne Notwendigkeit. Zu einem ideologischen Krieg. Sozusagen zu einem Krieg um das Recht. Darum werden vielleicht in einigen Monaten Tausende junger Franzosen und junger Deutscher denselben runden Helm zu Ehren einer höheren Moral tragen, die für sie und für uns darin besteht, nicht mehr Meister im eigenen Haus zu sein. Es ist wahr, dass wir im Austausch gegen diese Wirrkopfpolitik die Genugtuung haben werden, zu wissen, dass der Bolschewismus und der Nationalsozialismus zwei Seiten der selben Ungeheuerlichkeit waren. Ich weiss nicht, ob die Amerikaner wirklich gesehen haben, dass diese zusätzliche Verkündigung kaum dazu beitrug, die Dinge zu vereinfachen. * * * Der dritte Abschnitt der Anklageakte ist wie der zweite höchst klassischer Art. Es handelt sich hier um die Kriegsverbrechen. Der Gerichtshof stützt sich hier auf einen bestimmten Text: die Haager Abkommen von 1907. Er nennt Kriegsverbrechen die durch die Kriegführenden in — 69 — Verletzung dieser Abkommen begangenen Handlungen, die die Verfahrensweisen bestimmen, die von den selbständigen Staaten als mit dem Kriegsrecht übereinstimmend anerkannt worden sind. Diesem Vorgehen kann nichts vorgeworfen werden. Wir werden weiter unten sehen, wo die Unehrlichkeit in diesem Punkt beginnt. Aber man entdeckte sehr schnell, dass das öffentlich bekannt gegebene Völkerrecht, d. h. der Text des Haager Abkommens nicht gestatten würde, Handlungen zu treffen, für die man die Deutschen zahlen lassen wollte. Man erfand daher, wie wir gesagt haben, einen neuen Begriff: den des Verbrechens gegen die Menschlichkeit. Und diese Beschuldigung diente dem vierten Abschnitt der Anklagerede als Titel. Aber da man nicht recht wusste, wo die Kriegsverbrechen endeten, und wo die Verbrechen gegen die Menschlichkeit anfingen, und da es einem anderseits von Nutzen war, Handlungen, die in Wirklichkeit von dem umstrittenen Begriff abhingen, unvermerkt einem unbestreitbaren Begriff zu unterschieben, brachte man den dritten und vierten Abschnitt ständig durcheinander. Es ist uns unmöglich, sie in unserer Untersuchung voneinander zu scheiden, trotzdem der öffentliche Ankläger sich bei diesen zwei Anklagen auf sehr verschiedene Grundsätze stützt. Dieser Teil der Anklageakte ist derjenige, den man der öffentlichen Meinung zum Frass vorwarf: wir haben oben gesagt, warum. Um die scheinbar sehr vernünftigen Grundsätze zu beurteilen, auf die die Anklage sich beruft, muss man zuerst die Anschuldigung beurteilen. Und hier ist die Wahrheit nicht so leicht zu entwirren, wie man glauben könnte. Es gibt über die deutschen Scheusslichkeiten ein umfangreiches Schrifttum: aber dieses Schrifttum steht im Gegensatz zu dem, was wir alle gesehen haben. Vierzig Millionen Franzosen haben die Deutschen während drei Jahren in ihrer Stadt, auf ihrem Hof, in ihren Häusern, auf ihren Strassen gesehen und haben keineswegs gefunden, dass sie Ungeheuer seien. Sind wir Opfer einer gewaltigen Tarnung gewesen, unter der sich ein Tier verbarg? Oder sind die Berichte, die man uns gemacht hat, nicht übertrieben gewesen? — 70 — Wir haben keinerlei Interesse, «das gute Deutschland » zu verteidigen: denn die Politik der französischen Regierung während der Besetzung erscheint viel wirksamer, wenn die Deutschen wirklich Ungeheuer sind. Die Anhänger der Widerstandsbewegung haben im Gegenteil ein Interesse, ihre Leiden auszustellen: man weiss zur Genüge, dass die Leiden sich leicht in gute Stellen verwandeln. Haben wir uns über die Deutschen getäuscht? Wir sind bereit, es guten Glaubens anzuerkennen, wir würden uns dadurch nicht herabgesetzt fühlen: aber ist es wahr? Das ist die erste Schwierigkeit. Es gibt deren weitere, die sich mit dieser verbinden. Man klagt Deutschland der Vertilgung einer grossen Zahl menschlicher Wesen an. Wohlverstanden, wir verurteilen solche Verfahrensweisen zu jeder Zeit und selbst zur Kriegszeit. Dieser Punkt stand für keinen von uns je in Frage. Und wenn wir während des Krieges gewisse Handlungen, die man heute Deutschland vorwirft, gekannt hätten, hätten wir gegen diese Handlungen Verwahrung eingelegt. Aber zuerst, wir wiederholen es, müssen wir eine unparteiische Prüfung dieser Anschuldigungen verlangen. Eine Prüfung, die noch nicht gemacht worden ist. Darauf können wir von diesen Dingen sprechen, so als ob wir vergässen, dass die Alliierten durch andere, aber auch wirksame Verfahrensweisen eine beinahe ebenso umfangreiche Ausrottungsart auf ihre Rechnung genommen haben. Und schliesslich dürfen wir Franzosen, wenn wir unser Urteil aussprechen, nicht vergessen, dass diese Ausrottung, und das geht klar aus der Anklage selbst hervor, sich vor allem gegen Bevölkerungen gerichtet hätte, die man als fremdgebürtig bezeichnen kann, so vor allem gegen die Slawen. Die Propaganda der Widerstandsanhänger hatte zum Gegenstand, alles durcheinander zu bringen: sie sprach von den Konzentrationslagern, wie wenn die Franzosen wie die Slawen behandelt worden wären. Und sie hat überall die grösste Scheusslichkeit gewählt, die sie als die Regel hinstellte. Das hat zur Folge, dass die Leser unserer Zeitungen völlig überzeugt sind, dass man in Ravensbrück jeden Tag unter — 71 — Absingen der Lily Marlène fünfhundert Kinder von Belleville in Verbrennungsöfen warf. Wir müssen uns also auch in diesem Punkt hüten. Wir wissen, dass eine entsetzliche Rechnung zwischen Deutschland und Sowjetrussland offen zu sein scheint: und auf die Gefahr hin, viele Leser in Erstaunen zu versetzen, füge ich bei, dass wenn man die durch ihre Regierung gegebenen Zahlen für richtig hält, die Russen, angesichts ihrer Verluste und ihrer Leiden, in den Vergeltungsmassnahmen der Besetzung mässig gewesen wären. Wenn es wahr ist, dass ihre Gefangenen zu Hunderttausenden niedergemetzelt, dass ihre Gebiete zerstört, entvölkert und dem Erdboden gleichgemacht, dass ihre Bauern klumpenweise gehängt worden sind; wenn, was sie behaupten, sich bewahrheitet, hätten sie das Recht gehabt, kraft dieses Gesetzes der Wiedervergeltung, das wir so oft in Erinnerung rufen, die Hälfte Deutschlands in eine dürre Wüste zu verwandeln: sie haben nichts derartiges getan. Sie haben kaltes Blut bewahrt und verstanden, dass die Unterdrückung ihrer unwiderruflichen Feinde und die Errichtung ihrer Herrschaft für sie ein wichtigerer Gegenstand war als die Vergeltung. Und sie haben uns die Deutschen rechtlich für Tatbestände verurteilen lassen, über die ihre Politik mit dem Schwamm hinwegging. Seien wir also nicht königlicher als der König! Was in Auschwitz, in Maidanek und an anderen Orten geschah, geht die Slawen an: wir haben uns mit dem Abendland zu befassen. Fordern wir nicht Schulden ein, die der Gläubiger nicht eintreibt! Sondern tragen wir Sorge, die Uebertreibungen unserer Propaganda richtig zu stellen! Für uns ist wichtig zu wissen, was die Deutschen uns angetan haben. Ueber diesen Punkt wollen wir die Beweisstücke von Nürnberg befragen. Diese Aufgabe ist um so leichter, als der Gerichtshof dem französischen Staatsanwalt die Aufgabe anvertraut hat, die als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichneten Tatbestände, was den westlichen Abschnitt anbetrifft, zu vertreten. Wir haben also da ein hervorragendes Mittel, die erste der Schwierigkeiten zu — 72 — überwinden, die sich uns soeben stellte. Diese öffentliche Anklagerede erlaubt uns, die persönlichen Anklagen zu übersehen, die von Journalisten oder Gelegenheitsschriftstellern gesammelt worden sind und deren Aufrechterhaltung der französische Staatsanwalt nicht ratsam fand. Gleichzeitig erlaubt sie uns, aus den wirr durcheinander gegen den Nationalsozialismus erhobenen Anklagen, leicht das herauszulösen, was unser Land betrifft. Unser Ziel ist also, uns zuerst zu fragen: sind die deutschen Greueltaten, an die man in unserer Presse jeden Tag erinnert wird, bewiesen? Was bringt über diesen Punkt die feierlichste unserer Anklagen, die einzig berufene, die in Nürnberg erhoben worden ist? Anstatt sofort an die Prüfung der Grundsätze zu gehen, sich neben den Richter zu setzen und ihn richten zu sehen, muss man sich also für die Untersuchung interessieren. Man muss zu erkennen versuchen, was es Zuverlässiges in der Anklagerede gibt. Wir werden mit dem Gericht die Zeugen hören und die überzeugenden Stücke aufspüren. Und dann werden wir fragen: Und Ihr? Ein selbst rasches Durchlesen des Prozesses von Nürnberg genügt, um zu erkennen, dass vom Augenblick an, wo die französische Abordnung, der dieser Teil der Anklagerede anvertraut war, sich erhebt, um ihre Anklagepunkte vorzubringen, die Verfahrensweisen des Prozesses sich vollständig wandeln. Die mit dem ersten und zweiten Teil der Anklage beauftragten amerikanischen und englischen Vertretungen hatten eine bestimmte Anzahl von Regeln beachtet, die nach dem Wortlaut der Geschäftsführung des internationalen Gerichtshofes nicht verbindlich, aber von grosser Klugheit waren. Zum Beispiel bestand der Hauptteil der aufgeführten Beweisstücke aus deutschen Schriftstücken, die man in den deutschen Archiven gefunden hatte, und die durch festgestellte Verantwortliche gezeichnetwaren: es kam vor, dass der Staatsanwalt ein Beweisstück vorlegte, das aus einem der alliierten Staaten stammte. Aber wenn er das tat, machte er ausdrücklich darauf aufmerksam, in der Meinung, dass diese Beweisstücke nicht genau den — 73 — gleichen Wert hätten wie die Schriftstücke deutschen Ursprungs. Ebenso waren die bisher aufgerufenen Zeugen, mit beinahe einer Ausnahme, deutsche Beamte oder Generäle, Oberst Lahusen vom Generalstab des Generals Canaris; der SS-General Ohlendorf; der Major Wisliceny, Mitarbeiter Eichmanns in der Leitung der Judenfrage; SS-General Schellenberg; der Wächter Hollrieg vom Lager Mauthausen; der SS-General Von dem Bach-Zelewski; die U-boot-Offiziere Heisig und Mohle. Einwendungen der Verteidigung hinsichtlich der Herkunft der Beweisstücke waren selten. Der Präsident hatte fast nie Zwischenfälle zu rügen. Von dem Augenblick an, wo unser Vertreter sich erhebt, beginnt sich all das zu ändern. Und die Grundlagen der Anklage erscheinen derart verschieden, sie schaffen derartige Zwischenfälle, sie rufen derartige Ordnungsrufe des Gerichtshofes selbst hervor, dass es unmöglich ist, diese Anklagerede in Betracht zu ziehen, ohne sie einer vorgängigen Untersuchung zu unterwerfen. Die erste Regelwidrigkeit ist das fast völlige Verschwinden der deutschen Beweisstücke und Zeugnisse. Man darf nicht sagen, dass dieses Verschwinden gleichgültig sei. Es ist schwerwiegend: der französische Staatsanwalt ist nicht dazu da, «Verbrechen Deutschlands» aufzuzählen, denn man kann nicht «Deutschland» hängen. Aber er behauptet, zu beweisen, dass diese Verbrechen die Folge von Befehlen sind, die durch Menschen gegeben wurden, die vor ihm stehen und die er anklagt. Er verlangt, dass man über Keitel die Todesstrafe verhängt, dessen Hauptquartier irgendwo am Dnjepr war. Ueber Neurath, der Reichsprotektor der Tschechoslowakei war. Ueber Speer, der sich mit der Rüstung befasste. Ueber Jodl, der die militärischen Unternehmungen leitete. Ueber Baldur von Schirach. Und er brachte keinerlei Beweisstück bei, das bewies, dass Keitel, Neurath, Ribbentrop, Speer, Jodl usw., die von ihm aufgeführten Verbrechen, die vielleicht wirklich waren, befohlen haben. Er fordert diese Menschenleben leichtfertig und ohne Beweise. Er kann, streng genommen wohl mutmassen, dass Goering — 74 — wusste (Goering hat das Gegenteil behauptet), oder in jedem Fall, hätte wissen müssen. Er hat vielleicht recht, zu behaupten, dass Kaltenbrunner, Mitarbeiter Himmlers, dass Seyss-Inquart, Gouverneur von Holland, nicht nicht wissen konnten, und dass das Wissen zu ihren Befugnissen gehörte. Aber er beweist weder das Bestehen eines Planes, noch die Ausführung persönlicher Befehle der Angeklagten. In einem Prozess gegen Deutschland könnte er sagen, dass er auf das Zeugnis der Opfer zurückgreifen müsse, dass es unmöglich sei, es anders zu machen: aber seine erste Unehrlichkeit besteht darin, dass er keinen Prozess gegen Deutschland führt. Er möchte es wohl. Aber er tut es nicht. Das Wesen, das man Deutschland nennt, ist nicht aufgerufen worden vom Gerichtsdiener. Er spricht gegen Menschen, die vor ihm sitzen und aufgerufen sind, sich für ihre Handlungen und nicht für die Handlungen anderer zu verantworten. Und er hat nicht das Recht, das Bestehen eines verabredeten Planes, die französische Bevölkerung auszurotten, zu behaupten, da er es nicht beweisen kann. Und er hat auch nicht das Recht, Menschen anzuklagen, Befehle gegeben zu haben, von denen er nicht bestätigen kann, dass sie bestanden haben. Die zweite Unehrlichkeit der französischen Abordnung bestand darin, diese Beweise, die man nicht besass, diese Befehle, die man nicht besass und von denen vor Gericht zu sagen, dass sie vorhanden waren, regelwidrig ist, durch eine Aufzählung zu ersetzen. Ich werde keine Beweise erbringen, sagt der französische Vertreter. Aber ich werde so viele Zeugen aufmarschieren lassen, ich werde so viele Berichte vorlegen, dass das das nämliche sein wird wie ein Beweis. Denn man wird sehen, dass sich alles überall ebenso zugetragen hat, was Befehle voraussetzt. Schön, so etwas im Lande Descartes’ zu sagen! Die Jungen von vierzehn Jahren lernen in unseren Mittelschulen, dass die erste Regel wissenschaftlichen Verfahrens darin besteht, sich auf vollkommene Aufzählungen zu stützen. Dieses kleine Beiwort ist wesentlich. Denn dieses kleine Beiwort bedeutet — 75 — die Ehrlichkeit! Doch die französische Abordnung hat, wenn sie darin nach der Art der französischen Gerichtshöfe verfährt, Abscheu vor vollständigen Aufzählungen. Die französische Abordnung verwechselt Aufzählung und Auswahl. Sie greift einige Polizeiberichte heraus, in denen von Metzeleien die Rede ist, und schliesst: man metzelt überall. Herr Keitel, von Ihrem Hauptquartier am Dnjepr aus hatten Sie den Befehl gegeben, in Annevoye, in Rodaz, in Tavaux, in Montpezat de Quercy ein Blutbad anzurichten. Sie lässt drei oder vier Verschickte auftreten, die ihre Konzentrationslager beschreiben, und schliesst: gleich war es in allen Konzentrationslagern und das beweist bei Ihnen allen, bei Ihnen Speer, bei Ihnen Doenitz, bei Ihnen Hess, bei Ihnen Rosenberg, einen planmässigen Willen zur Ausrottung! Ich stelle dar, also beweise ich! Ich zeige Lichtbilder: das ist, wie wenn Sie überall gewesen wären. Ich reiche Klage ein. Ich verlange Vergeltung. Und diese Klage muss für Sie den gleichen Wert haben wie ein rechtskräftiger Beweis: umso mehr, als es «Anhänger der Widerstandsbewegung » sind, die zu hören Sie die Ehre haben. Die französische Abordnung glaubt sich vor dem Gerichtshof der Seine und versteht nicht, wenn der Präsident recht kalt unterbricht. Der gleichen optischen Täuschung entsprechen die Schriftstücke, durch die die französische Abordnung die Beweise ersetzt. Und daraus entsteht die Verwirrung dieses ganzen Teiles des Prozesses. Bald hält die französische Abordnung sich an einzelne Zwischenfälle, die, so peinlich sie an sich sein mögen, in keiner Weise allgemeine Bedeutung haben: so beweist die Verhaftung der Familie des Generals Giraud, über die viel zu sagen wäre, keineswegs, dass die Familien der Widerstandsanhänger planmässig nach Deutschland verschickt worden sind. Und wir wissen alle, dass nichts dran ist. Eine gute Statistik hätte der Sache besser gedient. Bald schwingt sie kleine Papierfetzen, die man durchschnüffelt, die man prüft, die man mit deutlichen Anzeichen von Verdacht gegen das Licht hält: ein Polizeioffizier von St. Gingolf — 76 — (Var) bescheinigt etwas über die administrativen Verweisungen. Der militärische Sicherheitsdienst von Vaucluse versichert, dass man übel dran war im Gefängnis. Ein Leiter des Generalstabes der FFI findet ein Werkzeug mit Kugeln. Für diejenigen, die wissen, dass der Hauptteil der für die Befreiung an Ort und Stelle ernannten Polizeioffiziere später wieder rückversetzt werden musste, dass eine gewisse Zahl von Mitgliedern des militärischen Sicherheitsdienstes jetzt eingesperrt ist und dass die Leiter des Generalstabes der FFI sich am Vorabend oft die Abzeichen selbst angeheftet hatten, sind diese mit Stempeln übersäten «Berichte» nicht sehr eindrucksvoll. Eine ernsthafte Untersuchung hätte ergeben, dass die Verhältnisse in den Gefängnissen je nach den Gefängnissen wechselten. Dass man in Fresnes eingesperrt sein konnte, ohne gefoltert zu werden. Dass einzelne Polizeidienste rechtmässig waren und andere aus Folterknechten zusammengesetzt waren. Dass selbst die Methoden der Gestapo in Frankreich je nach den Untergeordneten, die die Verantwortung dafür hatten, wechselten. Und der Präsident hatte nicht Unrecht, wenn er angesichts dieser sonderbaren Untersuchungsverfahren seufzte, unterbrach und schliesslich diese Berichte nur zuliess unter Anbringung aller Vorbehalte über ihre «Beweiskraft», und offensichtlich weil er verstanden hatte, dass, wenn er sie zurückwies, er die französische Abordnung zum Stillschweigen zwang. Aber im Bericht glänzt die französische Abordnung am meisten. Man fühlt eine gewisse Befangenheit, hier seinen ganzen Gedanken zu äussern: denn wer die Genauigkeit der Tatbestände und die Redlichkeit der Zeugen prüft, während man ihm vom Leiden der Andern erzählt, setzt sich dem Vorwurf aus, kein Herz zu haben und selbst der einfachsten Menschlichkeit unzugänglich zu sein. Aber es ist unmöglich, es nicht zu sagen, dass Berichte, die von einem Dritten nach Dritten gemacht und anderseits notwendigerweise ohne ihre Begleitumstände verbreitet und unterbreitet werden, im ganzen nur Rührmittel bilden, aber auf keinen Fall eine ernsthafte und vollständige Untersuchung über das Verhalten der — 77 — deutschen Armee in Frankreich ersetzen. Es sind nur losgelöste Tatbestände, als solche berühren sie möglicherweise die Verantwortlichkeit der lokalen Befehlshaber. Aber man kann nicht vorgeben, mit ein paar Dutzend Berichten über Foltereien oder Vergeltungsmassnahmen, die alle 1944 und in Gegenden stattfinden, wo es in der Ecke jedes Gehölzes einen Freischärler gab, die Geschichte der militärischen Besetzung Frankreichs zwischen 1940 und 1944 darzustellen. Ueber solche Gegenstände soll man nichts oder alles sagen. Ein Teilbericht ist ein parteiischer Bericht. Hier wird man uns eines Tages sagen: Frankreich hat gelogen!
Doch bilden die Verfahrensweisen, die wir beschreiben, in der Darlegung der französischen Abordnung ein System. Sie glaubt sich vor einem Preisgericht. Man verlangt von ihr einen Bericht. Sie zieht eine Ausstellung vor. Sie widmet sich der Ausstellung der deutschen Verbrechen: je scheusslicher es ist, desto mehr triumphiert sie. Oradour-sur-Glane, Maillé, Tulle, Ascq, das ist nicht mehr ein Richter, der spricht: es ist, möchte man sagen, die Presse vom September 1944. Es handelt sich nicht mehr um Gerechtigkeit. Es handelt sich darum, den Feind zu besudeln! Die französische Abordnung ist bereit, dabei mitzutun. Sie brennt darauf, sich mit einer amtlichen Kundgebung an dem Unternehmen der Beschimpfung und des Hasses zu beteiligen, das die niedrigste Presse unserer Geschichte vor der Oeffentlichkeit zur Schau stellt. Das Gewissen, die Ehre der Richter, das ist Altertumskunde für sie: sie sind Journalisten geworden. Und diese Menschen, die wir wider Willen unser Land vertreten zu sehen den Schmerz haben, verstehen nicht einmal, wie niederdrückend diese höflichen und kalten Unterbrechungen des Präsidenten sind, der ihnen auf seine Weise in Erinnerung ruft, dass es selbst vor einem solchen Gerichtshof ein Mindestmass von Anstand gibt. Diese unaufrichtige Darstellung, dieser ständige Anruf der niedersten Instinkte der Oeffentlichkeit haben sie übrigens dahin geführt, ihr Ziel völlig zu verfehlen. Was man von der französischen Abordnung verlangte, was man ein — 78 — Recht hatte, von ihr zu verlangen, war ein sachlicher und brauchbarer Bericht über die deutsche Besetzung in den westlichen Ländern zwischen 1940 und 1944. Kein ernsthafter Mensch wird bereit sein, zu sagen, dass ein solcher Bericht im Protokoll des Prozesses enthalten ist. Einzig die Frage der wirtschaftlichen Ausplünderung ist gewissenhaft behandelt und mit Zahlen belegt, die einer Aussprache als Unterlage dienen können. Für den Rest keinerlei Gesamtbild, keinerlei Statistik, keinerlei Bemühen, Ordnung zu schaffen und ehrlich darzustellen. Es wird in zehn Jahren einem deutschen Geschichtsforscher genügen, die Darlegung unseres Vertreters aufzugreifen und sie mit Beweisstücken, Daten und Zahlen zu versehen, um uns unter einem unerbittlichen Nachweis unseres schlechten Glaubens zu erschlagen. Er wird leicht zeigen, dass die deutsche Politik, selbst diejenige der Polizei und des Heeres 1941 und 1943 eine verschiedene war. Dass einzelne deutsche Verwaltungsstellen das Leben der Franzosen so viel beschützt haben als sie konnten, und dass schliesslich, was Jedermann weiss, das Leben des französischen Volkes mindestens bis zu Beginn des Jahres 1944 erträglich war. Er wird uns sagen, dass es Verwechslungen gibt, die man nicht freiwillig machen darf, wenn es sich darum handelt, Menschen anzuklagen. Selbst wenn man denkt, dass diese Menschen Ungeheuer sind. Er wird uns beweisen, dass der Plan der Ausrottung des französischen Volkes nie bestanden hat. Was sehr gut erklärt, dass man keinerlei Spur davon gefunden hat. Und dass wir infolgedessen kein Recht hatten, unter dieser Bezeichnung Männer wie Keitel und Jodl anzuklagen, einfach weil wir das Unglück hatten, Himmler nicht lebendig finden zu können. Er wird uns erklären, dass diese Politik der Unterschiebung der Verantwortlichkeiten, von der wir unsern Mitbürgern gegenüber so grossen Gebrauch gemacht haben, eine Rechtskomödie ist, die diejenigen entehrt, die sie spielen. Die Tatsachen zeigen uns, was leider leicht ist, was eine Politik der Ausrottung ist. Denn schliesslich gibt es in diesem Prozess selbst, wenige Seiten nach der französischen Darlegung, — 79 — eine Darlegung, die uns zermalmt: es ist diejenige der Sowjetdelegation. Ja, im Osten Europas gibt es eine schreckliche offene Rechnung zwischen Deutschland und seinen Nachbarn. Ja, da hat es eine Politik der Ausrottung gegeben. Und da hat man die Spuren gefunden. Nicht durch eine Aufzählung nach unsern beliebten Verfahrensweisen. Nicht durch Muster. Man hat die Beratschlagungen der Konferenzen des Führers gefunden. Man hat die Anweisungen an die Verantwortlichen gefunden. Man hat Befehle gefunden. Man hat alles gefunden. Diese fürchterliche Politik scheint unglücklicherweise verwirklicht worden zu sein. Wenigstens gibt es Schriftstücke, die es sagen. Und wenn wir uns in irgendeinem Punkt mit dem heuchlerischen Schmerz der Ankläger Deutschlands treffen, so geschieht das durch unseren aufrichtigen Schmerz im Gedanken an jene Männer und Frauen in der Ukraine, die die Deutschen als die Befreiung und das Lebensrecht mit Blumen empfingen und die durch jene Menschen, die sie mit Willkommrufen empfingen und die in ihren Taschen vielleicht den Befehl hatten, sie zum Verschwinden zu bringen, stumpfsinnig niedergemetzelt, ausgehungert und ausgerottet wurden. Das, ja das ist ein Verbrechen. Aber ist es wahr? Es hat von allem in diesen Schriftstücken. Und sie sind nicht immer vorsichtig eingeordnet worden. Man hat mehrere Male Darlegungen als Befehle hingestellt, die nur Denkschriften, d. h. nahegelegte Gedanken waren, die gerade zurückgewiesen wurden. Andere Male hat man Befehle gezeigt. Aber es geht aus dem Prozess selbst hervor, dass diese Befehle durch die Armeekommandanten nicht ausgeführt wurden, weil sie sie für zu streng hielten. Andere Male hat man sich über die Bedeutung der Massnahmen getäuscht: z. B, war die planmässige Zerstörung der Dörfer nicht eine Einschüchterungspolitik, sondern ein Kampfmittel gegen die Partisanen, das darin bestand, das Vieh und dann die Einwohner wegzuführen und schliesslich die Wohnstätten selbst zu zerstören, so dass um die Partisanen eine Art «verbrannte Erde» gelegt wurde, ähnlich derjenigen, die das russische — 80 — Oberkommando um die deutschen Divisionen herum geschaffen hatte. Ebenso wurden die Zerstörungen von Werken oder Ernten und die Raubzüge gegen die Bevölkerungen von beiden Armeen angewandt. Durch die russische Armee auf ihrem Rückzug, und durch die deutsche Armee auf dem ihren. Die Deutschen haben sogar behauptet, dass sie in der Ukraine gewaltige Arbeiten vollbracht und oft der Bevölkerung geholfen und sie versorgt hätten, was das direkte Gegenteil von dem ist, was man ihnen nachsagt. Wem soll man also glauben? Die von der russischen Abordnung vorgelegten Zahlen sind nicht nachprüfbar. Und wenn die russische Abordnung sich des Prozesses von Nürnberg zur Entfaltung einer gewaltigen Propaganda bedient hätte, wie die französische Abordnung? Wir können nachprüfen, was die französische Abordnung sagt. Das ist bei uns geschehen. Aber wer kann nachprüfen, was die sowjetische Abordnung sagt? In diesem Punkt ist der Prozess offen: aber wir hätten sehr Unrecht, zu glauben, dass er durch das Urteil geschlossen sei. Aber wer sieht nicht, selbst wenn wir der Propaganda und Fälschung Rechnung tragen und selbst ohne grundsätzlich Stellung zu beziehen, da wir das nicht können, dass die Zahlen und Tatsachen, die durch die russische Abordnung angeführt werden, uns erdrücken? Die französische Abordnung hätte sich leicht einige gehässige und verächtliche Verfahren ersparen können, wenn sie überlegt hätte, dass ihre Darlegung sich einige Seiten neben diesem schrecklichen Schriftstück gedruckt finden würde. Und sie wäre gut unterrichtet gewesen, wenn sie dem Leser nicht erlaubt hätte, die Zahlen des sogenannten Willens zur Ausrottung des französischen Volkes mit den Zahlen zu vergleichen, die die Ausrottung der slawischen Völker ausdrücken. Es ist gewiss traurig, unsere Opfer zählen zu müssen: 77 in Ascq, 120 in Tulle, 800 in Oradour, 6 angezündete Dörfer in Frankreich, 12 in den belgischen Ardennen anzuführen. Aber man spricht, selbst mit diesen Tatsachen, nicht von einem Willen zur Ausrottung, wenn ein sowjetischer Staatsanwalt sich erheben und — 81 — 135.000 Erschossene in der Gegend von Smolensk anführen kann, 172.000 in der Gegend von Leningrad, 195.000 in Karkow, 100.000 in Baby-Yar bei Kiew, und behaupten kann, dass die deutsche Armee ihm 70.000 Dörfer zerstört hat. Selbst wenn der sowjetische Staatsanwalt die Tatsachen entstellt oder übertrieben hat, beweist diese einfache Nebeneinanderstellung, dass die Befehle zur Ausrottung, die man für Frankreich sucht, niemals bestanden haben, und dass im Gegenteil Anweisungen bestanden, die eine Politik der Schonung vorschrieben. Es wäre wenigstens ehrlich gewesen, das anzuerkennen. Wenn etwas die vernünftige und kaltblütige Politik mit Deutschland während der Jahre der Besetzung rechtfertigt, dann ist es wohl dieses Rechenbuch dessen, was wir zu erwarten hatten, wenn wir sie ausschlugen. Aber lassen wir diese Abschweifung und kehren wieder zur französischen Abordnung zurück. Es kommt vor, dass sie Beweise findet oder wenigstens vorgibt, solche zu finden. Sie möchte es gerne machen wie alle Welt, die französische Abordnung, und von Zeit zu Zeit stolz vor dem Gericht, auf das Pult des Präsidenten ein deutsch geschriebenes Beweisstück niederlegen. Leider findet, wer es unternimmt, etwas zu beweisen, was nicht besteht, zuerst kaum Beweisstücke, und darauf kommt es vor, dass er mit den gefundenen Beweisstücken Verdruss hat. Diese zwei Besonderheiten kennzeichnen die französische Beweisführung. Zuerst ist sie mager. Und man kann von ihr wie von den Rezepten des Doktors Knock sagen, dass es keinen starken Band gibt, wenn man die deutschen Texte sammelt, die sie bilden. Und dann hat sie immer etwas Hinkendes. Sie steht in Widerspruch mit dem, was man gesagt hat. Sie ist nicht gezeichnet. Sie ist nicht klar. Und im Vergleich mit der Beweisführung der anderen Abordnungen macht sie in Wahrheit eine traurige Gestalt. Wenn es der französischen Abordnung gelingt, einen Befehl betreffend die in Verhören anzuwendenden Foltern zu entdecken, dann bemerkt man, wenn man ihn prüft, dass — 82 — dieser Befehl gerade die Foltern verbietet, die man uns soeben geschildert hat, und die Anwendung von genau bezeichneten Zwangsmassnahmen auf ganz bestimmte Fälle beschränkt: das beweist nicht, dass die deutschen Polizisten nicht folterten. Aber das beweist gerade, dass man ihnen keine Folterbefehle gegeben hatte, wie sonst allen Polizeien der Welt. Wenn die französische Abordnung Rechnungen für giftiges Gas findet, irrt sie sich bei der Uebersetzung und führt einen Satz an, in dem man lesen kann, dass dieses Gas zur «Austilgung» bestimmt war, während der deutsche Text in Wirklichkeit sagt, dass es zur «Gesundmachung», d. h. zur Vernichtung der Läuse bestimmt war, über die sich tatsächlich alle Internierten beklagten: und anderseits bemerkt man bei der Nachprüfung dieser Rechnungen, dass einzelne von ihnen für Lager bestimmt waren, die nie Gaskammern besessen hatten. Die französische Abordnung übersieht beharrlich diese Einzelheit und bringt diese berüchtigten Rechnungen mit einem Satz in Zusammenhang, den einer ihrer Zeugen aus dem Munde eines deutschen Unteroffiziers während seiner Verhaftung gehört haben will. Diese nicht zusammenpassende Zusammenstellung erschüttert sie nicht einen Augenblick. Und sie hält dafür, dass sie mit einem Bündel ungenau ausgelegter Rechnungen und einem Satz in der Luft, diesen so hartnäckig gesuchten «Willen zur Ausrottung » «umfassend festgestellt» hat! Wenn sie schliesslich dazu kommt, ein echtes Beweisstück vorzulegen, legt sie es missbräuchlich aus. Sie führt, nach vielen andern, den berüchtigten Erlass Nacht und Nebel an. Aber da Hitler nicht da ist, um die Verantwortung dafür zu übernehmen, schiebt man diese Keitel zu, der gegen den Erlass Einsprache erhoben hatte. Sie führt, ebenfalls nach anderen Abordnungen, ein Schriftstück über die Volksjustiz an den alliierten Fliegern an. Aber sie vergisst zu sagen, dass dieses Beweisstück nur ein Plan war und dass dieser nie ein Befehl oder eine Anweisung wurde, weil die militärischen Gewalten sich ihm widersetzten. Und alles ist von gleicher Zuverlässigkeit. Es gibt immer etwas, was man in — 83 — dieser Beibringung von Beweisen zurücknehmen muss und das die Verteidigung zurückzunehmen nie verfehlt — und gelegentlich selbst der Präsident aus eigener Eingebung. Der berüchtigte Wille zur Ausrottung scheint der französischen Abordnung «festgestellt» durch einen Brief, «dessen Echtheit noch nicht auf seine Echtheit geprüft worden ist» und der sich übrigens nur auf die Juden bezieht. Die französische Abordnung wirft den deutschen Militärbehörden vor, die Heimschaffung von Kriegsgefangenen, die missbräuchlich nach Unterzeichnung des Waffenstillstandes gefangen genommen worden waren, verweigert zu haben: sie beruft sich auf einen Brief des Gesandten Scapini vom April 1941. Aber sie vergisst zu sagen, dass in diesem Zeitpunkt die deutsche Armee von sich aus oder nach Verhandlungen mehrere Hunderttausende französischer Kriegsgefangener bereits frei gelassen hatte. Sie führt einen Zeugen auf über die Vergeltungslager für entwichene Gefangene: diese Vergeltungslager waren sehr hart. Aber es wäre anständig gewesen, zu sagen, dass im allgemeinen die 900.000 französischen Gefangenen, die sich während des Krieges in den Händen der Deutschen befanden, gemäss dem Genfer Abkommen behandelt worden sind. Irrtum durch Auslassung, durch Ungenauigkeit, durch missbräuchliche Uebertragung der Verantwortlichkeit, durch Leichtfertigkeit, durch Auslegung, das findet man ständig in dem von der französischen Abordnung aufgelegten Aktenstoss. Wenn man so viele Nähte entdeckt in der amtlichen Beweiserbringung, wenn man nie den Eindruck einer unbedingten Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit bei den Leuten hat, die beauftragt worden sind, im Namen unseres Landes zu sprechen, was ist dann der Aktenstoss, was ist die Untersuchung wert? Und was bewahrt uns vor dem Vorwurf der Fälschung? Aber das ist nicht alles. Es bleiben unsere Zeugen. Die Zeugen gehören zur Ordnung der Berichte, zur Ordnung der Darlegung. Wie wir wissen, ist die französische Abordnung auf diesem Gebiete gross. Wiederholen wir noch einmal: es — 84 — handelte sich nicht nur darum, Kaltenbrunner, den Mitarbeiter Himmlers, zu verurteilen, sondern Jodl, Keitel, Ribbentrop, Doenitz, Hess usw. Aber die französische Abordnung wendet sich nicht an das Gericht: die französische Abordnung wendet sich an die Menschheit. Sehen wir also, durch wen sie sich vor der Menschheit vertreten lässt. Wir haben oben gesagt, wer die Zeugen der amerikanischen und englischen Ankläger waren. Diese deutschen Zeugen sagten vielleicht nicht die ganze Wahrheit: weil sie an ihren eigenen Prozess dachten, konnte es nützlich sein, ihre Vorgesetzten zu belasten. Aber wenigstens konnte man dem künftigen deutschen Geschichtsschreiber sagen, dass diese Zeugen ohne Hass und ohne die Absicht, zu schaden, ausgesagt hatten. Die Zeugen der französischen Abordnung sind anderer Art. Für sie ist Deutschland der Feind. Man kann ihn nie genug belasten. Sie sind da, um Scheusslichkeiten zu beschreiben. Um eine Vorlesung über die Scheusslichkeiten zu halten, die sie gesehen haben. Ueber diejenigen, die man ihnen erzählt hat. Und über diejenigen, die man ihren Freunden erzählt hat. Die einzige Fragestellung für sie besteht darin, diesen Hass nicht zu sehr zu zeigen und wenigstens in ihrer Haltung den Anschein der Sachlichkeit zu wahren. Der Vorbeimarsch dieser Zeugen erfüllt übrigens den Leser mit einer gewissen Bestürzung. Man hätte nicht geglaubt, dass die Unvernunft so weit gehen könnte. Das erste Zeugnis, das man dem Gericht vorlegt, ist die eidliche Aussage einer Frau Jakob. Sie betrifft das Lager von Compiègne und beginnt so: «Wir haben den Besuch mehrerer deutscher Persönlichkeiten gehabt: Stülpnagel, Du Paty de Clam . . . ». Das lässt den Rest vorausahnen. Man sieht nach und nach einige Persönlichkeiten gleicher Art auftreten. Da ist Marie-Claude Vaillant-Couturier, kommunistische Abgeordnete. Dann nach ihr ein Zeuge Namens Veith, ein anderer Namens Boix, ein anderer Namens Balachowsky. Ihr Verhör beginnt folgendermassen: Der Präsident: «Wollen Sie sich setzen! Wollen Sie bitte Ihren Namen buchstabieren!» Herr Veith: «Jean Frédéric Veith. — 85 — Ich bin am 28. April 1908 in Moskau geboren». — Zum Folgenden: Der Präsident: «Wie nennen Sie sich?» Herr François Boix: «François Boix». Der Präsident: «Sind Sie Franzose? » Herr Boix: «Ich bin spanischer Flüchtling». Und man erfährt, dass Herr Boix 1920 in Barcelona geboren ist. — Zum Letzten: Der Präsident: «Wie ist Ihr Name?» Dr. Alfred Balachowsky : «Balachowsky, Alfred». Der Präsident: «Sind Sie Franzose?» Dr. Balachowsky: «Franzose!» Und einige Augenblicke später: Herr Dubost (Vertreter des französischen Staatsanwaltes): «Sie sind wohnhaft in Viroflay? Sie sind geboren am 15. August 1909 in Korotscha in Russland?» Dr. Balachowsky: «So ist es!» — Und so ist es! Von insgesamt neun Zeugenaussagen, die die französische Abordnung vorlegt, sind nur drei, die von Herrn Lampe, Herrn Dupont und Herrn Roser Zeugenaussagen von Leuten, die auf französischem Boden geboren wurden: ich zähle hier die Zeugenaussage von Marie-Claude Vaillant-Couturier, der kommunistischen Abgeordneten nicht, die ihr offensichtlich genau so von ihrer Partei diktiert worden ist, wie die Reden, die sie in der Kammer hält, und die durch ihre Uebertreibungen über den tragischsten Gegenstand Lachausbrüche hervorgerufen hat, die der Präsident durch sein Eingreifen zur Ruhe bringen musste. Da befindet sich unter unsern neun Zeugnissen also eine Anzahl von Aussagen, die wir durch die blosse Anführung des Zivilstandes der Zeugen als verdächtig erwiesen haben. Kann man wenigstens behaupten, dass die andern Aussagen unangreifbar seien? Das ist möglich. Und in Ermangelung einer in Gegenwart der Parteien angestellten Untersuchung, die noch niemand hat machen können, muss man zulassen, dass sie vorläufig eine gewisse Beweiskraft besitzen. Auch muss man sie mit den Mitteln prüfen, die uns zur Verfügung stehen. Von den drei Zeugenaussagen stammen zwei von Verschickten: der eine davon wurde nach Mauthausen verschickt, der andere nach Buchenwald. Aber diese zwei Zeugen waren seit März, bezw. Januar 1944 verschickt. Angenommen man betrachte ihr Zeugnis als unbezweifelbar, — 86 — dann bleibt, dass dieses Zeugnis nur für den Zeitraum nach ihrer Internierung gelten kann. War es nicht nützlich, durch andere Zeugnisse zu überprüfen, ob die Verhältnisse von Mauthausen und Buchenwald während der vorangegangenen Jahre die gleichen gewesen sind? Der dritte Zeuge ist ein Unteroffizier, Kriegsgefangener, neun mal entwichen, neun mal wieder aufgegriffen, und der über die Straflager für Kriegsgefangene aussagt. Welches auch immer das Vertrauen sein mag, das er einflösst: die Beweisführung des Staatsanwaltes hat einen Mangel: denn man lässt ihn unklugerweise über Tatbestände aussagen, die er nicht gesehen hat, die seine Kameraden ihm erzählt haben, oder die seinen Kameraden erzählt worden sind. Das ergibt folgendes Ergebnis: «Ein Soldat, dessen Namen er vergessen hat », hat ihm erzählt, «in einer Stadt, deren Namen er ebenfalls vergessen hat», zu einer Zeit, die er nicht angeben kann, usw. Eine andere wichtige Auskunft ist ihm «durch die Küche» gegeben worden. Und es ist bedauerlich für diese Auskunft, dass sie im Widerspruch steht zu Beweisstücken, die man andernorts gefunden hat. Man kann sich vorstellen, dass es der Verteidigung nicht schwer fällt, über dieses Zeugnis aus zweiter und dritter Hand obzusiegen: einem Advokaten gelingt es sogar mit einiger Boshaftigkeit, den Zeugen einen Mord beschreiben zu lassen, an dem nicht dabei gewesen zu sein er wenige Minuten vorher erklärt hatte. Wohlverstanden bedeutet das nicht, dass es keine Straflager gegeben, dass es keine Gewalttaten gegen entwichene Sträflinge, dass es keine Konzentrationslager gegeben hat. Aber wäre es nicht vorzuziehen gewesen, dass die von den Vertretern Frankreichs über so schwere Tatbestände vorgelegten Beweisstücke unanfechtbar und vor allem vollständig gewesen wären? Unsere Zeugen zügeln kaum ihren Hass. Sie schreien, wie vor unseren Gerichtshöfen, dass sie Kameraden zu rächen haben. Sie versichern, dass sie nicht erlauben werden, dass man vergisst. Dass sie für das da sind. Und wir verlangen nur die Wahrheit von ihnen: das ist nicht das nämliche! Wenn die Verteidigung ihrerseits sie verhört, sieht man sie ein — 87 — einzigartiges Schauspiel geben. Die Verteidigung ist für sie offensichtlich der Feind. Es geht darum, sich nicht in seinen Schlingen fangen zu lassen. Sie werden geschmeidig wie Proteus, gerieben wie Pathelin in der alten Komödie: sie antworten nebenbei. Sie antworten nicht. Sie hüten sich vor allen Dingen sehr, der Verteidigung irgend einen Vorteil zu lassen. Sie sind die Zeugen des Staatsanwaltes. Denn sie sind als Ankläger hierher gekommen. Sie sind die Lautsprecher der Resistance und der Propaganda der Resistance. Sie sind in keinem Augenblick Leute, die aus ihrer Stadt kamen, um dem Gerichtshof zu helfen, die Wahrheit festzustellen. Dieser Einwurf ist schwer. Er ist schwer, weil er von allen Arten von Umständen begleitet ist, die zu erwähnen man den Mut haben muss. Einmal ist es unmöglich, sich bei gewissen Stellen dieser Aussagen nicht zu fragen, ob es sich nicht um gelenkte Zeugenaussagen handelt. Es gibt Antworten, es gibt Versicherungen, die nicht von der Art eines unmittelbaren Zeugnisses sind, sondern sich wie Kehrreime wiederholen. Man verhört die Zeugen über den berüchtigten «Willen zur Ausrottung» des französischen Volkes. Ohne jeden Zweifel, antworten sie im Chor, bestand ein Wille zur Ausrottung. Ohne jeden Zweifel gab es «höhere Befehle». Man verhört sie über die Verantwortlichkeit des ganzen deutschen Volkes. Ohne jeden Zweifel, versichern sie mit der selben Einmütigkeit, wusste das deutsche Volk, was in den Lagern vorging. Man verhört sie über die Zugehörigkeit der Wachtdienste des Lagers. Es sind immer SS, erklären sie ohne zu wanken. Das Gegenverhör kann lang überraschende Dinge in Erscheinung treten lassen: dass die Juden unmittelbar abgesondert wurden. Dass es den deutschen Wächtern unter Todesstrafe verboten war, von den Lagern zu sprechen. Dass die SS von 1943 an an die Front geschickt und von einer Art Landwehr abgelöst wurden. Das macht nichts. Die Zeugen sprechen sich mit Sicherheit über Fragen aus, auf die sie mit Sicherheit zu antworten nicht instande sind. Und sie antworten genau das, was für die französische Abordnung — 88 — zu hören notwendig ist. Es gibt noch verwirrendere Umstände. Warum hat man diese Zeugen und sie allein aussagen lassen? Da man uns versichert, dass man die Anklage nur durch eine Auswahl hat vorbringen können: nach was für einem Grundsatz ist diese Auswahl erfolgt? Hat man ein genaues Bild der deutschen Besetzung und der Internierungslager geben wollen? Oder hat man vor allem wirkungsvolle Zeugen gesucht? Warum beziehen sich alle Zeugenaussagen auf das Jahr 1944? Warum betreffen sie nur Mauthausen und Buchenwald, wo es doch zwanzig Internierungslager und zweihundert Kommandos gab? Man erkannte, dass sich unter den Verschickten eine gewisse Anzahl befand, die wegen Schwarzhandel und gemeinrechtlichen Vergehen interniert worden war. Warum gibt man nicht den genauen Hundertsatz davon an? Warum hat man keine Internierten dieser Art verhört? Man erklärt uns, dass die durch die Deutschen unter den Internierten ausgewählten Kapos für einen Hauptteil der Grausamkeiten verantwortlich sind. Warum ist kein Internierter, der diese Rolle übernommen hatte, vorgeladen worden? Jedermann kennt wenigstens einen davon in unserem Land und diese Sache hat genug Lärm hervorgerufen. Es gibt deren mehrere Hunderte. Die Geschichte der Lager war also keineswegs so klar und es gibt Dinge, die man lieber im Dunkeln lässt. Aber wenn man uns nicht alles sagt, was ist dann diese vorauserfundene Geschichte, was ist diese künstliche Auswahl wert? Wir haben ja von dieser vorgängigen Filtrierung der Zeugen Beweise. Wir fangen an, Beweise zu haben. Da ist für das Zusammenbringen der Zeugnisse ein Kriegsgefangener vor eine Untersuchungskommission geladen worden. Er hat erzählt, was ihm in seiner Gefangenschaft begegnet ist. Man hat ihm gedankt und ihm erklärt, dass man sein Zeugnis nicht verwenden werde, da es keinerlei Belastungsbestandteil gegen die Deutschen enthalte. Dort ist ein Verschickter ebenfalls ausgefragt worden. Er war in Mauthausen wie die Zeugen der Anklage. Er spricht von Mauthausen nicht in genau — 89 — gleicher Weise. Man hat ihn vorgeladen. Man hat sein Zeugnis zur Kenntnis genommen. Aber man hat sich dessen nicht bedient, ohne ihm zu erklären, warum nicht. Es ist klar, dass man sich nicht bemühte, gegenteilige Zeugenaussagen über diese Frage zu besitzen. Ich komme zu einem mindestens befremdlichen Umstand, und der gleicher Art ist. Er wird berichtet in einer Untersuchung der spanischen Wochenschrift Madrid und wurde mir ausserdem von Leuten, mit denen ich im Briefwechsel stehe, bestätigt. Warum sollten wir dieses Zeugnis ablehnen, da Herr Dubost dasjenige von Herrn Boix zulässt? Es handelt sich um das, von den Siegern zur Förderung eines gewissen öffentlichen Reiseverkehrs verfolgte Tarnungs- und Wirtschaftsunternehmen. Um die Einbildungskraft zu beeindrucken, hat man eine bestimmte Anzahl von Lagern in Museen verwandelt. Man hält so, mit Hülfe von Wachspuppen, nachgebildeten Gaskammern, Folterszenen, wie sie im Musée Grévin zusammengestellt werden, die Erinnerung an die von der Propaganda beschriebenen Greueltaten wach. Das schon ist allerhand. Aber da es sich oft fand, dass die Orte sich nicht zu einer Wiederaufrichtung hergaben, hat man die Maurerkelle in Gang gesetzt und wie im Kino vollständige Folterdemonstrationen an Orten erbaut, wo sie nie bestanden haben. Oder aber man hat, immer in der frommen Absicht, sie wahrscheinlicher zu machen, in Auschwitz und in Dachau zum Beispiel zusätzliche Verbrennungsöfen errichtet, zur Besänftigung der Gewissensregungen, die in den Gehirnen einiger Mathematiker hätten entstehen können. So wird man Geschichte schreiben: man ersieht daraus sogar, dass man sie erfinden kann! Das beweist, dass wir in der schwierigen Kunst der Propaganda viel Fortschritte gemacht haben. Wenn die Rasse der Geschichtsschreiber nicht zum Verschwinden verurteilt ist, wird es klug sein, ihnen allen eine harte archeologische Bildung zu geben. Da ich nicht ein ebenso unerschrockener Geist bin wie die Mitglieder der französischen Abordnung, werde ich daraus nicht schliessen, dass es einen «Willen zur Fälschung» — 90 — gegeben hat: aber ich kann dem Leser nicht verheimlichen, dass kleine Tatbestände dieser Art mich ziemlich misstrauisch machen. Die Anklage der französischen Abordnung ist umso zerbrechlicher, als sie uns das Recht gibt, Ergänzungszeugnisse vorzuschlagen. Denn wer den Weg wählt, durch die Aufzählung von Zeugnissen zu beweisen, kann nicht ablehnen, dass man zu dieser Aufzählung beiträgt. Und die Zeugen, die jeder von uns kennt, stellen für ihn bessere Gewährleistungen dar, als die Zeugen der amtlichen Auffassung. Die französische Abordnung hat sich vielleicht darüber nicht Rechenschaft abgelegt: aber ihre Art des Vorgehens lässt die Frage unbestimmt offen. Allerdings sind die aufrichtigen Zeugen, die jeder von uns hat treffen können, weit entfernt, so bestimmt zu sein, wie die amtlichen Zeugen: oder wenigstens waren sie weit erntfernt davon, es bei ihrem Austritt aus dem Lager zu sein. Denn es hat sich in diesem Punkt eine sehr interessante Erscheinung gezeigt. Die echten, ursprünglichen Zeugnisse, wie die Engländer sagen, die man Mitte 1945 hören konnte, haben sich später geändert. Anfangs haben die Verschickten erzählt, was sie gesehen hatten. Ein wenig später haben sie den Einfluss der Verschickungsliteratur erlitten und sprachen auf Grund der Bücher, die sie gelesen haben und auf Grund von Erzählungen von Kameraden, die fortschreitend an Stelle ihrer persönlichen Eindrücke traten. Im letzten Abschnitt schliesslich haben sie sich mehr oder weniger unbewusst eine nutzbringende Auffassung ihrer Gefangenschaft gebildet. Sie haben sich eine Seele von politischen Berufsinternierten gegeben. Und sie haben in ihren Erzählungen das, was sie gesehen hatten, ersetzt durch das, was zu sagen nützlich war. Eine kleine Zahl hat umgekehrt eine gegenteilige Entwicklung durchgemacht. Die Uebertreibungen der Spezialliteratur haben sie abgestossen. Sie haben dazu geneigt, den gegenteiligen Standpunkt davon einzunehmen. Und es kommt ihnen, nach vier Jahren Abstand, öfters vor, dass sie verkleinern, was sich in ihrer Erinnerung aufgezeichnet — 91 — hatte. Aus Gewissenhaftigkeit, nichts als Genaues zu sagen. Oder aus einer Art Scham, dieses aussergewöhnliche Geschick erneut wachzurufen. Oder um nicht mit den andern verwechselt zu werden. Es ergeben sich daraus eine grosse Buntheit in den vertraulichen Mitteilungen und oft Widersprüche: denn man muss die Veränderungen hinzufügen, die die Erinnerungen je nach Familie, Beruf, erhaltenen oder abgebrochenen Beziehungen mit alten Kameraden, oder nach der leidenschaftlichen Färbung, die ihnen durch die eine oder andere politische Zugehörigkeit gegeben wird, erleiden. In dem Mass, in dem die Eindrücke des Verschickten gleich nach seiner Rückkehr und so viel wie möglich vor jeder Berührung mit der Zeugenaussage, haben festgehalten, sozusagen photographiert werden können, erhält man, im Gegensatz zu dem, was man in Nürnberg hat beweisen wollen, den Eindruck einer gewissen Mannigfaltigkeit. Fügen wir schliesslich hinzu, dass nach dem Prozess mehr oder weniger ursprüngliche Zeugenaussagen erfolgt sind. Man hat besonders die Rolle freiwilliger Hilfskräfte kennengelernt, die einzelne Gefangene in den Lagern übernommen haben. Es wurde entdeckt, dass diese Gefangenen der Auswahl der Opfer nicht fern standen. Dass Protektionsposten und Sonderaufgaben unter verdächtigen Bedingungen vergeben wurden. Einzelne Zeugen des Prozesses selbst hatten schon im Laufe eines Kreuzverhöres eine mittelbare Teilnahme an Verbrechen, die in der Anklageakte aufgeführt werden, zugeben müssen. Und es hat sich seither gezeigt, dass diese Teilnahme oft verbreiteter und allgemeiner war als man glauben konnte. Die wahre Geschichte der Lager ist noch nicht geschrieben. Wir haben gehört, dass die arglose Frage: «Wie haben Sie sich daraus gezogen?» eine schwierige Frage war, auf die viele der Ueberlebenden nicht ohne Verwirrung antworten konnten. Was soll man schliesslich von einzelnen, kürzlich veröffentlichten Werken über die Lager denken? In dem Masse, in dem die Reihen der Widerstandskämpfer sich auflösen, — 92 — entfernen sich ihre Wortträger von der amtlichen Wahrheit und drücken sich freier über ihre alten Lagerteilhaber aus. Man bemerkt, dass die Solidarität der Verschickten nur ein Propagandaschlagwort war. Sie gestehen sich jetzt selbst ein, dass die Dinge nicht so einfach lagen, wie man uns glauben machen wollte. Jede Partei macht die schwersten Vorbehalte über die Haltung ihrer Gegner. Und schliesslich stellt man fest, dass alle diese Beweisstücke über die deutschen Greueltaten mit grösster Vorsicht zu benützen sind, weil jeder nur für sich selbst redet. Dann platzt von Zeit zu Zeit in das allgemeine Stillschweigen eines dieser fürchterlichen Zeugnisse hinein, das man so lange wie möglich zurückhält, das man erstickt, das aber nachdenklich macht. Was ist wahr in diesen Jours Francs von Bradley, wo man die befreiten Verschickten eines rheinländischen Lagers sich eine Zeit lang einer solchen Trunkenheit von Foltereien, Metzeleien, blutigen Schmutzereien, einem solchen Krampf von Sadismus und Verrücktheit hingeben sieht, dass diese orgiastische Befreiung, dieser Wahnsinn von Bauchaufschlitzern, trotz allem was man einwenden kann, die Wage der Greueltaten plötzlich und unmittelbar auf die andere Seite zur Neigung bringt? Wenn all das wahr ist, wenn man dieser Geschichte Rechnung tragen muss, die jeden Tag vorkommt: wer kann dann sagen, dass das Urteil gesprochen ist? Wer kann sagen, dass wir die Wahrheit über die Lager Deutschlands wissen? Wer darf sich, solange andere Prozesse nicht veröffentlicht worden sind — und ich denke hier an die Prozesse gegen die Mitglieder des SD, des Sicherheitsdienstes oder der Lagerkommandanten — und solange die Verteidigung nicht allen ihren Rechten gemäss, und mit allen ihren Beweisstücken gehört worden ist, rühmen, ein vollständiges und unparteiisches Urteil über die Konzentrationslager fällen zu können? Wenn man seine Zuflucht zu anderen Zeugnissen nimmt, als denjenigen, die durch unsere Propaganda beigeschafft worden sind, versteht man plötzlich die Gefährlichkeit gewisser Lücken in unserem Zeugenverhör. — 93 — Man bemerkt, dass in der Darstellungsweise der Tatsachen, die uns dann gegeben wird, zufällige Elemente auftauchen, die wir zu Unrecht nicht ins Licht gerückt haben. Das wichtigste von allen ist die Rückwirkung, die die als Folge der Niederlage auftretende Verwirrung und Auflösung der Lagerdienste auf das Leben in den Lagern hatte. Die Bestimmungen, die für die Lager 1942 oder 1943 aufgestellt worden waren, wurden umgestürzt, die Lager waren plötzlich übervölkert und überschwemmt von Inhaftierten, die aus Gefängnissen, die man jetzt räumte, weggeführt wurden. Ohne Nahrungsmittel und Heilmittel. Der Willkür und dem Chaos und einem Hunger überlassen, der furchtbar wurde, da die Versorgungszufuhr im gleichen Augenblick aufhörte, wo die Inhaftierten herbeiströmten. In diesem Augenblick traten die Epidemien, das Massensterben, die Wildheit des Kampfes um das wenige, was an Nahrung in die Lager gelangte, in Erscheinung. In diesem Augenblick verschwanden oder verringerten sich auch die Kontrollen und konnte die Wut über die Niederlage, der Zorn über die Bombardierungen jene verbrecherischen Handlungen auslösen, die die durch den Wirrwarr geschaffenen schrecklichen Lebensbedingungen noch schrecklicher machten. Unter diesen Bedingungen fanden die amerikanischen Untersuchungsorgane die Lager vor: sie glaubten, dass diese Bedingungen die Regel seien. Sie hielten nicht darauf, weiteres darüber zu wissen. Und trotzdem hatte die Regel bestanden. Die Lager waren etwas anderes gewesen. Bis zur Zeit der Landung wurden die Lager, versichert man uns, überwacht und geprüft. Sie durften nicht überbesetzt sein. Die Inhaftierten mussten in den Baracken vier Kubikmeter Luft auf den Einzelnen haben. Die Kranken wurden im Lazarett gepflegt, das an dem Ort, den man mir beschrieben hat, 50 bis 60 Personen aufnehmen konnte. Die Medikamente wurden dem Lager in genügender Menge geliefert, bis zu dem Bombardement, das die benachbarte Stadt zerstörte. Die Schwerkranken wurden in das Krankenhaus dieser selben Stadt gebracht. — 94 — Die Inhaftierten hatten das Recht, Pakete zu empfangen: natürlich kam diese Möglichkeit bei ausländischen Inhaftierten nur selten zur Anwendung, da ihre Familie ihre Anschrift nicht kannte. Wenn aber ihre Inhaftsetzung ihrer Familie mitgeteilt war, konnten sie Pakete in Empfang nehmen wie die deutschen Inhaftierten. Die Tuberkulosekranken wurden abgesondert: man konnte denjenigen, die unheilbar waren, nur mit der Ermächtigung des Zentraldienstes des Gaues Spritzen verabreichen. Und in dem Lager, um das es sich handelt, wurde diese Ermächtigung nur ein einziges Mal gegeben. Beim Morgenappell hatten die Inhaftierten das Recht, sich krank zu melden und sich untersuchen zu lassen. Es war verboten, die Verschickten zu schlagen. Und mehrere SS-Leute wurden degradiert wegen Fusstritten. Der Kommandant des Lagers musste einen monatlichen Bericht erstellen, der nach Berlin geschickt und einer sehr strengen Prüfung unterzogen wurde. Rechtlich war das Lager einem Gefängnis gleichgestellt: d. h. dass die Verschickten wie Angeschuldigte behandelt wurden, deren Prozess während dieser Zeit vor den Militärgerichten in dem Land, in dem man sie verhaftet hatte, anhängig war. Wenn dieses in ihrer Abwesenheit gefasste Urteil gesprochen war, wurde es ihnen, wenn es eine Gefangensetzung bedeutete, mitgeteilt. Am Ende ihrer Strafe wurden diese Inhaftierten in Freiheit gesetzt und es soll tatsächlich Fälle gegeben haben, wo Verschickte befreit und in ihr Land zurückgeschickt worden sind, nachdem sie die Verpflichtung unterschrieben hatten, keine Aussagen über ihr Lager zu machen. Umgekehrt wurde das Urteil nicht mitgeteilt, wenn das Militärgericht ein Todesurteil fällte. Die Verurteilung wurde ordnungsgemäss eingetragen in die Archive des Lagers des SS Gaues. Und der Verurteilte wurde durch eine Einspritzung von Phenol, die man ihm als eine Impfung hinstellte, hingerichtet. Während des Jahres 1944 gab es durchschnittlich 600 Hinrichtungen im Monat auf 15.000 Inhaftierte: in diesem Zeitraum sollen sich die durch Krankheit, Epidemien und Schwäche Gestorbenen um 200 im — 95 — Monat erhöht haben. Sie wurden viel zahlreicher von Anfang 1945 an, aus den Gründen, die oben angeführt worden sind und die eine vollständige Aenderung der Lebensbedingungen des Lagers mit sich brachten, in deren Gefolge eine Typhusepidemie ausbrach. Diese Beschreibung gilt für das Lager von Belsen bei Bremen, das ein Lager der zweiten Kategorie (wie Dachau und Sachsenhausen) war. Es ist wenig wahrscheinlich, dass man einen Widerhall davon in dem Protokoll des Prozesses von Belsen findet, wo die Verteidigung keine Zeugen zu Gehör bringen konnte, weil die einen Angeklagte waren, denen zu glauben man ablehnte, und die anderen Verborgene, die es nicht eilig hatten, sich zu zeigen. Man findet das Bild davon auch nicht in dem, von den Amerikanern Belsen gewidmeten Film, der Ende 1945 mit SS-Leuten gedreht wurde, die genügend abgezehrt waren, um in den Augen der Oeffentlichkeit vortreffliche Verschickte abzugeben. Wird man dieser Berichtigung vorwerfen, nur für einen vereinzelten Fall zu gelten? Dieser Einwurf ist gültig. Ich behaupte nichts anderes zu sagen, als was ich gefunden habe. Aber es bestehen Vermutungen für andere Fälle. Es bestehen Beweisstücke, die wir nicht hätten übersehen dürfen und die zu Vermutung Anlass geben. Das während der Besetzung heimlich durch die jüdischen Nationalisten vervielfältigte Bulletin ist das einzige geheime Organ der Resistance, das einige zuverlässige Angaben über die Verschickungslager enthält. Diese Angaben waren für die Familien bestimmt. Es wird natürlich nicht gesagt, wie man sie sich verschaffte. Aber es scheint, dass man ihnen eine gewisse Glaubwürdigkeit einräumen kann, auf Grund ihrer Bestimmung selbst. Folgendes kann man in «Shem 8», Juli 1944, Seite 78 uff. lesen: «Auskünfte über die Verschickungslager. Wir geben unten Auskünfte wieder, die uns letzten März über die Lager von Schlesien und Polen zugekommen sind, nach denen ein Grossteil der in Frankreich von den französischen und deutschen Behörden festgenommenen Juden geleitet worden ist . . . Myslowitz, Schacht — 96 — Hans . . . . Die Lebensbedingungen in diesem Lager sind katastrophal. Die Sterblichkeit ist bestürzend . . . Kattowitz- Stadt Nr. 2 . . . Die Nahrung ist leidlich und entspricht der unter den Arbeitern der Umgegend üblichen. Einige Handwerker arbeiten auf ihrem Beruf. Einige dieser letzteren sind ermächtigt, Briefe zu schreiben und zu empfangen. Die Frauen sind mit häuslichen Arbeiten im Lager selbst und in der Küche bei der Vorbereitung der Nahrung beschäftigt. Im allgemeinen sind die Lebensbedingungen in diesem Lager erträglich . . . Lager von Brieg bei Breslau . . . Die Nahrung ist reichlich, aber ohne Fett. Die Behandlung durch die Wachmannschaft ist nicht schlecht . . . Beuthen-Gleiwitz . . . Die Frauen führen leichte Hilfsarbeiten aus. Sie bereiten die Nahrung der fahrenden Küchen vor . . . Gebiet Myslowitz-Chrzanow-Trzebinia . . . Alle Arten Handwerker arbeiten hier auf ihrem Beruf. Die Wache ist sehr streng. Sie wird durch Einheiten der regulären Armee gebildet. Nichtsdestoweniger sind die Beziehungen zwischen den Aufsehern und den Internierten im allgemeinen gut . . . Gebiet Kattowitz-Birkenau-Wadowicz . . . Das Leben in diesen Lagern ist erträglich, in Anbetracht der Nähe der nichtjüdischen Arbeitslager und örtlichen Gemeinschaftsarbeit. Diese Arbeit besteht im Bau von Strassen, Brücken und Häusern in den Städten. Man bevorzugt hier Handwerker. Die Moral unter den Verschickten ist im allgemeinen gut und sie haben Vertrauen in die Zukunft . . . Neisse . . . Die Arbeit ist sehr hart und mühsam, die Nahrung ungenügend. Die Unterbringung der Inhaftierten ist eines menschlichen Wesens unwürdig . . . Mehrere Fälle von Selbstmord sind vorgekommen . . . Lager Oberlangen-Bielau . . . Die Behandlung durch die Vorgesetzten der Wache ist gut. Aber die Ueberwachung während der Arbeit ist sehr streng . . . Waldenburg in Schlesien . . . Die Existenzbedingungen sind sehr schwer . . . Theresienstadt . . . Früher eine kleine slowakische Stadt von 7000—8000 Einwohnern, zählt heute annähernd 80.000. Dieses plötzliche Anwachsen hat seinen Grund in der Verschickung von 30.000—40.000 Israeliten, — 97 — die diesen Flecken wieder ganz besiedelt und aufgebaut haben». Offensichtlich muss man sich hier der gegenteiligen Zeugnisse erinnern, die von der sowjetischen Abordnung vorgelegt wurden und im besonderen desjenigen, das Treblinka als Grundlage der Ausrottung beschreibt, wo die Juden sofort nach ihrer Ankunft in einem künstlichen Bahnhof, der die Hinrichtungseinrichtungen verbarg, in Massen hingerichtet wurden. Man sieht so den Unterschied der Behandlung zwischen westlichen und mitteleuropäischen Juden. Die Zeitgeschichte des «Shem 8» fährt wie folgt fort: «Auskünfte haben gesammelt werden können über die Kinder in niederem Alter, von zwei bis fünf Jahren, hauptsächlich der Mädchen. Mehr als 2000 dieser Kinder sind bei Bauern untergebracht, zur Hauptsache bei Bauernfamilien in Ostpreussen. Einige genaue und vollständige Anschriften der letzteren werden später mitgeteilt. Das beharrliche (noch nicht nachgeprüfte) Gerücht geht um, dass in Lauenburg in Pommern wie in der Grenzmark israelitische Knaben im Alter von fünf bis sechs Jahren sich in der Hitlerjugend befinden. Eine sehr grosse Zahl von Säuglingen und Kleinkindern israelitischer Eltern im Alter von weniger als zwei Jahren sind in Berlin selbst und in der Umgegend dieser Stadt in verschiedenen Krippen und zahlreichen Kinderbewahrungsanstalten verteilt. Sie werden dort immer durch das DRK (Deutsches Rotes Kreuz) und die NSVW (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) wie Kinder und gleichzeitig mit den Kindern von Eltern, die in den Luftbombardementen verunglückt oder umgekommen sind, behandelt und im allgemeinen als solche unter die Waisen aufgenommen. Die von den Zentralbehörden amtlich bewilligte Freilassung eines Verschickten wird im allgemeinen von den Untergeordneten an Ort und Stelle verhindert».
Ich beanspruche nicht, hier irgend ein allgemeines Urteil über die Bedingungen zu fällen, die den Verschickten auferlegt waren. Ich fälle auch keines über die Glaubwürdigkeit dieser Zeugnisse, mit Ausnahme ihrer materiellen Glaubwürdigkeit: sie verlangen ausgeglichen zu werden, wie alle — 98 — Zeugnisse. Ich bedaure nur, da es einem Einzelnen möglich ist, sich solche Auskünfte zu verschaffen, dass keine ähnliche Aussage in den Akten der französischen Abordnung enthalten ist, oder dass wenigstens diese Tatsachen, zu denen man leicht gelangen kann, nicht Gegenstand irgendeiner Anspielung gewesen sind. Das ist umso bedauerlicher, als der Prozess sich in Gegenwart der deutschen Oeffentlichkeit und vor den Mitgliedern der deutschen Verteidigung abspielte, und als in ihrem Land ein Grundsatz, der vom Nationalsozialismus selbst geachtet wurde, es dem Staatsanwalt zur Pflicht macht, Entlastungstatbestände, von denen er Kenntnis erhalten konnte, von sich aus zu erwähnen. Wir sehen heute mit einigem Erstaunen, wie die amerikanische Militärregierung Ilse Koch eine Strafherabsetzung einräumt, die unsere Zeitungen als skandalös bezeichnen. Vielleicht beginnt heute die amerikanische Regierung, über die Konzentrationslager besser unterrichtet und anderseits nicht mehr so sicher, dass sie ein Interesse hat, die Deutschen als Ungeheuer erscheinen zu lassen, die Uebertreibungen ihrer eigenen Propaganda zu erkennen.
Würden wir nicht gut tun, eine Berichtigung unserer amtlichen Haltung ins Auge zu fassen, die die Nähe des Krieges und der Kriegsleiden zu schematisch gemacht hat? Wir wissen alle, dass viele Verschickte gestorben sind ohne umgebracht worden zu sein, sondern einfach im Gefolge des Wirrwarrs, der Ueberfüllung und der fürchterlichen gesundheitlichen Zustände dieser letzten Monate. Es bedeutet keine Beleidigung ihrer Erinnerung, wenn man das offen zugibt. Die Franzosen, die sich über die letzten Augenblicke derjenigen erkundigt haben, die sie in der Gefangenschaft verloren, werden beim Lesen dieser Zeilen sicherlich denken, dass der Bericht, der mir über Belsen gemacht worden ist, nichts Unglaubwürdiges enthält. Warum also in einer planmässigen Schreckensvorstellung leben? Wohlverstanden, es gab andere Lager. Es gab Maidanek, Auschwitz, Treblinka. Aber wie viele Franzosen waren in Auschwitz, in Treblinka? Wir werden sogleich davon sprechen. Es gab auch, und ich — 99 — vergesse es nicht, die fürchterlichen Ueberführungsbedingungen der Verschickten. Aber auch diese wurden nicht bei allen angewandt. Gewisse Transporte waren dramatisch. Aber viele waren es nicht. Es gab die medizinischen Versuche. Das ist einer der Punkte, über die es am wichtigsten wäre, die von den Deutschen abgegebenen Erklärungen zu hören. Stimmt es, dass, wie man im Prozess gesagt hat, diese Versuche niemals von der Luftwaffe verlangt worden sind, aus dem Grund, weil sie von ihr schon an freiwilligen deutschen Soldaten angestellt worden waren? Stimmt es, wie einzelne Leute mir gegenüber behauptet haben, dass der Vertrag, den man jenen Verschickten vorschlug, die zustimmten, diese Versuche an sich erproben zu lassen, wirklich eingehalten wurde und dass die Verschickten, die sie überlebt hatten, in Freiheit gesetzt wurden? Man müsste sie dann zeigen: in einer solchen Angelegenheit ist diese Art Beweis der einzige, der ohne Einrede bleibt. Welches ist schliesslich der Hundertsatz der französischen Verschickten, die Gegenstand medizinischer Versuche waren? Diese Zahl ist niemals beigebracht worden. Es ist vielleicht schwierig, sie beizubringen. Aber selbst eine sehr allgemeine Auskunft wäre nützlich. Wären solche Feststellungen, ohne Parteilichkeit und ohne propagandistische Nebenabsicht nicht der ganzen Welt und unserm Land im besonderen nützlich? Würden wir nicht bessere Gestalt machen in all dem, wenn unsere Anklagerede gewissenhaft und mit Mässigung Leiden bekannt gegeben hätte, die niemand bestreitet und die jedermann zu achten bereit ist, wenn sie nicht von Hass begleitet sind? Wäre das nicht wertvoller gewesen, als der Gegenuntersuchung einer internationalen Kommission ausgesetzt zu sein, die wie in Belgien nach dem ersten Krieg, beauftragt ist, die Lücken unserer Anklage zu beheben? Man muss es wiederholen, dass die Zeit noch nicht gekommen ist, die Geschichte dieser Ereignisse zu schreiben. Und ich fasse dieses kleine Buch durchaus nicht als einen Beitrag, so bescheiden er auch sei, zu dieser künftigen Arbeit auf. Ich bringe keineswegs Beweisstücke. Ich weiss nicht mehr —100— als Jedermann. Ich habe lediglich die Ueberlegungen niedergeschrieben, die mir das Lesen des Prozesses von Nürnberg eingab. Ein wenig in der Art jener guten Leute von ehemals, die sich naiv einbildeten, dass ihre Meinung über die Verfassungsurkunde oder über das Erstgeburtsrecht die Oeffentlichkeit interessieren könnte. Es drängte mich, es zu schreiben: das ist meine einzige Entschuldigung für diese Unbescheidenheit. Aber schliesslich handelt es sich in dieser Prüfung des dritten und vierten Teiles der Anklageakte um eine Arbeit, die zu machen man mich ehemals ein wenig gelehrt hat: es ist im ganzen eine Zeugniskritik. Ich habe sie nicht anders geführt, als wie ich die gleiche Untersuchung über einen geschichtlichen Tatbestand geführt hätte. Mit denjenigen Verfahrensweisen, die man mich in der Kritik gelehrt hat, und auf denen die Arbeiten der Gelehrten beruhen, deren bescheidener Kollege ich ehemals gewesen bin. Es ist ernst, dass sie so reichlich sein kann. Es ist ernst, dass die französische Abordnung in ihren Anklagen alles so durcheinander mischte. Dass sie, was mit Gewissheit bewiesen werden konnte, durch parteiische Behauptungen, durch gehässige Aussagen, durch unbesonnene Verallgemeinerungen blosstellte. Es ist ernst, dass sie sich weigerte, den Umständen, dem geschichtlichen Zusammenhang Rechnung zu tragen. Dass sie die Tatbestände herauslöste ohne zu sagen, was vorher geschehen war und was sich gleichzeitig zutrug. Es ist ernst, dass sie das Wort nur Zeugen gab, von denen man sich fragen kann, ob sie ein Interesse haben an der Feststellung der Wahrheit oder an der Weiterdauer der Propaganda. Es ist ernst, dass sie die Verfahrensweisen einer öffentlichen Versammlung angenommen und ein Verfahren angewendet hat, das an sich ungeeignet ist, den Vorbedacht zur Ausrottung zu beweisen, auf den man die ganze Anklage gründet. Es ist ernst, dass sie Menschenleben gefordert hat, indem sie sich auf einzelne Tatsachen stützte, für die nur die örtlichen Kommandanten verantwortlich waren und die auf einer Front von so grosser Ausdehnung nicht überwacht werden können. Es ist sicherlich nicht — 101— erstaunlich, aber es ist wenig ehrenhaft für unser Land, dass man in dieser Anklagerede solche Sätze wie die lesen kann, um die Haltung Deutschlands gegenüber unseren Gefangenen zusammenzufassen: «Deutschland hat die unmenschliche Behandlung vervielfacht, in der Absicht, die Menschen, die es gefangen hielt, zu entwürdigen, die Soldaten waren und sich im Vertrauen auf den Sinn für militärische Ehre der Armee, der sie sich übergaben, ausgeliefert hatten». Oder dass man dazu kommt, Anordnungen über Saboteure als Gemeinverbrechen hinzustellen, in Bezug auf welche man genau bestimmt: «Dieser Paragraph kommt zur Anwendung gegenüber Gruppen der Britischen Armee ohne Uniform oder in deutscher Uniform». Es ist wenig ehrenhaft, dass unsere Anklage den Eindruck gemacht hat, ständig eine unehrliche Anklage zu sein. Und es ist nicht verwunderlich, dass schliesslich der Präsident sich weigerte, sie länger anzuhören. Und dass ein französischer Richter, der beauftragt ist, im Namen unseres Landes zu sprechen, sich in einem der grössten Prozesse der Geschichte, als ein das Recht missbrauchender Schwätzer unterbrechen lassen muss und auf diesen Keulenschlag keine andere Antwort findet als die klägliche Versicherung, «dass er nicht auf einen solchen Eingriff gefasst war». Ich wiederhole, dass das nicht zu dem Schluss berechtigt, dass die Deutschen keine Handlungen gegen die Kriegsgesetze begangen haben. Aber es gestattet zum allerwenigsten zu sagen, dass eine so schlechtgläubig geführte Untersuchung ganz und in allen Punkten neu gemacht werden muss: in Erwartung des Ergebnisses dieser Untersuchung, die öffentlich, vollständig und kontradiktorisch sein muss, ist es unmöglich, auf unsere Rechnung zu nehmen, was über diesen Gegenstand von der französischen Abordnung gesagt worden ist. Und wir haben die Pflicht, öffentlich zur Kenntnis zu bringen, das eine gewisse Anzahl Leute unseres Landes die gegenwärtige Untersuchung nicht anerkennen und das Recht verlangen, ihr Urteil aufzuschieben. In dem Masse, in dem die deutsche Armee Handlungen —102— gegen die Kriegsgesetze begangen hat, verdammen wir diese Handlungen und die Menschen, die dafür verantwortlich sind. Aber unter der Bedingung, dass man sie beibringe mit den Umständen, die sie begleitet haben. Dass man die dafür Verantwortlichen ohne Parteigeist suche. Und dass solche Handlungen bei allen Kriegführenden verurteilt werden, wer diese immer seien. Wir machen uns auf diesem Gebiet die zwei folgenden Bemerkungen der Verteidigung zu eigen. Die eine ist die Erklärung Dr. Babels, ausgedrückt in den folgenden Worten, und die, wie wir glauben, von jedermann in Europa, der guten Glaubens ist, angenommen werden können: «Dieser Krieg hat mir so viel Leid und Unglück gebracht, dass ich keinerlei Grund habe, irgend jemanden in Schutz zu nehmen oder zu verteidigen, der schuldig oder mitschuldig gewesen ist an diesem persönlichen Unglück und an dem Unglück, das über unser ganzes Volk hereingebrochen ist. Ich werde auch nicht versuchen, einer solchen Person dazu zu verhelfen, einer gerechten Strafe zu entgehen. Ich bemühe mich einfach, dem Gerichtshof bei der Erforschung der Wahrheit zu helfen . . . » Die anandere ist nicht weniger ergreifend. Sie ist vom gleichen Advokat so ausgesprochen worden. Und es ist, glauben wir, für einen gerecht denkenden Menschen ebenfalls unmöglich, ihr nicht zuzustimmen: «In vielen Fällen sind Handlungen, die man den deutschen Truppen zur Last gelegt hat, durch die Haltung der Zivilbevölkerung hervorgerufen worden. Und die Handlungen gegen das Völkerrecht werden, wenn sie sich gegen die Deutschen richten, nicht auf gleiche Weise beurteilt, wie die Verfehlungen, die man Angehörigen der deutschen Armee zur Last legt». Es ist insbesondere nicht gerecht, vorzugeben, das Verhalten der deutschen Armee in den Ländern des Westens darzustellen, ohne die Bedingungen der Besetzung zu beschreiben, die ihr durch die Politik der Alliierten aufgezwungen worden sind. Die Entstehung und Entwicklung der Widerstandsgruppen, die von unverantwortlichen Stellen befohlenen Attentate, die jüdische Propaganda und die — 103— kommunistische Tätigkeit, schliesslich die Organisation der Freischärler-Banden, haben von Jahr zu Jahr tiefgreifend den Charakter der Verteidigungsmassnahmen verändert, die die deutsche Armee diesen Unternehmen hat entgegenstellen müssen. Von ihrer Seite haben die Deutschen diese Lage ausserordentlich verschlimmert durch unangebrachte Vergeltungsmassnahmen oder durch die unsinnige Aushebung der Arbeiter. Aber welches auch immer der deutsche Anteil an der Verantwortung auf diesem Gebiet sein mag, so darf man doch nicht vergessen, dass ihre Gegner sich zuerst in eine Lage versetzten, in der sie nicht mehr das Recht hatten, sich auf das Völkerrecht zu berufen. Die Lehre des deutschen Generalstabes über diesen Gegenstand ist nicht neuerungssüchtig: sie ist 1870 festgelegt worden. Sie hat sich seither nicht geändert. Sie ist unerbittlich, aber gesund. Sie verleiht die Eigenschaft von Kämpfenden allein den Truppen in Uniform. Sie verweigert sie jedermann, der sich nicht durch das Tragen dieser Uniform als Kämpfender zu erkennen gibt. Diese Lehre ist unangreifbar. Die Kriegsgesetze haben zum Gegenstand, um die Kämpfenden einen geschlossenen Kampfplatz zu schaffen. Sie schützen diejenigen, die zusehen, weil sie nicht anderswo haben sein können. Und diejenigen, die die Verwundeten auflesen. Aber vom Augenblick an, wo einer dieser Zuschauer ein Gewehr ergreift und unehrlicherweise aus dem Fenster auf denjenigen schiesst, der sich ehrlich auf diesem Kampfplatz schlägt, stellt er sich ausserhalb der Kriegsgesetze und infolgedessen ausserhalb des Schutzes, den die Kriegsrechte den Kämpfenden und den Nichtkämpfenden verleihen. Die Freischärler und ihre Hilfskräfte, welches immer ihr Mut und die militärische Korrektheit ist, mit denen sie sich schlagen, sind und können vom internationalen Gesichtspunkt aus nichts anderes als unehrliche Gegner, an den Zugängen zum Kampfplatz verborgene Betrüger sein, die für sich selbst nicht den Schutz der Gesetze beanspruchen können, die auf dem Kampfplatz gelten. Und die gänzlich in der Gnade des Siegers sind, wenn sie sich gefangen nehmen lassen. Jeder —104— Freischärler, jeder freischärlerische Helfershelfer oder Mitschuldige befindet sich daher ausserhalb des Völkerrechts: bei genauer Anwendung des internationalen Gesetzes ist jeder Freischärler oder freischärlerische Helfershelfer und Mitschuldige, wenn er ergriffen wird, mit Frist zum Tode verurteilt. Diese Regel ist hart: aber die jüngste Erfahrung beweist, dass ihre genaue Beobachtung die einzige Gewährleistung für die Zivilbevölkerung darstellt. Die Leute, die die Verantwortung auf sich genommen haben, den Krieg zu verderben, indem sie zu solchen Verfahrensweisen griffen, haben eine furchtbare Verantwortung auf sich genommen. Nicht nur gegenüber den Leuten, die sie so dem Tode aussetzten, sondern auch gegenüber der Zivilbevölkerung, der sie so jeden Schutz entzogen. Man kann nicht sagen, dass diese Leute nicht unterrichtet gewesen sind. Die Lehre des deutschen Generalstabes ist während dieses Krieges ständig in Erinnerung gerufen worden. Es ist unzulässig, zu versichern, dass die Erwähnung genüge, man betrachte als kämpfende Truppe eine gewisse Anzahl von Zivilpersonen, die mit Armbinden versehen oder nicht versehen sind. Denn solche Abmachungen haben nur dann Wert, wenn sie von beiden Seiten anerkannt sind. Als die Deutschen einen Wehrwolf bildeten, um aus Waldecken auf unsere Besetzungstruppen zu schiessen, erklärten wir ihnen deutlich, dass die Angehörigen ihres Wehrwolfes, wenn man sie aufgreife, erschossen würden. Unsere Freischärler sind nur Freischärler: der Umstand, dass sie in der Tasche die Karte einer «fortschrittlichen» Partei tragen, ändert nichts an ihrer Eigenschaft. Diese Feststellung löscht die wilden Vergeltungsmassnahmen nicht aus, die von einzelnen deutschen Einheiten verübt worden sind. Aber sie ändert deren Charakter. Das alliierte Oberkommando hat bei der Annäherung der Landung vorgegeben, dass es alle Länder Westeuropas in den Zustand einer Dauererhebung versetzen werde. Keine deutsche Truppe, versicherte es, könne anders vorrücken als inmitten von Fallen. Alles werde unter ihren Schritten —105— Wolfsgrube und Mine sein. Jedes Gehölz berge Freischärler. Jeder Schober sei eine Bedrohung. Jede Wegbiegung bereite eine Ueberraschung vor. Jede Gemeindebehörde rühmt sich heute, die Aufständischen mit Lebensmitteln versehen, sie verborgen, sie unterstützt zu haben. Wir sind sehr unklug. Denn solche Erklärungen verkleinern, wenn man zu ihnen stehen muss, die Verantwortlichkeit der deutschen Kommandanten. Wir können diese anklagen, den Begriff des «freischärlerischen Mitschuldigen» gesetzwidrig erweitert und das meist in der Gewalttätigkeit der Handlung und willkürlich und ohne Beweise getan zu haben. Aber das ist etwas ganz anderes als die Anklage unseres Staatsanwaltes. Es gibt keinen «Ausrottungswillen» in diesen Gewalttätigkeiten des Rückzuges. Es gibt keinen «höheren Befehl» als die Weiterdauer einer rechtlich unangreifbaren Lehre. Es gibt Verantwortlichkeiten. Aber sie liegen bei der Stufe des örtlichen Kommandanten. Uebrigens kann mich nichts hindern, zu schreiben, dass sie in all diesen Fällen geteilt werden von den Herausforderern. Es gibt nicht nur eine Bande von Tieren, jeder Gewalt über sich selbst verlustig, die das Feuer an die Kirche von Oradour gelegt hat: es gibt auch den Mann, der am Londoner Rundfunk sprach und der heute über die Gräber spricht. Es gibt Kriegsverbrechen, die gewiss unbestreitbar sind, und die von ihren Umständen losgelöst werden können, oder durch die Umstände nicht entschuldigt werden. Sie sind unendlich weniger zahlreich als die französische Abordnung gesagt hat. Wenn in Baignes, zur Zeit der Offensive Rundstedt, der Kommandant einer Panzergruppe hundertneunundzwanzig Amerikaner auf einem Feld mit erhobenen Armen umzingeln und erschiessen lässt, ist das ein kennzeichnendes Kriegsverbrechen in dem Masse, als die Ereignisse sich genau so zugetragen haben, wie man sie beschreibt. Wenn im Gefolge eines gemeinsamen Ausbruches fünfzig englische Fliegeroffiziere, die im Lager von Sagan gefangen waren, ohne Urteil und auf blosse Bezeichnung erschossen werden, ist das ebenfalls ein unbestreitbares, — 106— offensichtliches Kriegsverbrechen und eine völlig klare Verletzung der internationalen Abkommen (etwas anderes ist es, zu wissen, ob eine Verantwortlichkeit Goerings in dieser Angelegenheit besteht). Gleiches kann man von den Kollektivvergeltungsmassnahmen und der Einäscherung von Dörfern sagen, aber unter der Bedingung, ausdrücklich zu erwähnen, dass diese Verurteilung für jede Kollektivvergeltungsmassnahme und für jede Dorfeinäscherung gilt, und dass die deswegen verfolgten deutschen Offiziere mit den gleichen Strafen bestraft werden wie die französischen Offiziere, die für entsprechende Handlungen vor und nach diesem Kriege in Indochina verantwortlich sind: denn warum sollte man die Einäscherung von Backsteinbauten ein Verbrechen und die Einäscherung von Bambus-Dörfern eine kleine Sünde nennen? Aber es geht aus der Anklage selbst hervor, dass die Zahl solcher unbestreitbarer Kriegsverbrechen klein ist. Und dass man, wenn man sich die Mühe nimmt, einige von ihnen zu untersuchen, bemerkt, dass dafür keineswegs, wie man uns hat weis machen wollen, das deutsche Oberkommando verantwortlich ist. Sondern dass die Verantwortung nur bei den Einheitsführern liegt, die kein kaltes Blut zu bewahren und keine Mannszucht aufrecht zu erhalten vermochten. Und im übrigen fast immer bei örtlichen Kräften der Resistance als den Herausforderern. Fügen wir hinzu, dass wenigstens einige dieser Handlungen Gegenstand von Untersuchungen und Bestrafungen seitens des deutschen Oberkommandos selbst gewesen sind. Es ist auf jeden Fall nicht ehrlich, sie, damit sie zahlreich erscheinen, durcheinander mit anderen, viel schwieriger zu beurteilenden Handlungen vorzubringen, mit Ermordungen von Maquisarden ohne Urteil und sogar von Gewalttätigkeiten begleitet; mit Hinrichtungen von Saboteuren, deren Gesetzlichkeit mehr oder weniger bestreitbar ist; oder mit Lynchungen von Fliegern, die die Wut der Bevölkerung genügsam erklärlich macht. Es ist hier übrigens unmöglich, den Rahmen des Prozesses nicht zu überschreiten. Wenn die Deutschen Verbrechen —107— begangen haben, sind die Leute, die die Greueltaten der Befreiung gedeckt und veranlasst haben, nicht dazu berufen, sich als Richter einzusetzen. Denn wenn es traurig ist, die Liste der als verbrecherisch erklärten Handlungen zu lesen, gegen die die französische Abordnung Klage erhebt, ist es nicht weniger traurig, sich zu sagen, dass man jedem Mord und jeder Vergewaltigung, jeder Folterung, die man der deutschen Armee auf dem Rückzug vorwirft: Morde, Vergewaltigungen und Folterungen gegenüberstellen kann, die von den Freischärlern bei dem, was sie ihren Sieg nannten, begangen worden sind. Gruppen von Maquisarden sind ohne Urteil niedergemacht und vor der Hinrichtung gefoltert worden: ja, aber Soldaten sind unter den gleichen Umständen abgeschlachtet und gequält worden, im Vercors und der Gegend von Limoges, in der Gegend von Périgueux, in der Gegend von Toulouse. Unschuldige sind gehängt, ihre Leichen mit Messerstichen gespickt worden in Trébeurden in der Bretagne. Fünfunddreissig Juden sind ohne Grund in Saint-Amand-Montroud erschossen worden: aber nicht nur in Trébeurden, sondern überall, in zwanzig, dreissig Dörfern sind andere Unschuldige, weil sie vor dem Krieg Rechtsparteien angehört hatten, in ihren Häusern mit Maschinenpistolenschüssen von «Patrioten» niedergestreckt worden, sind ihre Leichen verstümmelt, sind ihnen die Augen ausgestochen, die Ohren abgeschnitten, die Geschlechtsteile ausgerissen worden. Nicht fünfunddreissig Leute, sondern Tausende, sind von «Widerstandsangehörigen» ohne Grund ermordet worden. «Zwei Frauen», sagt man uns, «wurden in Crest vergewaltigt. Drei Frauen wurden in Saillans vergewaltigt . . . Perraud, Lucie, 21 Jahre alt, wurde durch einen deutschen Soldaten russischer Herkunft vergewaltigt . . . Vergewaltigungen, Plünderungen in der Gegend von Saint-Donat . . . ein Zivilist wird in seinem Weinberg getötet . . . Junge Leute, die mit Mädchen spazieren gingen, wurden auf der Strasse getötet . . . Kleine Knaben wurden gefangen genommen, weil sie angesichts der Deutschen die Flucht ergriffen hatten . . . keiner gehörte der Resistance an . . . —108— Bézillon, André, 18 Jahre alt, dessen Bruder Maquisangehöriger war, wurde schrecklich verstümmelt, Nase und Zunge abgeschnitten . . . » Erinnern Euch diese Sätze des Staatsanwaltes der Regierung de Gaulle an nichts? Wie viele Frauen wurden vergewaltigt in den Hauptorten der durch die Ankunft der «Maquis» in Schrecken versetzten Landesteile? Wie viele junge Leute, die auf der Strasse spazierten (ich weiss sogar von einem Mädchen, dass bei Limoges am Tag seiner Hochzeit in seinem Hochzeitskleid niedergeschlagen wurde), wie viele, von denen man nicht sagen kann, dass sie weder der Miliz, noch der L. V. F., noch sonst irgendetwas angehörten? Wie viele Bézillon André, 18 Jahre alt, haben für ihren Bruder gezahlt, ermordet wie er, verstümmelt wie er? Ihr könnt versichert sein, wenn man im Rennen nach den Greueltaten die Rechnung aufstellt, werden wir nur um eine Haupteslänge verlieren. Wenn man den Vertreter der französischen Abordnung das Schicksal der Familie Maujean in Tavaux im Departement Aisne in Erinnerung rufen hört, die Mutter vor den Augen ihrer fünf Kinder getötet, das Haus verbrannt, die Leiche der Mutter mit Benzin übergossen, die Kinder in den Keller eingesperrt und in letzter Minute von den Nachbarn gerettet: wie soll man nicht an das Blutbad von Voiron denken, wo, ich weiss nicht was für Anhänger des Patriotismus es für nötig erachteten, ihren Verrat an zwei Kindern von zwei und vier Jahren zu sühnen? Wenn man uns den Tod des Kommandanten Madeline enthüllt, mit dem Ochsenziemer geschlagen, die Nägel ausgerissen, gezwungen mit nackten Füssen auf Reissnägeln zu laufen, mit Zigaretten gebrannt: dann ist es unmöglich, nicht sogleich die fast gleiche Marter des Vertreters der Action Française bei Toulouse heraufzubeschwören, den man vier Wochen lang den Todeskampf kämpfen liess, mit gebrochenen Gliedern, überall offenen Wunden, in die man Benzin goss, das man anzündete, und Säuren, um ihn zum Schreien zu bringen. Oder der Tod des Pfarrers von Tautavel in der Gegend von Perpignan, der so gefoltert wurde, dass am Morgen seiner Hinrichtung sein Strohsack von Blut getränkt —109— und dessen Tod so fürchterlich war, dass er während mehreren Monaten abergläubische Gebräuche wieder erweckte, die man seit Jahrhunderten für überwunden glaubte. Eine Bande von Mongolen hat in Presles bei Nizza einen kleinen Knaben an das Tor einer Scheune gekreuzigt: bei Annemasse haben «Patrioten» einen Mann an den Boden gekreuzigt, nachdem sie ihm die Augen ausgestochen hatten. Herr Dommergues, Professor in Besançon, bezeugt, dass er während seines Verhörs durch die Gestapo mit Ochsenziemerschlägen misshandelt wurde, dass im Nebenraum eine gefolterte Frau Schreie ausstiess, dass er einen Kameraden hängen gesehen hatte, mit einem Gewicht an jedem Fuss, und dass ein anderer ausgestochene Augen hatte: aber wir müssen zu unserer Schande gestehen, dass ähnliche Dinge während zwei Monaten in einer grossen Zahl von gaullistischen Gefängnissen im Süden Frankreichs und in Savoyen vorgekommen sind, wo man jede Nacht die Schreie der gefolterten Gefangenen hören konnte, und wohin man Freunde und Frauen einlud, um ihnen damit Unterhaltung zu bieten. Wer in Frankreich weiss, dass selbst die Erschiessung der Geisseln von Chateaubriant ihr schauerliches Gegenstück gehabt hat? Die Niedermetzelung der Geisseln des Fort-Carré bei Antibes, genau das gleiche, nur mit der Abwandlung, dass die Ermordung der Geisseln dazu diente, eine Abrechnung zu bemänteln. Es ist zu einfach, uns heute mit der Erklärung zu kommen, dass das «kommunistische Verbrechen» waren. Da ist nicht wahr. Es waren Handlungen von Verrückten. Und es gibt Verrückte in allen Lagern. Das alles ging vor sich in der Zeit, in der General de Gaulle an der Regierung war und dabei über eine fast unbeschränkte Macht verfügte. Welcher Vertreter des Weltgewissens hat seine Stimme erhoben? Welcher Funkspruch? Ach, man könnte diesen erbaulichen Vergleich unendlich fortsetzen! Wir verdammen tatsächlich die Handlungen von Verrückten, die Banden einer zersprengten Armee ohne Befehlsgewalt, ohne Mannszucht, während einiger Wochen in unserem Lande begangen haben, und billigen, dass man —110— die einzelnen Verantwortlichen dafür sucht. Aber dann muss man mit dem gleichen Rechtsanspruch und vor dem gleichen Gericht die Verantwortlichen für ähnliche Verbrechen verfolgen, die durch einzelne Kräfte der Resistance begangen wurden. Wir haben ebenfalls unsere Kriegsverbrecher! Was werden wir antworten, wenn alle Aktenbündel geöffnet werden? Was werden wir antworten, wenn man uns zeigt, dass deutsche Verwundete in den Strassen unserer Städte grausam umgebracht wurden? Dass Gefangene nach ihrer Waffenniederlegung planmässig abgeschlachtet wurden? Dass unglückliche Landwehrmänner mit Zweirädern, die eine fragliche Einheit zu erreichen suchten, ohne Grund gelyncht, ausgeweidet, gehängt, enthauptet wurden? Dass harmlose Fünfziger, einer Bahnhof- oder Brückenwache zugeteilt, während Stunden umher irren mussten, um sich als Gefangene bei Gruppen zu stellen, die sie von Kaserne zu Kaserne schickten, bis zu den Mannschaften, die beauftragt waren, sie niederzumetzeln? Dass einzelne von ihnen in ihren mit Benzin übergossenen Kamions lebendig verbrannt wurden? Was werden wir antworten, wenn man uns die wirkliche Geschichte dessen zeigen will, was wir die «Befreiung » unserer Städte nennen? Der Staatsanwalt kann wohl in Nürnberg sagen: «In Saint-Donat, im Vercors sind vierundfünfzig Frauen und Mädchen im Alter zwischen 13 und 50 Jahren durch zügellose Soldaten vergewaltigt worden »: aber die englischen und amerikanischen Richter müssen eigentümliche Ueberlegungen anstellen, wenn sie an die durch ihre Besetzungsbehörden eröffnete Untersuchung denken, an die Frage des deutschen Bischofs über die zweihundert Mädchen von Stuttgart, die in der Weihnachtsnacht beim Ausgang der Messe zusammengetrieben und in den Behördengebäuden und Kasernen, wohin man sie geschleppt hatte, vergewaltigt wurden. Es ist eine schöne Sache, uns zu erklären, dass in den deutschen Gefängnissen die Inhaftierten «wild geschlagen» wurden. Dass «Kinder von 18 bis 19 Jahren» hingerichtet wurden. Dass Frauen hingerichtet wurden. Dass Juden gezwungen wurden, ihre Gräber zu —111— schaufeln. Dass die zum Tode Verurteilten Ketten an den Füssen trugen. Aber welcher Zuhörer weiss nicht, dass sich all das Wort für Wort auf das anwenden lässt, was in unseren Gefängnissen während des gaullistischen Jahres geschehen ist? Wir lehnen im Namen der Gerechtigkeit und der Aufrichtigkeit diese Anklage gegen ein geknebeltes Land ab. Wir verweigern den Mördern von 1944 das Recht, von Menschlichkeit zu sprechen. Es liegt uns daran, der deutschen Jugend zu sagen: dieses Maskenspiel ekelt uns an und demütigt uns. Und wir lehnen es ab, uns mit ihm gleichzusetzen. Das war nicht Frankreich. Wir werden eine Verurteilung der Kriegführung Deutschlands nur anerkennen, wenn ein internationaler Ausschuss in allen Ländern und in unserem im besonderen, eine Untersuchung über die Verbrechen und Erpressungen, die im Gefolge des Krieges begangen worden sind, durchgeführt haben wird. Die Wahrheit ist unteilbar. Die Gerechtigkeit ebenfalls. Was die Konzentrationslager anbetrifft, besteht die Aufrichtigkeit für uns darin, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung für die unschuldigen Franzosen zu fordern, die verschickt und gefoltert worden sind. Aber nicht für die anderen. Es scheint uns unmöglich, die Verwirrung auf diesem Gebiet anzunehmen, von der oben die Rede war und die von der Propaganda absichtlich angerichtet worden ist. Es scheint uns besonders unmöglich, jene Unterscheidung nicht zu machen, die die Deutschen zwischen Juden und Nichtjuden gemacht haben. Wenn man diese Unterscheidung ablehnt, sieht man nur Juden, viele Juden, und offensichtlich viele Tote. Aber man kann daraus auch nichts schliessen. — Was haben die Deutschen Euch getan? Euch, in Frankreich? — Sie haben die Juden weggeführt. — Euch, in Belgien? — Sie haben die Juden weggeführt. — Euch, in Holland? — Sie haben die Juden weggeführt. Wenn man diese Verwirrung aufrechterhält, hat man nur noch das Recht zu sagen, dass die Deutschen in Holland, in Belgien, in Frankreich eine Politik der Ausrottung der Juden verfolgt haben. Aber dann ist diese Anklage keine Anklage des französischen — 112— Volkes oder des belgischen Volkes oder des holländischen Volkes gegen Deutschland mehr. Es ist eine Anklage, die vom jüdischen Volk vorgebracht und von jüdischen Vertretern oder durch Vertreter, die im Namen des jüdischen Volkes sprechen und nicht durch irgend eine nationale Abordnung aufrecht erhalten werden müsste. Doch haben die verschiedenen nationalen Abordnungen, und besonders die französische Abordnung, sorgfältig diese Verwirrung beibehalten. Es wurde in Nürnberg nicht gesagt, welches der Hundertsatz der verschickten Juden im Gesamtbetrag der von jeder Nation Verschickten ist. Ein einziges Land hat diese Zahl mitgeteilt. Es ist Holland, das anzeigt, dass auf 126.000 Verschickte, 110.000 israelitischen Glaubens waren, was einem Verhältnis von 87 auf 100 entspricht. Der französische Vertreter in Nürnberg glaubte nicht, diese Statistik für Frankreich bekannt geben zu sollen. Immerhin hat der Minister der «Anciens combattants», als Antwort auf eine schriftliche Anfrage, die kürzlich von Paul Thetten über die Kriegsopfer gestellt wurde, mit einer Zahl herausrücken müssen: man kann im Officiel vom 26. Mai 1948 lesen, dass er das Bestehen von 100.000 politischen Verschickten und von 120.000 rassischen Verschickten zugegeben hat, was ein Verhältnis von 54 v. H. ergibt. Kann dieses Verhältnis, das so verschieden ist von demjenigen, das von der holländischen Regierung veröffentlicht wurde, angenommen werden? Es stimmt auf alle Fälle kaum mit den Beweisstücken überein, die ausserdem in Nürnberg beigebracht worden sind. Man kann tatsächlich im Stenogramm des Prozesses lesen, dass eine in Berlin am 11. Juni 1942 abgehaltene Konferenz die Ueberführung von 100.000 in Frankreich wohnenden Juden für das Jahr 1942 vorsah, dass die für diese Ueberführung getroffenen Massnahmen nur teilweise zum Ziele führten, und dass die Zahl der verschickten Juden sich am 6. März 1943 nur auf 49.000 belief. Anderseits gibt eine Liste der «Verschickungen von Personen aus politischen und rassischen Gründen», die der französische Staatsanwalt —113— veröffentlichte, die folgende Statistik für die Geleite an: 1940 3; 1941 14; 1942 107; 1943 257; 1944 326. Wenn diese Statistik genau ist und sich wirklich auf die Geleite von politisch Verschickten bezieht, müsste man annehmen, dass im März 1943 erst ein Viertel der Gesamtzahl der Verschickten erreicht war. Und wir wissen wohl, dass tatsächlich das Zeitmass der Verschickungen 1943 und 1944 viel rascher wurde. Unter diesen Bedingungen ist es wenig wahrscheinlich, dass es nur 120.000 in die Lager verschickte Juden gegeben hat. Wenn die Aemter des Ministeriums der «Anciens combattants» nicht die Erklärung gemacht hätten, die wir eben wiedergaben, wäre man im Recht, aus den Beweisstücken von Nürnberg zu schliessen, dass die Zahl der verschickten Juden auf eine Gesamtsumme von 220.000 Verschickten, ungefähr 200.000 ausmachte, was ein Verhältnis ergäbe, das ähnlich demjenigen wäre, das von der holländischen Regierung veröffentlicht worden ist. Es besteht da also ein Widerspruch, über den eine Entscheidung schwierig ist. Für meinen Teil würde ich dazu neigen, die vom Ministerium der «Anciens combattants» gegebene Zahl zu bestreiten, da diese amtliche Behörde sagt, was sie will, ohne jemanden zu ermächtigen, ihre Archive zu Rate zu ziehen. In der Erwartung, dass man uns die Zahl bekannt geben werde, die sicherlich irgendwo in den Archiven der deutschen Aemter vorhanden ist, halten wir es für unerlässlich, der für den März 1943 festgestellten Zahl und der Beschleunigung der Verschickung Rechnung zu tragen. Wenn man über diese Zahlen nachdenkt, ist es klar, dass der Prozess gegen die Konzentrationslager unter einer anderen Beleuchtung geführt werden muss, als derjenigen, die bisher veranstaltet worden war: im Gedanken der Deutschen gab es keinen Willen, die Franzosen auszurotten (und daher findet man keinerlei Beweis dafür). Sondern es gab einen Willen, die Juden zu vernichten (für den zahlreiche Beweise bestehen). Und es gab keine Verschickung der Franzosen. Es gab eine Verschickung der Juden. Und wenn einzelne Franzosen gleichzeitig mit ihnen verschickt wurden, —114— dann war es, weil sie die Verteidigung der jüdischen Sache übernommen hatten oder übernommen zu haben schienen. Die ganze Frage besteht darin, zu wissen, ob wir die deutsche Unterscheidung in dieser Auseinandersetzung zulassen können. Kein Franzose kommt darum herum, sich das zu fragen. Die Juden sind ursprünglich Fremde, die zuerst in unserem Land mit Vorsicht, dann in immer grösserer Zahl im Masse des Einflusses, den einige von ihnen gewannen, zugelassen wurden. Trotz dieser Gastfreundschaft, die ihnen zuteil wurde, haben sie sich nicht abhalten lassen, an den politischen Auseinandersetzungen unseres Landes teilzunehmen: und als es sich darum handelte, zu wissen, ob wir den Einfall in die Tschechoslovakei oder den Polnischen Krieg in einen europäischen Krieg verwandeln sollten, haben sie nicht gezögert. Sie sind es, die uns augenblicklich bestärken, jeden Geist der Versöhnlichkeit zu bekämpfen, d. h. unser Land in einen unglückseligen, aber wünschenswerten Krieg hineinzureissen, weil er sich gegen einen Feind ihrer Rasse richtete. Wir haben aufgehört, heute ein grosses Volk zu sein. Wir haben vielleicht sogar aufgehört, in Wirklichkeit ein unabhängiges Volk zu sein, weil ihr Reichtum und ihr Einfluss ihren Gesichtspunkt über denjenigen der Franzosen hat obsiegen lassen, die an die Erhaltung ihrer Erde gebunden sind und den Frieden aufrecht erhalten wollten. Wir haben sie darauf als Gegner aller vernünftigen Massnahmen gefunden, durch die unser Leben und unser Gut, und zugleich ihr eigenes Leben und ihre eigenen Güter, erhalten werden konnten. Und noch später haben wir sie an der Spitze der Verfolgung und der Verleumdung derjenigen unserer Kameraden gesehen, die dieses Land gegen die Härten der Besetzung beschützen wollten, in dem wir seit viel längerer Zeit leben als sie. In dem unsere Eltern lebten und aus dem die Menschen unserer Rasse ein grosses Land gemacht hatten. Und sie sagen heute, dass sie die wahren Gatten dieser Erde sind, die ihre Eltern nicht kannten. Und dass sie besser als wir die Weisheit und Berufung dieses Landes kennen, dessen Sprache manche —115— von ihnen kaum sprechen können: sie haben uns entzweit. Sie haben das Blut der Besten und Reinsten gefordert. Und sie haben sich unserer Toten gefreut und freuen sich ihrer noch. Sie haben uns das Recht gegeben, diesen Krieg, den sie gewollt haben, als ihren Krieg zu bezeichnen und nicht als den unsern. Sie haben ihn mit dem Preis bezahlt, mit dem man alle Kriege bezahlt. Wir haben das Recht, ihre Toten nicht mit unsern Toten zu zählen. Trotz des Stillschweigens, das unseren Intellektuellen auferlegt ist, kann die Anstrengung, die jüdische Frage mit gegenständlichen Worten zu stellen, nicht umgangen werden. Sie braucht keineswegs von Antisemitismus begleitet zu sein und ich meinerseits bin kein Antisemit: ich wünsche im Gegenteil, dass das jüdische Volk irgendwo das Vaterland findet, das ihm erlaubt, sich wieder zu sammeln. Aber es scheint mir offensichtlich, dass wenn ich nach Argentinien geflohen wäre, ich mich nicht mit den inneren Angelegenheiten Argentiniens befassen würde. Selbst wenn ich die Nationalität dieses Landes erhalten hätte. Ich würde von den Argentiniern nicht verlangen, dass sie sich als die Rächer der verfolgten Franzosen einsetzen. Ich forderte vor allem nicht, dass Argentinier zum Tode verurteilt oder gefangengesetzt würden, weil sie sich gleichgültig gezeigt haben gegenüber dem Los der zu ihnen geflüchteten Franzosen. Warum sollten wir eine Pflicht zur Rache und zum Klagegeschrei im Namen eines Patriotismus haben, den zu bekennen das Gesetz uns zwingt, aber an dem unser Herz nicht teilhat? Die Brüderlichkeit lässt sich nicht machen. Ein Jude ist für mich ein Mensch wie ein anderer. Aber er ist nur ein Mensch wie ein anderer. Ich finde es traurig, dass man ihn niedermetzelt und dass man ihn verfolgt. Aber mein Gefühl wechselt nicht auf einen Schlag, mein Blut gerinnt nicht auf einen Schlag, wenn man hinzufügt, dass er in Bordeaux wohnt. Ich fühle mich nicht gehalten, die Verteidigung der Juden besonders, mehr als die der Slawen oder der Japaner zu übernehmen: ich würde es gleicherweise begrüssen, wenn man aufhörte, die Juden, die Slawen, — 116— die Japaner, und auch die Malgaschen, die Indochinesen und die Sudetendeutschen ohne Grund niederzumetzeln. Das ist alles. Ich fühle mich nicht besonders auserwählt hinsichtlich der Juden, die in Frankreich wohnen. Und ich sehe nicht ein, warum ich das sein sollte. Im übrigen hat die vom Grossteil der Juden in Bezug auf die Säuberung eingenommene Haltung diese Verschiedenheiten der Empfindungsweise angezeigt, die keine Naturalisationsurkunde zum Verschwinden bringt. Viele Franzosen waren 1944 bereit, die unmenschliche Behandlung der Juden ohne Parteigeist lebhaft mitzufühlen. Aber heute haben andere Leiden, andere Ungerechtigkeiten, sehr viel gebieterischere, unserer Entrüstung und selbst unserm Mitleid die Richtung gewiesen. Die Juden selbst haben eine Ablösung der Opfer, eine Ablösung der Ungerechtigkeit geschaffen. Sie sollen uns nicht anklagen, dass wir kein Herz hätten: wir denken zuerst an die Unseren. Sie haben es so gewollt. Die Säuberung hat in unserem Land blutende Wunden hinterlassen, die wir nie vergessen werden. Ich würde es wieder tun, wenn ich es wiederzutun hätte, was ich während der Besetzung für Widerstandsangehörige und selbst für Juden tat. Aber ich würde es heute tun, wie Don Juan dem Armen gibt, «um Gottes willen», und mit einer gewaltigen Verachtung. Denn wir können heute wirklich nur um Gottes willen und weil sie wie wir durch Christus gerettet worden sind, an den Leiden der Juden teilnehmen. Ihr Verhältnis zur Freiheit, zur Ehre und zur Verteidigung des Bodens ist nicht das gleiche gewesen wie das unsrige. Diese gegenseitige Verbundenheit, die zu erwarten wir ein Recht hatten, selbst in der Zeit des ideologischen Krieges, von Mitbeteiligten an unserer Nationalität, haben wir von ihnen nicht erhalten. Wir können heute ihnen gegenüber nur mehr den Eindruck einer Scheidung haben. Einer Unfähigkeit, einstimmig zu denken. Eines Misslingens der Angleichung. Es ist daher unvermeidlich, dass die Ausrottung der Juden uns jetzt nur noch als eine der neuen Verfahrensweisen dieses Krieges erscheint, die wir zu beurteilen haben wie —117— wir die anderen zu beurteilen haben: die Ausrottung der Slawen, die Bombardierungen der grossen deutschen Städte. Es ist natürlich unnötig, hervorzuheben, dass wir, wie jedermann, die planmässige Ausrottung der Juden verurteilen. Aber es ist nicht unnötig, daran zu erinnern, dass die Deutschen selbst, soweit wir es aus den Beweisstücken ersehen können, sie ebenfalls verurteilten. Und dass die Mehrheit von ihnen, selbst unter den zu oberst Stehenden, nichts davon wussten. Es geht klar aus den Aktenstücken des Prozesses hervor, dass die Lösung der Judenfrage, die die Billigung der nationalsozialistischen Leiter hatte, einzig in einer Ansammlung von Juden in einer Gebietszone bestand, die man Juden-Reservat nannte: es war eine Art europäisches Ghetto, ein im Osten wieder errichtetes jüdisches Vaterland. Das sahen die bekannten Anweisungen der Minister und hohen Beamten vor. Und nur das. Die Angeklagten von Nürnberg haben sich verteidigen können, dass sie während des ganzen Krieges von den Massenhinrichtungen in Auschwitz, Treblinka und andernorts nichts gewusst hatten. Dass sie beim Anhören ihrer Ankläger zum ersten Mal davon erfuhren. Und kein Beweisstück des Prozesses erlaubt uns, zu behaupten, dass Goering, Ribbentrop oder Keitel gelogen haben, als sie das sagten: es ist tatsächlich sehr wohl möglich, dass die Politik Himmlers eine rein persönliche Politik war. Heimlich ausgeführt. Und für die er allein die Verantwortung trägt. Die Verurteilung, der uns in diesem Punkt anzuschliessen man von uns verlangt und der wir uns tatsächlich anschliessen, bezieht sich also nicht auf ein Volk, sondern auf einen Mann, dem eine übermässige Machtbefugnis einzuräumen das Regime Unrecht hatte. Wir haben nicht das Recht, daraus zu schliessen, dass die Deutschen, die von all dem nichts wussten, Ungeheuer sind. Und wir haben nicht das Recht, daraus weiter zu schliessen, dass der Nationalsozialismus notwendigerweise in die Ausrottung der Juden ausmündete: er schlug nur vor, sie sich nicht mehr in das politische und wirtschaftliche Leben des Landes einmischen zu lassen. Und dieses Ergebnis konnte erreicht —118— werden durch vernünftige und gemässigte Massnahmen. Sind wir, wenn wir uns zu Verteidigern des jüdischen Volkes aufwerfen, wenn wir uns an die Spitze eines Kreuzzuges des Hasses stellen wegen der Konzentrationslager, und diesen Hass auf Alle ausdehnen und ihn ohne Berufung und unsühnbar machen, nicht die Opfer einer Propaganda, deren Auswirkungen eines Tages dem französischen Volk furchtbar nachteilig sein können? Was antworten wir, wenn man Willens ist, uns eines Tages die Last dieser Rache tragen zu lassen, für die wir freiwillig eingetreten sind? Wenn man uns sagt, dass unsere Beschwerde, unsere Anklage nur die beschränkte Zahl von Franzosen zum Gegenstand hätte haben sollen, die im Widerspruch zu den Kriegsgesetzen verschickt worden sind? Wenn man uns verantwortlich macht für diesen Sturm von Hass und Leid, den wir auf das deutsche Volk herabgerufen haben, das uns zu schonen geglaubt hatte? Wir werden antworten, indem wir von der grossen Stimme Frankreichs sprechen. Dann möge sie nicht schweigen, wenn andere Tote sie vor Gericht laden: wenn wir durch Bestimmung des Himmels die Verteidiger von jedermann sind, die Verteidiger der Juden und der Slawen, dann haben wir nicht das Recht, irgendjemanden auszuschliessen. Und wir müssen auch die Verteidiger der Japaner und der Deutschen sein, wenn die Leichen japanisch oder deutsch sind. Ich kann mir nicht versagen, noch etwas beizufügen. Diese Sendung, die wir für Frankreich verlangen, ist eigentümlich blossgestellt. Nicht nur durch das, was seit vier Jahren in unserem Land geschehen ist. Sondern auch durch unser Stillschweigen, und in anderen Punkten durch unsere Leichtfertigkeit, jede Art Propaganda aufzunehmen. Unsere Entrüstung ist im Verschwinden. Unser Gewissen wacht auf, wenn unser Interesse spricht. Wir stellen die Verderbtheit unserer Gegner bloss, ihr kaltes Blut gegenüber Folterung und Ausrottung. Wir tun so, als ob wir entsetzt die Augen vor dem menschlichen Tier öffneten, und vergessen im gleichen Augenblick. Wir vergessen und lassen die Verderbtheit — 119— der Unseren zu. Wir lassen die Folterungen und die Ausrottung unserer Feinde zu. Und wir begrüssen behelmte Wesen, die nicht weniger ungeheuerlich sind als die Ungeheuer unserer Erfindung, als Engel der Befreiung. Wir sind sehr entrüstet über die Hitlerschen Konzentrationslager, aber zu gleicher Zeit geben wir vor, nichts von den sowjetischen Konzentrationslagern zu wissen, die wir übrigens in dem Augenblick mit Abscheu entdecken, wo unsere Propaganda ein Interesse daran hat. Welche Stimme hat sich erhoben, der französischen Oeffentlichkeit das niederschmetternde Aktenbündel über die Besetzung in Deutschland bekannt zu geben, das gegen die schändliche und in der Wirkung im Sinne der Genfer Konvention «verbrecherische» Behandlung Verwahrung eingelegt hat, die den deutschen Kriegsgefangenen zuteil geworden ist? Unsere Zeitungen sichern der antisowjetischen Propaganda amerikanischer Herkunft, die in unserem Land verbreitet wird, eine grosse Ausbreitung: wer hat versucht, diese Tatsachen nachzuprüfen? Sie wenigstens mit den Beweisstücken russischer Herkunft zu vergleichen, um von Sowjetrussland ehrlich zu reden, ohne weder ein Knecht der Berufsstalinisten, noch ein Werkzeug der amerikanischen Bankiers zu sein? Wo ist die grosse Stimme Frankreichs? Welcher Wahrheit hat es seit vier Jahren ins Auge zu blicken gewagt? Wir finden, dass der Krieg grauenhaft ist und wir sprechen von deutschen Greueltaten: aber es kommt uns nicht einen Augenblick zu Bewusstsein, dass es vielleicht eine ebensoschwere «Greueltat» ist, ganze Städte mit Phosphorbomben zu überschütten. Und wir vergessen die Tausende von Frauen und Kindern, die in ihren Kellern eingeschrumpft sind. Die 80,000 Toten von Hamburg in vier Tagen. Die 60,000 Toten von Dresden in achtundvierzig Stunden. Ich weiss nicht, was man von all dem in einem halben Jahrhundert denken wird. Was mich anbetrifft, scheint mir der amerikanische Neger, der über den Häusern einer Stadt ruhig den Hebel seines Bombenmagazins niederdrückt, noch unmenschlicher, noch ungeheuerlicher als der —120— Gefängniswärter, der in unserer Bildersammlung die unheilvollen Geleite von Treblinka unter die Todesdusche führt. Ich gestehe, dass wenn ich eine Wertung zwischen Himmler, der die Konzentrationslager einführte, und dem Marschall der britischen Luftwaffe vornehmen müsste, der eines Tages im Januar 1944 beschloss, zur künftigen Neutralisierung des Personals, die Taktik des Bombenteppichs zu befehlen: ich glaube nicht, dass ich Himmler in den ersten Rang stellen würde. Aber wir haben die Neger in den Strassen umarmt und sie unsere Befreier genannt. Und der Luftmarschall ist inmitten unserer Hochrufe vorbeimarschiert. Wir sind die Verteidiger der Zivilisation. Aber wir vertragen den Gedanken sehr gut, dass die sowjetischen Städte in einer Sekunde von zwei oder drei Atombomben zerstört werden. Und wir wünschen es sogar im Interesse der Zivilisation und des Rechts. Und hernach führen wir mit Abscheu die Zahl der Opfer der Nazi an. Aber es gibt die Verderbtheit, fügt man bei, es gibt den Befehl, es gibt diesen Mechanismus der Erniedrigung, diesen Sadismus, diese bei Musikbegleitung Gehängten, diesen Maschinenbetrieb der Entwürdigung. Ein grossartiges Verfahren, das darin besteht, eine Bildersammlung der Erniedrigung zu erfinden. Dann sich im Namen des ganzen Menschengeschlechts an die Brust zu schlagen, zu Ehren der Filme, die wir herstellen! Prüfen wir zuerst diese sensationellen, der fruchtbaren Hirne von Hollywood würdigen Super-Produktionen nach. Und wir sehen dann, was diese schönen Verwahrungen wert sind, die vor allem beweisen, dass uns die Gabe der Ueberlegung, der Reflexion fehlt. Denn wir haben es zugelassen und gebilligt, dass man bei uns einen Mechanismus von Entwürdigung und Verfolgung errichtet. Wir haben Verfahrensweisen zugelassen und gebilligt, die dem gleichen Geist des Befehls, der Methode, der Heuchelei in der Ausrottung entspringen. Und die mindestens ebensoviel Sadismus verraten, wie den, den wir bei den Andern blossstellen. Offensichtlich ist es weniger aufsehenerregend, als Fingernägel auszureissen (was übrigens nicht hindert, — 121— Fingernägel auszureissen). Aber schliesslich muss man alle Verdienste anerkennen. Man muss den Begriff der seelischen Folter wieder in sein Recht einsetzen. Die Erfinder der niedrigen Gaunerei des Artikels 75, die politischen Männer, die sie gedeckt haben, haben versucht, durch rein seelische Mittel die gleichen Ergebnisse zu erzielen, die andere nach ihnen von physischen Mitteln erwarteten. Sie haben sich der Lüge bedient, der Heuchelei, der Falschheit, um Männer und Frauen in die Verzweiflung zu treiben, in die Entwürdigung, in das wirtschaftliche Elend und oft in das seelische Elend. Gut geleistete Arbeit: man sieht kein Blut und der Leichendienst besorgt die Beerdigungen, im Leichenwagen der Armen allerdings. Aber die Zehntausende von Franzosen, von denen die zu den Besten gehören, die Uninteressiertesten, die Zuverlässigsten, die Treuesten, sind heute lebende Tote. Aus ihren Wohnungen vertrieben durch Beschlagnahmungen, ihrer wirtschaftlichen Mittel beraubt durch Einziehungen, ihrer bürgerlichen Rechte beraubt, aus ihren Anstellungen gejagt, von unterwürfigen Richtern gerichtlich belangt, durch Kummer und Bitternis niedergedrückt, in Demütigungen und Lügen untergetaucht, von Ablehnung zu Ablehnung irrend, ohne Unterstützung, ohne Verteidiger, bemerken sie heute, dass die Gemeinschaft der Lüge unsichtbare Mauern um sie errichtet hat, ähnlich denjenigen der Lager, und dass auch sie zu Elend und Tod, wenn auch in der Stille, verurteilt sind. Ihre Söhne sind eines Tages beim Morgengrauen erschossen worden. Sie haben nichts mehr. Sie betrachten, ohne zu verstehen, ihre Brust, von der man ihr Kreuz gerissen hat; ihren leeren Verstümmelten-Aermel: sie tragen nicht das Baumwollkleid der Verschickten. Aber sie sterben eines Abends wie sie, im Innern des unsichtbaren Gefängnisses, das die Ungerechtigkeit um sie herum erbaut hat. Manchmal sterben sie ganz bescheiden vor Elend. Ein andermal begehen sie Selbstmord mit Gas. Und fast immer erklärt man, dass es die Krankheit, die Niedergeschlagenheit, das Alter war. All das ist nicht theatralisch: es gibt keine Peitschenhiebe, aber Vorladungen. —122— Keine Fronarbeiten, aber eine möblierte Wohnung mit einer Weingeist-Lampe. Es gibt keinen Verbrennungsofen, aber Kinder, die sterben und Töchter, die davon gehen. Ja, Juden! Ja, Angehörige der Christlich-Sozialen, Gaullisten, Widerstandsangehörige! Ihr könnt stolz sein (aber die Rechnungen vergessen sich nicht!), wenn man die Rechnung von diesen verschwiegenen Toten der Verfolgung aufstellt. Man wird bemerken, dass die Zahl der 50,000 oder 80,000 Franzosen, die in der Verschickung gestorben sind, weitgehend ausgeglichen wird durch die Zahl der Franzosen, die im Gefolge der Befreiung vor Elend und Kummer gestorben sind. Da wir keine Bomber hatten, haben wir eine Tötungsart, die unsern Mitteln entsprach, erfunden: sie ist nicht besser als die andern. Sie ist bloss versteckt und feige. Und ich gestehe, dass ich unendlich mehr Achtung habe für den moralischen Mut Otto Ohlendorfs, General der SS, der vor dem Gericht anerkannte, dass er auf den Befehl seines Führers 90,000 Juden und Ukrainer umbrachte, als für den französischen General, der verantwortlich ist für ebensoviele französische Tote, aber nicht die Kraft in sich fand, es zuzugeben. Wo hat die grosse Stimme Frankreichs das gesagt? Wo habt Ihr das in der grossen Presse und in den Sendungen gesehen, die beauftragt sind, uns im Ausland zu vertreten? Welche «autorisierte» Stimme hat seit vier Jahren gewagt, die Wahrheit zu sagen? Welche grosse französische Zeitung, welcher grosse französische Schriftsteller hat es gewagt, sich diesem jahrhundertealten Kampf des französischen Gedankens zu widmen? Wir widmeten uns viel leichteren Aufgaben. Wir halten uns für die Doktoren der Welt. Und wir haben nicht den Mut, uns einen Spiegel vor die Augen zu halten. Wir halten der Welt Vorlesungen über Moral. Und Vorlesungen über Gerechtigkeit und Vorlesungen über Freiheit. Wir sind beredet wie eine Kupplerin in der Predigt. Unser grosser Gedanke ist, dass die Moral und die Gerechtigkeit immer auf unserer Seite sind. Daher haben wir, wir und unsere Freunde, Anrecht auf eine gewisse Handlungs — 123— freiheit. Wegen der guten Absicht. Was wir ausführen, was unsere Verbündeten ausführen, sind niemals Greueltaten. Aber sobald ein Regime unser Gegner ist, spriesst die Greueltat bei ihm auf wie Brennesseln in einem Garten. Ich werde an das rechtliche Bestehen der Kriegsverbrechen glauben, wenn ich General Eisenhauer und Marschall Rossokowsky im Gericht von Nürnberg auf der Bank der Angeklagten Platz nehmen gesehen habe. Und an ihrer Seite kleinere Herren wie unser General de Gaulle, viel unmittelbarer verantwortlich für eine grosse Anzahl von Greueltaten als Keitel und Jodl. Inzwischen ist es nicht meine Sorge, die Verfluchungsmühle in der Richtung der verschiedenen Feinde der City und der Wall Street laufen zu lassen, oder Bannflüche auszutauschen, wie die Frauen Hüte austauschen. Ich fordere das Recht, nicht an den Bericht der Kriegsberichterstatter zu glauben. Und ich fordere das Recht, zu überlegen, bevor ich mich entrüste. * * * Man könnte hier glauben, dass die in diesem dritten Teil aufgestellten Grundsätze unangreifbar und durchsichtig sind, und dass es nichts einfacheres gibt, als Handlungen, die gegen die Kriegsgesetze verstossen, zu verurteilen. Das wäre tatsächlich geschehen, wenn der Gerichtshof sich mit der Feststellung zufrieden gegeben hätte, dass die deutsche Armee Handlungen begangen hat, die durch die Haager Abkommen ausdrücklich verboten sind. Und wir haben nichts einzuwenden, wenn er sich begnügt, das beispielsweise in Bezug auf die Kriegführung zur See zu tun, oder in Bezug auf die gesetzwidrigen Hinrichtungen von Kriegsgefangenen, oder in Bezug auf die missbräuchlichen Beschlagnahmungen. Aber ausser diesem letzteren Kapitel, das übrigens eine sehr verwickelte Frage ist, sind diese Anschuldigungen wenig zahlreich. Und vor allem sind sie nicht das Wesentliche des Prozesses. Dieser letzte Teil der Anklageakte ruft allen Arten von Schwierigkeiten und den allerschwierigsten, gerade weil das Gericht Neues schaffen wollte. —124— Es anerkennt diese Neuerung. Der rückwirkende Charakter des vom Gericht aus dem Stegreif geschaffenen zwischenstaatlichen Gesetzes ist so offensichtlich, dass er von den Führern der englischen und amerikanischen Abordnung gar nicht geleugnet wurde. Sie entschuldigen sich deswegen bloss mit dem Hinweis, dass die Weltmeinung es nicht verstehen würde, wenn man bestimmte, kaltblütig begangene Greueltaten unbestraft liesse. Was bedeutet aber diese Versicherung, wenn die Weltmeinung absichtlich überhitzt worden ist, und solange man nicht eine vollständige und aufrichtige Untersuchung gegen alle Kriegführenden eröffnet hat? Mangels solcher Gewährleistungen drückt sich der rückwirkende Charakter des zwischenstaatlichen Gesetzes so aus: alliierte Diplomaten versammeln sich nach der Unterzeichnung der Uebergabe in London und erklären, dass die und die Handlungen, die sie ihren Feinden vorwerfen, als Verbrechen betrachtet und mit dem Tode bestraft werden. Sie stellen eine Liste davon auf, die sie Satzung vom 8. August 1945 nennen. Und sie beauftragen Richter mit der Herstellung einer Anklageakte, in der jeder Paragraph mit dem alle Grenzen überschreitenden Satz schliesst: «und diese 1943 oder 1944 begangenen Handlungen sind, da sie dem Artikel 6 oder Artikel 8 unserer Satzungen widersprechen, gesetzwidrig und verbrecherisch». Die Kinder sagen wenigstens «Daumen», wenn sie die Spielregeln ändern wollen. Aber unsere internationalen Rechtsgelehrten haben vor dieser Zusammenhanglosigkeit nicht zurückgescheut: sie scheinen nicht einmal deren Folgen bemerkt zu haben. Denn erschütternd ist nicht nur das ungerechte Wesen dieser rückwirkenden Kraft, die von allen Gesetzgebern verworfen wird, sondern ihre Gefährlichkeit für die Zukunft. Es ist ganz offensichtlich, dass nach jedem internationalen Krieg der Sieger sich fortan berechtigt glauben wird, ebenso zu handeln. Er wird sich ebenfalls auf die Entrüstung der Weltöffentlichkeit berufen. Er wird keinerlei Mühe haben, die Anerkennung zu erreichen, dass die für Atombombardierungen Verantwortlichen verfolgt werden —125— müssen. Er wird ebenso die Anerkennung erreichen, dass die Verantwortlichen aller Bombardierungen von Zivilbevölkerungen unter der gleichen Beschuldigung verfolgt werden müssen. Und er wird in wirrem Durcheinander die Flieger, die Generäle, die Minister, die Fabrikanten, unter Berufung auf das Vorangehende, bestrafen. Er wird noch weiter gehen können. Es genügt, der Stärkere zu sein. Man kann mit sehr guten Gründen vertreten, dass jede Blockademassnahme im Wesen unmenschlich ist, und sie als im Widerspruch mit den Kriegsgesetzen stehend erklären. Der Stärkere kann erklären, was er will: seine Photographen werden Leichen veröffentlichen, seine Zeitungsschreiber werden Berichte machen. Und die Weltmeinung wird erzittern, wenn sie seinen Rundfunk hört. Und seine Feinde werden gehängt werden bis zum Grade des Obersten einschliesslich, oder noch weiter hinab, wenn es ihm Vergnügen macht. «Ich will den nächsten Krieg gewinnen, sagte bei einer kürzlichen Befragung Marschall Montgomery, da ich kein Gefallen daran habe, gehängt zu werden». Dieser britische Kriegsmann hat die Tragweite des neuen Rechts durchaus verstanden. Die französische Abordnung, ein Kapitel von Logik und Ernsthaftigkeit, hörte dieses Wort rückwirkende Kraft ungern. Sie wollte zeigen, dass man all diese Bedenken nicht zu haben brauchte und dass Goering rechtlich nur ein grossspuriger Bandit war. Und sie verfolgte bei diesem Nachweis den folgenden Weg: er ist für uns darin aufschlussreich, dass er einen umfassenderen Grundsatz als den vorangehenden aufstellt. Da die Deutschen die Angreifer waren, ist der Krieg, den sie führen, gesetzwidrig. Und sie stellen sich dadurch ausserhalb des internationalen Gesetzes. «Was kann man anderes sagen, als dass alle Verbrechen, die infolge dieses Angriffes bei der Weiterführung des so begonnenen Kampfes begangen werden, aufhören, die rechtliche Eigenschaft von Kriegshandlungen zu haben». Von da an wird alles sehr einfach: «Die in Weiterführung eines Krieges begangenen Handlungen sind Anschläge auf Personen —126— und Güter, die selbst in allen Gesetzgebungen verboten und bestraft werden. Der Kriegszustand könnte sie nur dann zu gesetzlichen machen, wenn der Krieg selbst gesetzlich wäre. Da er das aber nach dem Briand-Kellog Pakt nicht mehr ist, werden diese Handlungen bloss und einfach zu gemeinrechtlichen Verbrechen». Punkt fertig! Nichts ist leichter als das. Und es genügte, daran zu denken: wir, alles was wir machen, ist erlaubt. Es sind Kriegshandlungen, die durch eine «Sonderregel des internationalen Rechtes gedeckt werden . . . ., die den sog. Kriegshandlungen jede strafbare Eigenschaft nimmt.» Sie, alles was sie «in Weiterführung des so begonnenen Krieges», ein sehr dehnbarer Ausdruck, tun, ist unerlaubt und wird dadurch von selbst ein gemeinrechtliches Verbrechen. Auf der einen Seite Gesetz, Ernst, Gewissen: die Heere des Rechts bombardieren Dresden mit einem Gefühl unendlichen Bedauerns. Und wenn unsere Senegalneger die Mädchen von Stuttgart vergewaltigen, ist das eine Kriegshandlung, die sich jeglicher Strafbarkeit entzieht. Auf der anderen Seite das gemeinrechtliche Verbrechen in Uniform und Helm: eine Truppe von Räubern, die verschiedene Verkleidungen trägt, richtet sich in einer Höhle, genannt Kommandatur ein. Und alles, was sie tun, heisst Raub, Beschlagnahme, Mord. Nicht ich sage das. Es ist wieder die französische Abordnung. «Die Tötung der Kriegsgefangenen, der Geisseln und der Bewohner der besetzten Gebiete, fällt nach französischem Recht unter die Strafe der Art. 295 u. ff. des Strafgesetzbuches, die den Mord und den Meuchelmord umschreiben. Die schlechte Behandlung, auf die sich die Anklageakte bezieht, fällt in den Rahmen der gewollten Verletzungen und Schläge, die durch die Art. 309 u. ff. umschrieben werden. Die Verschickung zerlegt sich, unabhängig von den Morden, deren Begleiterin sie ist, in eine gewaltsame Beschlagnahme, deren Umschreibung die Art. 341 und 344 geben. Der Raub des öffentlichen und persönlichen Besitzes und die Auferlegung von Kollektivstrafen werden durch die Art. 221 u. ff. unseres Militärstrafgesetzbuches bestraft. Der Art. 434 des Strafgesetzbuches —127— bestraft die absichtlichen Zerstörungen. Und die Verschikkung der Zivilarbeiter wird mit der gewaltsamen Einziehung gleichgesetzt, die in Art. 92 vorgesehen ist». Und so ist das üble Wort der rückwirkenden Kraft durch unsere Gesetzbücher ausgelöscht worden. All das dank dieses guten kleinen Briand-Kellog Paktes, einer im Speicher unserer Pakte losgehakten, staubigen Armbrust, die uns indessen dazu gedient hat, dieses schöne Feuerwerk abzubrennen. Der niedrige und ungeheuerliche Charakter dieser rechtlichen Prellerei verdient unterstrichen zu werden. Man muss dazu wissen, dass die durch unsere Abordnung so gekennzeichneten Handlungen anderseits ausdrücklich von den Haager Abkommen als Recht anerkannt worden sind. Die im Kriege befindlichen Armeen haben das Recht, Geiseln zu nehmen. Und wir waren nicht verlegen, es zu tun. Sie haben die Gerichtsbarkeit über die Kriegsgefangenen unter gewissen formlichen Bedingungen. Sie haben das Recht, auf ihren rückwärtigen Verbindungen die Ordnung sicherzustellen und Verhaftungen vorzunehmen. Sie haben das Recht, die Spitzel des Feindes im besetzten Gebiet zu verurteilen und hinzurichten, besonders die Freischärler. Sie haben das Recht, «normale» Besetzungskosten zu erheben und unter Einhaltung gewisser Bestimmungen Beschlagnahmungen vorzunehmen. So ist das Kriegsrecht, das geschriebene und vereinbarte Völkerrecht. Und dieses Kriegsrecht, dieses Völkerrecht verweigert unsere Abordnung unseren Feinden. Das zwischenstaatliche Recht besteht: aber es besteht nicht für sie. Wir, mit dem Recht bewaffnet, haben an all dem teil: nicht aber sie! Und das ist umso schöner, als wir uns während der ganzen Dauer des Krieges, d. h. während die Deutschen da waren, während sie die Stärkeren waren, ihnen gegenüber auf das zwischenstaatliche Recht berufen haben. Als sie die Stärkeren waren, waren sie Soldaten. Und sie mussten das Völkerrecht anwenden. Und wir waren in vielen Fällen bereit, Nutzen daraus zu ziehen. Jetzt, wo sie besiegt sind, sind sie keine Soldaten mehr. Sie haben kein Recht mehr, sich ihrerseits auf das Völkerrecht —128— zu berufen. Sie sind gemeinrechtliche Verbrecher geworden. Es ist schwer, gemeiner und niedriger zu sein. Aber da unsere «Widerstandskämpfer» gewissenlos sind, wundern sie sich noch, wenn wir ihnen sagen, dass die französische Politik seit 1944 für uns nichts wie Niedrigkeit und Unanständigkeit und ein Bild der Unehre ist. Man wird übrigens im «Denken» des Herrn de Menthon eine gewisse Einheitlichkeit erkennen. Sein System besteht darin, die Wirklichkeit zu leugnen. Uns Franzosen sagt er: es gab keinen Waffenstillstand. Es gab keine französische Regierung in Vichy. Der Krieg ging weiter. Die französische Regierung hatte ihren Sitz in London. Und jeder Franzose des Mutterlandes, der das Wort an den Feind richtete, versetzte sich in den Fall des Einverständnisses mit dem Feind. Er beging nicht eine politische Handlung. Er beging ein gemeinrechtliches Verbrechen, wie es in Artikel 75 u. ff. des Strafgesetzbuches vorgesehen ist. Den Deutschen erklärt er ebenso: es gab keinen Krieg. Es gab keine deutsche Armee, sondern einen Auflauf von Räubern, die sich zur Verübung von gemeinrechtlichen Verbrechen verbanden. Und jeder Deutsche, der einen Befehl zeichnete, war ein Verbrecher, der seinen Mitschuldigen etwas zurief. Er beging keine Kriegshandlung, die mehr oder weniger mit den zwischenstaatlichen Abkommen übereinstimmten. Er verübte ein gemeinrechtliches Verbrechen. Oder er machte sich zum Mitschuldigen an gemeinrechtlichen Verbrechen, wie sie in dem und dem Artikel des Strafgesetzbuches vorgesehen sind. Wunderbar, derart mit so viel Leichtigkeit in einer auf dem Kopf stehenden Welt zu leben! Die geistige Unaufrichtigkeit kann nicht weiter gehen. Eine grundlegende Lüge, ein Wahnsinnsschrei, durch tausendfachen Widerhall zurückgeworfen, bildet das Vorspiel zu dieser Gesetzgebung. Man sagt von ihr: «Und trotzdem bewegt sie sich». Aber sie hört es nicht. Sie schreitet blind daher, von ihrem schlechten Glauben und ihrem Hass getragen. Sie schwankt inmitten der Ungeheuerlichkeiten. Und sie lädt uns ein, ihre missgestalteten Puppen zu betrachten, ihre —129— Sinnbilder, die auf dem Kopf gehen, die Wahrheit, die in ihrem Zirkus den Hanswurst spielt, und die Gerechtigkeit, die wie die Fliegen, an der Decke läuft. Man begreift leicht, dass dieser Grundsatz fruchtbarer ist als der vorhergehende. Fortan wird jeder internationale Krieg selbsttätig ein Krieg für das Recht. Der Sieger wird keinerlei Mühe haben, zur Anerkennung zu bringen, dass der Besiegte immer der Angreifer ist. Wir haben gute Beispiele dafür. Nichts ist verworrener als der Beginn der Feindseligkeiten in Polen. Wir haben die polnischen Herausforderungen vergessen, die zahlreich genug waren, um der deutschen Regierung zu ermöglichen, sie in einem Weissbuch zusammenzufassen. Und nichts ist verworrener als die Angelegenheit Berlins. Die Sowjetregierung zieht logisch und regelrecht die Folgerungen aus dem unsinnigen Abkommen, das ihr eingeräumt wurde. Das hindert nicht, dass wenn der Krieg ausbricht, man sie als Angreifer bezeichnen wird. Sehen wir die Dinge wie sie sind. Der Briand-Kellog Pakt ist in Wirklichkeit ein Zauberstab in den Händen des Siegers. Und jeder Nachfolger von Herrn de Menthon wird fortan das Recht haben, die Ueberlegung des Herrn de Menthon zu machen und den Besiegten zu erklären, dass sie keine Soldaten waren, wie sie zu sein glaubten, sondern eine Bande von Uebeltätern, die jenachdem zu einem Anschlag auf die Freiheit oder zu einem Unternehmen kapitalistischer Räuberei zusammengezogen worden waren. Die Gerechtigkeit ist fortan aus unserer Welt verschwunden. Das zwischenstaatliche Recht ist nicht nur ein zweideutiges Recht. Es ist schliesslich, so wie es heute angewandt wird, die Verneinung und Zerstörung jeglichen Rechts. Diese Zerstörung des Rechtes hat unabsehbare Folgen. Das Recht das schützt, ist das geschriebene Recht. Es ist nicht nicht-bestehend im zwischenstaatlichen Recht, da es die Haager Abkommen gegeben hat. Das Recht ist der Erlass. Der Erlass ist eine sichere Sache: man sieht an die Mauer geschrieben, was erlaubt und was verboten ist. Aber heute kann niemand, im Lauf eines Krieges oder selbst vielleicht —130— nicht einmal im vollen Frieden sagen, was ihm vorgeworfen oder nicht vorgeworfen werden kann. Das internationale Gewissen wird urteilen. Und was wird man das internationale Gewissen sagen lassen? Wie haben unsere Rechtsgelehrten nicht gesehen, dass diese neue Grundlage des zwischenstaatlichen Rechtes nichts anderes war als dieses Volksempfinden, das sie dem Nationalsozialismus so sehr vorgeworfen haben? So ist diese gummiartige Welt, die wir im Anfang dieses Buches beschrieben haben, das noch viel mehr, als wir es uns vorstellen konnten. Alles ist gemeines Recht, wenn man will. Es gibt keine Armeen mehr. Es wird niemals mehr Armeen geben. In den Augen des Siegers gibt es nur noch eine Bande von Uebeltätern, die Verbrechen gegen ihn verübt: es ist verboten, das Wort an diese Uebeltäter zu richten. Verboten, sie als Menschen zu betrachten. Verboten zu denken, dass sie gelegentlich vielleicht die Wahrheit sagen. Es ist vor allem verboten, mit ihnen zu verhandeln: man befindet sich in dauerndem Kriegszustand mit dem Verbrechen. Aber auf welcher Seite steht das Verbrechen? Die Frontlinie läuft Gefahr in diesen Dingen die höchste gesetzgebende Gewalt zu werden: die amerikanische Uniform ist das Kleid des Verbrechers, wenn Moskau gewinnt. Und der Kommunismus ist der höchste Grad der Barbarei, wenn Magnitogorsk sich übergibt. Dieses neue Recht ist nicht so neu, wie es den Anschein hat. Zwischen Mohammedanern und Christen entschied man annähernd ähnlich. Und um dem Blutbad zu entgehen, blieb wie in unsern Tagen, die Zuflucht des Sichbekehrens. Aber es ist einigermassen spassig, das einen Fortschritt zu nennen. Dieser Geist unserer neuen Gesetzgebung wird noch unheilvoller durch die neuzeitliche Auffassung der Verantwortlichkeit. Wenn wir vernünftig gewesen wären, hätte es nicht schwierig gehalten, die Verantwortlichkeiten zu entwirren. Es ist klar und wird von allen Gerichtshöfen der Welt zugegeben, dass wenn ein Untergeordneter einen Befehl ausführt, er durch diesen Befehl selbst gedeckt wird. —131— Seine persönliche Verantwortlichkeit beginnt erst von dem Augenblick an, wo er von sich aus irgendeine erschwerende Anordnung hinzufügt. Wenn ein Polizeimann den Befehl erhält, einen Verdächtigen zu verhören, kann er nicht belangt werden, weil er ihn verhört und verhaftet hat. Aber wenn er ihm ein Auge ausschlägt, ist es gerecht, ihm den Prozess zu machen, weil er einem Gefangenen ein Auge ausgeschlagen hat. Diese vernünftige und überlieferte Art, die Gesetze auszulegen, erlaubte uns, die Urheber von Misshandlungen und Foltereien zu ermitteln. Und wir legen hier keineswegs Verwahrung gegen die einzelnen Prozesse ein, die gegen Folterknechte anhängig gemacht worden sind, wenn diese Prozesse gesetzmässig waren und wenn das Urteil in Uebereinstimmung mit den Artikeln des Strafgesetzbuches gefällt wurde, die die Misshandlung und die Folter bestrafen. Es war sogar möglich, unter diesen Bedingungen die Offiziere zu ermitteln, die für überstürzte oder übertriebene Vergeltungsmassnahmen unmittelbar verantwortlich waren, und sie anzuklagen, ihre Befehle überschritten oder allgemeine Anweisungen mit einer solchen Willkür ausgelegt zu haben, dass es einem Ueberschreiten der gegebenen Befehle gleichkam. Diese persönlichen Prozesse waren umso rechtmässiger, als man in den meisten Fällen Verletzungen der Haager Abkommen fand, und infolgedessen nichts Neues schuf, als man sich zufriedengab, Missbräuche von Machtbefugnissen zur Tötung zu verfolgen. Diese vernünftige Art, Recht zu sprechen, hätte alle Gewissen vereinigt. Sie legte keinen Abgrund zwischen das deutsche Volk und uns. Der Sieger sagte bloss: «Es gibt Kriegsgesetze und Ihr kanntet sie. Wir strafen gleicherweise in Euren wie in unseren Reihen diejenigen, die sie nicht beobachtet haben. Und jetzt bitten wir Euch, Eure Leiden zu vergessen, wie wir versuchen, die unsrigen zu vergessen. Bauen wir unsere Städte wieder auf und leben wir in Frieden». So hätten gerechte Männer gesprochen. Aber damit war uns nicht gedient. Wir hielten nicht darauf, vereinzelte verbrecherische Handlungen zu — 132— bestrafen: es musste bestätigt werden, dass die ganze deutsche Politik verbrecherisch war. Dass dieser ganze Krieg ein langer Strom von Verbrechen war. Und dass infolgedessen jeder Deutsche verbrecherisch war, da er, selbst ohne eigenen Entschluss, selbst als einfaches Werkzeug an dieser verbrecherischen Politik mitgearbeitet hatte. Man musste daher dahin kommen, als wahr zu behaupten, dass in dem bestdisziplinierten Land, das es gibt, und unter der unbeschränktesten Herrschaftordnung, wobei diese Herrschaftsordnung seit zehn Jahren gesetzmässig und von der ganzen Welt anerkannt war, trotzdem die Gesetze, die Verordnungen, die Regelungen, die Befehle, die von der Regierung ausgingen, keinerlei Wert hatten und die Ausführenden keineswegs beschützten. Damit haben wir alles verkannt, haben wir die einfachsten Augenscheinlichkeiten unter die Füsse getreten. Wohin wir mit unseren Behauptungen gelangt sind, übersteigt jede Vorstellungskraft. Wir haben vergessen, haben uns geweigert zu sehen, dass das Führer-Prinzip, das die Grundlage der gesetzmässigen deutschen Herrschaftsordnung bildete, aus jedem Einzelnen einen Soldaten machte, aus jedem Ausführenden einen Menschen, der kein Recht hatte, die Befehle zu erörtern, gleichgültig, welches sein Rang war. Was sollte man machen, wenn man das Unglück hatte, ein deutscher General zu sein? Es war ihnen bedingungslos verboten, während des Krieges zurückzutreten. Also? Unsere «Gerechtigkeit» lässt ihnen die Wahl zwischen dem Galgen wegen Gehorsamsverweigerung und dem Galgen von Nürnberg wegen Ausführung der Befehle. Sie sollten Verwahrung einlegen? Aber Sie haben Verwahrung eingelegt. Der Aktenstoss der Alliierten in Nürnberg wird zur Hauptsache von den Berichten und Verwahrungen gebildet, die die Ausführenden höchsten Grades an das Führerhauptquartier richteten, um die Ausschreitungen zu schildern, zu denen die Kriegführung Anlass gab, und um zu verlangen, dass man auf die zu strengen Befehle zurückkomme, die ihnen übergeben worden waren. Es wurde ihnen regelmässig geantwortet, dass Hitler oder sein Vertreter, der Reichsführer SS Heinrich —133— Himmler, die Anweisungen aufrechterhielten und dass sie die volle Verantwortung dafür übernähmen. Es gab einen Verantwortlichen in Deutschland. Und es gab nur einen: Adolf Hitler. Einen Befehl von Adolf Hitler besprach man nicht. Die Grössten haben es alle gesagt, selbst Goering: wir waren nicht immer einverstanden, und sogar über die Hauptpunkte. Aber nachdem der Befehl einmal gegeben war, hiess unsere Pflicht nur noch: gehorchen! Diese unbedingte Mannszucht, die im Treue-Eid enthalten war, wurde den Deutschen als Grundlage ihrer Herrschaftsordnung dargestellt und auch als eine Gewähr gegenüber ihrem Gewissen. Das wissen wir sehr wohl. Und auch unsere «Richter» wissen es sehr wohl. Aber dann haben sie folgendes erfunden. Im Gegensatz zu der Gesetzgebung des deutschen Staates und im Gegensatz ebenfalls zu allen nationalen Gesetzgebungen, sind sie nicht davor zurückgeschreckt, vom ersten Augenblick an zu erklären, dass sich niemand durch höhere Befehle als gedeckt betrachten könne. Es war ihre im August 1945 verfasste Satzung, die diesen neuen Grundsatz festlegte: «Die Satzung legt fest, dass wer verbrecherische Handlungen begangen hat, in höheren Befehlen keine Entschuldigung finden kann». Herr Hartley Shawcross, britischer Staatsanwalt, zog die Folgerung aus dieser Erklärung: «Die politische Verfassungsmässigkeit, der militärische Gehorsam sind vorzügliche Dinge. Aber sie verlangen weder die Ausführung offensichtlich schlechter Handlungen, noch rechtfertigen sie solche. Es kommt ein Augenblick, wo ein Mensch sich weigern muss, seinem Vorgesetzten zu gehorchen, wenn er seinem Gewissen gehorchen will. Selbst der einfache Soldat, der im Glied dient, ist nicht verpflichtet, gesetzwidrigen Befehlen zu gehorchen». Diese Bekräftigung, die so schwerwiegend ist, weil sie den Einspruch des Gewissens zur Pflicht macht, genügte trotzdem dem Gerichtshof nicht, der Mittel fand, im Urteil selbst auf diesen Punkt zurückzukommen. «Wer die Kriegsgesetze verletzt hat, schliesst der Gerichtshof, kann sich in seiner Rechtfertigung von dem Augenblick an nicht auf den Auftrag —134— berufen, den er vom Staat erhalten hat, wo der Staat diesen Auftrag erteilend, die Machtbefugnisse überschreitet, die ihm das internationale Recht zuerkennt. Es ist ein grundlegender Gedanke der Satzung, dass die internationalen Verpflichtungen, die den Einzelnen auferlegt sind, den Vorrang haben vor ihrer Gehorsamspflicht gegenüber dem Staat, dessen Angehörige sie sind». Man könnte keine deutlichere Bestätigung wünschen. Und diese politische Philosophie hat wenigstens das Verdienst, klar zu sein. Sie macht die Einsprache des Gewissens zur Pflicht. Sie gebietet die Gehorsamsverweigerung. Ihr Hass gegen die Militärstaaten geht so weit, dass sie den Staat überhaupt zerstört. Was Ehre und Erlebnis des Soldaten ist, wird durch sie in einem einzigen Satz verleugnet. Die Grösse der Mannszucht wird mit einem Federstrich durchgetan. Die Ehre des Menschen, die eine Ehre des Dienens und der Treue ist, die Ehre, so wie sie unserm Gewissen vom ersten Schwur an, der einem Herrscher geleistet wurde, eingeprägt ist, besteht nicht mehr. Sie ist nicht eingetragen in das Handbuch des bürgerlichen Unterrichts. Nur unsere weisen Richter haben nicht gesehen, dass wenn sie die königliche Form der Treue zerstören, sie alle Vaterländer zerstören: denn es gibt keine Herrschaftsordnung, die nicht auf dem Vertrag des Dienens beruht. Es gibt keine andere Herrschaft als die königliche. Und selber die Republiken haben den Ausdruck vom König Volk erfunden. Dieses klare Bewusstsein der Pflicht, der Befehl des Herrschers haben fortan ihre Macht verloren. Das Unaussprechbare, das Gewissen ist überall abgeschafft. Der Erlass an der Mauer hat keine Kraft mehr. Der Gehorsam gegenüber der Behörde wird zu einer Sache des Zufalls. Niemand hat mehr das Recht zu sagen: das Gesetz ist das Gesetz, der König ist der König. Alles, was klar war, alles was uns erlaubte, ruhig zu sterben, wird durch diese sinnlosen Sätze getroffen. Der Staat hat keine Gestalt mehr. Die Gemeinschaft hat keine Mauern mehr. Ein neuer Herrscher, ohne Hauptstadt und ohne Gesicht, herrscht fortan an ihrer —135— Stelle. Sein Heiligenschrein ist ein Rundfunkapparat. Hier hört man jeden Abend die Stimme, der wir Gehorsam schulden: diejenige des Ueberstaates, der den Vorrang hat vor dem Vaterland. Denn der von den Richtern in ihrem Urteil geschriebene Satz ist klar. Es lässt für keine Zweideutigkeit Platz: wenn das Gewissen der Menschheit ein Volk verurteilt hat, sind die Bürger dieses Volkes ihrer Gehorsamspflicht entbunden. Und sie sind nicht nur davon entbunden, sondern sie müssen gegen ihr eigenes Land handeln: «Die internationalen Verpflichtungen, die den Einzelnen auferlegt sind, gehen ihrer Gehorsamspflicht gegenüber dem Staat, dessen Angehörige sie sind, voraus». So entdeckt man an diesem Punkt der Untersuchung, dass alles zusammenhängt und -hält. Wir sind fortan nicht mehr die Soldaten eines Vaterlandes. Wir sind die Soldaten des moralischen Gesetzes. Wir sind nicht mehr die Bürger eines Volkes. Wir sind Gewissen im Dienste der Menschheit. Alles erklärt sich dann. Es geht nicht darum zu wissen, ob Marschall Pétain das gesetzmässige Haupt der Regierung von Frankreich ist. Frankreich, das gibt es nicht. Die Gesetzmässigkeit, das gibt es nicht. Es handelt sich darum zu wissen, ob General de Gaulle die internationale Moral genauer verkörpert als Marschall Pétain: zwischen der Demokratie, die von einem aus dem Stegreif geschaffenen Komitee in London verkörpert wird, und dem Frankreich, das durch eine Regierung vertreten wird, die keine Generalräte einberuft, dürfen wir nicht zögern: man muss die Demokratie vorziehen, weil die Moral notwendigerweise auf Seite der Demokratie steht, während Frankreich in Bezug auf die Moral nichts bedeutet. Wir stehen hier also der vollständigen geistigen Landschaft des Gehirns von Herrn de Menthon gegenüber. Fortan ist die Demokratie das Vaterland. Und das Vaterland ist nichts mehr, wenn es nicht demokratisch ist. Das Vaterland der Demokratie vorziehen, heisst Verrat üben. Wenn die Demokratie bedroht ist, ist die Vaterlandsliebe immer auf Seite der Demokratie. Wenn das Vaterland im gegenteiligen Lager steht, macht das —136— nichts: dann ist der Widerstand das höchste Gesetz, der Verrat Pflicht und die Treue Verrat, und der Freischärler der wahre Soldat! Auch da noch dürfte die neue Lage, wie der Gerichtshof sie gekennzeichnet hat, uns nicht allzu sehr überraschen. Denn sie hat einen Vorläufer, der ihren Sinn gut festhält: es ist ganz einfach eine Ausstossung, eine Exkommunikation! Und die Ergebnisse, die man davon erwartet, die Ergebnisse, die man von ihr fordert, sind tatsächlich die Ergebnisse, die die Kirche von der Exkommunikationsbulle erwartete und forderte. Der so verurteilte Staat muss unmittelbar seiner Entschlusskraft und seines Wesens entleert werden. Er muss von heute auf morgen Schrecken und Entsetzen verbreiten. Man muss ihm Brot und Salz verweigern, d. h. die Steuer, den Dienst, den Gehorsam, und seine Generäle müssen sich empören. Die französische Abordnung machte uns sogar darauf aufmerksam, dass diese Exkommunikation die Macht hat, den Namen und das Wesen aller Dinge zu verändern. Wer Widerstand leistet, wird wie durch den Zauberstab einer Fee verwandelt. Die exkommunizierte Armee ist keine Armee mehr. Sie wird eine Verbindung von Uebeltätern. Die Kriegshandlungen sind keine Kriegshandlungen mehr. Sie werden gemeine Verbrechen. Die rechtliche Verdammung verwandelt das Land in eine Wüste. Und sie verwandelt gleichzeitig alle seine Einwohner in Untertanen des Reiches des Bösen. Sie beraubt sie der Rechte des Menschseins. Wenn sie nicht die Partei des Engels ergreifen, wenn sie auf ihre Gemeinwesen nicht den Blitz der Vertilgung herabrufen, werden sie mit in die Verdammnis und Verurteilung ihres Landes hineinverwickelt. Wenn sie ihr Vaterland nicht Sodom nennen und es nicht verfluchen, gibt es keine Gnade für sie. Die UNO schleudert den Bannstrahl und das Vaterland löst sich auf. Es gibt keine zeitliche Gewalt mehr. Und tatsächlich führen die Bestrebungen, die wir bei der Untersuchung des ersten und zweiten Teiles der Anklageakte schilderten und deren volle Erklärung wir hier finden, —137— zu einer solchen Auflösung der zeitlichen Gewalt. Wir hatten oben geschlossen, dass das nationale Dasein und mit ihm seine Art, sich auszudrücken und zu verteidigen, sich durch den Geist von Nürnberg getroffen fand. Das neue Recht mündete in eine Enteignung aus. Wir sehen jetzt, dass es nicht nur das nationale Dasein ist, das unter Anklage gestellt wird, sondern das Vaterland überhaupt. Die nationalen Rechte werden durch das Heraufkommen eines höheren Rechtes entthront. Die selbständigen Staaten werden abgesetzt, wenn sie nicht zustimmen, die Diener eines Ueberstaates und seiner Religion zu werden. Aber nicht nur das. Der messianische Geist nimmt schliesslich die Maske ab: er spricht seine Heilsbotschaft klar aus. Alle Gemeinwesen sind verdächtig. Sie sind in Wirklichkeit nur die Verwahrer der Gewalt. Ihre zeitliche Gewalt ist nur noch eine Verwaltungsgewalt. Die Vaterländer sind nur noch die Geschäftsführer einer unermesslichen Aktiengesellschaft. Man lässt ihnen eine gewisse Reglementierungsgewalt: so wird ihr Bereich umschrieben und festgelegt. Aber im Wesentlichen sind sie enteignet. Die geistige Gewalt, die Gewalt, die Gewissen zu bestimmen; gesetzmässig zu machen, was dem Gesetze entspricht, gehört ihnen nicht mehr. Geschäftsführer des Zeitlichen, müssen sie sich unterziehen und schweigen, sobald es sich um Staatsentscheidungen handelt. Und man fordert sie nicht nur zum Stillschweigen auf, sondern man fordert die Bürger auch auf, ihren Gemeinwesen zu misstrauen. Diese Vaterländer können nur Ketzerei gebären. Sie sind alle einer ursprünglichen Verdammnis verdächtig. Man erklärt sie für unfähig, die Lehre zu gestalten und sogar für verdächtig, wenn sie sie auslegen. Man entzieht ihnen jede Gewalt über die Gewissen. Das Geistige wird eingezogen zugunsten einer höheren internationalen Instanz. Diese sagt, was recht ist. Sie stellt das Gewissen der Menschen dar. Die Vaterländer werden abgesetzt. Sie werden abgesetzt zugunsten eines angeblichen geistigen Reiches der Welt, das, wie sie sagen, den Vorrang vor allen Vaterländern hat. Sie haben Rom wiedererfunden. Es gibt fortan, es gibt amtlich —138— seit dem Schuldspruch von Nürnberg eine weltliche Menschheitsreligion. Es gibt auch eine Allumfassendheit, einen Katholizismus der Menschheit. Wir sind der hochheiligen Kirche der Menschheit, die Bomber zu Missionaren hat, die Unterwerfung schuldig. Der Schuldspruch von Nürnberg ist die Bulle vom Einen Geschlecht, Unigenitus. Fortan verkündet das Konklave und die Szepter fallen. Wir treten in die Geschichte des «Heiligen Reiches» ein. Dieser Begriff eines Weltstaates, der die Herrschaft über die Gewissen inne hat, ist also nur die Krönung der Grundsätze, deren Aufstellung wir bisher gesehen hatten. Ohne dieses Ende haben sie nicht ihren vollen Sinn: aber mit ihm wird alles klar. Diese Kuppel gibt dem Gebäude seine Gestalt. Es wurde uns zuerst gesagt, dass wir uns nicht vereinigen dürften zur Kraft und Grösse unserer Gemeinwesen und dass diese Vereinigungen jederzeit als Verbindungen von Uebeltätern bezeichnet werden könnten. Und zweitens, dass wir uns daran gewöhnen müssen, einen Teil unserer Selbständigkeit abzutreten, denjenigen, der wesentlich ist, kraft der Verfassungsurkunde des Ueberstaates, die uns in der Welt aufgezwungen worden ist, ohne dass man uns um unsere Meinung fragte. Diese Verfügungen fesselten uns zwiefach: sie fesselten uns in unsern Gemeinwesen und in unsern Beziehungen zum Ausland. In dem, was man in den Zeitungen die innere und die äussere Politik nennt. Das Weltgewissen, das von seinem Gericht herab das Urteil fällt, untersagte uns die Verteidigung und untersagte uns das Fürsichbleiben. Aber damit nicht genug. Es muss seinen Beruf als Gewissen bis zum Ende ausüben: es muss, wie das Auge in der Geschichte Kains, im Grabe eingerichtet werden. Es vertritt den Blick Gottes. Es verbietet und lässt erzittern. Es ist aufgehängt wie ein Schwert. Der Magistrat geht mit eingezogenen Schultern umher. Der Polizist hustet stark, um auf seine Anwesenheit aufmerksam zu machen. Und der General fühlt das Seil um seinen Hals. Denn das Gewissen verschreibt nichts. Es zeigt nur die zu befolgende Linie an, die Linie. Es ist kein Zwang. Es hat keine Gendarmen. Es ist nur ein Gift im Staat. Ein einfaches Einsickern, das alles verdirbt. —139— Man bedroht Euch nicht einmal. Es ist Eure eigene Stimme, die Euch bedroht. Denn das Weltgewissen, das ist jedermann, und das seid sogar Ihr. Seid Ihr ganz sicher, der Moral entsprechend gehandelt zu haben? Dieser Weltmoral, von der es heisst, dass wir alle sie in uns tragen und die am Tage des Gerichts aufwachen und von sich aus Züchtigungen verlangen wird? Seid Ihr ganz gewiss, in der Linie gewesen zu sein? Welche Linie? spricht der General: sie sprechen alle die gleichen Worte. Aber diese Worte wollen nicht die gleiche Sache sagen. Das macht nichts. Beschäftigt Euch nicht damit: habt Ihr ein Gewissen, ja oder nein? Jedermann, selbst ein General hat ein Gewissen. Dann verhaltet Euch den unwandelbaren Gesetzen des «Gewissens» entsprechend. Und allein ihnen entsprechend. Oder aber Ihr werdet gehängt. Erinnert Euch, dass es keine Infanteriereglemente gibt, dass es keine Felddienstreglemente gibt. Dass es keine höheren Befehle gibt. Dass nichts, was geschrieben ist, etwas bedeutet. Dass alle unsere Gesetze niedrigere Gesetze sind, die auf jeden Fall durch die grosse Stimme des Weltgewissens zugedeckt werden, die meistens durch den Rundfunk übermittelt wird. Dass die Einheit des Staates und der Bestand des Staates jeden Augenblick durch eine einfache Bulle als aufgelöst erklärt werden können. Und dass nichts besteht, reineweg nichts, ausser der Stimme, die von oben kommt. Das ist die Welt, die für uns gemacht worden ist. Ganz einfach, weil es notwendig war, dass die Deutschen Ungeheuer seien. Und weil denjenigen recht gegeben werden musste, die ihre Städte zermalmt hatten. Um die Zerstörung zu rechtfertigen, erfindet man die Dauerzerstörung. Um den Rundfunk zu rechtfertigen, erfindet man den Rundfunk für immer. Um die Alliierten zu rechtfertigen, schwört man, dass alle Kriege fortan wie der letzte geführt werden müssen. Unter dem Vorwand, eine aus eigener Machtvollkommenheit bestehende Herrschaftsordnung zu treffen, hat man jede Machtvollkommenheit zerstört. Und unter dem Vorwand Deutschland zu verurteilen, hat man die ganze Welt gefesselt. Wir lassen es uns im Namen der Tugend und der besseren Welt gefallen ohne zu sehen, dass dieser Ueberstaat, —140— der aus Grundsatz gewisse Staatsformen verbietet, der die Verträge diktiert und die Politik lenkt, nichts anderes ist als ein namenloser Herrscher, der das Verhalten seiner Vasallen regelt. Die internationale Moral ist nur das Werkzeug einer Herrschaft. Sie ist unfähig, die Einzelwesen zu schützen, aber sehr bequem, um die Staaten zu beherrschen. Es ist kaum von Nutzen, hier zu unterstreichen, wie viel diese schön vorbereitende Arbeit schliesslich der Weltherrschaft des Marxismus nützlich sein kann, dessen Gorgonisches Gesicht wahrzunehmen man heute vorgibt. Denn was anderes verficht der Marxismus — wenn auch mit anderen Worten? Für die Marxisten geht dem öffentlichen Recht in jedem Land tatsächlich die den Einzelnen obliegende Pflicht voraus, am Befreiungskampf des Proletariats teilzunehmen. Für sie gibt es tatsächlich über ihren Bürgerpflichten immer ein Weltgewissen, das nichts anderes ist als das Klassengewissen. Und dieses marxistische Gewissen rügt mit denselben Worten. Es ist ebenso unbestimmt. Es handelt sich ebenfalls darum, in der Linie zu sein. Die Theoretiker des Weltgewissens haben nicht erkannt, dass diese Waffe, der sie so viel Sorge widmen, dem Bumerang der Australier ähnlich sieht, der stets auf den Werfenden zurückfallen kann. Alles, was sie machen, kann wieder gegen sie gewendet werden. Alles, was sie bejahen, kann ihrem Feinde dienen. Und wir dürfen uns heute nicht wundern, wenn die kommunistische Partei uns darauf aufmerksam macht, dass «das französische Volk» am Krieg gegen Russland nicht teilnehmen wird: das ist eine Anwendung der Grundsätze von Nürnberg. Denn schliesslich zerstörte Nürnberg das Vaterland: wer zerstört es besser als der Kommunismus? Nürnberg errichtet eine internationale Instanz: ist Moskau nicht ebenfalls eine? Nürnberg schafft eine Kirche: es gibt eine weitere, die III. Internationale heisst. Nürnberg verordnet die Herrschaft des Weltgewissens: für den Bolschewismus genügt es, sich in diesen Balg zu stecken, um eine ebenso gute Gestalt zu machen wie sie. Unsere Theoretiker haben alle kommenden Kriege in Bürgerkriege verwandelt. Und in diesen — 141— Bürgerkriegen haben sie alles vorbereitet, was ihrem Gegner dienen wird. Mars ist nicht mehr der Gott des Krieges, sondern Janus bifrons, Janus mit den zwei Ohren, der nicht weiss, welchem Rundfunk er sich zuneigen soll. Sie haben uns gegenüber dem Ausland entwaffnet. Aber gegenüber welchem? Ein anderes erzieltes Ergebnis ist die tatsächliche Absetzung der menschlichen Persönlichkeit, die untrennbar ist von der Absetzung der Vaterländer. Dieses zweite Ergebnis scheint vorerst erstaunlicher als das erste, weil das Gericht von Nürnberg die Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit zum Gegenstand gewählt hat. Aber es ist leider trotzdem nicht weniger gewiss. Verständigen wir uns über den Punkt. Es ist nicht die Rede davon, zu verneinen, dass die genauen Vorschriften und Verbote betreffend das Völkerrecht und die Kriegführung, die man im Urteilsspruch von Nürnberg findet und die fortan Rechtsprechung auf diesem Gebiet bedeuten, nicht für den Schutz der Einzelwesen grosse Dienste zu leisten vermöchten. Die Haager-Abkommen sind so durch zahlreiche Texte, die der neuzeitliche Krieg notwendig gemacht hatte, vervollständigt worden. Es hätte indessen im Interesse aller Welt gelegen, dass dieses neue Kriegsgesetzbuch unter anderen Umständen zustande gekommen wäre, im Gefolge einer aufrichtigen und vollständigen Zusammenarbeit zwischen allen Völkern. Und vor allem, dass es nicht als an eine politische Auffassung der Welt gebunden erschiene. Es wäre besser gewesen, sich dabei an praktische und klare Texte zu halten, anstatt eine ehrgeizige Philosophie des Völkerrechts zu verfassen, die Gefahr läuft, auf die seltsamste Weise ausgelegt zu werden. Es wäre auch nützlicher gewesen, sich eine vollständige Untersuchung der Verfahrensweisen des neuzeitlichen Krieges vorzunehmen, statt in unserer Rechtssammlung so schwere Lücken offen zu lassen wie die der Blockade und der Bombardierung von Zivilbevölkerungen, bloss weil diese Untersuchungsgegenstände ungelegen waren. Doch handelt es sich hier nicht darum. Wir verstehen den Ausdruck Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit in dem allgemeineren Sinn, wie er im Laufe —142— der kürzlichen Auseinandersetzungen gegeben worden ist. Um die Rechte, um die Freiheit des Menschen, darum sorgen sich jene, die diese Worte brauchen. Auch wir geben ihnen diesen Sinn. Wir halten den Vertretern des Weltgewissens nicht ihr Unvermögen vor, die Achtung der menschlichen Persönlichkeit zu sichern, selbst nicht in den von ihnen überwachten Gebieten. Das wäre ein zu leichtes Spiel. Es gibt offensichtlich alle Arten von Einzelwesen, die gegenwärtig nicht behaupten können, als menschliche Wesen zu gelten: z. B. die Indochinesen, die wir in Indochina niedermetzeln. Die Malgaschen, die wir in Madagaskar gefangensetzen. Die Balten, die Sudetendeutschen, die Wolgadeutschen, die in den Hauptstellen der Displaced Persons grosse Reisen machen. Die Kleinen Nazis, die mittleren Nazis und die anderen Ungeheuer, die man in Dachau und Mauthausen einzusperren genötigt ist. Die Polen und Tschechen, die die sowjetische Herrschaft nicht lieben. Die Neger von Luisiana und Karolina. Die Franzosen, die «Es lebe der Marschall» gerufen haben. Die Araber, die «Es lebe der Sultan» gerufen haben. Die Griechen, die «Es lebe Griechenland» gerufen haben. Und die überlebenden Ukrainer, die man nach Sibirien verschickt, weil sie das Unglück haben, überlebende Ukrainer zu sein . . . . . . . . Ich gebe zu, dass das alles nichts beweist, obwohl ich diese Liste etwas lang finde. Ich bin bloss etwas in Verlegenheit, dass wenn man die Summe zieht, man schliesslich mehr Leichen, mehr Foltereien und Verschickungen auf der Rechnung der berufsmässigen Verteidiger der menschlichen Persönlichkeit findet als auf der Rechnung derjenigen, die sie Folterknechte und Mörder nennen. Aber nehmen wir schliesslich an, dass das nichts beweist. Ich verstehe zwar nicht recht, warum das nichts beweist. Aber glauben wir es, da sehr ernste Leute es uns sagen. Im übrigen ist es nicht wichtig, zu zeigen, dass die Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit sich jetzt in die Morde, die Foltereien und die Verschickungen schickt. Sondern wichtig ist zu zeigen, dass sie in Wirklichkeit nur mit der —143— Absetzung der menschlichen Persönlichkeit enden kann. Dieses Verhängnis ist immerhin in sehr deutlichen Worten niedergeschrieben, die wir alle mehr als einmal haben lesen können. Die Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit ist nicht eine neue Religion. Man hat uns schon früher vorgeschlagen, diesen Gott anzubeten. Seine Erhebung findet immer inmitten der gleichen Feste statt: die Guillotine ist sein Oberpriester und man schneidet zur Ehre des Gottes einer grossen Anzahl von Unterdrückern den Hals ab. Worauf die heilige Handlung regelmässig mit einer schönen Herrschaftsordnung aus eigener Machtvollkommenheit abschliesst, die von Helmen, Stiefeln, Achselklappen glänzt und in Fülle mit Sklavenaufsehern verziert ist. Dieser geheimnisvolle Widerspruch ist oft angeführt worden: und schon vor diesem Krieg waren sich die ernsthaftesten Beobachter in der Feststellung einig (eine Meinung, von der man uns kaum mehr spricht), dass das Wort Freiheit dasjenige ist, das am liebsten die Spitzbuben nachsprechen. Und die Geschichte führt uns so zu einem ersten Widerspruch, der sich regelmässig den Handlungen aufprägt: die Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit kann nur mit der Unterdrückung im Namen der Freiheit endigen oder mit heuchlerischen Herrschaftsordnungen, die die Freiheit nur retten, indem sie die Augen vor der Entwürdigung der Einzelwesen schliessen. Auch die Geographie ist nicht tröstlicher. Die Achtung vor der menschlichen Persönlichkeit besteht darin, eine gleiche menschliche Art und infolgedessen für den Neger von Duala und den Erzbischof von Paris gleiche Rechte anzuerkennen. Man streitet über die gleichen Rechte: man muss sie wohl eines Tages anerkennen oder dann hat unser Wahlspruch keinen Sinn mehr. Von diesem Tag an verteilt sich der freie Ausdruck der gleichen Rechte von zwei Milliarden menschlichen Wesen wie folgt: 600 Millionen Weisse, der Rest Neger, Asiaten oder Semiten. Durch was für einen Schluss werdet Ihr den Negern, Asiaten oder Semiten klar machen, dass ihre gleichen Rechte sich nur durch eine gleiche Vertretung ausdrücken lassen, und dass, wenn es sich um ernste Sachen handelt, die Meinung eines —144— Weissen mehr wert ist als die von zehn Schwarzen? Es gibt nur einen Beweis, der eine so wenig offenbare Wahrheit eindringlich macht: die Anwesenheit der Flotte Ihrer Majestät, zu der man tatsächlich jedes Mal Zuflucht nimmt, wenn die Aussprache sich in Allgemeinheiten zu verlieren droht. So endet die Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit auf diesem Gebiet abermals mit dem selben Widerspruch: sie führt sich mit Kanonenschüssen ein. Oder sie besteht darin, mit Unterwürfigkeit anzuhören, was den farbigen Ehrenmännern, den colored gentlemen beliebt, uns zu befehlen. Dennoch ist hier der Grund, warum wir so viel Wesens machen von einer Freiheit, der wir nicht zur Herrschaft zu verhelfen vermögen, und von einer Gleichheit, die zu verwirklichen wir ablehnen. Verba et voces. Wir sind Anhänger der Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit unter der Bedingung, dass sie nichts bedeutet. Wir sind Anhänger der Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit. Aber wir wollen den Negern antun, was wir den Nazis vorwerfen, dass sie es den Juden angetan haben. Und nicht nur den Negern, sondern auch den Indochinesen, den Malgaschen, den Balten, den Wolgadeutschen usw. Und nicht nur all diesen Leuten, sondern auch dem Proletariat aller Völker, dem wir diesen amtlichen Begriff der menschlichen Persönlichkeit aufzudrängen willens sind. Und worauf uns das Proletariat antwortet, dass es darin nichts sieht, das die Achtung des Proletariats betrifft. So verteidigen und achten wir die menschliche Persönlichkeit. Aber eine ideelle menschliche Persönlichkeit. Eine menschliche Persönlichkeit in abstracto. Eine menschliche Persönlichkeit im Sinne, wie ihn der Gerichtshof versteht. Ich weiss wohl, dass man hier bittet, sich nicht bei solchen Einzelheiten aufzuhalten. Das Inordnungbringen wird später kommen. Das Weltgewissen befindet sich jetzt gerade bei der Einrichtung seiner Büros. Aber gerade die an die Mauern gehefteten Zeichnungen, die Zeichnungen der künftigen Entwicklung beunruhigen mich noch mehr als die erhaltenen Ergebnisse. Diese menschliche Persönlichkeit ist —145— völlig nackt. Sie hat kein Vaterland und sie ist gleichgültig gegenüber jedem Vaterland. Sie kennt die Gesetze des Gemeinwesens und den Geruch des Gemeinwesens nicht. Aber sie erfasst mit einem ganz persönlichem Instinkt die internationale Stimme des Weltgewissens. Dieser neue Mensch, dieser entwässerte Mensch ist es, den ich nicht anerkenne. Euer Weltgewissen beschützt eine Treibhauspflanze: dieses theoretische Erzeugnis, dieses Industrie-Erzeugnis hat nicht mehr Beziehung mit dem Menschen als eine Kalifornische Orange, die in ihr Celophanpapier eingewickelt und durch die Kontinente verschickt wird, Beziehung hat mit einer Orange auf dem Baum. Beides sind Orangen: aber die eine hat den Geschmack der Erde. Und sie wächst und besteht auf ihrem Baum der Natur der Dinge gemäss. Und die andere ist nur noch ein Verbrauchs-Erzeugnis. Ihr habt aus der menschlichen Persönlichkeit ein Erzeugnis für den Verbrauch gemacht. Es findet sich auf (übrigens falschen) Statistiken aufgeführt. Es wird gezählt. Es wird ausgeführt. Es wird transportiert. Es wird versichert. Und wenn es zerbricht, wird es bezahlt. Ich kann nichts dafür, aber das ist für mich keine menschliche Persönlichkeit. Wenn wir an eine menschliche Persönlichkeit denken, wir, sehen wir einen Vater mit seinen Kindern um sich. Mit seinen Kindern um den Tisch, im grossen Zimmer des Hofes. Er teilt die Suppe und das Brot aus. Oder in seinem Vorstadthaus, und er fühlt sich nicht so wohl wie auf seinem Hof. Oder in seiner Wohnung im dritten Stock, und er fühlt sich nicht so wohl wie in einem Vorstadthaus. Und er kommt von seiner Arbeit zurück und fragt, wie der Tag vorbeigegangen ist. Oder in seiner Werkstatt, und er zeigt seinem kleinen Jungen, wie man ein Brett passend herstellt, wie man mit der Hand über das Brett fährt, um festzustellen, ob die Arbeit gut ist. Diese menschliche Persönlichkeit ist es, die wir verteidigen und achten. Allein diese menschliche Persönlichkeit und keine andere. Und alles was zu ihr gehört, ihre Kinder, ihr Haus, ihre Arbeit, ihren Acker. Und wir sagen, dass diese menschliche Persönlichkeit das Recht hat, dass das Brot ihrer Kinder gesichert —146— sei. Dass ihr Haus unverletzlich, ihre Arbeit geehrt sei. Dass ihr Acker ihr gehört. Dass das Brot ihrer Kinder gesichert sei, will heissen, dass kein Neger, kein Asiate und kein Semite ihr den Platz streitig machen wird, auf den sie im Innern der Stadt Anrecht hat. Und dass sie nicht eines Tages genötigt sein wird, um leben zu können, der Handarbeiter oder Sklave des Fremden zu werden. Dass ihr Haus unverletzlich sei, will heissen, dass sie denken kann, was sie will und sagen, was sie will, dass sie Meister an ihrem Tisch und Meister in ihrem Haus sein wird. Dass sie beschützt werden wird, wenn sie den Erlassen des Herrschers folgt. Und dass der Neger, Asiate oder Semite nicht vor ihrer Tür erscheinen werden, um ihr zu erklären, was man denken müsse und sie aufzufordern, ihnen ins Gefängnis zu folgen. Dass ihre Arbeit geehrt werde, will heissen, dass sie sich mit den Männern ihres Berufes versammeln wird, mit denen, die sie ihre Amtsbrüder oder ihre Kollegen nennt, wie man will. Und dass sie das Recht haben wird zu sagen, dass ihre Arbeit hart ist. Dass der Stuhl, den sie macht, so und so viele Pfund Brot wert ist. Dass jede Stunde ihrer Arbeit so und so viel Pfund Brot wert ist. Dass auch sie das Recht hat zu leben, d. h. nicht schief getretene Schuhe und Kleider in Fetzen zu tragen. Ihren Rundfunk zu haben, wenn es sie gelüstet. Ihr Haus, wenn sie Geld dafür beiseite getan hat. Ihren Wagen, wenn sie in ihrer Arbeit Erfolg hatte. Und den Anteil an der Bequemlichkeit, die unsere Maschinen ihr schulden. Und dass der Neger, der Asiate und der Semite nicht in Winnipeg oder in Pretoria den Preis ihres Tagewerkes und die Speisenfolge ihres Tisches bestimmen. Und dass ihr Acker ihr gehört, will heissen, dass sie das Recht hat, sich Herr dieses Hauses zu nennen, das ihr Grossvater gebaut hat, Herr dieser Stadt, die ihr Grossvater und die Grossväter der anderen Männer der Stadt gebaut haben. Dass niemand das Recht hat, sie aus ihrer Wohnung noch aus dem Rathaus zu jagen. Und dass die fremden Arbeiter, deren Grossväter nicht dabei waren, als man den Glockenturm baute, die Neger, die Asiaten und die Semiten, die im Bergwerk arbeiten oder an den Strassenkreuzungen Ware —147— feilhalten, nicht über das Schicksal ihres kleinen Jungen zu entscheiden haben. Das ist, was wir die Rechte der menschlichen Persönlichkeit nennen. Und wir sagen, dass die Pflicht des Herrschers tatsächlich nichts anderes ist, als die Achtung dieser Wesensrechte zu sichern und sein Volk gut zu lenken, als guter Familienvater, wie die Pächter sagen, wie der Vater seine Familie führt. Dass die Gesetze nichts anderes sind, als vernünftige Richtlinien, die alle kennen. Die niedergeschrieben wurden auf den Rat zuständiger Männer und die an die Mauern angeschlagen worden und unabhängig sind. Und dass diese Gesetze, ohne die es keine Gemeinwesen gibt, wenn nötig, mit Gewalt und auf jeden Fall durch einen wirksamen Schutz verteidigt werden müssen. Wie man sehen kann, sind auch wir Anhänger der Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit. Aber mit diesen Worten. Und nicht in dem Sinne, wie ihn der Gerichtshof versteht. Es geht nur darum, sich zu begreifen. Diesen Menschen der Erde und der Gemeinwesen, diesen Menschen, der der Mensch ist, seitdem es Völker und Gemeinwesen gibt, gerade diesen verurteilt und verstösst Nürnberg. Denn das neue Gesetz sagt: «Du wirst Bürger der Welt sein. Auch Du wirst verpackt und entwässert werden. Du wirst nicht mehr das Rauschen Deiner Bäume und die Stimme Deiner Glocken hören. Aber Du wirst lernen, die Stimme des Weltgewissens zu hören. Klopfe die Erde von Deinen Schuhen, Bauer. Diese Erde ist nichts mehr. Sie beschmutzt. Sie verwirrt. Sie hindert, hübsche Verpackungen zu machen. Die modernen Zeiten sind angebrochen. Höre die Stimme der modernen Zeiten. Der polnische Taglöhner, der im Jahr zwölfmal den Arbeitsplatz wechselt, ist der gleiche Mensch wie Du. Der jüdische Trödler, der soeben von Korotscha oder Shitomir angekommen ist, ist der gleiche Mensch wie Du. Sie haben die gleichen Rechte auf Deine Erde und auf Deine Stadt wie Du. Achte den Neger, o Bauer! Sie haben die gleichen Rechte wie Du und Du wirst ihnen Platz machen an Deinem Tisch. Und sie werden in den Rat einziehen, wo sie Dich lehren werden, was das Weltgewissen sagt, auf das Du noch nicht so gut —148— hörst wie Du solltest. Und ihre Söhne werden Herren sein. Und sie werden zu Richtern eingesetzt werden über Deine Söhne. Sie werden Deine Stadt regieren und Deinen Acker kaufen, da das Weltgewissen ihnen ausdrücklich alle diese Rechte gibt. Was Dich anbetrifft, Bauer, wenn Du geheime Zusammenkünfte mit Deinen Kameraden abhältst, und wenn Du der Zeit nachtrauerst, wo man nur junge Leute aus der nächsten Umgebung am städtischen Feste sah, dann wisse, dass Du gegen das Weltgewissen sprichst und dass das Gesetz Dich dagegen nicht schützt». Denn das ist in Wahrheit der Zustand des Menschen nach der Absetzung der Vaterländer. Man unterstützt durch Druck jene Herrschaftsordnungen, die das Gemeinwesen dem Fremden weit öffnen. Man fordert, dass diese Fremden die gleichen Rechte erhalten, wie die Einwohner des Landes und verdammt feierlich jeden Versuch ihrer Verächtlichmachung. Dann anerkennt man nur eine rein zahlenmässige Abstimmungsart als richtig an. Welches Gemeinwesen wird nicht mit dieser Ordnung zu gegebener Zeit durch eine friedliche Eroberung unterworfen, von einer Besetzung ohne Uniform überschwemmt und schliesslich der Herrschaft des Fremden ausgeliefert werden? Hier wird der Schlusspunkt erreicht. Die nationalen Verschiedenheiten werden nach und nach ausgeplättet. Das internationale Gesetz wird sich umso leichter einrichten, als das eingeborene Gesetz keine Verteidiger mehr hat. Die nationale Lebensführung, die wir soeben beschrieben, nimmt in dieser Aussicht ihre wahrhafte Bedeutung an: die Staaten werden nur noch Verwaltungskreise eines einzigen Reiches sein. Und von einem Ende der Welt zum andern, wird in völlig gleichartigen Städten, da man sie nach einigen Bombardierungen wieder aufgebaut haben wird, und unter gleichen Gesetzen eine Mischbevölkerung leben, eine unbestimmbare, trübsinnige Sklavenrasse ohne Schöpfergabe, ohne Instinkt und ohne Meinung. Der von Ansteckungsstoffen gereinigte Mensch wird sich über eine nach gesundheitlichen Gesichtspunkten eingerichtete Welt ausdehnen. Unermessliche Kaufläden, die von Pick-up widerhallen, —149— werden diese Einheitspreisrasse sinnbildlich verkörpern. Rollsteige werden die Strassen durchlaufen. Sie werden jeden Morgen die lange Reihe von Menschen ohne Gesicht zu ihrer Sklavenarbeit bringen und sie am Abend wieder zurückführen. Und das wird das gelobte Land sein. Die Benutzer des Rollsteiges werden nicht mehr wissen, dass es früher einen menschlichen Stand gab. Sie werden nicht mehr wissen, was unsere Gemeinwesen waren als sie unsere Gemeinwesen waren: nicht mehr als wir uns noch vorstellen können, was Gent und Brügge zur Zeit der Schöffen waren. Sie werden staunen, dass die Erde einmal schön war und dass wir sie leidenschaftlich geliebt haben. Das saubere, theoretische, in runden Stücken ausgeschnittene Weltgewissen wird ihren Himmel erleuchten. Aber es wird das gelobte Land sein. Und darüber wird sich tatsächlich die menschliche Persönlichkeit erstrecken. Diejenige, für die man diesen Krieg geführt hat. Diejenige, die dieses Gesetz erfunden hat. Denn schliesslich kann man lange sagen, es gibt eine Menschliche Persönlichkeit. Das sind wohlverstanden nicht die Wolgadeutschen, nicht die Balten, nicht die Chinesen, nicht die Malgaschen, nicht die Annamiten, nicht die Tschechen, nicht die Proletarier. Wir wissen sehr gut, was das ist: die Menschliche Persönlichkeit. Dieses Wort bekommt seine ganze Bedeutung, man kann sogar sagen, dass es in dem Sinne, wie ihn der Gerichtshof versteht, keine Bedeutung hat, erst wenn es auf ein vaterlandsloses Wesen angewandt wird, das in einer Vorstadt von Krakau geboren wurde. Das unter Hitler litt, verschickt wurde, nicht gestorben ist. Sogar wiederauferstanden ist in der Gestalt eines französischen, belgischen oder luxemburgischen Patrioten, auf den unsere ganze Hochachtung und Bewunderung zu übertragen wir aufgefordert werden. Die Menschliche Persönlichkeit ist übrigens gewöhnlich mit einem internationalen Pass, mit einer Ausfuhrerlaubnis, einer Steuerbefreiung und dem Recht der Wohnungsbeschlagnahme versehen. Fügen wir hinzu, dass die so bestimmte Menschliche Persönlichkeit ganz besonders ein Sachwalter des Weltgewissens ist: sie ist — 150— sozusagen seine Wahlurne. Sie besitzt dazu die Organe eines ausserordentlichen Empfindungsvermögens, das den anderen Menschen fehlt: so bezeichnet sie in dem Land, wo sie soeben angekommen ist, mit Sicherheit die wirklichen Patrioten und stellt auf grosse Entfernung die Körper fest, die für die Schwingungen des Weltgewissens unempfänglich sind. Auch werden diese kostbaren Gaben, wie es sich gehört, auf die öffentliche Meinung angewandt. Alle ihre Schwingungsausschläge werden sorgfältig aufgezeichnet und die Summe dieser Schwingungen bildet das, was man in einem gegebenen Augenblick die Empörung oder die Billigung des Weltgewissens nennt. Sie verfassen schliesslich die Zwangslehre, die wir schon erwähnt haben und die die Ueberschrift trägt: Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit. Es ergibt sich daraus, dass die Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit in dem Sinne, wie der Gerichtshof sie versteht, eine Art mathematische Wahrheit ungefähr gleich dem Dreisatz ist. Man kann das so ausdrücken: «Wer vaterlandslos und in Krakau geboren ist, hat seinen Wohnsitz in der Brust der Weltgemeinschaft. Und jede Handlung, die ihn verwundet oder verletzt, hallt tief in der Brust des Weltgewissens wieder. In dem Masse, in dem Eure artliche Bestimmung Euch dem vaterlandslosen, aus Krakau gebürtigen Wesen entfremdet, entfremdet Ihr Euch ebensosehr der Weltgemeinschaft. Und was Euch verletzt, hat keinen entsprechenden Widerhall im menschlichen Gewissen mehr. Wenn Ihr dem vaterlandslosen, aus Krakau gebürtigen Wesen entschlossen feindlich seid, bildet Ihr keineswegs mehr einen Bestandteil der Weltgemeinschaft. Und man kann alles gegen Euch unternehmen, was man will, ohne dass das menschliche Gewissen sich im geringsten verletzt fühlt». Diese Konfirmanden der neuen Menschheit haben ihre heiligen Gebräuche. Sie bebauen die Erde nicht. Sie erzeugen nichts. Die Sklaverei ist ihnen zuwider. Sie mischen sich nicht unter die Menschen des Rollsteiges. Sie zählen sie und lenken sie auf die Aufgaben hin, die ihnen bestimmt sind. Sie machen keineswegs Krieg. Aber sie lieben es, sich in —151— Läden einzurichten, die von Licht glänzen, wo sie abends dem Rollsteigmenschen sehr teuer verkaufen, was er am Tage hergestellt hat und das sie ihm sehr billig abgekauft haben. Niemand hat das Recht, sie Sklavenhändler zu nennen. Und trotzdem arbeiten die Völker, in deren Mitte sie sich eingerichtet haben, nur für sie. Sie bilden einen Orden. Das haben sie mit unserem alten Rittertum gemein. Und ist es nicht gerecht, dass sie von den andern Menschen unterschieden werden, da sie die für die Stimme des Weltgewissens am meisten Empfänglichen sind und für uns das Vorbild abgeben, nach dem wir uns richten sollen? Sie haben auch ihre Oberpriester in fernen Hauptstädten. Sie verehren in ihnen die Vertreter jener berühmten Familien, die sich dadurch bekannt gemacht haben, dass sie viel Geld verdienten, indem sie grosse Reklame machten. Und sie freuen sich, auf den Wappen dieser Helden die Zeichensprache ihrer Dividenden zu lesen. Aber diese Grossen haben grosse Sorgen. Sie brüten über der Weltkarte und beschliessen, dass dieses Land fortan Apfelsinen, jenes Kanonen hervorbringen soll. Ueber Zeichnungen gebeugt, lenken sie Millionen von Rollsteigsklaven und setzen in ihrer Weisheit die Zahl der Hemden fest, die im Jahre zu kaufen ihnen erlaubt sein wird, und die Zahl der Kalorien, die ihnen, damit sie leben können, zugeteilt werden. Und die Arbeit der andern Menschen kreist und zeichnet sich auf den Mauern ihres Arbeitszimmers auf, wie auf jenen Bildern mit durchscheinenden Oeffnungen, auf denen ununterbrochen verschieden gefärbte Säfte fliessen. Sie sind die Maschinenmeister der Welt. Wer sich gegen sie empört, redet gegen die Götter. Sie verteilen und beschliessen. Und ihre Diener an den Kreuzwegen nehmen ihre Befehle mit Dankbarkeit entgegen. Und sie weisen dem Rollsteigmenschen seine Richtung. So arbeitet die Welt ohne Grenzen. Die Welt, in der jedermann zuhause ist. Und die sie das gelobte Land genannt haben. * * * Das ist es, was im Wahrspruch von Nürnberg geschrieben steht. —152— Und heute wenden sich selbst jene, die diesen Wahrspruch verfasst haben, an die deutsche Jugend: «Deutsche, gute Deutsche, sagen sie zu ihnen, liebt Ihr nicht sehr die Sache der Freiheit? Seid Ihr nicht bereit, die Welt mit uns gegen die bolschewistische Barbarei zu verteidigen? Deutsche, junge Deutsche, wärt Ihr nicht schön auf langen Shermantanks, finsteren Kampfgöttern ähnlich?» Und die Augen mit Entzücken auf ein zugleich Weimarisches und unbesiegliches, friedliebendes und trotzdem bis an die Zähne bewaffnetes Deutschland gerichtet, hätscheln sie den Traum eines Stosstrupps der Demokratie, einer Sturmgarde der Freiheit. Gefühlvoll und unerschrocken, blond und muskelstark, vernünftig wie junge Mädchen, ewig der Demokratie des Rechts verbunden und bereit, für den Kongress, für das Abendland, für die Y. M. C. A. zu sterben. Eine riesige Armee von Eunuchen, die durch ein Wunder im Kampf die Kraft der Germanen wiederfände. Man muss wissen, was man will. Wir werden uns nicht für Wolken schlagen. Die Deutschen offensichtlich auch nicht. Das Gegengift gegen den Bolschewismus hat in der Geschichte einen Namen getragen. Hören wir auf, diesen Namen mit Entsetzen auszusprechen und diese Fahne mit Schrecken zu betrachten. Alle Ideen enthalten etwas Richtiges. Fragen wir uns, auf was diese ihre Macht gründete. Anstatt zu ächten, versuchen wir zu verstehen. Wenn Millionen Menschen sich unter dieser Fahne haben töten lassen, die wir so niedrig mit Füssen treten, brachte diese ihnen dann nicht ein Geheimnis des Lebens und der Grösse, das nicht wissen zu wollen unsinnig ist? Unsere Weigerung, die Worte von vorne zu betrachten, ist nicht nur unsinnig. Sie ist auch unendlich gefährlich. Die ideologischen Ruinen sind nicht wie die Ruinen der Städte: man sieht sie nicht und die Reisenden schütteln nicht ernst die Köpfe, wenn sie an diesem Schutt vorbeifahren. Und doch sind sie schwerwiegender. Sie sind tödlich. Die Lehren, die unsinnigerweise mit Fluch belegt worden sind, sind die einzigen, die der kommunistischen Ueberschwemmung ein Wehr entgegensetzen — 153— können. Wir haben dieses Wehr in die Luft springen lassen und wundern uns jetzt, dass die Flut die Mäuerchen davon trägt, mit denen wir sie einzudämmen versuchten. Und doch genügt es, die Karte zu betrachten. Es ist unvernünftig, zu hoffen, dass die gewaltige Fläche, die sich von Asien bis zur Elbe erstreckt, den zerbrechlichen Kahn des Abendlandes lange verschonen wird. Wir werden mit Sicherheit überschwemmt werden, wenn nicht ein mächtiges Bauwerk aus der Halbinsel Europa eine uneinnehmbare Festung, eine Art Gibraltar der weissen Rasse des Abendlandes macht. Aber man muss an solche Aufgaben mit einem gerechten und vernünftigen Geist herangehen. Man muss hier ohne Leidenschaft und auch ohne Heuchelei handeln. Wir müssen diesen Krieg und die Leiden, die er uns gebracht hat, vergessen. Wir müssen unsere Ansprüche, uns Sieger zu nennen, vergessen. Die Zukunft baut sich nicht aus Hass und Furcht, noch auf der Erniedrigung der Andern auf. Wir müssen uns an das neue Deutschland mit Aufrichtigkeit und als ehrliche Leute wenden. Unsere erste Aufgabe ist der Verzicht auf die Fälschung der Geschichte, die wir der Welt aufbinden möchten. Es ist nicht wahr, dass Deutschland für diesen Krieg verantwortlich ist: die Verantwortlichkeit der Kriegstreiber in England und in Frankreich ist zum mindesten ebenso schwer wie die Verantwortlichkeit Hitlers. Es ist nicht wahr, dass die nationalsozialistische Partei eine Vereinigung von Uebeltätern gewesen sei: sie war eine Partei von Kämpfern wie die andern Parteien von an der Macht befindlichen Kämpfern. Sie sah sich genötigt, zur Gewalt Zuflucht zu nehmen, um ihr Werk und ihre Wirksamkeit zu verteidigen, wie es in bewegten Verhältnissen alle Parteien machen, die sich für die Zukunft mit einer grossen Aufgabe betraut glauben. Es ist nicht wahr, dass die Deutschen «Ungeheuer» waren. Die Völker, die nicht gezögert haben, ihren Sieg mit dem Leben von 2.650.000 deutschen Zivilpersonen zu bezahlen, d. h. mit dem Leben von 2.650.000 deutschen Arbeitern, Greisen, Frauen und Kindern, haben nicht das Recht, ihnen diesen Vorwurf zu machen. Eine unehrliche Untersuchung und eine riesige —154— Propaganda haben einige Zeit lang die Gewissen täuschen können. Aber der Tag wird kommen, wo selbst die Feinde Deutschlands ein Interesse haben, die Tatsachen wiederherzustellen. Das blinde Schicksal wird die Wahrheit bei der Hand nehmen und sie an den Tisch des Abendmahles setzen. Dann werden wir eingestehen, dass es uns nicht erlaubt war, aus gelegentlichen und meist persönlichen Fehlern eine Verurteilung des ganzen Regimes abzuleiten. Dass die Feinde Deutschlands in der Kriegführung ebenfalls Handlungen begangen haben, die man aus dem gleichen Grund verfolgen müsste wie die, die wir verurteilt haben. Und dass wir einer schändlichen Geschichtsfälschung die gemeinste und gefährlichste ideologische Lüge beigefügt haben. Wir beginnen heute die Grösse unseres Fehlers einzusehen. Die ganze Welt wird verrückt vor dieser Leere, vor diesem klaffenden Loch in der Mitte Europas. Und wir sehen mit Schrecken, was wir selbst angerichtet haben, jetzt wo Europa schwankt wie der blinde Cyklop. Die ganze Welt kann diese ungeheuerliche Verstümmelung sehen: eine zweite Leere ist aber nicht weniger schwerwiegend. Ein zweiter Abgrund besteht, den wir dadurch geschaffen haben, dass wir die einzige revolutionäre Ordnung gewaltsam von der Erdoberfläche austilgten, die man dem Marxismus gegenüberstellen konnte. Die Welt der Ideen ist eine Welt, die ihre Gesetze und ihre Geographie hat. Es ist ebenso gefährlich, ein ganzes ideologisches Gebiet gewaltsam dem Erdboden gleichzumachen, wie ein Volk auszurotten. Wir haben plötzlich ein ideologisches Gleichgewicht umgestürzt, das die Zeit hergestellt hatte und das für die politische Gesundheit Europas nicht weniger notwendig war als das Bestehen Deutschlands für seine strategische Verteidigung notwendig ist. Was wir zerstört und verurteilt haben, war, und das dürfen wir nicht vergessen, nicht nur für die Deutschen, sondern für Millionen Menschen im Abendland die einzige dauerhafte Lösung im Drama der neuzeitlichen Welt. Die einzige Art und Weise, der kapitalistischen Sklaverei zu entrinnen ohne die sowjetische Sklaverei anzunehmen. Was wir im Denken dieser Menschen zerstört haben, war nicht —155— die rückschrittliche und militärische Gewaltherrschaft, um deren Blosstellung wir uns so eifrig bemühten. Sondern ein unermessliches Meisterstück von Befreiung der Arbeiter. Ihre rote Fahne, mit dem Zeichen ihres Vaterlandes versehen, war das Wahrzeichen der Revolution des Abendlandes. Wir sagen, dass sie Sklaven waren. Und sie hatten den Blick derjenigen, die mit Freude arbeiten. Der Blick der Arbeiter ist ein Zeugnis: wenn sie Stalingrad unter Gesang wieder aufbauen, lügen unsere antibolschewistischen Blätter. Ihr wisst genau, dass die deutschen Arbeiter vom Baltikum bis zum Brenner glücklich waren. Und nicht nur die deutschen Arbeiter: nein im ganzen Abendland war diese Revolution ein Signal und eine unermessliche Hoffnung. Sie war nicht überall verwirklicht. Sie war nicht überall gelungen. Aber in allen Ländern stellte sie eine Möglichkeit für die Zukunft dar, die die Möglichkeit des Abendlandes selbst war, die Verkündigung an die Arbeiter von einem frohen und starken Leben. Sie täuschten sich, haben wir gesagt, sie wurden getäuscht. Was wissen wir davon? Gewiss ist, dass sie heute im verödeten Abendland nirgendwo anders den revolutionären Inhalt finden, den die neuen nationalen Gedanken ihnen brachten. Dieser Kampf war für sie die Grösse, die Brüderlichkeit, das vergossene Blut, die Gerechtigkeit: ja, die Gerechtigkeit war in ihren Herzen, was unsere Gerichte darüber auch sagen mögen. Das dürfen wir nicht vergessen, wir, die wir zu ihnen sprechen. Diese Worte, die uns erbittern, diese riesenhaften Blöcke von Wille und Hoffnung, die wir wie ein Stück Kontinent in die Luft gesprengt haben, waren gestern noch für Millionen Menschen der ununterdrückbare Aufruf zum Adel, zum Opfer. Sie stellten diese endlich gefundene Gerechtigkeit dar, für die zu sterben sich lohnt. Wir haben für die Herzen eine Wüste geschaffen. Unserer Politik in Europa ist es gelungen, aus der revolutionären Begeisterung eine sowjetische Ausschliesslichkeit zu machen. Nach zehn Jahren unserer Tränke wird die ganze Jugend der Welt unter der roten Fahne eingereiht sein: um gegen die Ungerechtigkeit zu protestieren, haben wir ihr nur diese gelassen. —156— Kommen wir also auf die Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit zurück. Wie viele Erfahrungen werden wir machen müssen, um zu erkennen, dass die gerechten Verträge allein die dauerhaften Verträge sind. Dass der gerechte und aufrichtige Friede der alleinige Friede ist. 1918 haben unsere Staatsmänner gelehrtenhaft die Geographie umgestürzt. Und sie waren erstaunt, daraus einen Krieg entstehen zu sehen. Heute geben sich dieselben Schulfüchse alle schlechte Mühe, um das ideologische Gleichgewicht Europas zu zerstören: werden sie verstehen, dass dieser Anschlag nicht weniger schwerwiegend ist und dass der Krieg ebenso sicher daraus entstehen wird? Es ist unerlässlich, dass es in Europa eine dynamische Zone sozialer Gerechtigkeit gibt, die die Willen bindet, die der marxistischen Einverleibung widerstehen. Einzelne Männer haben heute verstanden, was für einen unermesslichen Fehler sie mit der Zerstörung der deutschen Armee und Industrie begangen hatten: sie sagen sich, dass die Halbinsel Europa eines Bollwerkes bedarf. Aber sie bedarf auch einer Seele. Das Abendland muss dem Zornschrei, den die Menschen unserer Zeit gegen die gesellschaftliche Ungerechtigkeit, gegen die Fäulnis, gegen die Lüge ausstossen, einen Widerhall geben. Dieser revolutionäre Wille, diese Freude an der auf dem Marsch befindlichen Revolution müssen von neuem in uns sein. Die gesellschaftliche Gerechtigkeit ist für das Abendland nicht weniger notwendig als Eisen und Stahl. Wenn wir den Arbeitern unserer Aecker und unserer Städte nichts anderes zu bieten haben als die gewöhnlichen demokratischen Lügen, wird kein Vernunftschluss der Welt sie hindern, mit Hoffnung nach dem Land zu blicken, das ihnen von der Befreiung und der Macht des Proletariats redet. Wir haben nicht das Recht, zu vergessen. Und es wäre verrückt zu vergessen, dass der Traum eines von der Nation stolz bejahten Sozialismus der Traum von Millionen von Menschen in Europa war. Die Wahrheiten sind wie die Vaterländer: man zermalmt sie nicht mit einem Stiefeltritt. Ob wir es wollen oder nicht, dieser Gedanke, der die grosse Hoffnung von gestern war, diese ganz nahe Kampfgemeinschaft ist heute die natürliche —157— Grundlage einer abendländischen Gemeinschaft. Zur Rettung des neuen Europa, zu unserer Rettung müssen sich daher unsere Willen gegen dieses ideologische Diktat von Nürnberg einigen, das für den Weltfrieden nicht weniger tödlich ist als das politische Diktat von Versailles. Wir müssen den Vaterländern ihre Krone und ihr Schwert wiedergeben. Wir müssen die einfachen und natürlichen Grundsätze der politischen Vernunft wiederherstellen und verkünden. Wir müssen den Fährleuten der Wolken in Erinnerung rufen, dass die Selbständigkeit der Gemeinwesen, und dass alles was damit unzertrennlich ist, das Versammlungsrecht und das Verbannungsrecht, das Vorrecht der Mannszucht im Staat, die unbeschränkte Pflicht des Gehorsams bei denen, die im Dienste des Herrschers stehen, die Balken sind, die tragen und die immer die Völker getragen haben. Wir müssen die feierliche Anerkennung dieser ersten Wahrheit verlangen, die die erste Steinschicht jeder Gewalt ist, dass wer dem Herrscher und den Erlassen des Herrschers gehorcht, nicht verfolgt werden darf, da es ohne das keinen Staat, keine Regierung gibt. Wir dürfen nicht Angst haben vor den starken Staaten. Und wir haben nicht das Recht, zu verlangen, dass der Bau dieser Staaten demokratisch sei in dem Sinne, wie man es in London oder in Washington versteht, wenn diese Staaten es vorziehen, unter anderen Gesetzen zu leben. Wenn die Einheit des Abendlandes nicht anders errichtet werden kann als um einen Block sozialistisch-autoritärer Staaten herum: ist diese Lösung nicht besser als der Krieg oder die Besetzung? Denn darum handelt es sich endgültig. Im gegenwärtigen Europa sind solche Staaten die einzige Gewähr des Friedens. Sicherlich hängen in diesem Augenblick Friede und Krieg nicht von den europäischen Staaten ab: aber sie können der Anlass zum Krieg werden. Und was man von ihnen verlangen kann, ist, diesen Anlass nicht zu geben. Nun ist aber nur einem Westblock gegenüber die kommunistische Aufwiegelung unmöglich, wie es die demokratische Aufwiegelung in der USSR ist, und wäre der Kommunismus unmöglich, weil der Nationalsozialismus verwirklicht —158— sein würde. Nur vor einem solchen Block kann der Krieg zum Stillstand kommen. Wir bedürfen eines eisernen Vorhanges um das Abendland. Denn die Kriegsgefahr liegt nicht im Vorhandensein von mächtigen und verschiedenpoligen Staaten, wie den Vereinigten Staaten und Russland. Sie besteht im Gegenteil im Vorhandensein von schwachen Zonen, die dem Wettstreit dieser beiden Grossmächte offen stehen. Oder, mit anderen Worten, die Kriegsgefahr wächst mit den Möglichkeiten zur Einmischung. Der Krieg wird von den Vertretern des Auslandes, die unter uns arbeiten, hervorgerufen. Wenn umgekehrt ein Westblock sich bilden könnte, der aus sich selbst lebt und dem amerikanischen Einfluss ebenso streng verschlossen ist, wie dem kommunistischen, dann würde dieser neutrale Block, diese undurchdringliche Festung eine Kraft des Friedens und vielleicht der Verbindung sein. Wenn Westeuropa eine abschüssige Insel werden könnte, die unter ihren eigenen Gesetzen leben würde und wo weder der demokratische Geist amerikanischer Einfuhr noch der Kommunismus sowjetischer Einfuhr landen könnten. Wenn diese Insel den Ruf hätte, unersteiglich und tödlich zu sein. Wenn sie stark würde: wer hätte ein Interesse, sie anzugreifen? Schliesslich hat Westeuropa kein grundlegendes strategisches Interesse (andere Zonen haben viel mehr ein solches). Es ist vor allem von politischem Interesse für die Kriegführenden. Es ist für den Augenblick ein Niemandsland, das dem Schlaueren oder dem Schnelleren gehören wird. Wenn wir diesen Wettstreit zum Verschwinden bringen. Wenn wir dazu gelangen, uns dieser oft interessierten Begriffe zu entledigen, die die Bomben anziehen wie der Magnet das Eisen: sind das für uns und für die ganze Welt nicht die besten Bedingungen für den Frieden? Wenn Amerika morgen Krieg machen will, bedeuten diese Ueberlegungen nichts: aber dann hat sich Amerika eigentümliche Kriegsbedingungen geschaffen. Wenn es uns aber erlaubt ist, mit der Zeit zu rechnen, in was sind diese Aussichten ungereimter als andere? Diese Insellage des Abendlandes beruht gesamthaft auf einer grundlegenden — 159— Voraussetzung. Die Amerikaner müssten einsichtig genug sein, um zu verstehen, dass es in ihrem Interesse ist, Westeuropa zu bewaffnen, ohne von ihm im Austausch irgendeine demokratische Untertänigkeit zu verlangen. Es ist viel, ihnen zu sagen: gebt uns Flugzeuge und Tanks, doch regt Euch nicht auf, wenn wir die Vertreter Amerikas ebensogut wie die Vertreter Moskaus vor die Türe stellen. Werden sie verstehen, dass sie aus dem gleichen Grund wie die Russen ein Interesse haben an der Bildung eines Westeuropa, das zugleich antidemokratisch und antibolschewistisch, stark und eifersüchtig auf seine Unabhängigkeit ist? Werden sie verstehen, dass es ein grosses Sinnbild von Klugheit und der Beginn einer grossen Friedenshoffnung wäre, wenn man gleicherweise diejenigen ausschliessen würde, die, nachdem sie die Agenten Englands gewesen sind, heute die amerikanischen Unterstützungen erbetteln, und diejenigen, die ihre Befehle und ihre Unterstützungen von der Kominform erhalten? Wenn die Amerikaner das Uebel auslöschen wollen, das sie geschaffen haben, dann mögen sie es in den Seelen auslöschen, wie sie es heute in den Städten wiedergutzumachen suchen. Wenn sie wollen, dass das Abendland stark sei, dann muss es das Abendland sein und nicht die Verlängerung Amerikas. Nur unter dieser Bedingung wird es eine politische Wirklichkeit werden. Denn das amerikanische Vorwerk in Europa kann nur ein schlecht verteidigter und im Kriegsfall rasch geräumter Boden sein. Aber das Reich des Abendlandes kann bestehen und sich verteidigen oder wenigstens seine Neutralität durchsetzen. Man beginnt diese Dinge zu verstehen. Aber man versteht sie schlecht. Frau Roosevelt wendet sich mit Beredsamkeit an die deutschen Frauen, um sie wissen zu lassen, dass sie ihren Mut bewundert. Das sind gute Mitleidsbezeugungen, wenn man an die von ihrem verstorbenen Gemahl befohlenen Bombardierungen denkt. Diese späte Ehrerweisung unterrichtet uns indessen genügend über den Irrtum der amerikanischen Politik: «Ich schlage tot, dann bewaffne ich. Ich verurteile, dann richte ich auf». Blonde Deutsche, liebt Ihr —160— nicht heiss die Bank Lazard? Beisst in die Erde mit Euren blutenden Mündern, indem Ihr die beiden Namen von Oppenheim und Kohn aussprecht. Aber glaubt Ihr, dass die Freiwilligen zahlreich sein werden, um hinter General de Gaulle eine neue antibolschewistische Legion, oder hinter Marschall Montgomery die letzte SS-Brigade zu bilden? Die Russen sind weniger einfältig. Sie haben sich ihrer gefährlichen Konkurrenten entledigt. Sie drängen uns durch die Vermittlung der kommunistischen Parteien eine unerbittliche Verdammung der verfluchten Lehren auf. Gleichzeitig rufen sie die deutschen Generäle zu sich, um sich von ihnen eine nationale Armee aufbauen zu lassen. Und sie stellen Herrn Wilhelm Pieck auf eine Rednertribüne und lassen ihn dem deutschen Volk die Entstehung einer «zugleich nationalen und sozialistischen» neuen Partei verkünden. Nicht ich habe die Worte in diese Ordnung gestellt: die kommunistische Propaganda hat diese Fassung gefunden. An uns ist es zu wissen ob wir den Kommunismus mit seinen eigenen Waffen schlagen werden oder ob wir immer einen Krieg und eine Idee im Rückstand sein werden. Ich habe keine Meinung über den dritten Weltkrieg: er hängt übrigens nicht von uns ab. Aber ich glaube an einen kalten Krieg um die Ueberwachung des Abendlandes. Der Sieger dieser Schlacht wird wie früher derjenige sein, den die Franken aus Germanien auf ihre Schilder erheben. Was uns anbetrifft, ist auch unsere Vorstellungskraft immer glänzend. Unsere Wochenschriften stellen Untersuchungen an, um uns zu fragen, was wir tun werden, wenn wir von den Russen besetzt werden. Wir sind schöne Optimisten. Wir haben noch nicht gesehen, dass wir im Gang der Dinge ebenso ernsthafte Aussichten haben, von Truppen besetzt zu werden, die wir schon kennen. Blicken wir der Zukunft, die unser wartet, ins Auge. Wir können alles retten, wenn wir das Abendland schaffen. Wir sind nichts mehr, wenn sich gegen uns eine kommunistische Führung des Abendlandes bildet. Unser Geschick spielt sich zur Zeit in Deutschland ab. Wir müssen wählen, die SS mit uns oder bei uns zu haben!
Für diese elektronische Auflage wurden die folgenden Korrekturen vorgenommen : (Seite, Zeile) 4, 18 : hasserfülten — hasserfüllten 5, 10 : Superieur — Supérieure 80, 7 : Urkraine — Ukraine 122, 18 : Ukraier — Ukrainer 127, 14 : Geisseln — Geiseln 142, 14 : Displeaced — Displaced 146, 29 : ihre Tisches — ihres 148, 6 : abhälst — abhältst
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